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 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Lord Ralf Dahrendorf:
Demokratie als gebändigter Konflikt


Jürgen Zurheide
 

 
Lord Ralf Dahrendorf ist seit Februar 2008 Gast am MPIfG. Er lehrte als Professor für Soziologie an deutschen und amerikanischen Universitäten, war Direktor der London School of Economics (LSE), Rektor des St Antony’s College in Oxford, Prorektor der Universität Oxford und ist Forschungsprofessor am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung. Seit 1993 ist Dahrendorf Mitglied des britischen Oberhauses. Er ist Verfasser von Hauptwerken der Soziologie und einer der führenden Vertreter einer liberalen Gesellschafts- und Staatstheorie.
 
Wenige Tage vor der Präsentation des Kommissionsberichtes versagen ausgerechnet die Stimmbänder ihren Dienst, an einen öffentlichen Auftritt oder gar kameragerechte Erklärungen ist nicht zu denken. Aber einer wie Lord Dahrendorf lässt sich von solchen Hindernissen nur mäßig beeindrucken. Ohne zu Zögern macht er sich auf den Weg von Köln, wo er im Moment überwiegend wohnt, nach Düsseldorf und genauso selbstverständlich eröffnet er die letzte Sitzung des Gremiums. „Ich wollte mich doch bei jedem persönlich bedanken“, heißt das in seinen Worten und genauso kommt es. Den Gang vor die Presse erspart er sich allerdings und schickt seinen Stellvertreter Bodo Hombach.
 
Natürlich hätte er das Werk gerne selbst vorgestellt. „Das ist mein Bericht“, hatte er in den Tagen zuvor mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein jedem klargemacht, mit dem er über die Ergebnisse der Zukunftskommission geredet hat. Auf 41 Seiten und in 107 kurzen Abschnitten hat er die häufig kontroversen Debatten des Gremiums zusammengefasst, in dem 23 unabhängige Denker im Rahmen eines zwölfmonatigen Diskurses versucht haben, sich über die langen Linien für die Zukunft des größten Bundeslandes Nordrhein-Westfalen einig zu werden. Lord Dahrendorf hat Wissenschaftler, Politiker, Unternehmer und Gewerkschafter um den Tisch versammelt; Männer und Frauen auf dieses Thema verpflichtet, die in ihren jeweiligen Arbeitsfeldern gewohnt sind, alleine entscheiden zu können. Er hat im Übrigen nicht akzeptiert, wenn sich Kommissionsmitglieder, die gleichzeitig große DAX-Konzerne führen, in den Sitzungen von Mitarbeitern vertreten lassen – was dazu geführt hat, dass selten ein Stuhl leer blieb. Natürlich sind nicht alle Gegensätze aufgelöst worden; die hat die Kommission dann in sogenannte „Warum-nicht“-Fragen gepackt und die jeweiligen Pro- und Contra-Argumente aufgelistet. Dass der Text dennoch jede Menge Handlungsanweisungen für die Politik bietet, hat am Ende viel mit der Autorität des Vorsitzenden zu tun. „Wenn er nach längerer Debatte entschieden hat, das machen wir jetzt so, hat niemand mehr widersprochen“, gibt einer zu, der mit am Tisch gesessen hat.
 
Auf den ersten Blick könnte man meinen, es sei Zufall, dass die Präsentation des Kommissionsberichtes wenige Tage vor dem 80. Geburtstag von Lord Dahrendorf lag. Natürlich war dies nicht nur Zufall. Der öffentliche Intellektuelle – oder der Public Intellectual, wie er in seiner britischen Wahlheimat genannt wird – hätte gewiss die eine oder andere Gelegenheit genutzt, seine Ideen auch persönlich in den öffentlichen Diskurs einzubringen; genauso, wie er es in den zurückliegenden Jahrzehnten immer wieder getan hat – und dabei hätte sein persönlicher Ehrentag helfen können. Zeit seines Lebens ist er ein Wanderer zwischen den Welten geblieben, mal Wissenschaftler, dann Politiker, als EU-Kommissar einem Minister gleichgestellt und am Ende wieder als Rektor hochangesehener Universitäten wie der London School of Economics (LSE) oder des St Antony’s College in Oxford, wo eine der besonderen Feierstunden zu seinem 80. Geburtstag zelebriert wurde.
 
