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 MPIfG - Aus der Forschung - Themen

 

 

Zukunft vergangener Gegenwarten: Wie Zeitdiagnosen die großen Debatten der 1970er- und 1980er-Jahre bestimmten


Torsten Kathke
 

 
Gegenwartsdiagnosen sind ein fruchtbares Feld für die Soziologie. Von Max Weber bis Ulrich Beck haben sich viele wichtige Stimmen an ihnen versucht. Aber auch in anderen Disziplinen ist diese Form der Außendarstellung nicht wegzudenken. In den Siebziger- und Achtzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts hatten Zeitdiagnosen mit Millionenauflagen von Büchern und der Verbreitung ihrer Thesen in allen Massenmedien sowohl in den USA wie auch in der Bundesrepublik Deutschland ihre Hochzeit. Wie kam es dazu?
 

 

Ein hybrides Genre


 
Die Bremer Soziologin Ute Volkmann hat Gegenwartsdiagnosen ihrer Disziplin als "hybrides Genre" bezeichnet. Zum einen seien sie ein Beitrag zu akademischen Debatten, zum anderen verfolgten sie stets auch die Absicht, in die Gesellschaft und eine breitere Öffentlichkeit hineinzuwirken. Dieser Doppelstatus ist grundlegend nicht nur für die Soziologie, sondern etwa auch für die Philosophie und die Zeitgeschichte. Zeitdiagnose, Gesellschaftsdiagnose, Zeitanalyse – all das findet sich im Umfeld dieses Genres, das sich vor allem in der Literatur der Zeit niederschlug.
 
Vor allem Bücher waren es nämlich, "wichtige Bücher", die teils in millionenfacher Auflage von einem Massenpublikum gelesen wurden. Um mitreden zu können, um sich einzumischen, oder auch nur um zu wissen, worüber man allenthalben diskutierte. Als Hardcover-, preiswerte Paperback- oder Buchclubausgabe fanden sie ihren Weg in die Wohnwände der Jahre nach der Phase wirtschaftlichen Aufschwungs, die dem Zweiten Weltkrieg gefolgt war, und die in den – auch dies eine Zeitdiagnose – krisenhaften 1970er-Jahren endete. So trugen Gegenwartsdiagnosen einerseits zum Gefühl der Krise und der mannigfaltigen gesellschaftlichen Probleme bei, andererseits boten sie auch Erklärung, versuchten sich teils sogar an Lösungsansätzen.
 

« Gegenwartsdiagnosen trugen zum Gefühl der Krise bei, andererseits boten sie aber auch Erklärung oder gar Lösungsansätze. »


 
Autoren wie Herman Kahn, Charles Reich, Richard Sennett, Robert Jungk oder Donella und Dennis Meadows und ihre Kollegen vom Club of Rome – letztere mit der auf beiden Kontinenten in weiten Kreisen rezipierten Studie Die Grenzen des Wachstums – versuchten sich aus unterschiedlichsten Perspektiven an der Gegenwartsdiagnostik. In den USA war es der Journalist Alvin Toffler, der 1970 den "Zukunftsschock" als Begriff prägte.
 
Der Historiker Christopher Lasch gab sich dagegen als Kritiker eines Zeitalters des Narzißmus und Kassandra althergebrachter Familienstrukturen. In der Bundesrepublik Deutschland hatte Herbert Gruhl, konservativer CDU-Politiker, der zum Vorkämpfer für den Umweltschutz wurde, die Grünen mitbegründete und dann sofort wieder aufgrund politischer Differenzen austrat, mit Ein Planet wird geplündert 1975 die Aufmerksamkeit der Medien und der Menschen. Konrad Lorenz' biologischmoralistischer Bestseller Die acht Todsünden der zivilisierten Menschheit fand indessen 1973 infolge seines Nobelpreises ein Publikum.
 

