Fenster schließen
 MPIfG - Aus der Forschung - Interviews und Hintergründe

 

 

Zeitgeschichte und Diffusionsforschung – Zwei innovative Forschungsvorhaben


Ariane Leendertz und Mark Lutter im Gespräch mit Ralf Grötker
 

 
Die Zeithistorikerin Ariane Leendertz und der Soziologe Mark Lutter im Gespräch über unterschiedliche Ansätze in der Soziologie und Geschichtswissenschaft und die Arbeitsvorhaben ihrer Forschungsgruppen.
 
Moderation: Ralf Grötker
 

Ralf Grötker: Herr Lutter, Frau Leendertz – was sind die übergreifenden Themen Ihrer Forschungsgruppen?


 
Mark Lutter: Allgemein gesprochen beschäftigen wir uns mit sozialen Strukturen, die relevant sind für Prozesse der Ausbreitung oder Diffusion. Solche Strukturen können beispielsweise Netzwerke sein, innerhalb derer sich Informationen verbreiten, oder bestimmte Praktiken wie etwa Gleichstellungspolitik in Unternehmen. Aber auch Gesetze, die in ähnlicher Form über einen gewissen Zeitraum hinweg in vielen Ländern eingeführt werden, zählen wir dazu. Unsere übergreifende These ist, dass Ausbreitungsprozesse jeglicher Art maßgeblich von der Netzwerkeinbettung gesteuert werden – und nicht notwendigerweise dadurch, dass das, was besonders erfolgreich ist, die besten Qualitäten aufweist.
 

Ralf Grötker: Was hat das mit Ihrem bisherigen Forschungsthema zu tun – den Winner-take-all-Märkten?


 
Mark Lutter: In beiden Fällen geht es um die Konzentration von extremem Erfolg. Diffusion ist eine Variante einer solchen Erfolgskonzentration. Und in beiden Fällen geht es um die Auseinandersetzung mit den Wirtschaftswissenschaften, die davon ausgehen, dass die erfolgreichsten Lösungen zugleich immer auch die optimale Antwort auf die Anforderungen des Marktes darstellen. Genau das stellen wir in Frage.
 
Ariane Leendertz: Für meine Forschungsgruppe besteht die Herausforderung hauptsächlich darin, an einem gesellschaftswissenschaftlichen Institut genuin zeitgeschichtliche Perspektiven zu etablieren. Die Zeitgeschichte ist den Sozialwissenschaften nicht fremd. In der Sozialforschung geht es oft darum, die Wurzel von Problemen, mit denen wir heute zu kämpfen haben, in der Vergangenheit ausfindig zu machen. Wir Historiker sind dagegen eher bestrebt, uns gewissermaßen von der Gegenwart abzukoppeln. Uns interessieren Möglichkeitskonstellationen, die es in der Vergangenheit gab. Von diesen Konstellationen führt jeweils nur ein einziger Weg in die heutige Wirklichkeit. Wir wollen aber auch die anderen Pfade untersuchen.
 

Ralf Grötker: Wie kann man so etwas in einem Forscherteam angehen?


 
Ariane Leendertz: Die Gruppe hat ein gemeinsames Dach: Die Geschichte der 60er- bis 90er-Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts. Uns interessiert: Gibt es in diesem Untersuchungszeitraum, insbesondere in den 70er- und 80er-Jahren, tatsächlich so etwas wie einen Strukturbruch? Viele Sozialhistoriker behaupten das. Uns interessiert insbesondere der Aspekt der ebenfalls häufig behaupteten Ökonomisierung des Sozialen. Lässt sich so etwas beobachten? Um dieser Frage nachzugehen, müssen wir viele unterschiedliche Phänomene zugleich untersuchen und auf mögliche Zusammenhänge hin analysieren. Das ist ganz anders als in der empirischen Sozialforschung.
 

