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 MPIfG - Aus der Forschung - Themen

 

 

Ökonomisierung und moralischer Wandel


Dominic Akyel
 

 
Wir leben in einer Welt, in der alles zur Ware werden kann, sogar natürliche Ressourcen wie Trinkwasser, soziale Leistungen oder künstlerische Ideen. Ursächlich für diese Entwicklung waren allerdings nicht nur politische und ökonomische Veränderungen, sondern auch der Wandel sozialer Wertvorstellungen. Was jedoch macht die moralische Dimension der Ökonomisierung aus?
 
Der englische Begriff Whale Watching bezeichnet einen neuen Tourismuszweig, der sich immer größerer Beliebtheit erfreut: die Beobachtung von Walen und von Delfinen in ihrem natürlichen Lebensraum. Dass Walbeobachtung eine kommerziell lohnende Branche werden konnte, also ökonomisiert werden konnte, liegt in einem moralischen Wandel begründet, der das Verhältnis der Menschen zum Wal verändert hat. Während Wale noch zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts als ökonomische Ressource wahrgenommen wurden, entwickelten sich Walerzeugnisse im Verlauf des Jahrhunderts durch moralische Veränderungen von legalen und legitimen zu moralisch umstrittenen Gütern, die einer hohen Marktregulierung unterworfen wurden. Die kommerzielle Walbeobachtung bildete sich als Folge einer Ausweitung sozialer Verbote heraus, die mit einer Tabuisierung bestimmter Produkte, in diesem Fall von Walerzeugnissen aus nicht akzeptierten Fängen, einherging. Die tatsächliche Entstehung und konkrete Ausgestaltung des Marktes hing zwar ebenso von den Aktivitäten lokaler Unternehmer ab, der Wandel kultureller Vorstellungen war jedoch eine wichtige Voraussetzung.
 

 

Der Handel mit moralisch problematischen Produkten


 
Die Frage nach moralischen Werten stellt sich in modernen kapitalistischen Ökonomien deshalb, weil das wirtschaftliche Handeln ebenso von sozialen und kulturellen Wertvorstellungen gesteuert und strukturiert wird wie von verbindlichen Rechtsnormen. Aus diesem Grund gehen ökonomische Veränderungen häufig mit einer moralischen Neubewertung von Waren und Gütern einher. Moralischer Wandel ist deshalb eine wichtige Triebkraft für die Entstehung von Ökonomisierungsprozessen.
 

« Moralischer Wandel ist eine Triebkraft der Ökonomisierung. »


 
In besonderem Ausmaß zeigt sich der große Einfluss sozialer Wertvorstellungen, wenn moralisch problematische Produkte und Dienstleistungen auf Märkten gehandelt werden. Beim Geschäft mit Gütern, die als schützenswert, anrüchig oder gefährlich eingestuft werden, geraten ökonomische Anforderungen und moralische Vorstellungen regelmäßig in Konflikt. Bei der Spekulation mit Lebensmitteln, dem Angebot erotischer Dienstleistungen oder der Waffenproduktion müssen Unternehmer deshalb besondere Strategien anwenden, um ihr Handeln zu legitimieren und ihre ökonomischen Ziele zu verfolgen. Daher unterliegt der Handel mit derartigen Produkten neben rechtlichen häufig auch speziellen moralischen Einschränkungen. Was jedoch war dafür verantwortlich, dass sich das Marktprinzip während der letzten Jahrzehnte auch in vielen außerökonomischen Bereichen etablieren konnte?
 

 

Moralische Ansprüche wurden in den Hintergrund gedrängt


 
Viele industrialisierte Länder haben seit den 1970er-Jahren Wirtschaftlichkeit und Rentabilität in den Mittelpunkt gestellt und eine Ausweitung von Marktbeziehungen vorangetrieben. Dieser zumeist als „Ökonomisierung“ bezeichnete Prozess zeigt sich mittlerweile in fast allen Wirtschafts- und Gesellschaftsbereichen. Ursächlich dafür war neben politischen und ökonomischen Veränderungen auch der Wandel sozialer Wertvorstellungen. Zur Ausweitung von Marktbeziehungen trug außerdem die zunehmende Individualisierung bei. Dadurch, dass sich die Menschen immer mehr von gesellschaftlichen Erwartungen emanzipiert haben, sind neue Bedürfnisse und Handlungsziele in den Vordergrund gerückt.
 