 

Konsolidierung und Konsum


 
Warum aber trafen Gegenwartsdiagnosen so sehr den Geist der Zeit, dass sich die Zahl der Nachdrucke und Übersetzungen schnell in den zweistelligen Bereich bewegte? Es ist vor allem ein Dreiklang an Ereignissen, der, zusammen mit weiteren flankierenden Faktoren, den Erfolg von Gegenwartsdiagnosen ab den späten 1960er-Jahren bedingte.
 
Zum einen beschleunigte sich die Konsolidierung von Buchverlagen in ein konzentrierteres Medienumfeld: Kleine Verlage wurden zunehmend von großen, transnationalen Medienkonzernen, wie etwa der expandierenden Bertelsmann-Gruppe, geschluckt. Auch hatte sich auf beiden Seiten des Atlantiks eine von der Werbeindustrie befeuerte Konsumkultur entwickelt, unter deren Einfluss sich die Verlage zusehends auf flüssig geschriebene und gut verkäufliche Bücher konzentrierten, die ihre Marketingmaschinerie als "publishing events" inszenierte.
 

« Eine zunehmend höher gebildete Leserschaft war aufnahmebereit für Sachbücher an der Schnittstelle von Wissenschaft und populären Erklärungsansätzen. »


 
Notwendige Voraussetzung hierfür war, zweitens, die Existenz einer gebildeten Masse an Konsumenten, die in Westeuropa aus dem Aufholmarsch der durch den Krieg darniederliegenden Volkswirtschaften, aber auch in den USA aus der Mittelklasse des Baby Booms hervorgegangen war. Eine große Anzahl an schulisch höher gebildeten Leserinnen und Lesern, politisch interessiert und emotional involviert in die Entwicklung der Gesellschaft, war aufnahmebereite Kundschaft für Sachbücher, die sich an der Schnittstelle von akademischer Wissensproduktion und populärem Verständnis aktueller Gemengelagen befanden. Seit der zweiten Hälfte der 1960er-Jahre verlangte es diese Bürgerinnen und Bürger nach Orientierungshilfen in einer Gesellschaft, die scheinbar urplötzlich auf vielen Ebenen in ungeahnte Komplexitäten aufbrach.
 
Schließlich war nach den Unruhen der "langen 1960er-Jahre" und der mit ihnen einhergehenden Politisierung der Menschen eine Möglichkeit für öffentliche Debatten entstanden. Die wirklichen und erwarteten Krisen der 1970er-Jahre konnten so in vielen westlichen Gesellschaften in der Öffentlichkeit angesprochen werden. Außenpolitisch hatte es gleichzeitig die Entspannungspolitik zwischen den Supermächten innerhalb des Weltsystems des Kalten Krieges geschafft, "eine gefährliche Situation in ein berechenbares System zu überführen", wie der Historiker John Lewis Gaddis schreibt. Mit dieser Entwicklung eröffnete sich ein diskursiver Raum, in dem verschiedenste Probleme und Sachlagen diskutiert wurden. Ein diskursiver Raum, der noch durch meinungsmachende Medien bestimmt war, die erst später, in den späten 1980er- und in den 1990er-Jahren in der digitalen Zerfledderung der Medienwelt ihre Dominanz verlieren sollten. Noch gab es "Straßenfeger" im Fernsehen, und noch maß man den Kommentatoren der Leitmedien eine selten hinterfragte Autorität bei.
 

 

Die Taschenbuchrevolution


 
Den Gegenwartsdiagnosen half auch ein Phänomen auf die Bestsellerlisten, das heute oft vereinfachend als "Taschenbuchrevolution" bezeichnet wird. Kurz gesagt, man konnte Bücher durch technische und unternehmerische Innovationen in Masse billiger produzieren und vertreiben. Das führte dazu, dass Bücher jenseits von Ohrensessel und Studierzimmer neue Leserschaften fanden.
 

