Carola Willbrand ist eine figürlich arbeitende Künstlerin. Als Bildhauerin befaßt sie sich gestalterisch mit Körpern, genauer: mit Hohlkörpern, die einen scheinbaren Leerraum umschließen. Wenngleich phantastisch anmutend, so stellen Willbrands Objekte in ihrer Materialität aus gebrauchten Kleidungsstücken und deren Stofflichkeit, formal verwandelt durch Knochenleim und Farbpigmente, einen surrealen Bezug zur Realität her.
Eine Metamorphose des Materials vollzieht sich durch die pigmentgeladene Leimbehandlung: Aus weichen Stoffen werden starre Formen und harte Panzer. Mit Fäden hat die Künstlerin die noch weichen Stoffe vernäht, umschlungen und eingeschnürt. Teilweise stehen die verhärteten Schnüre ab, wie Haare, Borsten oder Fühler. Den latenten autobiographischen Bezug verstärkt Carola Willbrand durch in und auf die Objekte genähte Photofragmente von sich selbst.
Diese Fragmente stellen zugleich einen ironischen Bezug zu den torsoartigen Aspekten ihrer Skulpturen her, die an Köpfe und Rümpfe von animalisch-vegetabiler Art erinnern. Deutlich sind auch die Titelnennungen der Künstlerin von subjektiven Identifikationen bestimmt. So etwa, wenn sie ein Wandobjekt aus dickdarmähnlichen Windungen
und eingenähten Photos ihres Ohres zum Ohrbehälter erklärt. Dessen orange-braun-schwarzfleckige
Färbung erweckt den Eindruck eines organischen Körpers, eines phantastischen Aliens mit Tarn- oder Warnfärbung.
Auch der gelbe Korb enthält aufgenähte Fragmentphotos. Hier ist das Pigment in Schichten aufgebaut, je nach gestalterischer Anforderung einmal von hell zu dunkel oder dunkel zu hell. Andere Körperobjekte hängen an der Wand wie surreale Jagdtrophäen. Rot wie ein zorniger Krake ragt mit stumpfer, lavaartig-poröser Oberfläche ein Objekt in den Raum, das innen dunkel und feucht schimmernd erscheint: eine organisch wirkende Symbiose aus Malerei und Skulptur, genannt Selbst im Trichter.
Vitrinen und Regale gehören seit langem zu den Behältnissen, in und auf denen Carola Willbrand ihre Kunstwerke präsentiert. Damit nimmt sie Bezug auf unsere Welt der alltäglichen Ordnung und Aufbewahrung und aktiviert die Aufmerksamkeit für ihre Objekte. Die Schrägstellung des einen bestückten Metallregals fordert genau in diesem Sinne die Aufmerksamkeit des Betrachters. Sie provoziert unsere alltägliche und träge Wahrnehmungsweise, die ungewöhnlichen Objekte in einer außergewöhnlichen Dimension zu betrachten.
In die Etagen des Regals hat die Künstlerin Körperobjekte gesetzt, die dort lagern oder sich mit ihren Tentakeln und Fühlern zu bewegen scheinen.
Ein Ensemble von fünf Hohlkörpern hat sich im Außenraum per Gewindehaken in ein
Metallregal eingehängt. Es sind Skulpturen aus der Reihe Köpfe, hergestellt aus Teppichböden, Kunststoffen und Pigmenten, geformt und erhärtet durch Kunstharz. Die ehedem weiche Textur erstarrt dabei zu knorpeligen und blasigen Strukturen. Mit dem elektrischen Bohrer durchlöcherte die Künstlerin die erstarrten Hohlkörper und läßt so Raum und Licht in ihr schlundartiges Inneres eintreten. Die Faltenwürfe, Materialdrehungen und Runzeln lassen in ihrer groben Porenstruktur an Dickhäuter oder in ihrer glatten Härte an die glänzenden Panzer maritimer Schalentiere denken. |