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 MPIfG - Aus der Forschung - Themen

 

 

Illegale Märkte: Ein neues Forschungsfeld der Wirtschaftssoziologie


Jens Beckert
 

 
Marktakteure halten sich an Recht und Gesetz – oftmals setzt dies die neuere marktsoziologische Forschung stillschweigend voraus. Ob Geschäfte dabei mit Lebensmitteln oder Wein gemacht werden, mit Diamanten oder Kunst, mit Markenkleidung oder Finanzdienstleistungen ist zunächst einmal nebensächlich. Doch diese Annahme ist ein Trugschluss: Nicht nur der Handel mit Kinderpornografie, Drogen oder Organen ist kriminell, auf vielen legalen Märkten gibt es darüber hinaus auch illegale Handlungen, zum Beispiel das Feilbieten gefälschter Kunst oder imitierter Markenartikel. Eine Forschergruppe am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung untersucht illegale Handlungen auf Märkten.
 

 
Forschungsprojekt Matías Dewey:
Die große Chance: Hoffnung auf einem illegalen Markt

 
Dissertationsprojekt Nina Engwicht:
Illegale Märkte in Postkonfliktgesellschaften: Der sierra-leonische Diamantenmarkt

 
Dissertationsprojekt Annette Hübschle:
Der illegale Markt für Rhinozeroshorn

 

 
Kaum jemand kann mit Bestimmtheit sagen, welches Ausmaß illegale Märkte tatsächlich haben. Schließlich legt keiner der Beteiligten über seine Aktivitäten Rechenschaft ab. Veröffentlichte Umsatzzahlen sucht man folglich vergebens.
 
Das Büro der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) schätzt den Umsatz auf illegalen Märkten für das Jahr 2003 auf eine Billion Dollar. Das entspricht in etwa 30 Prozent des deutschen Bruttoinlandsproduktes, das im Jahr 2012 bei 3,4 Billionen Dollar lag. Dabei nimmt der Drogenmarkt mit veranschlagten 322 Milliarden Dollar den größten Anteil ein, gefolgt von Märkten für Produktimitate, für die ein Umsatz von 250 Milliarden Dollar errechnet wird. Doch nicht nur der Handel mit Rauschgift oder Warenfälschungen schafft bedeutende illegale Märkte. Für den Kunstmarkt wird kalkuliert, dass kopierte oder gestohlene Werke im Wert von zwei bis sechs Milliarden Dollar jährlich umgeschlagen werden. Auf dem weltweiten Medikamentenmarkt sollen zehn Prozent des erwerbbaren Angebots keine echten Präparate sein.
 

« Für das Jahr 2003 gehen Experten von einem Jahresumsatz von einer Billion Dollar auf illegalen Märkten aus. »


 
Der Verkauf illegaler Produkte kann erheblichen Schaden verursachen – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch gesellschaftlich. Arzneiplagiate etwa enthalten weniger bis keine Wirkstoffe oder sogar giftige Substanzen, eine Gefahr für jeden Patienten. Kunsthändler und -käufer erleiden wirtschaftliche Verluste, sobald ein Gemälde oder eine Skulptur als Nachahmung identifiziert wird. 2011 hat in Deutschland der Fall des Kunstfälschers Beltracchi die Aufmerksamkeit auf diesen Aspekt des Kunstmarktes gelegt. Illegale Märkte sind eine Herausforderung für die Strafverfolgungsbehörden. Illegalität provoziert aber auch die politische und moralische Ordnung der Gesellschaft.
 

 

Wie funktionieren illegale Märkte?


 
Für die Wirtschaftssoziologie sind illegale Märkte nicht nur aufgrund ihrer ökonomischen und sozialen Bedeutung ein wichtiger Forschungsgegenstand. Untersucht man sie genauer, lassen sich interessante Einsichten auch in die Funktionsweise legaler Märkte und in die Verbindung von legaler und illegaler Ökonomie gewinnen. Systematisch betrachtet unterscheiden sich legale und illegale Märkte im Wesentlichen darin, dass die Marktakteure auf illegalen Märkten keinerlei Schutz durch den Staat erhalten, sobald ihre Eigentumsrechte verletzt werden. Ganz im Gegenteil: Der Staat versucht zumeist mit Mitteln der Strafverfolgung, solche Marktaktivitäten zu unterbinden und die Akteure zu bestrafen.
 