« Buchclubs waren es, die günstig und mit großem Erfolg auch Gesellschaftsdiagnosen unter die Leute brachten. »


 
Buchclubs im Besonderen waren es, die günstig und mit großem Erfolg auch Gesellschaftsdiagnosen unter die Leute brachten. Ihr Geschäftsmodell basierte auf dem verlässlichen Absatz von günstig in Massen gedruckten Werken. Dabei konzentrierten die Buchclubs ebenso das, was gelesen wurde: Nur wenige "große" Bücher wurden überhaupt von ihnen auf den Markt gebracht. Wer im Buchclub Mitglied war und sich nicht aktiv für sein monatliches Buch entschieden hatte, bekam typischerweise ein vom Club als "Buch des Monats" angepriesenes Werk automatisch zugestellt.
 
So hatten viele Menschen selbst ohne aktives Zutun Gegenwartsdiagnosen in der Hand und waren dadurch einigermaßen vertraut mit den Autoren und ihren Thesen. Damals wie heute war es allerdings nicht unbedingt eine Notwendigkeit, ein Buch auch tatsächlich gelesen zu haben. Für die bildungsbürgerliche Mittelschicht gehörte es zum guten Ton, sich Bücher, über die man sprach, repräsentativ ins Regal zu stellen. Nicht zuletzt bot das Sicherheit und Selbstvergewisserung in einer offenbar immer hektischer agierenden, schneller werdenden Zeit.
 

 

Die Gunst des Augenblicks


 
Beschleunigung war es denn auch, die Zeitdiagnostiker allenthalben feststellten. Alvin Tofflers Future Shock prägte von 1970 an diese Wahrnehmung in den USA. "The future always comes too fast and in the wrong order", proklamierte er in einer offensichtlichen Analogie zum Culture-Shock-Konzept, das zum Veröffentlichungszeitpunkt en vogue war. Toffler, der seine Bücher in Koautorschaft mit seiner auf dem Titel jedoch nicht genannten Frau Heidi schrieb, war nicht im eigentlichen Sinne Akademiker, aber er drang von populärer Seite in akademische Diskurse. "Future Shock is where it's at", konnte man Marshall McLuhans Zitat auf den Buchrücken des Mega-Bestsellers lesen. "Der Zukunftsschock" sei wegweisend. Dass McLuhan sich in seiner Empfehlung des Buchs der Sprache der Jugend bediente, war dem Verkaufserfolg sicher nicht abträglich.
 
Es war ein besonderer kultureller Moment der gesellschaftlichen Partizipation von den 1960ern bis in die 1980er-Jahre, geprägt durch die 68er-Studentenbewegung, die amerikanische Bürgerrechtsbewegung, die Vietnam-Proteste und die Alternativbewegungen, in dem Gegenwartsdiagnosen bevorzugt rezipiert wurden. Sie wurden generationenübergreifend gelesen, denn stets waren Gegenwartsdiagnosen eben nicht nur um die Gegenwart besorgt, sondern vor allem um die Zukunft.
 

« Die Zukunftsforschung war eine Wegbereiterin für gegenwartsdiagnostische
Publikationen. »


 
Die Zukunftsforschung, die sich ab den 1960er-Jahren im Zusammenspiel von Akademie und Öffentlichkeit formiert hatte, war eine Wegbereiterin für gegenwartsdiagnostische Publikationen. Außer Toffler, der an ihrem Rand firmierte, war es in der BRD vor allem Robert Jungk, der die um das Morgen Besorgten mit für das Heute verwendbaren Schriften versorgte. Sein Buch Der Atomstaat warnte 1977 eindringlich vor den Gefahren nicht nur der Atomkraft, sondern vor allem eines staatlichen Sicherheitsapparates, der ihretwegen notwendigerweise aufgebaut werden müsse.
 
Sowohl in Europa als auch in den USA stellte eine neue Generation verkrustete gesellschaftliche Strukturen infrage. Sie hatte als erste in der Breite sekundäre Schulbildung genossen und war in Wohlstand aufgewachsen. Anders als ihre Eltern und Großeltern war sie nicht durch Kriegs- und Mangelerfahrungen geprägt. Daher interpretierte sie jegliche Verschlechterung in ihren Lebensumständen als Abfallen vom vorher erlebten Normalzustand und damit oft einfach als "Krise".
 

