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 MPIfG - Aus der Forschung - Interviews und Hintergründe

 

 

Vertrauen, Sicherheit, Kreativität:
Soziologische Forschung auf illegalen Märkten


Ursula Trappe im Gespräch mit Matías Dewey, Nina Engwicht und Annette Hübschle-Finch
 

 
Die wirtschaftssoziologische Forschung lässt illegale Märkte weitgehend unbeachtet. Wenn überhaupt, werden illegale Märkte aus juristischer beziehungsweise kriminologischer Perspektive untersucht. Die Fixierung auf das Normale und Legale ist ohne Zweifel ein Defizit soziologischer Theoriebildung. Was bedeutet es für die Funktionsweise eines Marktes, wenn Produktion, Distribution, Verbrauch oder Handel eines Gutes illegal sind? Vor diesem Hintergrund untersuchen Forscherinnen und Forscher am MPIfG Strukturprinzipien illegaler Märkte sowie die Schnittstellen und Übergänge zwischen illegalen Märkten und der legalen Ökonomie. Hier berichten sie über ihre Eindrücke und Erfahrungen aus ihren Feldforschungsaufenthalten in Argentinien, Südostasien, Sierra Leone und im südlichen Afrika.
 
Moderation: Ursula Trappe, Forschungskoordinatorin am MPIfG
 

Ursula Trappe: Sie sind gerade von mehrmonatigen Feldforschungsaufenthalten zurückgekehrt. Die Qualität der Forschungsergebnisse hängt sehr von der Art der Kontakte vor Ort ab. Welche Kontakte waren besonders wichtig und wie sind diese zustande gekommen?


 
Annette Hübschle-Finch: Ich hatte bereits eine ganze Reihe von Kontakten zu professionellen Netzwerken und Regierungsvertretern durch meine Forschung zur organisierten Kriminalität im südlichen Afrika. Auf diese zurückzugreifen und bereits als Wissenschaftlerin bekannt zu sein, half mir, Türen zu öffnen und Kontakt zu Schlüsselpersonen aufzunehmen.
 
Nina Engwicht: Für die Feldforschung in Sierra Leone waren zwei Arten von Kontakten besonders wichtig: Zum einen hatte ich Ansprechpartner, die mich in die sierra-leonische Gesellschaft einführen konnten und mich Personen vorgestellt haben, die mir mit meiner Forschung weiterhalfen. Dann gab es Schlüsselpersonen wie einen der großen Diamantenexporteure in Sierra Leone, der es mir ermöglicht hat, teilnehmende Beobachtungen in seinem Büro durchzuführen. Das war ein sehr wichtiger Teil meiner Forschung. Nichts wurde zensiert, alles konnte ich miterleben. Zudem hat er mir weitere Kontakte verschafft, sowohl zu staatlichen Akteuren als auch zu anderen Diamantenhändlern. Das waren Empfehlungen, die wichtiger waren als die Empfehlungsschreiben des MPIfG oder der Universität in Sierra Leone.
 
Matías Dewey: Ich hatte in Argentinien bereits Kontakte zu Regierungsbeamten, Polizisten und Richtern durch meine Feldforschung über gestohlene Fahrzeuge. Für mein aktuelles Projekt zum Markt „La Salada“ in Buenos Aires war auch der Kontakt zu einer Nichtregierungsorganisation wichtig, über die ich Kontakte zu den Verkäufern und Käufern auf diesem Markt herstellen konnte. Ich habe für diese Organisation vier Monate lang nebenbei als Feldhockeytrainer gearbeitet und so Kontakte zu diesem Personenkreis aufgebaut.
 

Ursula Trappe: Wie ist es gelungen, eine Vertrauensbasis aufzubauen?


 
Annette Hübschle-Finch: Im Fall des Marktes für Rhinozeroshorn war es entscheidend, stets Anonymität und Datenschutz zuzusichern. Selbst für Vertreter der Polizei oder von Nichtregierungsorganisationen war es wichtig zu wissen, dass ihr Name nicht genannt und kein Attribut verwendet wird, an dem sie zu erkennen sind. Natürlich kommt es auch darauf an, mit wem man spricht und wie viel Zeit man sich nehmen kann. Bei Beamten ebenso wie bei Gefängnisinsassen musste ich die ein, zwei Stunden, die man mir eingeräumt hat, zu einhundert Prozent ausnutzen, straight to the point. Vor allem musste ich schnell glaubhaft machen, dass ich nicht von der Polizei oder den Medien bin und im Falle der Gefängnisinsassen, dass ich nichts mit dem Gefängniswesen zu tun habe. Alles hing davon ab, die Menschen davon zu überzeugen, dass ich tatsächlich Forscherin bin.
 
