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 MPIfG - Aus der Forschung - Interviews und Hintergründe

 

 

„Blogs sind eine Art öffentlicher Zettelkasten“


Ursula Trappe im Gespräch mit Leonhard Dobusch, Philip Mader und Sigrid Quack
 

 
Ein Gespräch mit Leonhard Dobusch, Philip Mader und Sigrid Quack, Betreiber des Weblogs „governance across borders“, über Open Access, das sozialwissenschaftliche Arbeiten im Web 2.0 und Konzepte zwischen Blog und Buch.
 
Moderation: Ursula Trappe, Forschungskoordinatorin am MPIfG
 

Ursula Trappe: Ihr Blog gibt es bereits seit Januar 2009. Wie war die Stimmung, als es gestartet ist, und wie hat das Blog sich seitdem entwickelt?


 
Leonhard Dobusch: Das Blog hat Experimentcharakter. Wir haben nicht gewusst, ob wir durchhalten, und wir haben nicht gewusst, wer überhaupt schreibt. Auch waren wir uns nicht sicher, ob unsere stark interdisziplinäre Forschungsgruppe ein kohärentes Blog ermöglicht. Es hat sich schnell herausgestellt, dass für Einzelne das Bloggen eine Form ist, die der- oder demjenigen sehr liegt. Für Phil und mich gilt das auf jeden Fall, für andere weniger. Wir haben nicht viele Vorbilder gehabt, international zum Beispiel das Blog Orgtheory.
 
Philip Mader: Wir schreiben über Urheberrecht, Mikrofinanzen, Arbeitsstandards, Umweltstandards und mehr – da frage ich mich manchmal, wie unsere Leser das aushalten. Doch dass das Blog seit vier Jahren so viel Zuspruch erhält, heißt doch, dass auch diese heterogene Art zu schreiben ankommt.
 
Sigrid Quack: Nach einer anfänglichen Aufbruchstimmung gab es auch Durststrecken, wir sind ja keine hauptberuflichen Blogger. Wenn unsere Hauptblogger in viele andere Projekte involviert waren, ging die Veröffentlichungsrate auf dem Blog herunter. Aber dann kamen neue Doktoranden, die ihre ersten Beiträge geschrieben haben, und das Blog wurde wieder lebendig. Wir haben im Lauf der Zeit gelernt, dass es wichtig ist, potenzielle Autoren anzusprechen und sie dann beim ersten Blogeintrag zu begleiten und zu motivieren.
 

Ursula Trappe: Was würden Sie heute anders machen als im Januar 2009?


 
Sigrid Quack: Ich glaube, gar nichts. Das Blog ist ein Format, das sich weiterentwickeln kann. Und es hat sich weiterentwickelt: Wir nehmen Gastblogger mit auf, und auch Calls for Papers oder Nachrichten. Die Sprachfrage ist immer spannend, gerade wenn man auch transdisziplinär mit Medien, Öffentlichkeit und Praktikern kommunizieren will: Deutsch oder Englisch? Es wäre vielleicht manches besser in eine deutsche Leserschaft zu transportieren, wenn wir es auf Deutsch schreiben würden. Andererseits haben unsere Arbeiten eine größere Reichweite, wenn wir auf Englisch schreiben. Darum haben wir uns damals für Englisch entschieden.
 
Philip Mader: Wir haben unser Blogformat inkrementell entwickelt. Beispielsweise entstand die Rubrik „BordercrossingBooks“, in der wir Bücher rezensieren, spontan nach einer kurzen Absprache zwischen Leonhard und mir. Anschließend hat sie sich einfach verselbstständigt.
 
Leonhard Dobusch: Es gibt Vor- und Nachteile: Der theorieblog hat von Anfang an Rubriken für Calls for Papers oder Nachrichten gehabt und sich damit innerhalb kürzester Zeit zur zentralen Anlaufstelle etwa für Calls for Papers im Bereich Politische Theorie und Philosophie entwickelt. Dadurch sind sie ein echtes Serviceblog geworden, die ganze Disziplin aus Deutschland schaut auf dieses Blog. Andererseits aber kämpfen sie um mehr Autorenbeiträge. Wir haben das umgekehrt gemacht und versucht, Substanz zu liefern. Aus dem theorieblog kann man kein Buch machen, aus governance across borders sehr wohl.
 