 

Im Brennpunkt von Markt, Politik, Wissenschaft und Kultur


 
Populäre Gegenwartsdiagnosen konnten Meinungen binden und bündeln. Sie befanden sich wie keine andere Wissensform an einem Nexus von Marktentwicklungen und -kräften, politischen und akademischen Debatten und populärer Kultur. So wie die Diagnosen ein hybrides Genre verkörperten, so stellten ihre Autoren hybride Autoritätsfiguren dar. Sie waren gefragt wegen ihres Fachwissens, gleichzeitig aber auch für die populäre Öffentlichkeit aufgrund ihres Abseits-Stehens von der Wissenschaft als solcher vereinnahmt. Autorität und Popularität der Diagnostiker verstärkten sich gegenseitig. Letztlich beurteilte man sie danach, wie gut ihre Werke in die Themen öffentlichen Diskurses und privater Ängste, die in der Gesellschaft vorherrschten, passten.
 

« Populäre Gegenwartsdiagnosen konnten Meinungen binden und bündeln. »


 
Spätestens zu Beginn der 1990er-Jahre, mit dem Einzug des Kabelfernsehens und dem Ende des Kalten Kriegs, der die Welt in zwei Pole geteilt und damit einfachen Zuordnungen von Gut und Böse Vorschub geleistet hatte, hatte sich die Art und Weise, wie Gegenwartsdiagnostiker ihre Diagnosen und Empfehlungen präsentierten, überlebt. In einer veränderten politischen und medialen Welt wurden Bücher immer weniger gelesen – der "Buchgebrauch", so die recht treffende statistische Vokabel, ging deutlich zurück.
 

« Die apokalyptischen Botschaften der Bücher selbst trugen zum Abflauen ihrer
Konjunktur bei. »


 
Zum Abflauen der Konjunktur für derartige Bücher hatten allerdings auch deren eigene, teils geradezu apokalyptische Botschaften beigetragen: Die Welt vor einer zeitnah drohenden Katastrophe zu retten, dafür konnte man Menschen aktivieren und interessieren. Jedoch waren weder die Grenzen des Wachstums deutlich spürbar, noch zerstörte Atomkraft die Menschheit. Das bedeutete zwar nicht das Ende populärer gegenwartsdiagnostischer Sachbuchliteratur, jedoch markierte es das Ende einer besonderen historischen Konstellation, in der deren Autoren mit ihren Büchern gesellschaftliche Debatten auf allen Ebenen prägen konnten.
 

 
Torsten Kathke ist seit 2014 als Postdoc-Stipendiat Mitglied der Forschungsgruppe „Ökonomisierung des Sozialen und gesellschaftliche Komplexität“ am MPIfG. Er ist Historiker und promovierte 2013 nach Forschungsaufenthalten in Europa und den USA an der LMU München.
Forschungsinteressen: Kultur-, Ideen- und Zeitgeschichte, USA im 19. und 20. Jahrhundert, transnationale und transatlantische Geschichte
 

 
Zum Weiterlesen
  • Fran Osrecki: Die Diagnosegesellschaft: Zeitdiagnostik zwischen Soziologie und medialer Popularität. Bielefeld: transcript 2011.
  • Elke Seefried: Zukünfte: Aufstieg und Krise der Zukunftsforschung 1945–1980. Berlin: de Gruyter 2015.
  • Manfred Tietzel: Literaturökonomik. Tübingen: J.C.B. Mohr 1995.
  • Janice A. Radway: A Feeling for Books: The Book-of-the-Month Club, Literary Taste, and Middle-Class Desire. Chapel Hill: University of North Carolina Press 1997.

 
Quelle
Torsten Kathke: Zukunft vergangener Gegenwarten. Wie Zeitdiagnosen die großen Debatten der 1970er- und 1980er-Jahre bestimmten. In: Gesellschaftsforschung 2/2015. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2015, 6-10.

 
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