« Einschränkungen in Organisation und Handlungsmöglichkeiten bei illegalen Märkten zeigen, wie wichtig eine stabile staatliche Rechtsordnung für die Entwicklung einer leistungsfähigen Wirtschaft ist. »


 
Dies hat erhebliche Folgen für die Organisation illegaler und informeller Märkte: Sehr kleine Einheiten von Produzenten und Händlern, die auf engen Netzwerken beruhen, sind hier typisch. Da der staatliche Schutz in dieser Grauzone nicht greift, muss die Vertragstreue zu Handelspartnern mit anderen Mitteln gesichert werden: über persönliches Vertrauen oder über eine latente, aber glaubwürdige Gewaltandrohung. Darüber hinaus steht den Händlern gesetzeswidriger Güter vor allem bei der Vermarktung ihrer Produkte eine Vielzahl gewöhnlicher Geschäftspraktiken nicht zur Verfügung. Fälschungen, Organe und verbotene Drogen lassen sich selbstverständlich nicht mithilfe von Anzeigenkampagnen oder Werbespots in der Öffentlichkeit bewerben. Dies führt zu intransparenten Märkten mit schlecht informierten Konsumenten und eingeschränkten Absatzmöglichkeiten. Insbesondere für die Marktsoziologie sind solche Gegebenheiten von Interesse. Denn Einschränkungen in Organisation und Handlungsmöglichkeiten bei illegalen Märkten zeigen im Umkehrschluss, wie wichtig eine stabile staatliche Rechtsordnung für die Entwicklung einer leistungsfähigen Wirtschaft ist.
 

 

Was ist legal, was ist illegal?


 
Zwischen legalen und illegalen Märkten lässt sich häufig alles andere als eindeutig unterscheiden. Bei Märkten für Drogen oder Kinderpornografie ist die Situation noch verhältnismäßig einfach: Hier sind Herstellung, Vertrieb und Konsum kriminell. Doch schon bei der Verteilung von menschlichen Organen für medizinische Transplantationen gestaltet sich eine Bewertung komplizierter, da Organtransplantationen zulässige medizinische Praxis sind. Verboten ist also nicht das Produkt als solches und auch nicht dessen Einpflanzung in den menschlichen Organismus, dafür aber der auf Gewinn zielende Handel mit ihm; also die marktförmige Organisation der medizinischen Praxis.
 
Noch diffuser wird die Einordnung für gefälschte oder gestohlene Güter – für Medikamente und Kunst gibt es schließlich legale Märkte. Rechtswidrig ist jedoch der Verkauf von Arzneiimitaten oder von Hehlerware. Doch diese Eigenschaften sieht man in der Regel den Produkten gerade nicht an. Der Verkäufer versucht zumindest, dies zu verschleiern. Im Fall Beltracchi hat der Betrüger den größten Aufwand darauf verwendet, die Bilder so original wie möglich aussehen zu lassen und sogar eine Provenienz vorgetäuscht. Dieses Beispiel zeigt bereits eine deutliche Verschmelzung von legalen und illegalen Elementen des Markttauschs, die für die Forschung von großem Interesse ist.
 
Schließlich kann Illegalität auf Märkten auch nur darin bestehen, dass bei der Herstellung oder dem Vertrieb des Gutes gegen Rechtsnormen verstoßen wird. Die Beschäftigung von Bauarbeitern, die nicht der Sozialversicherung gemeldet sind, ist ein Beispiel hierfür. An der Legalität des Gebäudes ändert dies nichts. Es geht hier einzig um Kostenvorteile bei der Produkterstellung, die durch eine Rechtsverletzung erlangt werden. Gleiches gilt für die illegale Entsorgung des in einem Herstellungsprozess anfallenden Giftmülls, für die Nichtbeachtung von Sicherheitsvorschriften in einer Fabrik oder für die auf Finanzmärkten durch Insiderhandel erwirtschafteten Gewinne. Solche Rechtsverletzungen werden meist auch nur aktenkundig, wenn es zu einer Katastrophe wie dem Einsturz der Textilfabrik in Bangladesch im Jahr 2013 kommt, bei der über eintausend Menschen ihr Leben verloren. Oder aber, wenn infolge einer Finanzkrise die Praktiken der Investmentbanker und Händler genauer untersucht werden.
 