Ursula Trappe: Was ist das Besondere am Schreiben für ein Blog?


 
Philip Mader: Es ist eine Fähigkeit, die man erst entwickeln muss: einen Gedankengang oder ein Argument, sobald man es gefasst hat, ziemlich schnell und ohne allzu großen Aufwand fertigzustellen und dann vorzustellen.
 
Sigrid Quack: Wir wollten das Blog anfangs in erster Linie für uns machen – um Gedanken, die sich noch in der Anfangsphase befinden, auszuformulieren –, jedoch nicht wie im eigenen Notizheft, sondern schon in einer Form, die man anderen zeigen kann. Ein Blogeintrag sollte so anschaulich, prägnant und so auf den Punkt gebracht sein, dass er nicht nur für Wissenschaftler, sondern auch für Praktiker und jeden anderen verständlich ist.
 
Leonhard Dobusch: Blogs sind eine Art öffentlicher Zettelkasten: Wenn ich etwas so gut ausformuliert habe, dass ich mich traue, es einer Weltöffentlichkeit zu präsentieren, dann habe ich gleichzeitig erreicht, dass es nicht verlorengeht. Deshalb ist es auch wichtig, dass man den Wert des Blogs nicht nur von seiner Rezeption her denkt, sondern sehr stark auch aus der Sicht derer, die darin schreiben.
 

Ursula Trappe: Es erscheint zunächst paradox, ein Blog dann doch als Buch zu veröffentlichen...


 
Sigrid Quack: Unter den Menschen, die wir erreichen wollen – Wissenschaftler ebenso wie Praktiker, Medienvertreter oder Vermittler zwischen Wissenschaft und Praxis –, gibt es Personen, die regelmäßig Blogs lesen. Andererseits gibt es aber auch ein breites Publikum, das dies nicht unbedingt tut. Deshalb haben wir Beiträge, die eine längere zu erwartende Lebensdauer haben, in einem Blogbuch zusammengefasst.
 
Leonhard Dobusch: Es war wichtig, dass wir der strikt chronologischen Ordnung des Blogs eine strikt thematische Ordnung des Buches entgegensetzen. Durch die Neuordnung im Buch haben die gleichen Beiträge einen anderen Charakter und können zusammenhängend gelesen werden.
 

Ursula Trappe: Nach welchen Kriterien haben Sie die 127 der bis dato schon 214 Blogeinträge für die Publikation ausgewählt?


 
Sigrid Quack: Auswahlkriterien waren die inhaltliche Breite und die erwartete Relevanz über den Zeitpunkt der Veröffentlichung hinaus.
 
Philip Mader: Zu unserer Überraschung bestätigten die Nutzungsstatistiken des Blogs, dass viele Beiträge Monate, teilweise sogar Jahre nach ihrer Veröffentlichung immer noch regelmäßig gelesen werden. Diese Beiträge sind dann natürlich im Buch, da sie offensichtlich Informationsbedürfnisse von Lesern bedienen – und zwar lange über die Zeit hinaus, zu der wir uns Gedanken darüber gemacht haben.
 
Leonhard Dobusch: Das Blogbuch ist gewissermaßen auch ein „Best of“. In der Rückschau lässt sich besser beurteilen, ob ein Beitrag eine Einsicht hervorbrachte, die es wert ist, in solch ein Buch aufgenommen zu werden.
 

Ursula Trappe: Die Beiträge wurden nicht nur gelesen, sondern auch kommentiert. Durchschnittlich gab es mehr als zwei Kommentierungen pro Eintrag. War es nicht möglich, zumindest eine Auswahl an Kommentierungen zu veröffentlichen?


 
Leonhard Dobusch: Das Buch ist ein eigenes Format. Kommentare und die laufende Diskussion, die man ja auch nach Monaten noch weiterführen kann, sind Merkmale des Blogs. Wer einen einzelnen Beitrag später noch kommentieren oder weiter diskutieren will, kann sich auf dem Blog einbringen. Im Buch kann ich lesen – wenn ich mit anderen in Konversation treten will, dann muss das online passieren. Dann können andere nämlich auch wieder darauf reagieren.
 

