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 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Bruno Amable:
Das Modell Vulkanasche


Hubert Beyerle
 

 
Der französische Ökonom warnt seine Zunft davor, den Politikern ihre Arbeit abzunehmen
 
In Frankreich gehört die Idee der Gleichheit zum Grundrepertoire der republikanischen Tradition. In Deutschland hüten sich selbst Politiker links von der Mitte, das Wort in den Mund zu nehmen. Eher schon taucht es als Warnung vor gefährlicher „Gleichmacherei“ auf, oder immerhin noch als Chancengleichheit. Die unterschiedliche gesellschaftliche Akzeptanz der Begriffe täuscht allerdings: Schaut man sich die Wirklichkeit des Bildungssystems an, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Rund neunzig Prozent der französischen Studenten quälen sich an den öffentlichen Universitäten durch überfüllte Vorlesungen und unterfinanzierte Studiengänge. Eine kleine Minderheit der Studenten kommt in den Genuss eines Studienplatzes an einer der elitären Grandes Écoles. Deren Absolventen besetzen in Wirtschaft und Politik seit jeher die Spitzenposten und werden es weiter tun – prominente Ausnahmen bestätigen die Regel. Wer hier studiert, hat für eine Aufnahme hart gekämpft, fühlt sich privilegiert. Zugelassen wird nur, wer eine Aufnahmeprüfung besteht – formell betrachtet ein meritokratisches System, eine faire Auswahl nach Talent und Leistung.
 
Schön wäre es, sagt Bruno Amable, der die Situation als Professor an der Universität Sorbonne gut kennt und seit September 2009 am MPIfG ein Forschungsjahr eingelegt hat. „Das französische Hochschulsystem ist weder fair noch effizient“, sagt er: „Ich würde es abschaffen.“ Denn der Zugang zu Bildung und Abschlüssen erfolgt auch in Frankreich nicht wirklich nach Leistung, sagt Amable: „Die entscheidende Selektion findet bereits vor der Aufnahmeprüfung statt.“ Tatsächlich finden sich auf den Grandes Écoles zu hohem Prozentsatz die Kinder derjenigen wieder, die selbst einmal dort studiert hatten. Es herrscht zwar Chancengleichheit nach formaler Definition. Aber das Ergebnis ist Ungleichheit, mutmaßlich mehr als in Deutschland, weil sich die Unterschiede, die zur Hochschule führen oder eben nicht, durch den ganzen Lebensweg ziehen – und noch darüber hinaus, bis in die Todesanzeigen.
 
Ist das schlimm? „Als Wissenschaftler kann ich nicht sagen, ob es schlimm ist, ich kann nur sagen, dass es so ist“, sagt Amable. Wissenschaft ist Analyse der Zusammenhänge. Was getan werden sollte, die Welt des Normativen, sei nicht mehr Sache des Wissenschaftlers, sondern des Politikers (im weitesten Sinne). „Natürlich kann ein Wissenschaftler seine Meinung haben und sie äußern“ – aber dann müsse er sich dazu bekennen und sich dem politischen Wettbewerb stellen: überreden und überzeugen also. Bei normativen Urteilen kann er sich nicht auf die Wissenschaft berufen. „Der Wissenschaftler kann als Wissenschaftler nur Wenn-dann-Aussagen machen. Die können dem Politiker dann als Entscheidungshilfe dienen, aber sie ihm nicht abnehmen.“
 
Warum beharrt jemand wie Amable, außer Frage ein sehr politischer Mensch, so auf der Unterscheidung von Sein und Sollen, die seit Immanuel Kant und Max Weber so prägend geworden ist für westliches Denken im Allgemeinen und moderne Wissenschaft im Besonderen? Wo doch längst ein postmodernes Schulterzucken Einzug gehalten hat: Wertfrei sei das Denken ohnehin nie, heißt es doch oft. Wer glaubt, dass er es sei, sei lediglich Opfer einer Illusion. Und diese sei gefährlicher als das Werturteil im vollen Bewusstsein der eigenen Subjektivität.
 
Woher kommt bei Amable dieses fast naiv anmutende Vertrauen in die vielleicht wichtigste Idee der Aufklärung? Eben genau weil er ein politischer Mensch ist und ihn daher der Missbrauch der Wissenschaft besonders stört. Ein Missbrauch, wie er ihn etwa betrieben sieht von Experten der OECD, die in ihren regelmäßigen Empfehlungsschreiben mit dem Titel „Going for Growth“ Reformen fordern.
 