Nina Engwicht: Ich habe den Eindruck gewonnen, dass Gehen und Wiederkommen ein ganz wichtiges Moment ist, um eine Beziehung zu Interviewpartnern aufzubauen. Direkt von Anfang an habe ich in Sierra Leone Zugang zum Diamantenmarkt bekommen, Interviews führen können und sehr viel über die Marktstruktur herausgefunden. Doch als ich einige Zeit später zurückgekehrt und danach noch öfters wiedergekommen bin, habe ich ganz andere Informationen erhalten. Es ist mir aus ethischer Sicht wichtig, immer klarzumachen, was ich erforsche und dass die Teilnahme an meiner Forschung freiwillig ist. Ich empfinde es als zwiespältig, strategisch vorzugehen. Auch Kompensationen oder kleine, lokal sehr übliche Gastgeschenke helfen, eine Beziehung aufzubauen, sind aber in einem ethischen Grenzbereich angesiedelt. Wenn sich jemand in einem Interview äußert, kann das auch negative Folgen für diese Person haben. Daraus leitet sich eine Verantwortung ab.
 
Matías Dewey: Da die Legitimität von „La Salada“ als Bekleidungsmarkt meines Erachtens größer ist als im Falle der illegalen Märkte für Rhinozeroshorn oder Diamanten, ist der Zugang deutlich einfacher. Vertrauen habe ich aufgebaut, indem ich erklären konnte, dass ich für die lokale Universität in Buenos Aires forsche und es in meinem Projekt um kleine Entrepreneure im textilen Bereich geht. Zu Beginn eines Interviews habe ich „Hallo“ gesagt, und der zweite Satz war sofort: „Ich bin kein Journalist.“ Außerdem sage ich immer, dass ich auf Deutsch oder Englisch schreibe und publiziere, damit die Menschen eine gewisse Distanz wahrnehmen.
 

Ursula Trappe: Annette Hübschle-Finch und Matías Dewey haben sich bei ihrer Forschung im südlichen Afrika und in Argentinien in Ländern aufgehalten, in denen sie bereits viele Jahre gelebt haben. Für Sie, Nina Engwicht, verhielt es sich in Sierra Leone anders – inwiefern war es ein Unterschied für die Interviewsituationen, dass Sie eine Ausländerin waren?


 
Nina Engwicht: Viele denken, dass es für eine europäische Frau schwieriger ist, über den illegalen Markt für Diamanten zu forschen. Aber als Forscher nimmt man immer irgendeine Rolle ein, ob als Sierra Leoner, als Sierra Leonerin, als europäischer Mann oder als europäische Frau. Jede dieser Rollen hat Vor- und Nachteile. Fremd zu sein kann ein Vorteil sein: Meine Interviewpartner erklärten mir alles von Grund auf und zeigten sich an meiner Forschung sehr interessiert. Dass eine Frau auf einem anderen Kontinent für ihre Doktorarbeit forscht, war für viele eine völlig fremde Vorstellung, aber dadurch gerade ein Anreiz, mit mir zu sprechen.
 

Ursula Trappe: Inwiefern sind illegale Märkte auch identitäts- und ordnungsstiftend für die Händler?


 
Matías Dewey: „La Salada“ ist für Händler, die am Rande der Gesellschaft leben, ein individueller „American Dream“, die Möglichkeit, zum economic citizen zu werden. Sie sehen sich gerne als Unternehmer. Ordnungsstiftend ist, dass die Bezeichnungen des formellen Marktes auch im informellen Markt genutzt werden. Die Akteure unterscheiden nicht zwischen formell und informell, das tun nur wir.
 
Annette Hübschle-Finch: Auch auf dem Markt für Rhinozeroshorn definieren die Akteure ihre Identität oft über die entsprechenden Rollen auf legalen Märkten: Die Wilderer nennen sich „Jäger“, die Kingpins, ihre Anführer, nennen sich „Unternehmer“. Entrepreneur ist auch hier ein sehr positives Wort … und Millionär!
 