Ursula Trappe: Ihr Blog verweist auf mehr als zwanzig weitere Blogs, und Sie laden auch Gastblogger ein. Wie funktioniert digitale Forschungskooperation?


 
Leonhard Dobusch: Mit dem theorieblog verbindet uns so etwas wie eine Blogfreundschaft. Thorsten Thiel vom theorieblog und ich haben vor einem Jahr gemeinsam bei der Konferenz republica eine Session zum Thema wissenschaftliches Bloggen in Deutschland angeboten, unter anderem zusammen mit dem Demokratieblog der Universität Göttingen. Viele andere Wissenschaftsblogger haben sich beteiligt. Einige Wissenschaftsblogs sind über eine Mailingliste vernetzt, den Anstoß dafür hat ein Workshop des theorieblog gegeben. Es entstehen auch neue Kontakte zu Wissenschaftlern, die uns über das Blog finden.
 
Philip Mader: Unsere Klicks kommen überwiegend aus den USA, Großbritannien und Indien.
 
Leonhard Dobusch: Es ist gut, dass deutsche Forschung durch das Blog auch international wahrgenommen wird. Gerade die Soziologie und auch die verwandten Disziplinen sind einfach noch sehr auf Deutschland ausgerichtet. Dass unser Blog englischsprachig ist, hat allerdings dazu geführt, dass wir in der deutschen Wissenschaftsblogosphäre eher randständig sind. Ich habe oft das Gefühl, dass wir zu einer deutschen Szene nicht unbedingt dazugehören.
 

Ursula Trappe: Kommunikation 2.0 in der Soziologie – welche Formate gehören noch dazu?


 
Leonhard Dobusch: Da ist die Frage relevant, wie Leser ein Blog finden. Wir haben Stammleser, das ist aber eher eine Minderheit, und wir haben Leser, die uns zufällig finden, über das Googeln von Fachbegriffen etwa. Einen großen Teil unserer Leser erreichen wir über soziale Netzwerke. Wir haben einen Twitter-Account für das Blog, aber auch über unsere persönlichen Accounts auf Facebook und Twitter verbreiten wir neue Artikel. Beispielsweise gehörten wir damals bei den Erfolgen der Piraten-Partei zu den Ersten, die über diese politischen Wahlerfolge auch auf Englisch gebloggt haben. Nach dem Erfolg der Partei in Berlin habe ich noch in der Nacht den Blogeintrag geschrieben. Er ist binnen kürzester Zeit auf der ganzen Welt verbreitet worden, der sechste oder siebte Retweet war schon von einem brasilianischen Blogger. Das war extrem schnell und nur im Zusammenspiel aus Blog und sozialen Medien zu erreichen.
 
Sigrid Quack: Bei einem Beitrag, den ich während der Finanzkrise über Fair-Value-Accounting geschrieben habe, hat uns alle die große Zugriffshäufigkeit überrascht.
 
Philip Mader: Das ist immer noch unser „Bestseller“!
 
Sigrid Quack: Damals kam der Großteil der Zugriffe von Personen, die im Zusammenhang mit der G20-Verlautbarung, Accounting sei auch eine Ursache der Finanzkrise, nach „Fair Value“ gegoogelt haben. Ein technischer Gegenstand wie Rechnungslegung war auf einmal auf der Weltbühne der großen Politik. In einem solchen Fall führt das Timing dazu, dass man eine enorme Verbreitung erzielt und auch andere Öffentlichkeiten, nicht nur die wissenschaftliche, erreicht.
 
Philip Mader: Es gibt eine ganze Bandbreite von Blogkonzeptionen – von Blogs, in denen Professoren posten, wenn sie ein neues Paper veröffentlicht haben, bis hin zu Blogs, die essayistisch verfasst sind, oder solchen, die neue Forschungsergebnisse bekannt machen. Das ist eine große Medienlandschaft für sich, die man, wenn man in seinem Forschungsfeld „up to date“ bleiben will, nicht vernachlässigen sollte.
 

Ursula Trappe: Ihr Statement zum Thema Open Access?


