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 MPIfG - Aus der Forschung - Themen

 

 

Die „Neue Ökonomie“ des industriellen Kapitalismus: Eine industrielle und institutionelle Revolution


Alfred Reckendrees
 

 
Als die Industrialisierung um 1840 in den meisten deutschen Regionen begann, arbeiteten in Aachen bereits mehr als die Hälfte aller Beschäftigten in großen Fabriken. Dampfmaschinen und rauchende Schornsteine prägten das Bild der Stadt. Wie kam es dazu? Welche Veränderungen brachte die Industriewirtschaft mit sich? Warum war die Entwicklung im westlichen Rheinland so dynamisch? Alfred Reckendrees geht diesen Fragen in einem wirtschaftshistorischen Forschungsprojekt nach.
 
Heute beschränken sich viele deutsche Unternehmen auf die Entwicklung und Vermarktung von Produkten, während die Fertigung in Pakistan, Bangladesch oder Osteuropa erfolgt. Vor gut zweihundert Jahren hatte in den deutschen Staaten ein umgekehrter Prozess begonnen. Bis zum Ende des achtzehnten Jahrhunderts war das Verlagssystem die wichtigste Produktionsform für überregionale Handelsgüter. Kaufleute – die Verleger – lieferten Rohmaterialien an heimgewerbliche Produzenten, die mit eigenen Produktionsmitteln beispielsweise Garn zu Tuch webten. Der Verleger bestimmte die Qualität und das Muster des Tuchs und ließ es verarbeiten. Ab Beginn des neunzehnten Jahrhunderts löste die Fabrik dieses dezentrale Produktionssystem ab. Das Ergebnis war ein neues Produktions- und Akkumulationsregime, das die unternehmerische Tätigkeit ebenso grundlegend veränderte wie die Arbeit. Der fundamentale Transformationsprozess vom Handels- zum Industriekapitalismus ist nicht allein historisch bemerkenswert. Heute stehen viele „Schwellenländer“ vor Problemen, die denen des neunzehnten Jahrhunderts stärker ähneln als den Herausforderungen, denen unsere postindustrielle Gesellschaft gegenübersteht.
 
In der vorindustriellen Zeit hatten die meisten Produzenten in Familienwirtschaften gelebt, zu denen etwas Land gehörte. Die neuen Industriearbeiter mussten ausschließlich von ihrem Lohn leben. In den Fabriken ersetzten von Wasser- oder Dampfkraft getriebene Maschinen die Handarbeit, der Lebensbereich Arbeit wurde von der Familie getrennt. Für die Fabrikunternehmer war der Wandel zwar einträglicher, aber ebenso radikal. Anders als die Verleger mussten sie viel Geld in Gebäude und Maschinen investieren, organisatorisches Wissen erwerben und Hunderte von Arbeitern koordinieren. Das finanzielle Risiko wuchs, weil sich diese Anlagen nicht kurzfristig amortisierten. Wirtschaftlichkeit hing von der Kapazitätsauslastung ab, doch zugleich vergrößerte die Massenproduktion die Abhängigkeit von internationalen Konjunkturzyklen und Nachfrageänderungen. Auch der Gütertransport und die Kommunikation erlebten einen radikalen Wandel; die Eisenbahn senkte die Transportkosten drastisch und wichtige Informationen reisten nun per Telegraf in wenigen Minuten über den gesamten Kontinent.
 
Die Durchsetzung der industriellen Produktion war kein zwangsläufiger Modernisierungsprozess. Sie erfolgte regional ungleichzeitig und war von handelnden Menschen geprägt. Unternehmerisches und technisches Lernen, Wissenstransfer zwischen Industrien, die Kooperation und Konkurrenz wirtschaftlicher Akteure, aber auch soziale Konflikte prägten die Entwicklung.
 

 

Die institutionelle Revolution im Rheinland


 
Der Export der Französischen Revolution und die Integration des Rheinlands in den französischen Staat im Jahr 1798 brachten der regionalen Wirtschaft einen großen, zollfreien Binnenmarkt und eine einheitliche Währung, die Napoleonischen Gesetze dagegen eine liberale Rechts- und Wirtschaftsordnung, die bürgerliches Eigentum und Rechtssicherheit garantierte. Dies bewirkte, wie der Historiker Paul Thomes schreibt, einen „Mobilitätsschub für die Produktionsfaktoren Boden, Arbeit und Kapital“. Während die Einführung moderner Institutionen heute in vielen Entwicklungsländern scheitert, traf die institutionelle Revolution im Rheinland auf eine verdichtete Gewerberegion und eine Gesellschaft im Umbruch, die diese Impulse produktiv aufnehmen konnte. Die Abschaffung der Zünfte besiegelte Jahrzehnte lange Auseinandersetzungen um gewerbliche Freiheit. Und eine marktorientierte Agrarwirtschaft, seit Jahrhunderten weitgehend frei von feudalen Bindungen, produzierte für die Städte und Gewerberegionen.
 