Nina Engwicht: Illegale Märkte stiften aber durchaus auch negativ konnotierte Identitäten, etwa wenn sich illegale Diamantenschürfer als arbeitslos, arm und sozial abgehängt von der sierra-leonischen Gesellschaft sehen. Die Ordnung, die ich auf dem illegalen Diamantenmarkt kennengelernt habe, hat mich überrascht. Es gibt einen Markt, der neben einem Chairman und Elders – Chef und Ältesten – in jeder Sektion auch einen Schatzmeister, zwei Buchhalter und einen Presseverantwortlichen hatte. Auch gibt es einen gemeinsamen Fonds, in den alle einzahlen und der im Falle von Hochzeiten, Geburten, Krankheiten, Unfällen oder Tod von Angehörigen die Betroffenen unterstützt. Das ist eine Versicherung – in Sierra Leone ist kein Mensch versichert, wie wir es kennen. Dieser Markt hat eine entscheidende, Sicherheit generierende Wirkung auf das Leben der Menschen.
 

Ursula Trappe: Welche Regeln und Gesetze prägen die illegalen Märkte, die Sie erforscht haben? Gab es auch Kooperationen zwischen Akteuren von legalen und illegalen Märkten?


 
Nina Engwicht: Auf großen Teilen des heutigen illegalen Diamantenmarktes in Sierra Leone gibt es verbindliche Gesetze und Regeln sowie Möglichkeiten, diese gewaltfrei durchzusetzen. Mechanismen und Akteure des legalen und des illegalen Marktes sind eng miteinander verbunden. Wenn jemand einen Diamanten vom illegalen Markt stiehlt, arbeiten illegale Diamantenhändler mit dem Staat und dem legalen Markt zusammen, um den Stein wiederzubeschaffen. Denn grundsätzlich herrscht in Sierra Leone bei staatlichen, legalen und illegalen Akteuren Konsens darüber, dass möglichst viele – legale oder illegale – Diamanten letztlich von legalen Händlern gekauft und danach legal exportiert werden sollen, damit der Staat zu Steuereinnahmen kommt. Das führt dazu, dass der Staat faktisch illegales Handeln unterstützt.
 
Annette Hübschle-Finch: Ich habe von Fällen erfahren, in denen Akteure des illegalen Marktes der Polizei Hinweise gegeben haben, wenn zuvor Vereinbarungen gebrochen wurden. Dann gab es etwa Hinweise darauf, dass sich ein Rhinozeroshorn in einem bestimmten Flugzeug befand. Oftmals gibt es auch Gentlemen’s Agreements.
 
Matías Dewey: Auf „La Salada“ gibt es eine Art Steuersystem. Wer auf dem Markt gefälschte Bekleidung verkauft, muss dafür an die Manager der Märkte etwa 30 Euro pro Markttag bezahlen. Für diese Einnahmen gibt es einen zentralen Buchhalter. Sie werden marktweit gesammelt und an bestimmte Staatsorgane weitergegeben. Wir sprechen von mehreren Millionen Euro. Solche Systeme sind der Grund dafür, dass diese Art des Wirtschaftens Bestand hat. Niemand hat ein Interesse daran, auszusteigen. Händler und Staat profitieren, es gibt also wenig Anreize, dieses Geschäft zu beenden.
 

Ursula Trappe: Wenn ein anderer Forscher in die Länder und zu den Menschen reisen würde, über die Sie geforscht haben, was würden Sie ihm als zentrale Empfehlung mitgeben?


 
Annette Hübschle-Finch: Hilfreich ist es, vorher ausführlich über Land und Leute zu recherchieren, nicht in teuren Hotels und Gasthäusern zu übernachten, nicht in westlichen Restaurants zu essen, sondern möglichst vielfältige Begegnungen mit der lokalen Bevölkerung zu suchen.
 
Nina Engwicht: Wichtig ist, im gesamten Forschungsprozess sehr offen für Erfahrungen zu sein, die nicht in das eigene Forschungsdesign hineinpassen. Viel eher muss man kreativ mit Situationen umgehen, in die man gerät, und kreativ mit Informationen arbeiten, die man erhält. Das war für die Forschung in Sierra Leone elementar, auch weil scheinbar Selbstverständliches nicht gegeben ist: Das betrifft praktische Dinge wie Elektrizität, Straßen oder das Handynetz, aber ebenso auch eine Vorstellung der Bevölkerung davon, was Anonymität in der Forschung bedeutet.
 