Zum Beispiel: Die Forderung, den Arbeitsmarkt zu flexibilisieren, ist eine zutiefst wertbesetzte Forderung. „Eine solche Reform hat Folgen für viele. Es wird immer Menschen geben, denen es danach besser geht, anderen schlechter. Was sollen wir tun?“ Mit welchem Recht empfehlen die Ökonomen der OECD, den Arbeitsmarkt flexibler zu machen, wenn es vielen danach erst einmal eindeutig schlechter gehen wird? Natürlich kann es viele Gründe dafür geben: Etwa, wenn das Opfer kurzfristig ist und langfristig alle profitieren. Hat der idealisierte Planer dann das Recht, die Menschen zu ihrem Glück zu zwingen? Oder es kann sein, dass die Menschen noch nicht sehen oder sehen wollen, dass es ihnen besser gehen wird. Für Arbeitsmarktreformen mag das weniger gelten als für die Gesundheitspolitik oder die Altersvorsorge, wo selbst in den USA ein gewisses Maß an Paternalismus inzwischen intellektuell akzeptiert wird, wie ihn etwa Richard H. Thaler und Cass R. Sunstein begründen.
 
Die Frage bleibt: Darf – oder besser kann – der Wissenschaftler fordern? Oder ist ein Wissenschaftler, der fordert, streng genommen, keiner mehr? Die moralisch rigorose Position besagt: Wissenschaftlich ist nur, was jeder vernünftige Mensch – jedenfalls grundsätzlich – nachvollziehen können muss. Woran also kein vernünftiger Zweifel erlaubt ist. Der Rest ist Politik: Reformen lassen sich demnach nur in einer politischen Debatte begründen. „Ein politisches Problem lässt sich nicht entpolitisieren“, sagt Amable. In der Demokratie muss ein Reformanhänger also eine Mehrheit gewinnen, wenn er den Anspruch erheben will, dass die Reform gerechtfertigt ist.
 

« Ein politisches Problem lässt sich nicht entpolitisieren. »


 
Aber da fängt es schon an: Nicht von ungefähr ist die Demokratie fast überall eine repräsentative Demokratie. Heute wird keine politische Entscheidung getroffen, ohne dass im Voraus ein Teil der Entscheidung delegiert worden wäre. Überall sind Experten am Werk, die eine Entscheidung vorbereiten und damit prägen. Politiker stehen heute unter hohem Druck, Entscheidungen abzusichern, und greifen dabei auf wissenschaftliche Forschung zurück, bei ökonomischen Fragen nicht anders als beim Klimawandel oder der Risikoeinschätzung von Vulkanasche im Luftraum. Der deutsche Verkehrsminister stützte sich bei seiner Entscheidung zur tagelangen Sperrung des deutschen Luftraums auf Wetterexperten des Deutschen Wetterdienstes und des Vulcanic Ash Advisory Centre. Die Entscheidung war schwierig, weil es zu diesem Zeitpunkt noch keine Grenzwerte gab, an die er sich halten konnte. „Solange noch Zweifel an der Sicherheit des Luftverkehrs bestehen, werde ich keine Flugfreigabe erteilen“, sagte er. Eine politische Abwägung, keine Sache der Wissenschaft.
 
Die wirtschaftspolitische Alltagspraxis ist vom „Modell Aschewolke“ allerdings meilenweit entfernt. Nichts zeigt das besser als der Umgang mit der Idee „Reform“. Ob Agenda 2010, Gesundheits- oder Steuerreform. Mit dem Begriff „Reform“ wird in Amables Augen Schindluder getrieben. Sie ist sozusagen die sozialdemokratisch-sanfte Variante von Margaret Thatchers berüchtigter TINA („There is no alternative!“). Was bedeutet überhaupt Reform? „Reform ist eine politisch erzielte Veränderung der Gesellschaft. Wir sollten den Begriff Reform von seinem normativen Beiklang lösen.“ Denn jede Veränderung kennt Verlierer und dann gilt es ab- und aufzuwiegen – wissenschaftlich unmöglich.
 
Es kommt ein zweites Argument hinzu: Jedes Reförmchen in einem Teil des Mikadohaufens „Gesellschaft“ hat Konsequenzen an anderer Stelle. Es gibt Konsistenzen innerhalb der unterschiedlichen Kapitalismus-Varianten. „Man kann sich nicht einfach die Rosinen rauspicken. Wer den amerikanischen Arbeitsmarkt will, kann das nicht gleichzeitig zusammen mit einem europäischen Sozialstaat bekommen.“ Amables Kritik trifft einen Gegner, der ohnehin schwer angeschlagen ist, es sich aber nicht anmerken lässt. Die Monate nach dem September 2008, als die Investmentbank Lehman Brothers pleiteging, waren für die Ökonomenzunft außerplanmäßig. Von den wenigsten Vertretern der Zunft zugegeben, war die Krise ein Schock für die ökonomische Wissenschaft. Langsam regt sich immerhin neues Denken, in den USA mehr noch als in Europa. Die reine Marktlehre zieht immer weniger, selbst wenn der Staat und seine Institutionen durchaus eine Mitschuld an der Krise tragen.
 
