In der Radierfolge Der befreite Pinocchio zitiert Hann Trier Momente
aus der Fabel von Carlo Collodi aus dem Jahre 1883, um diese neu
zusammenzufügen und auf eigene Weise als den "befreiten Pinocchio"
(befreit vom wohlerzogenen angepaßten Jungen, der er am Ende des
Buchs geworden ist) zu interpretieren. Von den 36 Abenteuern der
Holzpuppe trifft der Maler eine Auswahl, die zusammen mit dem von
ihm verfassten Prolog zu einem eigenwillig kommentierten Werk wird.
Die unwiderstehliche Kombination von Witz und Moral des Kinderbuchs
beflügeln Triers Phantasie. Ihm gefallen Pinocchios unbändiger Wille
nach uneingeschränkter Freiheit und die forsche Frechhheit der
Holzpuppe. Triers Italienliebe kommt zum Vorschein, wenn er im
Prolog vermerkt, dass Pinocchio aus Italien stammt, "wo das
Formulieren von Geboten nicht an sofortigen Gehorsam gebunden ist".
Trier selbst bezeichnet die Pinocchio-Folge als "so etwas wie ein
Kompendium meiner grafischen Technik". Er verwendet für die zehn auf
die Titelseite folgenden Blätter zwei Platten: Auf die kleinere,
beim Drucken stets querformatig gestellte, rot-schwarz gedruckte
Kupferplatte zeichnet er meist in der Vernis-mou-Technik
(Weichgrundradierung, Radierverfahren mit weichem Ätzgrund, bei dem
im Durchdrückverfahren auf aufgelegtes Papier gezeichnet und
anschließend geätzt wird) mit Aquatinta (Radierverfahren, bei dem
mittels Aquatintakorns durch verschiedene Ätzstufen malerische
Graustufen erzielt werden).In der größeren, grün-schwarz gedruckten
Zinkplatte druckt er daneben, aber auch teilweise darüber. Obwohl
die Zinkplatte jeweils die Schrift trägt, dient sie keineswegs nur
als kommentierendes Beiwerk zur Aussage der Kupferplatte. Vielmehr
scheinen sie ein Zwiegespräch mit einander zu führen. Die
Mehrschichtigkeit und Sprunghaftigkeit des Inhalts kommen so zum
Vorschein, und auch der Künstler kann sich in das Geschehen um
Pinocchio einmischen.
| 1915 | geboren in Düsseldorf-Kaiserswerth |
| 1933 | als Austauschschüler in Frankreich |
| 1934-38 | Kunstakademie in Düsseldorf, mit Staatsexamen in Berlin |
| 1939-41 | Militärdienst |
| 1941-44 | Technischer Zeichner in Berlin |
| 1944-45 | Militärdienst |
| 1945-46 | Thüringen, eine Zeitlang Bühnenbildner in Nordhausen |
| 1946-52 | lebt auf Burg Bornheim bei Bonn; Mitglied der Alfterer Donnerstagsgesellschaft |
| 1952-55 | Medellín, Kolumbien; Reisen nach Ekuador, Venezuela, Mexiko und Yukatán |
| 1955 | lebt in New York; Reise durch die USA |
| 1955-56 | Gastdozent an der Hochschule der Künste in Hamburg |
| 1957-80 | Professor an der Hochschule für bildende Künste Berlin; Studenten u.a.: Peter Klasen, Georg Baselitz, Marwan, Thomas Kaminsky |
| 1966-92 | Wand- und Deckenmalerei, u.a.: Schloss Charlottenburg in Berlin, Universität Heidelberg, Rathaus in Köln, Residenz des Botschafters der Bundesrepublik Deutschland am Heiligen Stuhl in Rom, "Wasserwerk" Bonn, Wallraf-Richartz-Museum/Museum Ludwig in Köln, Von der Heydt-Museum in Wuppertal |
| 1999 | gestorben in Castiglione della Pescaia |