« Die institutionelle Revolution traf auf eine verdichtete Gewerberegion und eine Gesellschaft im Umbruch, die diese Impulse produktiv aufnehmen konnte. »


 
Gerade weil die neue institutionelle Ordnung im Rheinland keinen „Urknall“ bedeutete, konnten die Unternehmer die wirtschaftlichen Freiheiten so produktiv nutzen. Die Handelskammer und das Handelsgericht dienten ihnen zur Formulierung kollektiver Interessen. Als das Rheinland 1816 preußisch wurde, blieben diese Institutionen erhalten. Preußen akzeptierte die französische Rechts- und Wirtschaftsordnung im Rheinland, um die Bürger der wirtschaftskräftigen neuen Provinz nicht gegen sich aufzubringen, und löste sie nur allmählich durch neues Recht ab. Zudem wollten die preußischen Reformer positive Entwicklungen zur Ausweitung bürgerlicher Rechte in ganz Preußen nutzen.
 

 


 
Abb. 1: Wichtige Industrien im Rheinland um 1815

 

Quelle: Alfred Reckendrees, eigene Darstellung.
 


 

 

Die industrielle Revolution im Rheinland


 
Die industrielle Produktion etablierte sich im Aachener Raum früher und schneller als in anderen deutschen Regionen. Um 1850 hatte sich die Fabrikproduktion in fast allen Branchen durchgesetzt. Damals arbeiteten im Aachener Raum nur noch zwanzig Prozent der Erwerbstätigen in der Landwirtschaft, aber zwei Drittel in der gewerblichen Produktion, überwiegend in Fabriken mit über einhundert Beschäftigten. Nur wenige Indikatoren erlauben einen überregionalen Vergleich: Doch 1850 standen im Regierungsbezirk Aachen fünfmal so viele Dampfmaschinen pro Einwohner wie im preußischen Durchschnitt; auch in Hinblick auf moderne Unternehmen waren Aachen, Düsseldorf und Köln mit der Hälfte aller Aktiengesellschaften in Preußen führend.
 

 


 
Abb. 2: Wichtige Industrien im Rheinland um 1850

 

Quelle: Alfred Reckendrees, eigene Darstellung.
 


 

 
Die wirtschaftliche Dynamik basierte zunächst auf dem Tuchgewerbe. Die erste Fabrik, die alle Arbeitsprozesse vom Spinnen bis zur Veredelung der Stoffe integrierte, wurde 1817 durch den englischen Mechaniker Dobbs eingerichtet. Eine zentrale Dampfmaschine trieb alle Maschinen an. Fünfzehn Jahre später hatten alle größeren Tuchfabriken auf die mechanisierte Produktion umgestellt. Das technische Wissen solcher Mechaniker machten sich andere Branchen zunutze; Fabriken für Textil-, Dampf- oder Papiermaschinen entstanden. Dobbs konstruierte auch die Anlagen der „Drath Fabrick-Compagnie“ (1821) in Eschweiler. Es ist „alles schön, was aus den Händen dieses Mannes hervorgehet“, schwärmte der Aachener Regierungspräsident.
 

« Drei industrielle Cluster, Tuchindustrie, Eisenindustrie und Kohlenbergbau, prägten die Entwicklung. »


 
Drei industrielle Cluster prägten die Entwicklung: Tuchindustrie, Eisenindustrie und Kohlenbergbau. In jedem Cluster bestand starke Konkurrenz; wegen des Wettbewerbs mussten die Unternehmen ihre Produktivität steigern und die Produkte verbessern. Doch zwischen den Clustern bestand ein intensiver Wissens- und Technologietransfer. Dem Maschinenbau kam eine Scharnierfunktion zu, auch weil die Nachfrage noch zu gering für eine Spezialisierung war und die Unternehmen für mehrere Branchen arbeiteten. So wurden neue Ideen schnell verbreitet. Aktiengesellschaften ermöglichten ebenfalls Lerneffekte, wie die 1836 gegründete „Vereinigungsgesellschaft“ zeigt. Ihr Zweck war es, Kohlengruben aufzukaufen, technisch zu verbinden und zu rationalisieren. Unternehmer aus verschiedenen Branchen beteiligten sich mit ihrem Kapital und ihren jeweiligen Fachkompetenzen. Mehrere innovative Neugründungen wurden von solchen branchenübergreifenden Netzwerken getragen.
 

 

Sozialer Konflikt und gesellschaftliche Integration


 
Die Einführung der Fabrikproduktion erfolgte keineswegs harmonisch; viele Arbeiter fühlten sich den Fabrikherren ausgeliefert. Wiederholt kam es zu schweren Konflikten. Als 1830 bei einer lokalen Revolte auch das Haus des reichsten Kapitalisten Aachens geplündert wurde, sahen sich Handelsgericht und Handelskammer genötigt, das Problem zu diskutieren. Die Unternehmer stellten fest, dass viele Fabrikarbeiter in der Tat nicht imstande seien, „sich mit ihren Familien ordentlich zu nähren“. Um „dem Geist der Unzufriedenheit“ zu begegnen, forderten sie gesetzliche Mindeststandards für Arbeit und Entlohnung. Denn freiwillige Vereinbarungen würden nicht von allen Unternehmen eingehalten. Doch die preußische Regierung wollte nicht in freie Arbeitsverträge eingreifen.
 

