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 MPIfG - Aus der Forschung - Themen

 

 

Ende der Debatte? Die gesellschaftliche Akzeptanz
marktbasierter Unternehmenskontrolle


Helen Callaghan
 

 
Im Zuge der Finanzkrise wird auf den Straßen Europas wieder vermehrt demonstriert. Die Menschen scheinen wachgerüttelt, aber ist die Empörung auch von Dauer? Helen Callaghan bezweifelt das. Ihr Projekt zeigt, dass Finanzialisierung – die zunehmende Priorisierung finanzmarktlicher Interessen – eine Reihe von Prozessen auslöst, die den Widerstand gegen ihre Fortsetzung untergraben. Der allmähliche Akzeptanzgewinn feindlicher Übernahmen in den entwickelten Industrienationen seit den 1950er-Jahren veranschaulicht diese Prozesse.
 

 

Übernahmeangebote als Motor der Finanzialisierung


 
Übernahmeangebote sind ein wesentlicher Schritt im Prozess der Finanzialisierung, da sie es Aktionären ermöglichen, Manager mithilfe von Marktmechanismen zu kontrollieren. Im Gegensatz zu Fusionen, die von den Managern der betroffenen Unternehmen nach oft langwierigen Verhandlungen einvernehmlich beschlossen werden, richten sich öffentliche Übernahmeangebote direkt an die Aktionäre. Der potenzielle Käufer bietet dabei an, alle Aktien des Zielunternehmens zu einem fixen, über dem Marktpreis liegenden Preis zu kaufen. Einzige Bedingung ist, dass die Zahl der zu diesem Preis erwerbbaren Aktienstimmrechte es erlaubt, die Kontrolle über das Zielunternehmen zu übernehmen.
 
Eine einflussreiche volkswirtschaftliche Theorie sieht die Möglichkeit solcher Übernahmen als effektives Mittel, um Manager zur Maximierung des Aktienwertes (Shareholder-Value) zu zwingen. In der Theorie funktioniert dies wie folgt. Unternehmen, die keine Gewinnmaximierung betreiben, werden am Aktienmarkt niedrig bewertet. „Unterbewertete“ Unternehmen sind nun attraktive Übernahmekandidaten, weil die Käufer mit ihnen Gewinn erzielen können. Das heißt, sie erwerben diese Unternehmen recht günstig und bringen sie dann auf Gewinnmaximierungskurs, indem sie das Management austauschen. Aus Sorge um ihre Arbeitsplätze versuchen Manager der Theorie zufolge, solche Übernahmen zu verhindern – unter anderem dadurch, dass sie antizipierend Gewinnmaximierung betreiben.
 

« Aktionäre kontrollieren Manager mithilfe von Marktmechanismen. »


 
Während der schlichten Theorie einige Vorbehalte entgegengebracht werden, zeigt die Praxis, dass Unternehmen in Großbritannien und den Vereinigten Staaten, dort wo Übernahmeangebote am häufigsten auftreten, im Vergleich zu Unternehmen in anderen Ländern einen größeren Anteil ihrer Gewinne als Dividende und einen geringeren als Löhne auszahlen. Einer Studie zu den einhundert größten europäischen Unternehmen zufolge betrug der Anteil der Arbeitnehmerentgelte an der Nettowertschöpfung im Jahr 1995 in Großbritannien nur 68 Prozent im Vergleich zu rund 89 Prozent in Deutschland.
 
Angesichts dieser Tatsachen stellt sich die Frage, warum der politische Widerstand gegen die Vermarktlichung von Unternehmenskontrolle in vielen Industrienationen abgenommen hat. Es gab Zeiten, in denen die Übernahmeregulation politisch hart umkämpft war. Auf europäischer Ebene erfuhr beispielsweise ein Richtlinienvorschlag zur Förderung von Übernahmeangeboten dreißig Jahre lang heftigen Widerstand, bevor 2003 eine abgemilderte Version in Kraft trat. Auf nationaler Ebene hielten sich viele europäische Länder – etwa Frankreich und Deutschland – bis in die 1980er- und 1990er-Jahre mit Maßnahmen zur Förderung aktiver Übernahmemärkte zurück. Das britische Parlament debattierte solche Maßnahmen über fünf Jahrzehnte hinweg immer wieder kontrovers.
 

« Bis in die 1990er-Jahre haben Regierungen die Übernahmeaktivitäten gedrosselt. »


 
Um Übernahmeaktivitäten zu drosseln, haben Regierungen in der Vergangenheit die rechtlichen Möglichkeiten des Managements zur Abwehr von Übernahmeangeboten gestärkt, den Zugang der Bieter zu Finanzmitteln beschränkt, ihre Vetorechte ausgeübt oder Steueranreize genutzt, um Übernahmen weniger lukrativ zu gestalten. In jüngster Zeit sind solche marktbeschränkenden Maßnahmen allerdings aus der Mode gekommen und werden selbst von Oppositionsparteien immer weniger eingefordert.
 

 

Routinisierung, Adaption und Eliminierung dämpfen den Widerspruch


 
Der Rückgang des politischen Widerstands lässt sich anhand von Parlamentsdebatten seit den 1950er-Jahren dokumentieren. Dabei spielen drei Aspekte eine wichtige Rolle: Welche Arten der politischen Intervention wurden gefordert? Wie wurden diese Forderungen gerechtfertigt? Und welche sprachlichen Mittel kamen zum Einsatz, um etwa Aktionäre, Bieter oder Profitstreben positiv oder negativ darzustellen? Die Zahl der relevanten Debatten schwankt beträchtlich von Jahr zu Jahr. Je mehr Übernahmeangebote tatsächlich vollzogen werden, desto ausgiebiger wird diskutiert. Die Zahl der Übernahmeangebote variiert wiederum mit der Wirtschaftslage. Insgesamt aber zeigt sich ein deutlicher Rückgang des politischen Widerstands entlang der genannten Untersuchungskriterien.
 