 
Leonhard Dobusch: Nun, das Buch ist Open Access, das Blog ist Open Access, beide sind Creative-Commons-lizenziert. Also ich würde sagen, wir reden nicht nur, wir machen. Hinzu kommt, dass wir in unserem Blog über Open Access als Thema schreiben, weil es auch in unser Forschungsfeld fällt.
 
Sigrid Quack: Der Druck auf die wissenschaftlichen Verlage wird durch die Beschlüsse der EU und der nationalen Regierungen größer. Aber auch den Wissenschaftlern selbst kommt eine entscheidende Rolle gegenüber den Verlagen zu. Nicht unbedingt den jüngeren, denn die sind in einer schwierigen Position, aber den Senior Researchers und denen, die in Editorial Boards sind: ein Thema, zu dem ich noch einen Blogbeitrag schreiben will.
 

 
Leonhard Dobusch ist seit 2012 Juniorprofessor für Management, insbesondere Organisationstheorie, an der Freien Universität Berlin. Nach Aufenthalten als Gastwissenschaftler an der Stanford Law School sowie zwischen 2008 und 2009 als Stipendiat am MPIfG war er dort zuvor als Postdoc tätig. Dobusch studierte Betriebswirtschaft und Rechtswissenschaft in Linz und promovierte am DFG-Graduiertenkolleg „Pfade organisatorischer Prozesse“ zum Thema „Windows versus Linux: Markt – Organisation – Pfad“ an der Freien Universität Berlin.
In seinen Forschungsprojekten widmet er sich der privaten Regulierung und Standardisierung, insbesondere im Bereich des Urheberrechts, sowie den Herausforderungen beim Management digital-transnationaler Gemeinschaften.
 
Philip Mader ist seit Juni 2012 Postdoc-Stipendiat am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. Er hat Volkswirtschaft und Entwicklungsforschung an der University of Sussex, Brighton, studiert und seinen Master in Entwicklungsforschung an der University of Cambridge gemacht. 2012 wurde er an der Universität zu Köln promoviert.
Seine Forschungsschwerpunkte liegen in den Bereichen Wirtschaftsentwicklung und Zivilgesellschaft, Einbettung von Märkten sowie Mikrofinanzierung und institutioneller Wandel.
 
Sigrid Quack ist seit 2007 Leiterin der Forschungsgruppe „Grenzüberschreitende Institutionenbildung“ am MPIfG und seit 2008 außerplanmäßige Professorin an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln. Im Oktober 2013 übernimmt sie den Lehrstuhl für Soziologie, insbesondere Gesellschaftsvergleich und Transnationalisierung, an der Universität Duisburg-Essen.
In ihren aktuellen Forschungsprojekten am MPIfG, die sie als assoziierte Wissenschaftlerin fortführen wird, befasst sie sich mit politikfeldspezifischen Verläufen transnationaler Governance und Wechselwirkungen zwischen globaler Regelsetzung und lokaler Implementierung.
 
Zum Weiterlesen
  • Leonhard Dobusch, Philip Mader und Sigrid Quack (Hrsg.): Governance across Borders: Transnational Fields and Transversal Themes. Berlin: epubli GmbH 2013.
  • Leonhard Dobusch, Philip Mader und Sigrid Quack (et al.): governance across borders. Das Blog governance across borders wurde 2009 von der Forschungsgruppe „Grenzüberschreitende Institutionenbildung“ am MPIfG unter der Leitung von Sigrid Quack ins Leben gerufen. Die Mitglieder der Forschungsgruppe und Gäste diskutieren hier Ideen, Konzepte und Beispiele alter und neuer Formen transnationaler Regulierung in Bereichen wie Urheberrecht, Mikrofinanzen, Arbeits- und Umweltstandards. Inzwischen erschienen hier rund 220 Beiträge, von denen ein Teil 2013 im gleichnamigen Buch veröffentlicht wurde.

 
Quelle
Ursula Trappe im Gespräch mit Leonhard Dobusch, Philip Mader und Sigrid Quack: „Blogs sind eine Art öffentlicher Zettelkasten.“ In: Gesellschaftsforschung 1/2013. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2013, 7-11.

 
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