 

Soziologisch interessant: Übergänge zwischen legaler und illegaler Ökonomie


 
Erste Forschungsergebnisse zeigen, dass die pauschale Rede von illegalen Märkten zu ungenau ist. Denn häufig handelt es sich nicht um illegale Märkte, sondern um Illegalität oder Kriminalität im Kontext legaler Märkte. Diese Unterscheidung verweist bereits auf einen der interessantesten Aspekte des Themas aus soziologischer Perspektive: die Übergänge zwischen legaler und illegaler Ökonomie.
 

« Kein Markthandeln findet ausschließlich in der Illegalität statt. »


 
Kein Markthandeln findet ausschließlich in der Illegalität – verstanden als ein von der legalen Wirtschaft völlig abgetrennter Bereich – statt. Dies gilt neben dem bereits erwähnten Beispiel aus der Kunstfälscherszene auch für den in der gesamten Wertschöpfungskette verbotenen Drogenhandel: Dieser ist zwar verboten, seine Gewinne werden aber mittels Geldwäsche in die legale Ökonomie eingeschleust. Durch Überlappungen mit der legalen Ökonomie erscheint die illegale Ökonomie nicht als losgelöst, sondern als dicht mit der gesetzeskonformen Wirtschaft verwoben; dadurch ist sie für viele Marktakteure nicht als solche wahrnehmbar. Ist der in der Boutique hängende Anzug eine Fälschung? Wurden bei der Produktion des Holztisches Umweltstandards umgangen? Je weiter entfernt die kriminellen Handlungen in der Wertschöpfungskette liegen, desto weniger wahrnehmbar sind sie.
 

 

Akzeptierte Illegalität


 
In der Grauzone zwischen Legalität und Illegalität gibt es noch eine zweite für die soziologische Forschung besonders interessante Dimension. Märkte oder einzelne Markthandlungen können zwar illegal, zugleich aber von der Bevölkerung akzeptiert sein. Beispielsweise waren Schwarzmärkte nach dem Krieg verboten, doch hatten sie zugleich eine hohe Legitimität. Das gilt auch für das illegale Schürfen von Diamanten in Sierra Leone, wo der Staat auch deshalb nur sehr begrenzt gesetzliche Vorschriften durchsetzt. Anstelle von illegalen Märkten lässt sich im Kontext von Entwicklungsländern eher von informeller Ökonomie sprechen. In vielen dieser Länder stellt die informelle Wirtschaft ein wichtiges Rückgrat der lokalen Ökonomien dar. Hier stellt sich die Frage nach den Auswirkungen der moralischen Bewertung und Legitimation an sich illegaler Handlungen auf die Praktiken in Märkten.
 

 

Aktuelle Forschungsprojekte am MPIfG


 
Mit der wissenschaftlichen Analyse illegaler Märkte verfolgt das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung seit 2012 eine innovative Forschungsstrategie, um ein neues Themenfeld für die Wirtschaftssoziologie zu erschließen. Ausgangspunkt für die weitere Forschung ist ein ausführlicher Literaturbericht von Frank Wehinger über den bestehenden Forschungsstand zu illegalen Märkten, auf dessen Basis Jens Beckert und Frank Wehinger in einem theoretischen Artikel zentrale Forschungsfragen formuliert haben.
 
Zurzeit arbeiten Mitglieder der MPIfG-Forschungsgruppe „Illegale Märkte“ an vier Projekten: Matías Dewey untersucht mit La Salada in Buenos Aires den größten informellen Bekleidungsmarkt Südamerikas, auf dem illegal produzierte Imitate aller großen Bekleidungsmarken verkauft werden. Nina Engwicht setzt ihre wirtschaftssoziologische Analyse der Diamantenproduktion in Sierra Leone in Zusammenhang mit Prozessen der Staatsbildung in dem westafrikanischen Land. Annette Hübschle beschäftigt sich mit dem Handel von Rhinozeroshorn, das durch Wilderei hauptsächlich in Afrika erbeutet und zu horrenden Preisen an Konsumenten in Asien, die es als Wunderpulver gegen Kopfschmerzen oder Krebs einnehmen, verkauft wird. In noch nicht einmal zehn Jahren wird das Aussterben der Rhinozerosse in freier Wildbahn in Afrika erwartet. Arjan Reurink erarbeitet einen Bericht über den Literaturstand zu illegalen Praktiken auf den weltweiten Finanzmärkten. In den nachfolgenden Berichten stellen drei Forscherinnen und Forscher ihre Projekte vor.
 