Der zeitgenössische Ökonomisierungstrend zeigt sich dabei in vielen Varianten. Auf der einen Seite haben sich in den letzten Jahrzehnten verstärkt neue Märkte in vormals nicht ökonomisierten Bereichen etabliert, während staatliche Unternehmen privatisiert und Gesetzesordnungen liberalisiert wurden. Auf der anderen Seite sind Unternehmer und Kunden heutzutage viel stärker als in der Vergangenheit auf Gewinn- und Konsummaximierung ausgerichtet. Damit haben klassische Handlungsprinzipien der Wirtschaft an Geltungskraft gewonnen, während moralische und soziale Ansprüche zugunsten von Kosten-Nutzen-Kalkulationen in den Hintergrund gedrängt wurden.
 

« Seit den 1970er-Jahren stellen viele industrialisierte Länder Rentabilität und Effizienz in den Mittelpunkt. »


 
Um fortschreitende Ökonomisierung jedoch überhaupt als solche identifizieren zu können, muss man wissen, was die kapitalistische Wirtschaftsordnung in ihrem Wesen ausmacht. Als genuin kapitalistisch gelten solche Ökonomien, in denen privates Unternehmertum, Privateigentum und freie Märkte den Austausch sowie die Güterproduktion bestimmen. Im Gegensatz zu frühen Formen kapitalorientierten Wirtschaftens werden in modernen kapitalistischen Ökonomien sowohl der Handel als auch die Produktion durch private Unternehmer finanziert. Der Besitz der Produktionsmittel konzentriert sich dabei in den Händen einer Minderheit, während der Großteil der Bevölkerung seinen Lebensunterhalt durch Lohnarbeit erwirtschaftet. Der Großteil der wirtschaftlichen Aktivität beruht demnach auf der Investition von Kapital.
 

 

Liberalismus und Neoliberalismus in einer globalisierten Wirtschaft


 
Großen Einfluss auf die historische Entwicklung des Kapitalismus hatte der Liberalismus, der im achtzehnten Jahrhundert entstand. Die Anhänger dieser Denkschule glaubten daran, dass gesellschaftlicher Reichtum am besten durch die Kultivierung des individuellen Gewinnstrebens auf freien Märkten zu verwirklichen sei. Sie forderten unbeschränkten Wettbewerb, freien Handel und eine Minimierung staatlichen Eingreifens in das Wirtschaftsgeschehen. Auch wenn die Ideen des Liberalismus nicht überall gleichermaßen umgesetzt wurden, hatte dieser eine große Wirkung. Vom neunzehnten bis zum frühen zwanzigsten Jahrhundert war das Postulat der Selbstregulierung der Ökonomie eines der wichtigsten Leitbilder der Wirtschaftspolitik.
 
Aus dem Blickwinkel der Zeitgeschichte hat der Ökonomisierungstrend von heute seinen Ursprung im Aufschwung des neoliberalen Denkens in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts. Die Bezeichnung „Neoliberalismus“ bezieht sich dabei auf eine Strömung des Liberalismus, deren Anhänger sich für den freien Austausch von Waren auf Märkten sowie eine radikale Begrenzung staatlicher Eingriffe einsetzen. Ihnen zufolge sollte der Staat seinen Einfluss lediglich zur Sicherung von Recht und Freiheit nutzen, nicht jedoch für die Schaffung eines sozialen Ausgleichs.
 