Ralf Grötker: Was genau ist der Unterschied? Man könnte vielleicht sagen, dass die generalisierbaren Aspekte in der Forschung von Mark Lutter eine größere Rolle spielen: übergreifende Prinzipien; Methoden, die immer weiter verfeinert werden; Datenbanken, die man als Experimentierfeld aufbaut.


 
Mark Lutter: Am Ende sind wir bestrebt, Kausalaussagen darüber zu machen, wie Ausbreitungsprozesse funktionieren. Meine Hoffnung wäre natürlich, dass wir damit auch Historikern, die sich mit spezifischen Veränderungsprozessen befassen, Erkenntnisse über Veränderungsmechanismen an die Hand geben können.
 

Ralf Grötker: Worauf achten Sie besonders beim Aufbau Ihrer Forschungsgruppen?


 
Mark Lutter: Das thematische Interesse ändert sich oft während der Betreuung. Ich selbst versuche dabei, den Doktoranden meine eigenen Erfahrungen und Vorstellungen davon mit auf den Weg zu geben, wie sozialwissenschaftliche Forschung aussehen sollte. Vornehmlich wünsche ich mir eine Soziologie, die das, was sie behauptet, auch empirisch zu belegen und falsifizieren versucht.
 
Ariane Leendertz: Die Mitglieder der Gruppe müssen die Geschichte des westeuropäischen und US-amerikanischen zwanzigsten Jahrhunderts sehr gut kennen. Spezielle thematische Interessen spielen eine geringere Rolle. In der historischen Forschung gibt es einen starken gemeinsamen Kern in der Methodik: die Quellenarbeit. Ausgehend davon gibt es unterschiedliche Verfahren, um Hypothesen zu belegen. Anders als bei den Forschungsmethoden von Mark Lutter gehören dazu auch qualitative Diskursanalysen.
 

Ralf Grötker: Was konkret hat Ihre Forschungsgruppe bislang unternommen?


 
Ariane Leendertz: Wir haben mit Begriffsklärung begonnen. Was verstehen wir unter „Ökonomisierung des Sozialen“? Damit haben wir uns in einer Arbeitsgruppe befasst, der auch Kolleginnen der Universität angehören. Unser Ziel dabei ist nicht, eine Zeitdiagnose zu entwerfen, sondern vielmehr, einen analytischen Kern des Ökonomisierungsbegriffes herauszuarbeiten. Solch ein Kern kann zum Beispiel in Strukturmerkmalen bestehen, die nicht beschränkt sind auf die Entwicklung zu einem bestimmten historischen Zeitpunkt. Allerdings gilt unser Interesse nicht der Ökonomisierung per se, sondern Transformationen und Umbrüchen im sogenannten „langen“ zwanzigsten Jahrhundert allgemein, und hierbei insbesondere der Periodisierung. Die Epoche der 70er- und 80er-Jahre wird zum Beispiel oft beschrieben als das Ende des organisierten Kapitalismus. Uns interessiert: Was genau ist da zu Ende gegangen? Was hat neu begonnen? Kann Ökonomisierung als Analyserahmen eine andere Perspektive auf das vergangene Jahrhundert eröffnen und damit Wandlungsprozesse im späten zwanzigsten und frühen einundzwanzigsten Jahrhundert besser greifbar und verstehbar machen? Denn das ist ja auch gerade eine große Herausforderung der Zeitgeschichte, nämlich Wege zu finden, wie man die allerjüngste, bis in die Gegenwart reichende Phase der Vergangenheit adäquat beschreiben kann.
 
Mark Lutter: Versuchst Du auch, Ökonomisierung zu erklären, statt diese zu beschreiben? Suchst Du auch nach Faktoren, die zu der Entwicklung beitragen?
 