 
Jens Beckert ist seit 2005 Direktor am MPIfG und Professor für Soziologie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.
Fachgebiete: soziale Einbettung der Wirtschaft, insbesondere anhand der Untersuchung von Märkten; Organisationssoziologie; Soziologie der Erbschaft; soziologische Theorie.
 

 
Zum Weiterlesen

 
Quelle
Jens Beckert: Illegale Märkte: Ein neues Forschungsfeld der Wirtschaftssoziologie. In: Gesellschaftsforschung 1/2014. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2014, 8–12.
 

 

 

Die große Chance: Hoffnung auf einem illegalen Markt

Forschungsprojekt von Matías Dewey
 

 
Wirtschaftliche Zusammenbrüche und im Zuge einer Krise sprunghaft ansteigende verbotene Tauschgeschäfte sind ein in der Geschichte oft zu beobachtendes Muster: im Nachkriegsdeutschland ebenso wie in Simbabwe nach der Hyperinflation oder in Argentinien nach dem Staatsbankrott im Jahr 2001. Doch welche Beziehung besteht zwischen einer schweren ökonomischen Krise und der Zunahme wirtschaftlicher Aktivitäten am Rande oder jenseits der Legalität? Dem guten Menschenverstand zufolge würde eine Antwort lauten: Um ihren täglichen Bedarf zu decken, kaufen und verkaufen Menschen Waren und Dienstleistungen unter den sich ihnen ergebenden Umständen. Eine systematische Untersuchung aber, ob diese Annahme korrekt ist und wie genau solche sozialen Phänomene ineinandergreifen, fehlt bisher.
 
Wir wissen bereits vieles über die Beziehung zwischen wirtschaftlicher Unsicherheit und Protesten beziehungsweise kollektiver Gewalt. Die Kenntnisse über die Antriebskräfte, die Märkte unter diesen Umständen entstehen lassen, sind jedoch begrenzt. Das Ziel des Forschungsprojekts von Matías Dewey ist, die Mechanismen zu erklären, die den Austausch illegaler Güter im Kontext einer Wirtschaftskrise vorantreiben. Er untersucht dafür den Markt für gefälschte Markentextilien und die wachsende Zahl sogenannter Sweatshops, Betriebe im Niedriglohnsektor ohne Tarifvertragsrecht und Kündigungsschutz, während der Wirtschaftskrise in Argentinien.
 

« La Salada ist in den vergangenen Jahren zu einer bedeutenden Bezugsquelle für preiswerte Kleidung in Argentinien geworden. »


 
Als empirisches Fallbeispiel für das Projekt dient der informelle und illegale Markt La Salada, der sich in den vergangenen Jahren zu einer bedeutenden Bezugsquelle für preiswerte Kleidung in Argentinien entwickelt hat. An nahezu jedem Marktstand werden hier gefälschte Textilwaren verkauft. Der Markt liegt in einem Vorort von Buenos Aires und ist achtzehn Hektar groß. Drei große Marktschuppen und mehrere Straßen, an denen sich Stände aus Maschendraht aneinanderreihen, bilden das Marktgelände. Händlerinnen und Händler aus verschiedenen Gegenden des Großraums Buenos Aires haben einen der mehr als 7.800 Stände gemietet, um unter anderem T-Shirts, Jeans, Jacken, Schuhe, Socken, Unterwäsche und Kindermode zu verkaufen. Viele dieser Unternehmerinnen und Unternehmer sind zugleich Besitzer eines Sweatshops und somit nicht nur für den Kauf der Stoffe und die Entwicklung verschiedener Muster, sondern auch für das Zurechtschneiden und Fertigstellen ihrer Produkte verantwortlich. Die übrigen Aufgaben, in der Hauptsache das Nähen, sind aber in andere Niedriglohnbetriebe ausgelagert.
 