Die weltweite politische Umsetzung neoliberaler Ideen war zum einen der intensiven Propagierung dieses Leitbildes durch proliberale Expertennetzwerke geschuldet. Zum anderen wurde sie durch die zunehmende globale Vernetzung von Politik und Wirtschaft gefördert. Anreize für die Umsetzung neoliberaler Managementkonzepte ergaben sich aber auch infolge verschiedener wirtschaftlicher und politischer Veränderungen. So sorgten intensiver globaler Wettbewerb, Rationalisierungsmaßnahmen, wirtschaftliche Konzentrationsprozesse sowie technische Fortschritte für eine höhere Dynamik auf vielen Märkten – der Markteintritt branchenfremder Investoren sowie gestiegene Gewinnansprüche trugen ebenso dazu bei.
 

 

Die moralische Dimension der Ökonomisierung


 
Den Aufwind für neoliberale Managementkonzepte und damit für den Trend zur zeitgenössischen Ökonomisierung verursachten also verschiedene soziale, politische und ökonomische Wandlungsprozesse. Doch gab es auch ideologisch gelenkte Veränderungen: Denn Ökonomisierung hat auch eine moralische Dimension. Wer neoliberale Steuerungsmodelle umsetzt, muss sich immer auch der Frage stellen, in welchen Bereichen man einen weitgehend regelfreien Markt zulassen kann und möchte, und ob überhaupt eine grundsätzliche Markteignung des jeweiligen Gutes besteht.
 

« Ökonomisierung setzt häufig eine Neubewertung eines Handelsgutes und damit den Wandel seiner moralischen Dimension voraus. »


 
Es gibt eine ganze Reihe ambivalenter Güter, beispielsweise sexuelle Dienstleistungen oder Produkte im Bestattungswesen, bei denen Unsicherheit darüber herrscht, ob diese auf freien Märkten gehandelt werden sollten. In diesen Bereichen stehen sich zumeist widerstreitende Auffassungen über die Markteignung des betreffenden Gutes und den Umfang der Regulierung unversöhnlich gegenüber. So setzt Ökonomisierung häufig eine Neudefinition und Neubewertung eines Handelsgutes und damit den Wandel seiner moralischen Dimension voraus.
 

 

Von moralischen zu wirtschaftlichen Veränderungen


 
Ein Beispiel für wirtschaftlichen Wandel infolge einer Veränderung der kulturellen Bedeutung von Gütern ist der Markt für nachhaltige Produkte wie Fair-Trade-Bekleidung, Bio-Lebensmittel oder Ökostrom. Anders als bei herkömmlichen Waren sind bei der Herstellung und beim Kauf dieser Güter moralische Kriterien maßgebend. In den letzten Jahren hat sich das Image dieser Waren allerdings stark verändert. In der Vergangenheit repräsentierten diese Güter die Partikularinteressen der Umwelt-und Naturkostbewegung. Mittlerweile wird der Anspruch auf Nachhaltigkeit und Natürlichkeit von vielen Bevölkerungsschichten geteilt. Dementsprechend orientiert sich das Markthandeln von Produzenten und Konsumenten heutzutage in weit stärkerem Maße an ökologischen, sozialen und politischen Bewertungsmaßstäben als noch vor zwei Jahrzehnten.
 
Der derzeitige Trend zur Ökonomisierung ist somit keineswegs das Ergebnis einer natürlichen Entwicklungstendenz, sondern beruht auch auf veränderten gesellschaftlichen Wert- und Zielvorstellungen. Denn die notwendigen Entscheidungs- und Gestaltungsspielräume für ökonomischen Wandel entstanden oftmals erst durch soziale Veränderungen, zum Beispiel durch die Herauslösung der Menschen aus bestehenden sozialen und kulturellen Pflichten.
 

« Individualisierungsprozesse schwächen das Spannungsverhältnis zwischen ökonomischen Anforderungen und moralischen Vorstellungen ab. »


 
Individualisierungsprozesse tragen zur Ökonomisierung bei, indem sie das Spannungsverhältnis zwischen ökonomischen Anforderungen und moralischen Vorstellungen abschwächen. Häufig kommt es dabei allerdings zu moralischen Konflikten. In ambivalenten Wirtschaftsbereichen bilden sich oft Protestbewegungen heraus, die sich mal grundsätzlich, mal mit Blick auf einzelne Aspekte gegen eine Ausweitung von Marktbeziehungen einsetzen. Jüngstes Beispiel für diese Tendenz ist der weltweite Protest der Occupy-Bewegung gegen Spekulationsgeschäfte auf den Finanzmärkten und das Eindringen ökonomischer Prinzipien in die Politik.
 