Matías Dewey: Wir forschen über illegale Märkte, doch das ist unsere Defi nition. Was aber ist „illegal“ für die Menschen vor Ort? Solche Fragen kann man nicht vom Schreibtisch in Deutschland aus beantworten. Ich habe von den Menschen von „La Salada“ viel gelernt. Oft nehmen wir an, dass Menschen in einer unsicheren Umwelt nur schwer leben können, weshalb wir uns selbst eine unglaublich sichere Welt geschaffen haben. So glauben wir, die Zukunft beherrschen zu können. Das heißt nicht, dass ich den Lebensstil auf „La Salada“ idealisieren möchte. Solche grundlegend verschiedenen Einstellungen sind aber bedeutend für sozialwissenschaftliche Theorien. Das Erleben eines Marktes wie „La Salada“ kann Annahmen und Kategorien der Sozialwissenschaften entscheidend verändern.
 

 
Matiás Dewey ist seit 2013 Wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIfG. Er wurde 2008 an der Universität Rostock im Fach Politikwissenschaft promoviert. Er ist Mitglied des Wissenschaftskomitees des Netzwerks argentinischer Wissenschaftler in Deutschland (RCAA).
Forschungsprojekt: Krise als Chance: Illegale Märkte in Krisenzeiten. Phänomene sozioökonomischer Instabilität, wie Hyperinflation oder Nachkriegsdepression, fördern die Entstehung illegaler Märkte oder verändern die Struktur bereits vorhandener. Das Projekt soll Aufschluss über die Interaktion von illegalen Märkten mit Situationen geben, die durch den plötzlichen Verlust von Kaufkraft oder die Erwartung eines solchen gekennzeichnet sind. Ziel ist es, einen Beitrag zu der Erforschung der Mechanismen zu leisten, die den Austausch illegaler Güter im Kontext einer Wirtschaftskrise vorantreiben.
 
Nina Engwicht ist seit 2011 Doktorandin an der International Max Planck Research School on the Social and Political Constitution of the Economy (IMPRS-SPCE). Sie studierte Politikwissenschaft, Neuere Geschichte, Publizistik und Kommunikationswissenschaft an der Universität Potsdam.
Forschungsprojekt: Illegale Märkte in Post-Konflikt-Gesellschaften. Der illegale Diamantenmarkt in Sierra Leone. Illegale Märkte spielen eine tragende Rolle in Bürgerkriegen und werden als großes Risiko für die Stabilität von Nachkriegsgesellschaften gesehen. Bislang ist jedoch weitgehend unbekannt, wie sich diese Märkte im Übergang von Krieg zu Frieden verändern. Das Dissertationsprojekt untersucht das Beispiel des illegalen Marktes für Diamanten in Sierra Leone.
 
Annette Hübschle-Finch ist seit 2011 Doktorandin an der International Max Planck Research School on the Social and Political Constitution of the Economy (IMPRS-SPCE). Sie hat Vergleichende und Internationale Politik und Geschichte sowie Kriminologie und Strafrecht an der University of Cape Town studiert. Von 2002 bis 2011 war sie am Institute for Security Studies in Kapstadt wissenschaftliche Mitarbeiterin im „Organised Crime and Money Laundering Programme“ zu informellen Märkten im Afrika südlich der Sahara.
Forschungsprojekt: Der illegale Markt für Rhinozeroshorn. Das Dissertationsprojekt untersucht die Auswirkungen von Illegalität auf die Entstehung, Funktionsweise und Struktur des illegalen Marktes für Rhinozeroshorn. Ziel ist es, zu verstehen, wie auf diesem Markt die drei Koordinationsprobleme Wettbewerb, Bewertung und Kooperation gelöst werden und welchen Einfluss Illegalität und Transnationalität sowie kulturelle Überzeugungen darauf haben.
 
Quelle
Ursula Trappe im Gespräch mit Matías Dewey, Nina Engwicht und Annette Hübschle-Finch: Vertrauen, Sicherheit, Kreativität. Soziologische Forschung auf illegalen Märkten. In: Gesellschaftsforschung 2/2013. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2013, 16-20.

 
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