Doch wie lässt sich erklären, warum Tausende dieser Betriebe ihre Produkte zum Verkauf nach La Salada bringen, obwohl die Gefahr besteht, strafrechtlich verfolgt zu werden? Derzeit konzentriert sich das Projekt auf zwei Haupterkenntnisse, die das Entstehen dieses Markts erklären. Auf der einen Seite bilden ein informelles Besteuerungssystem aus den 1990er-Jahren sowie diverse Absprachen zwischen Wirtschaftsbossen und politischen Führungskräften den Rahmen, der die Unsicherheit auf La Salada für die Marktakteure reduziert hat: Unter den Standbesitzern herrscht dadurch eine gewisse Zuversicht, dass Recht und Gesetz womöglich nicht durchgesetzt werden. Auf der anderen Seite hat die Forschung vor Ort einen bemerkenswerten Optimismus hinsichtlich der Zukunft des Markts offenbart. Durch das informelle Steuersystem und die Absprachen mit den staatlichen Akteuren wurde der rechtliche Rahmen immer weiter ausgedehnt. Die bisherige Forschung liefert Anhaltspunkte dafür, dass die Menschen hiermit positive Erwartungen verknüpfen, die als solche zur nachfolgenden Wachstumsdynamik geführt haben. So haben Akteure auf La Salada bestimmte Rollen angenommen, die man auch auf legalen Märkten findet. Zudem gibt es Formen der Koordination zwischen Marktakteuren, deren positive Erwartungen dank der Gewissheit entstehen, dass das Recht nicht durchgesetzt wird.
 

 
Matías Dewey ist seit 2013 wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIfG. Er ist Soziologe und wurde 2008 an der Universität Rostock im Fach Politikwissenschaft promoviert und ist Mitglied des Wissenschaftskomitees des Netzwerks argentinischer Wissenschaftler in Deutschland (RCAA).
Forschungsinteressen: illegale Märkte; informelle Institutionen; Sozialtheorie; qualitative Sozialforschung; lateinamerikanische Studien.
 

 
Zum Weiterlesen

 
Quelle
Matías Dewey: Die große Chance: Hoffnung auf einem illegalen Markt. In: Gesellschaftsforschung 1/2014. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2014, 13–14.
 

 

 

Illegale Märkte in Postkonfliktgesellschaften: Der sierra-leonische Diamantenmarkt

Dissertationsprojekt von Nina Engwicht
 

 
Die Rolle illegaler Märkte in schwachen Staaten, und insbesondere in zeitgenössischen substaatlichen Kriegen, wird seit etwa einem Jahrzehnt in der sozialwissenschaftlichen Konfliktforschung, aber auch in der politischen Öffentlichkeit diskutiert. Profite aus dem illegalen Handel mit sogenannten Konfliktgütern, wie etwa Diamanten, dem Erz Koltan und Tropenholz, motivieren und finanzieren in vielen Fällen den gewaltsamen Konfliktaustrag. Deshalb wird der Fortbestand solcher Kriegsökonomien über das Ende eines bewaffneten Konflikts hinaus als hohes Risiko für die Stabilität von Nachkriegsgesellschaften gedeutet. Bislang ist jedoch weitgehend unbekannt, wie sich illegale Kriegsökonomien im Übergang von Krieg zu Frieden und konsolidierter Staatlichkeit verändern.
 
In ihrem Dissertationsprojekt untersucht Nina Engwicht die soziale Ordnung illegaler Märkte unter der Bedingung schwacher Staatlichkeit. Dazu nimmt sie einen Fall in den Blick, der lange als Paradebeispiel einer zeitgenössischen Kriegsökonomie galt: der illegale Diamantenmarkt in Sierra Leone. Bekannt geworden als brutale „Gewaltökonomie“, in der bewaffnete Gruppierungen die sierra-leonische Zivilbevölkerung terrorisierten und versklavten, um „Blutdiamanten“ im Tausch für Waffen aus Liberia zu handeln, wurde der sierra-leonische Diamantenmarkt nach dem Ende des elfjährigen Bürgerkriegs umfassend reformiert. Erklärtes Ziel der weitgreifenden institutionellen Neuerungen auf internationaler und nationaler Ebene war es, die gesamte Handelskette von Rohdiamanten – von der Mine bis zum Weltmarkt – zu legalisieren und transparent zu machen. Doch welche Wirkungen können Gesetzesreformen entfalten, welche Rolle spielt der Institutionenaufbau angesichts dauerhafter, teils tief verankerter, illegaler Marktstrukturen?
 