Ariane Leendertz: Ja, natürlich. Aber zunächst einmal gilt es, mithilfe eines spezifischen Begriffs- und Analyserahmens überhaupt darzustellen, was denn eigentlich „die Entwicklung“ war – historistisch ausgedrückt: darzustellen und zu verstehen, was eigentlich passiert ist. Beschreibung und Erklärung sind in der geschichtswissenschaftlichen Arbeitsweise, ebenso wie in der historiografischen Darstellung der Forschungsergebnisse, zumeist eng ineinander verschränkt. Um zu verstehen, was geschehen ist, müssen wir natürlich auch zu erklären versuchen, warum etwas geschehen ist oder was zu der beschriebenen Entwicklung beigetragen hat. Anders als viele Sozialwissenschaftler verknüpfen wir unsere Erklärungen aber in der Regel nicht mit der Suche nach allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, sondern finden sie jeweils in sehr spezifischen historischen Konstellationen und einem komplexen, nur teilweise in Kausalbeziehungen aufzulösendem Zusammenspiel von Faktoren und Kontingenzen. Um ein Verständnis von so etwas wie Ökonomisierung zu erhalten, schauen Historiker sich beispielsweise über einen längeren Zeitraum hinweg den Einfluss von ökonomischen Experten in unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern an, wie der öffentlichen Verwaltung und der Politikberatung. Oder die Rolle der Wirtschafts-Thinktanks und von Wirtschaftsgutachten, die von der Politik eingeholt werden. Oder den Stellenwert von Wirtschaft in den Medien. Das Geschäftsfeld von Beratungsfirmen, die auf einmal in Stadtverwaltungen und Ministerien eine sehr aktive Rolle spielen. Wir diagnostizieren dann eine Ökonomisierung dort, wo diese Akteure in Bereiche eindringen, wo sie zuvor noch nicht präsent waren.
 

Ralf Grötker: Herr Lutter: Auf welchem Stand ist Ihr Forschungsteam?


 
Mark Lutter: Derzeit untersuche ich die Rolle sozialer Akzeptanz bei der Ausbreitung neuer Organisationsformen oder Praktiken. Eine Studie, an der ich zusammen mit Luke Dauter von der University of California-Berkeley arbeite, untersucht anhand der Ausbreitung von Charter-Schulen in den USA, wie die schrittweise Zunahme der sozialen Akzeptanz dieser neuen Organisationsform ihre weitere Ausbreitung bestimmt – und zwar unabhängig von ihrer Performanz oder ihrer tatsächlichen Notwendigkeit (also beispielsweise dann, wenn die alten Schulformen in Schultests als gut evaluiert werden). Eine weitere Studie, die ich gemeinsam mit Daniel Kinderman von der University of Delaware verfasse, untersucht die Bestimmungsfaktoren der zunehmenden Ausbreitung von Corporate Social Responsibility (CSR) bei Organisationen in OECD-Ländern seit den frühen 80er-Jahren. Während bisherige Studien die These vertreten, CSR verbreite sich als „institutionelles Substitut“ gerade in Zeiten zunehmender Marktliberalisierung, behaupten andere, dass CSR die Rolle einer „institutionellen Spiegelung“ bestehender organisierter Marktwirtschaft zukommt. CSR breitet sich hiernach besonders stark in koordinierten Ökonomien aus. In dieser Studie argumentieren wir, dass beide Lager richtig liegen, allerdings zu unterschiedlichen Zeitpunkten und unter verschiedenen Bedingungen. CSR ist zuerst ein institutionelles Substitut, dessen Ausbreitung mit Liberalisierung korreliert. Gewinnt CSR jedoch an sozialer Akzeptanz durch ihre eigene Ausbreitung, so wendet sich das Blatt. Ihre Ausbreitung wird dann auch in koordinierten Makroökonomien wahrscheinlich. Voraussetzung hierfür ist aber eine vorherige ausreichende Zunahme an CSR-Praktiken und damit ein ausreichender Gewinn an Legitimität.
 

