Das Netzwerk der Unternehmensbeteiligungen, die "Deutschland AG", löst sich
immer weiter auf. Das geht aus dem 18. Hauptgutachten der
Monopolkommission vom 22. Juli 2010 hervor. Das unabhängige Gremium berät
die Bundesregierung in Sachen Wettbewerbspolitik und Regulierung. Lothar
Krempel vom Kölner Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung hat die
aktuellen Daten der Kommission in Grafiken übersetzt. Sie belegen: Wo 1996
noch zahlreiche Querverbindungen das Netzwerk stützten, wird das Geflecht an
Kapitalverbindungen auch 2008 immer dünner.
In den Netzwerkgrafiken, werden
die 100 größten Unternehmen erfasst, die über Kapitalverflechtungen mit
anderen Unternehmen verbunden waren. So entstanden im Zeitraum von 1996 bis
2008 Momentaufnahmen des deutschen Unternehmensnetzwerks – jeweils in
Abständen von zwei Jahren. Mit jedem Zwei-Jahres-Schritt zeigt sich: Die
Kerne des Netzwerks werden kleiner, sie sind lockerer verknüpft und mit
weniger Unternehmen außerhalb der Kerne verbunden.
Noch Ende der 1990er-Jahre standen die deutschen Unternehmen stark untereinander
in Kontakt. Im Kern des Netzwerks befanden sich die großen
Finanzdienstleister: Allianz, Deutsche Bank, Dresdner Bank, Münchener Rück,
Bayerische Hypo- und Vereinsbank (UniCredit) und Commerzbank. Sie besaßen in
ihren Portfolios mehrprozentige Beteiligungen an den größten deutschen
Industrieunternehmen. Außerdem waren sie stark untereinander verflochten und
hielten gegenseitige Anteile am Grundkapital. Auch die Industrieunternehmen
kontrollierten sich gegenseitig.
Bis zum Jahr 2008 nahmen die Kapitalverflechtungen der größten deutschen
Unternehmen weiter ab. Die Anzahl der Beteiligungen unter den 100
größten deutschen Unternehmen sank auch 2008 (von 50
Beteiligungen in 2006 auf nunmehr 47 Beteiligungen). Im
Finanzsektor besteht eine Überkreuzbeteiligung zwischen Allianz
und Münchener Rück; AXA, Unicredit, Generali halten kleinere
direkte Beteiligungen. Hinsichtlich ihrer Größe ist 2008 die Beteiligung von Porsche an
VW dominierend. Diese ist gegenüber 2006 von 31% auf 50,8%
angewachsen. Nach dem Stichtag der Verflechtungsdaten (nicht
dargestellt) hat die von Porsche angestrebte Übernahme
allerdings eine überraschende Wende genommen: Statt der Übernahme
von VW wurde Porsche aufgrund von Finanzierungsproblemen der zur
Übernahme benötigten Kredite selbst der Übernahmekandidat. Auch die Anteile der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) an der
Deutschen Post (30,6%) und der Telekom (16,9%), die diese
stellvertretend für den Bund hält, beschreiben eine
Sondersituation, die durch die Privatisierung des Post- und
Fernmeldewesens entstanden ist. Beide Vorgänge binden so viel
Kapital wie die restlichen Verflechtungen aller Unternehmen.
Die Spuren eines langen Kapitels deutscher Energiepolitik sind
durch den Übergang der RAG in die RAG-Stiftung und die Abspaltung
der Evonik auf der Ebene der Kapitalverflechtungen 2008
erloschen. War die RAG im Jahre 2006 noch vollständig im "Besitz"
von E.ON (39,2%), RWE (30,2%), ThyssenKrupp (20,6%) und ArcellorMittal (10,0%), so gehört dieses industrielle Cluster mit der symbolischen
Abfindung der Anteilseigner seit 2008 nunmehr der Vergangenheit an. Beendet wird die mehr als fünfzigjährige Geschichte der
Konsolidierung (und Subventionierung) des Ruhrbergbaus, die am
17. November 1968 mit Gründung der Ruhrkohle AG begonnen hatte.
Achtzig Prozent der deutschen Steinkohleförderungsunternehmen
waren zu diesem Zeitpunkt in die Ruhrkohle AG eingebracht worden,
an der die Alt-Zechenbesitzer entsprechende Anteile erhielten.
Die damit entstandenen vielfältigen Verflechtungen des deutschen
Energie-, Stahl- und Chemiesektors sind, wie die Darstellungen
zeigen, bereits seit 1996 durch eine ganze Serie von Transaktionen
erheblich vereinfacht worden.
Verflechtungen unter den Aufsichtsratsmitgliedern 2006
Für das Jahr 2006 hat Lothar Krempel auch die personellen Verflechtungen über
Aufsichtsratsmitglieder in eine Grafik übersetzt. Im Zeitraum von 1996 bis
2006 haben sich die Personalverflechtungen deutlich reduziert. Während die
Deutsche Bank beispielsweise 1996 noch insgesamt 32 Aufsichtsratspositionen
einnahm, waren es im Jahr 2006 lediglich noch 4. Dennoch zeigt die
aktuelle Grafik, dass die Finanzunternehmen über Personalverflechtungen noch
stärker ins Netzwerk eingebunden sind als über ihre Kapitalbeteiligungen.
Die Auflösung der traditionellen Beteiligungs- und Kontrollstrukturen ist
nicht nur durch die Neuausrichtung der Finanzunternehmen zu erklären.
Vielmehr ist sie Folge von rund 30 Unternehmenskonsolidierungen, die seit
1996 unter den "100 Größten" als Übernahmen oder Unternehmensvereinigungen
stattgefunden haben. Außerhalb des Berichterstattungshorizonts der
Monopolkommission liegen die Wachstumsstrategien der großen Unternehmen
vornehmlich auf europäischer Ebene. Sie sind in den Grafiken nur partiell
repräsentiert.
Martin Höpner und Lothar Krempel
Ein Netzwerk in Auflösung: Wie die Deutschland AG zerfällt.
Manuskript. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung 2006.
PDF
Jürgen Beyer
Vom Netzwerk zum Markt? Zur Kontrolle der Managementelite in Deutschland.
In: Deutschlands Eliten im Wandel, hrsg. von Herfried Münkler, Grit
Straßenberger und Matthias Bohlender. Frankfurt a. M./New York: Campus 2006.
PDF
Lothar Krempel
Die Transformation der Deutschland AG 1996-2006. In: M. Gamper, L. Reschke (Hg.), Knoten und Kanten: Soziale
Netzwerkanalyse in Wirtschafts- und Migrationsforschung. Transscript, Bielefeld 2010, 145-158.
Bücher
Jürgen Beyer
Managerherrschaft in Deutschland? "Corporate Governance" unter
Verflechtungsbedingungen.
Westdeutscher Verlag, Opladen 1998.
Martin Höpner
Wer beherrscht die Unternehmen? Shareholder Value, Managerherrschaft und
Mitbestimmung in Deutschland.
Schriften aus dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Bd. 46.
Campus, Frankfurt a.M. 2003. Mehr...
Lothar Krempel
Visualisierung komplexer Strukturen. Grundlagen der Darstellung
mehrdimensionaler Netzwerke.
Schriften aus dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung,
Sonderband. Campus, Frankfurt a.M. 2005.
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