Das Dissertationsprojekt widmet sich der sozialen Struktur des illegalen Diamantenmarkts im heutigen Sierra Leone und orientiert sich dabei an folgenden Fragen: Wie ist dieser illegale Diamantenmarkt organisiert? Wie gestaltet sich die Interaktion des illegalen Marktes mit dem legalen Markt und dem sierra-leonischen Staat? Wie gehen Akteure des illegalen Marktes mit der Unsicherheit um, die sich aus mangelndem staatlichen Schutz einerseits und möglicher Strafverfolgung andererseits ergibt? Wie prägen Vorstellungen von legitimem und illegitimem sozialen Handeln die soziale Struktur des illegalen Diamantenmarkts? Welche historischen Kontinuitäten und Diskontinuitäten lassen sich ausmachen?
 
Die Dissertation führt bislang weitgehend disziplinär getrenntes Wissen der politikwissenschaftlichen Friedens- und Konfliktforschung, der Kriminologie und der Marktsoziologie zusammen. Indem diese drei Forschungsstränge miteinander verbunden und durch die Analyse des sierra-leonischen Falles erweitert werden, trägt das Dissertationsprojekt zur Bildung einer sozialwissenschaftlichen Theorie der Ordnung illegaler Märkte bei.
 
Die Analyse des illegalen Diamantenmarkts in der sierra-leonischen Nachkriegsgesellschaft stützt sich methodologisch auf Daten, die während eines sechsmonatigen Feldforschungsaufenthalts in vier Regionen des Landes erhoben wurden: in Kono – historisch eine der wichtigsten Diamanten produzierenden Regionen Sierra-Leones und vormals Epizentrum der dortigen Kriegsökonomie –, in den Grenzgebieten zu Liberia und Guinea und in der Hauptstadt Freetown. Methodisch wurde zum einen mit qualitativen Interviews mit legalen und illegalen Marktteilnehmern, staatlichen Akteuren sowie Angestellten von Nichtregierungsorganisationen gearbeitet; zum anderen kam die Methode der teilnehmenden Beobachtung in Diamantenminen, in Büros von Diamantenhändlern, auf illegalen Marktplätzen sowie an Polizei-Checkpoints und Grenzübergängen zur Anwendung.
 

 
Nina Engwicht ist seit 2011 Doktorandin an der International Max Planck Research School on the Social and Political Constitution of the Economy (IMPRS-SPCE). Sie studierte Politikwissenschaft, Neuere Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Potsdam.
Forschungsinteressen: illegale Märkte in (Post-)Konfliktgesellschaften; Friedens- und Konfliktforschung; Transitional Justice.
 
Quelle
Nina Engwicht: Illegale Märkte in Postkonfliktgesellschaften: Der sierra-leonische Diamantenmarkt. In: Gesellschaftsforschung 1/2014. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2014, 15–16.
 

 

 

Der illegale Markt für Rhinozeroshorn

Dissertationsprojekt von Annette Hübschle
 

 
In Südafrika werden jeden Tag drei Nashörner rechtswidrig getötet. Wilderer sägen ihnen ihre Hörner ab und verkaufen sie an grenzüberschreitende, kriminelle Organisationen, die auf diesem sehr lukrativen illegalen Markt agieren. Die Zahl der gewilderten Tiere ist in den vergangenen Jahren konstant gestiegen: 2013 starben 1.004 Nashörner durch Wilderei – eineinhalb Mal so viele wie im Vorjahr, als 668 starben. Der Kruger Nationalpark sowie weitere öffentliche und private Reservate sind zu wahren Schlachtfeldern geworden, auf denen staatliche Sicherheitskräfte, Wildhüter und zivile Ranger-Armeen für das Überleben der Rhinozerosse im afrikanischen Busch kämpfen. Trotz vieler Versuche, die Wilderei einzudämmen und die Nachfrage zu reduzieren, wird es voraussichtlich nicht mehr lange dauern – konservative Schätzungen gehen von 8 Jahren aus –, bis eines der größten afrikanischen Säugetiere vollkommen ausgerottet ist.
 
In ihrem Dissertationsprojekt untersucht Annette Hübschle, warum Nashörner trotz des Abkommens nicht geschützt werden können, wie der länderübergreifende Markttausch funktioniert und wie sich ein Umwelt- immer mehr zu einem Sicherheitsproblem entwickelt hat.
 