Wie ist diese Entwicklung zu erklären? Marktausdehnung – in diesem Fall des Marktes für Unternehmenskontrolle – löst selbst Prozesse aus, die den Widerstand gegen eine weitere Expansion untergraben. Diese Prozesse sind: Routinisierung, Adaption und Eliminierung. Ihnen ist gemein, dass sie stärker werden, wenn die Zahl der Übernahmeangebote wächst. Sie ähneln damit einem Schneeball, der an Schwung und Masse gewinnt, während er den Berg hinabrollt.
 
Routinisierung. Treten Übernahmen erstmals auf, sorgen sie zunächst oft für Schlagzeilen. Denn einerseits sind sie ungewöhnlich, und andererseits begünstigt das Fehlen etablierter Regeln Skandale und Kontroversen, die wiederum einer reißerischen Berichterstattung zuträglich sind. Dadurch rücken Übernahmen ins Bewusstsein auch jener Zeitungsleser und Nachrichtengucker, die selbst nicht direkt betroffen sind. Mit der Zeit schwindet jedoch der Neuigkeitswert und damit auch das öffentliche Interesse – obwohl, und gerade weil, die Zahl der Übernahmen steigt.
 
Adaption. Treten Übernahmen erstmals auf, gibt es kaum Menschen, die damit ihren Lebensunterhalt verdienen. Mit ihrer Verbreitung forcieren Übernahmen die Entwicklung eines ganzen Wirtschaftszweiges, bestehend aus Investmentbankern, Anwälten und Beratern. Die Zahl der Nutznießer wächst, wenn der Markt sich ausdehnt.
 

« Politischer Widerstand schwindet mit der Zunahme der Übernahmeangebote. »


 
Eliminierung. Treten Übernahmen erstmals auf, gibt es immer noch viele Unternehmen, bei denen die kurzfristige Maximierung des Aktienwertes einen niedrigeren Stellenwert hat als beispielsweise der Erhalt von Arbeitsplätzen in Krisenzeiten. Nach und nach verdrängt der expandierende Markt für Unternehmenskontrolle jedoch solche stakeholderorientierten Unternehmen. Für deren Anhänger bleibt damit immer weniger Raum, für den es sich gegen Übernahmen zu kämpfen lohnt.
 
Diese drei Prozesse lassen sich anhand der sich verändernden medialen Berichterstattung sowie der Positionen und Lobbyversuche verschiedener Interessengruppen – wie etwa institutionelle Anleger, Banken, Manager und Arbeitnehmer – nachweisen. Digitale Zeitungsartikel, wirtschaftshistorische Studien und Dokumente aus den Archiven von Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden dienen dabei als Quellen.
 

 

Ein Beitrag zur Kapitalismusforschung


 
Das Forschungsprojekt leistet einen theoretischen Beitrag zu einer Schwerpunktverschiebung innerhalb der vergleichenden politischen Ökonomie. In den vergangenen zwei Jahrzehnten richtete sich das Hauptaugenmerk vieler Forscher auf den Vergleich unterschiedlicher Kapitalismusmodelle. Mittlerweile lohnt sich die Rückbesinnung darauf, dass solche nationalen Modelle nicht auf Dauer gültig sind. Sie unterliegen vielmehr dynamischen Entwicklungsprozessen, die nur im Zeitverlauf sichtbar werden.
 
Bisher gehen Impulse zur sozialwissenschaftlichen Erschließung der Prozesse kapitalistischer Entwicklung vorrangig von Soziologen aus – darunter Jens Beckert und Wolfgang Streeck. Der Fokus liegt dabei auf den Verhaltensmerkmalen kapitalistischer Akteure und auf den Gesellschaftsstrukturen, die diese Verhaltensmerkmale, wie etwa Gewinnstreben und Nutzenmaximierung, begünstigen. Ergänzend untersucht das Forschungsprojekt die politische Dimension der Finanzialisierung. Um zu verstehen, wie sich Märkte ausbreiten, reicht es nämlich nicht, allein die Antriebskräfte der Marktexpansion offenzulegen. Ebenso erklärungsbedürftig ist, warum politische Bemühungen zur Gegensteuerung mit der Zeit schwächer werden.
 

 
Helen Callaghan ist seit Januar 2008 wissenschaftliche Mitarbeiterin am MPIfG. Sie studierte Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften an den Universitäten von Chicago und Oxford. 2006 promovierte sie zum Thema „European Integration and the Clash of Capitalisms: British, French and German Disagreement over Corporate Governance, 1970–2003“.
Forschungsinteressen: vergleichende politische Ökonomie; europäische Integration; Corporate Governance; Präferenzbildung in Parteien und Interessengruppen; Veränderungen von Eigentumsstrukturen in Unternehmen und ihre Auswirkungen auf die Politik.
 

 
Zum Weiterlesen

 
Quelle
Helen Callaghan: Ende der Debatte? Die gesellschaftliche Akzeptanz marktbasierter Unternehmenskontrolle. In: Gesellschaftsforschung 1/2013. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2013, 12-15.

 
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