 
Forschungsgruppe „Transnationale Diffusion von Innovationen“
 
In einer globalisierten Gesellschaft spielen Innovationen eine immer bedeutendere Rolle. Doch welche Faktoren bestimmen, wie sich Innovationen zwischen Individuen, Netzwerken, Organisationen und Gesellschaften ausbreiten? Wie setzen sich neue Organisationsformen, Gesetzgebungen, technische Errungenschaften oder kulturelle Normen, Moden und Geschmack durch? Die Forschungsgruppe arbeitet am Entwurf einer soziologischen Theorie der Diffusion. Besonderes Interesse liegt dabei auf der Analyse sozialer Prozesse und deren Wirkung auf die Verbreitung von Innovationen. Inwiefern lassen sich Diffusionsprozesse durch soziale Einbettungsformen des Handelns wie etwa soziale Ansteckung, Interaktion, Netzwerke sowie soziale und kulturelle Kapitalformen erklären?
 
Potenzielle Themen: Ausbreitung und Akzeptanz von Charter-Schulen in den USA; Ausbreitung und Akzeptanz von CSR-Organisationen in OECD-Ländern.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Mark Lutter: Do Women Suffer from Network Closure? The Moderating Effect of Social Capital on Gender Inequality in a Project-Based Labor Market, 1929 to 2010. American Sociological Review, 80(2), 329–358 (2015).
  • Mark Lutter: Strukturen ungleichen Erfolgs: Winner-take-all-Konzentrationen und ihre sozialen Entstehungskontexte auf flexiblen Arbeitsmärkten. Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie, 65(4), 597–622 (2013).

 
Forschungsgruppe „Ökonomisierung des Sozialen und gesellschaftliche Komplexität“
 
Die Forschungsgruppe untersucht die Zusammenhänge zwischen dem politischen und wissenschaftlichen Umgang mit gesellschaftlicher „Komplexität“ und der „Ökonomisierung des Sozialen“ seit den 1970er-Jahren. Auf das seinerzeit konstatierte politische Problem vermeintlich zunehmender gesellschaftlicher Komplexität gab es unterschiedliche Antworten. Eine davon lautete, als zu „komplex“ erscheinende Zusammenhänge aus dem Aufgabenbereich des Staates heraus zu definieren und gesellschaftliche Steuerung anderen Kräften, wie dem Markt, zu überlassen. Mit diesem Argument wurden, ausstrahlend von den USA und Großbritannien, Deregulierung und wirtschaftliche Liberalisierung vorangetrieben. Vor diesem Hintergrund ist es das Ziel der Forschungsgruppe, mit der „Ökonomisierung des Sozialen“ einen Analyserahmen zu entwickeln, der wirtschafts- und sozialgeschichtliche sowie ideen- und kulturgeschichtliche Perspektiven integriert. Zugleich soll das Konzept diachron offen sein, um die Einbettung der Zeit nach den 1970er-Jahren in die Geschichte des langen zwanzigsten Jahrhunderts zu ermöglichen.
 
Potenzielle Themen: Vermarktlichung von politischer Sprache und Politikfeldern; Rhetoriken und die Praxis von Kosten-Nutzen-Analysen in der Politik; Subjektivierungsprozesse im Sinne einer „Ökonomisierung des Selbst“; der Einfluss von Unternehmensberatungen in der Politik; soziale und kulturelle Bedeutung der Expansion des Finanzsektors.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Ariane Leendertz: Medialisierung der Wissenschaft: Die öffentliche Kommunikation der Max-Planck-Gesellschaft und der Fall Starnberg (1969–1981). Geschichte und Gesellschaft 40(4), 555–590 (2014).
  • Ariane Leendertz: „Finalisierung der Wissenschaft“: Wissenschaftstheorie in den politischen Deutungskämpfen der Bonner Republik. Mittelweg 36 22(4), 93–121 (2013).

 
Quelle
Zeitgeschichte und Diffusionsforschung – Zwei innovative Forschungsvorhaben: Ariane Leendertz und Mark Lutter im Gespräch mit Ralf Grötker. In: MPIfG Jahrbuch 2015-2016. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2015, 9-13.

 
Fenster schließen