« Gesellschaftliche Stabilität und sozialer Frieden waren den Industriellen so wertvoll,
dass sie nach Wegen suchten, um „den Arbeiter“ in die kapitalistische Gesellschaft zu integrieren. »


 
Drei Jahrzehnte später forderte die Handelskammer paritätische Schiedskommissionen, die Arbeitskonflikte schlichten, tarifliche Mindeststandards vereinbaren und Mindestlöhne festlegen können sollten. Die Arbeiter sollten ihre Mitglieder frei wählen, damit deren Entscheidungen auch akzeptiert würden. Zudem schlug sie eine verpflichtende „Rentencasse“ zur Sicherung der „Existenz des Arbeiters im arbeitsunfähigen Lebensalter“ vor. Denn der Lohn reiche nicht dazu aus, private Vorsorge zu leisten. Sie sollte aus Zwangsbeiträgen der Unternehmer, Arbeiter und der Stadt finanziert werden. Diese Überlegungen gingen den Bismarck'schen Sozialversicherungen zwanzig Jahre voraus, fanden aber damals keine Zustimmung in der Regierung. Doch immerhin waren gesellschaftliche Stabilität und sozialer Frieden den Industriellen so wertvoll, dass sie nach Wegen suchten, um „den Arbeiter“ in die kapitalistische Gesellschaft zu integrieren, damit er „bis an sein Ende ein nützliches, das Eigenthum achtendes Mitglied“ der Gesellschaft bleibe.
 

 

Jenseits der Geschichte


 
Die Anfänge der kapitalistischen Industriewirtschaft verweisen auf die Bedeutung regionaler Dimensionen für wirtschaftliche Entwicklung. Während Michael Porters Cluster-Konzept die positiven Effekte regional konzentrierter einzelner Branchen betont, zeigt das Beispiel Aachen, dass auch branchenübergreifende Kooperation unternehmerische Lernprozesse und Wissenstransfer begünstigen und erhebliche Synergien erzeugen kann, und dass kooperative Institutionen wirtschaftliche Handlungsoptionen vergrößern und Investitionen in die Infrastruktur erleichtern können.
 
Die Industriegesellschaft hat viele soziale Institutionen hervorgebracht, die unser Leben bis heute bestimmen. Doch ihre Hintergründe sind vergessen. Die Diskussion über die Zukunft des Sozialstaats mag durch eine historische Perspektive einen anderen Akzent erhalten. Es dürfte heute überraschen, dass Mindestlöhne, (etwas) Mitbestimmung und Rentenversicherung einmal von Unternehmern vorgeschlagen wurden, die sich um die Integrationsfähigkeit der kapitalistischen Gesellschaft sorgten.
 

 
Alfred Reckendrees war von Juni 2014 bis Juni 2015 Gastwissenschaftler am MPIfG und forscht zum Thema „Die ,New Economy‘ des industriellen Kapitalismus: Industrielle und institutionelle Revolution im Rheinland“. Er ist Associate Professor an der Copenhagen Business School und Mitherausgeber der Scandinavian Economic History Review.
Forschungsinteressen: Unternehmens- und Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts; Unternehmen in Krisenzeiten; historische Zugänge zur Entrepreneurship-Forschung; die Verwendung von Geschichte in Organisationen.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Alfred Reckendrees: Institutioneller Wandel und wirtschaftliche Entwicklung: Das westliche Rheinland in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. In: Gilgen, David, Kopper, Christopher und Leutzsch, Aandreas (Hg.): Deutschland als Modell? Rheinischer Kapitalismus und Globalisierung seit dem 19. Jahrhundert. Politik- und Gesellschaftsgeschichte, Bd. 88. Bonn: Verlag J.H.W. Dietz, 2010, 45–87.
  • Alfred Reckendrees: Zur Funktion der Aktiengesellschaften in der frühen Industrialisierung. Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte/Economic history yearbook 2012/2: Die Entstehung des modernen Unternehmens 1400–1860/The Formation of the Modern Enterprise 1400–1860. Berlin: Akademie Verlag, 2012, 137–173.
  • Alfred Reckendrees: Why Did Early Industrial Capitalists Suggest Minimum Wages and Social Insurance? MPRA paper 55520, online veröffentlicht 2. September 2014.

 
Quelle
Alfred Reckendrees: Die „Neue Ökonomie“ des industriellen Kapitalismus: Eine industrielle und institutionelle Revolution. In: MPIfG Jahrbuch 2015-2016. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2015, 103-110.

 
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