Ist Amables Purismus auch eine Antwort auf die Krise? Könnte diese normative Selbstbeschränkung den Vertrauensverlust der Ökonomen wieder wettmachen? Das könnte sein, weil damit viel ärgerlicher Unsinn, der unter dem Deckmantel der Wissenschaft daherkommt, verschwinden würde. Aber zu welchem Preis? Der Rasenmäher des Purismus mäht das Unkraut weg, aber auch die Orchideen. Denn das fällt auch dem Laien auf: Eine Ächtung normativer Aussagen träfe auch die skeptischen Denker vom Typ John K. Galbraith, Amartya Sen, Joseph Stiglitz, Paul Krugman oder der jüngsten Ökonomienobelpreisträgerin Elinor Ostrom. Ein Neuanfang wird nicht einfach sein: „Der Anstoß für den Wandel muss von außen kommen.“ Die Wissenschaft selbst ist zu einem Ausbruch aus dem Zirkel nicht fähig. „Die Wissenschaft ist notwendigerweise selbstreferenziell, weil und insofern sie frei ist.“ Freiheit bedeutet, man braucht sich nichts sagen lassen. Bislang hat sich in der Disziplin noch kaum etwas verändert, zu stimmig ist das System in sich – so falsch es im Verhältnis zur Wirklichkeit ist.
 

« Ökonomen, die gewohnt sind, Monopole zu hassen, akzeptieren freiwillig das Denkmonopol des Neoliberalismus. »


 
„Wir brauchen mehr Offenheit, mehr Vielfalt. Ist es nicht paradox, dass Ökonomen, die gewohnt sind, Monopole zu hassen, freiwillig das Denkmonopol des Neoliberalismus akzeptieren?“ Sie sollten ja eigentlich wissen, welchen Preis sie damit zahlen. Noch deutet alles in die falsche Richtung. „Die Popularität von kritischen Köpfen wie Paul Krugman und Joseph Stiglitz darf uns nicht täuschen. Noch geht der Trend hin zu mehr Konformität. Die Dominanz formaler Kriterien führt zu Konformität. Wir erleben eine Art Blase eines bestimmten Denkens.“ Bleibt dem Laien die Frage, woher die Überzeugungskraft formaler Kriterien eigentlich kommt.
 
Amable schweigt nicht über das, worüber man nicht reden kann. Aber er hat auch ganz konkrete Forschungsfragen. Seine aktuelle Forschung dreht sich um die Frage, ob die Deregulierung von Produktmärken wirklich zu mehr Innovationen führt. Also, ob der Abbau von – meist „bürokratisch“ genannten – Vorschriften bei der Zulassung von Produkten oder Leistungen die Unternehmen und Forscher automatisch kreativ macht und zu nützlichen Erfindungen anregt. Scheint eigentlich nahezuliegen, stimmt aber nicht. Tatsächlich können im Gegenteil Vorschriften, etwa beim Thema Sicherheit, Menschen zu neuen Erfindungen anregen. Mehr Wettbewerb heißt also nicht automatisch mehr Innovation. Vielen dürfte das Ergebnis unangenehm sein. Forschung dieser Art geht gegen den Strom, aber sie könnte wichtig werden. Ein quasi ökologisches Argument: „Wir brauchen immer einen Plan B.“
 

« Nichts ist so gefährlich wie die Bereitschaft zur Alternativlosigkeit. »


 
Nichts, so Amable, ist so gefährlich wie die Bereitschaft zur Alternativlosigkeit. Das etwa habe dazu geführt, dass man die volkswirtschaftlichen Gefahren der hohen Schulden der privaten Haushalte übersehen hat, die nun sichtbar werden – in Ländern wie Großbritannien, USA und Spanien nach ihrer Umwandlung in staatliche Schulden. „Die herrschende Lehre wollte nicht erkennen, dass das angelsächsische Wachstumsmodell vor der Krise nicht nachhaltig war.“ Es litt unter „internen Widersprüchen“, weil es auf der ständigen Vermehrung von Schulden beruhte. Es war also nicht dauerhaft fortsetzbar. „Die Mehrheit der Ökonomen war blind dafür.“ In Deutschland gilt das wohl noch mehr als etwa in den USA.
 
Die Wissenschaft ist kein Spiegel der Gesellschaft, jedenfalls kein reiner: Die deutsche Gesellschaft ist weniger marktgläubig als die amerikanische. Dafür sind die deutschen Ökonomen tendenziell größere Anhänger einer reinen Lehre. In den USA haben viele Ökonomen längst den intellektuellen Spaß an der reinen Lehre verloren.
 
So, wie auch das Bildungssystem kein reiner Spiegel der Gesellschaft ist. Denn der deutsch-französische Vergleich nimmt hier noch einmal eine Wendung. Tatsächlich hatte Frankreich den internationalen Trend zu mehr Ungleichheit in den Jahren vor der großen Krise kaum oder gar nicht mitgemacht. Das wiederum ist, so Amable, der höheren Sensibilität der französischen Gesellschaft für Ungleichheit zu verdanken. Materiell ist Frankreich wohl homogener als Deutschland. Dafür wiederum ist die Ungleichheit in Frankreich wohl mehr eine kulturelle.
 

 
Quelle
Hubert Beyerle: Bruno Amable: Das Modell Vulkanasche. In: Gesellschaftsforschung 1/2010. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2010, 20-23.

 
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