Rhinozeroshorn ist in Asien seit jeher nicht nur ein begehrtes Mittel in der traditionellen chinesischen Medizin, sondern ist in den vergangenen Jahren immer mehr zum Lifestyle-Produkt geworden: Es gilt als Statussymbol, als Anlageobjekt oder wertvolles Geschenk. Damit ist das Horn des Dickhäuters eines der weltweit teuersten Güter und auf Konsumentenmärkten inzwischen bis zu 50.000 Euro wert, obwohl sein Handel durch das Washingtoner Artenschutzübereinkommen (CITES) seit 1973 verboten ist.
 
Im Hinblick auf die Hindernisse, die Illegalität und Transnationalität bedeuten, stellt sich die Frage, wie Marktakteure Teil einer Gesellschaftsordnung werden und die Koordinationsprobleme lösen, die Wettbewerb, Zusammenarbeit und Wertbildung an sie stellen. Ebenso soll beantwortet werden, wie diese und andere Faktoren die Transaktionen im Markt für Rhinozeroshorn beeinflussen.
 
Das Projekt erfasst den Markt in seiner Gesamtheit, angefangen bei der „Produktion“ – der Wilderei, der Jagd oder dem Diebstahl – bis hin zum grenzübergreifenden Produkttausch. Dafür führte Annette Hübschle während ihrer zwölfmonatigen Feldforschung in Südafrika und Südostasien mehr als vierhundert ethnografische Interviews und sammelte weitere qualitative Daten. Unter den Interviewten waren Wilderer und deren Anführer – sogenannte Kingpins – aus Mozambique, verurteilte Nashorn-Jäger in südafrikanischen Gefängnissen, Strafverfolger und Wildhüter, Naturschutzorganisationen und NGOs, Händler, Schmuggler und asiatische Konsumenten.
 
Da Marktakteure die Illegalität zu ihrem eigenen Vorteil nutzen, entwickelt Hübschle den Begriff der contested illegality, umstrittene Illegalität. Während etwa ihre Eigentumsrechte durch den Staat keinesfalls geschützt werden, müssen Akteure auch nicht an den konventionellen ökonomischen und legalen Regeln wirtschaftlichen Handelns festhalten. Sie nutzen Illegalität, um skrupellose Methoden zu verbergen oder um die ihnen von der Regierung in den Weg gestellten Hindernisse zu überwinden, und erreichen dies durch ständiges Anpassen an Marktveränderungen von außen, rechtliche Vorgaben und innere Marktdynamiken. So legitimieren Nashorn-Jäger ihre Wilderei beispielsweise, indem sie ihr Agieren mit utilitaristischen Termini und evolutionären Unterschieden zwischen Mensch und Tier erklären.
 
Das Projekt liefert Hintergrundinformationen für politische Entscheidungen zur Erhaltung des Nashorns und gibt der Politik Empfehlungen an die Hand, die auf den Auswertungen der Funktionsweise und der Struktur des weltweiten illegalen Marktes für Rhinozeroshorn beruhen.
 

 
Annette Hübschle ist seit 2011 Doktorandin an der International Max Planck Research School on the Social and Political Constitution of the Economy (IMPRS-SPCE). Sie hat Vergleichende und Internationale Politik und Geschichte sowie Kriminologie und Strafrecht an der University of Cape Town studiert. Von 2002 bis 2011 war sie am Institute for Security Studies in Kapstadt wissenschaftliche Mitarbeiterin im „Organised Crime and Money Laundering Programme“ zu informellen Märkten im Afrika südlich der Sahara.
Forschungsinteressen: illegale und informelle Märkte; organisierte Kriminalität; Verknüpfung von organisierter Kriminalität mit Terrorismus.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Annette Hübschle und Elrena van der Spuy: Organized Crime and Law Enforcement in Southern Africa: The Challenges Confronting Research. In: SADC Law Journal 2, 319–334 (2013).
  • Annette Hübschle: Of Bogus Hunters, Queenpins and Mules: The Varied Roles of Women in Transnational Organized Crime in Southern Africa. In: Trends in Organized Crime, published online, 8 June 2013.

 
Quelle
Annette Hübschle: Der illegale Markt für Rhinozeroshorn. In: Gesellschaftsforschung 1/2014. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2014, 17–18.
 

 
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