 

Keine Abkehr vom Primat neoliberaler Wirtschaftspolitik in Sicht


 
Trotz dieser Gegenbewegungen scheint eine politische Abkehr vom Primat neoliberaler Wirtschaftspolitik nicht in Sicht zu sein. Das liegt einerseits daran, dass der politische Wille fehlt, Forderungen nach sozialer Sicherheit und Gerechtigkeit einen größeren Stellenwert einzuräumen. Andererseits sind die negativen Folgen der Ökonomisierung nicht immer sofort als solche zu erkennen.
 
Dass die Verabsolutierung wirtschaftlicher Prinzipien unerwünschte Konsequenzen hat, ist dabei unbestritten. Ökonomisierung führt nicht nur zu einem Mehr an sozialer Ungleichheit, was sich beispielsweise in zunehmenden Einkommensunterschieden bemerkbar macht. Sie sorgt auch dafür, dass soziale Werte wie Fairness, Verantwortlichkeit und Nachhaltigkeit aus dem Wirtschaftsleben ausgesperrt werden.
 
Die Debatte um die Ökonomisierung berührt somit elementare Fragen nach den Grundprinzipien unseres sozialen Zusammenlebens. Um sicherzustellen, dass Politik, Wissenschaft und Kultur auch in Zukunft ihre eigentlichen Funktionen erfüllen können, scheint es sinnvoll, den Geltungsbereich der Marktkräfte zu begrenzen. Sonst könnte an die Stelle einer solidarischen Gesellschaft irgendwann ein allumfassender Markt treten, auf dem sich die Menschen nur noch als Vertragspartner in einem Tausch von Gütern und Leistungen begegnen.
 

 
Dominic Akyel ist seit Ende 2014 Geschäftsführender Direktor des Exzellenzzentrums für Soziales und Ökonomisches Verhalten (C-SEB) an der Universität zu Köln. Zuvor war er von 2011 bis 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter sowie Forschungskoordinator am MPIfG. Zwischen 2012 und 2014 arbeitete er zudem als freiberuflicher Wirtschaftsreferent und Strategieberater für verschiedene Unternehmen und Berufsverbände.
Forschungsinteressen: Wirtschaftssoziologie; Politische Ökonomie; Kultursoziologie; Religionssoziologie.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Dominic Akyel: Ökonomisierung und moralischer Wandel: Die Ausweitung von Marktbeziehungen als Prozess der moralischen Bewertung von Gütern. MPIfG Discussion Paper 14/13. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2014.
  • Dominic Akyel und Jens Beckert: Pietät und Profit: Kultureller Wandel und Marktentstehung am Beispiel des Bestattungsmarktes. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie 66(3), 425–444 (2014).
  • Dominic Akyel: Die Ökonomisierung der Pietät: Der Wandel des Bestattungsmarkts in Deutschland. Schriften aus dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Bd. 76. Frankfurt a.M.: Campus, 2013.
  • Dominic Akyel: Qualification under Moral Constraints: The Funeral Purchase as a Problem of Valuation. In: Beckert, Jens und Musselin, Christine (Hg.): Constructing Quality: The Classification of Goods in Markets. Oxford: Oxford University Press, 2013, 223–244.

 
Auszug aus dem Essay Ökonomisierung und moralischer Wandel von Dominic Akyel im Rahmen der Themenwoche „Ware Welt“ des Deutschlandfunks (7. Dezember 2014).

 
Quelle
Dominic Akyel: Ökonomisierung und moralischer Wandel. In: MPIfG Jahrbuch 2015-2016. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2015, 97-102.

 
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