Die Laudatoren zeichneten das Bild eines Mannes, der seinen Geist immer zur Auseinandersetzung um die Sache genutzt hat – mit zivilisierten Umgangsformen, ganz so, wie es bester britischer parlamentarischer Tradition entspricht. 1993 ist er selbst Mitglied dieser Tradition geworden, nachdem ihn die Queen auf Lebenszeit in das Oberhaus aufnahm. Als Titel wählt er „Baron Dahrendorf, of Clare Market in the City of Westminster“, was ein typischer Dahrendorf ist, denn an jenem Marktplatz liegt das „Old Building“ der LSE. „Wenn es etwas gibt, woran ich stets geglaubt habe“, schreibt Beatrice Webb, Mitgründerin der LSE, „so ist es die Überzeugung, dass jeder Fortschritt auf der Grundlage gesicherter Fakten beruht und der sorgfältig durchdachten Vorschläge, die daraus folgen“. Diesen Satz würde Dahrendorf nicht nur unterschreiben, er hat ihn immer gelebt und bei seiner Antrittsrede im House of Lords 1993 in Worte gefasst: „Britannien ist ein Land der Bürgertugend, zu dem man aufgrund gemeinsamer Rechte und Werte des Bürgers gehört, nicht, wie in ethnisch definierten Gesellschaften, aufgrund von Blut und Herkunft. Solche Länder neigen zu offener, zivilisierter Art. Ich bin dankbar, Teil dieser Tradition geworden zu sein.“
 
Für einen wie Dahrendorf ist es geradezu Pflicht, sich an dem für die Entwicklung der Gesellschaft notwendigen Diskurs zu beteiligen, Auseinandersetzungen zu initiieren und sie wortmächtig zu befeuern. Dabei arbeitet er sich immer wieder an dem Begriffspaar Gleichheit und Freiheit ab; als überzeugter Liberaler ist er stets bereit, ein Stück Ungleichheit zu akzeptieren, wenn sich die Verhältnisse ändern und Ungleichheit jene produktive Unruhe entfaltet, die Gesellschaften am Ende insgesamt weiterbringt. Für Dahrendorf stehen natürlich gleiche Chancen im Mittelpunkt des Denkens, er verlangt vom Staat, dass er – vor allem über das Grundrecht auf Bildung – dafür sorgt, dass die Menschen befähigt werden, sich dem notwendigen Wettbewerb zu stellen. Demokratie ist für ihn die Form, in der die zwangsläufig notwendigen Konflikte gebändigt werden. „Sein Kompass war und ist immer auf das gleiche Ziel gerichtet“, hat Gräfin Dönhoff einmal gesagt, „auf politische Freiheit und geistige Liberalität“.
 
Er selbst hat sich auf unterschiedlichen Ebenen diesem Diskurs gestellt. Als junger Soziologie-Professor trat er – nach einer kurzen Mitgliedschaft in der SPD – der FDP bei, zählte rasch zu den führenden Köpfen in der liberalen Szene. Sein Gastspiel im Bundestag und als parlamentarischer Staatssekretär im Auswärtigen Amt währte nicht lang, 1970 wechselte er als Kommissar nach Brüssel. Dass ihm bei allem Selbstbewusstsein der Sinn für die kritische Reflexion des eigenen Tuns nicht abhanden kam, konnte man daran festmachen, dass er unter dem Pseudonym „Wieland Europa“ die Brüsseler Bürokratie und die Berufseuropäer mit spitzer Feder aufs Korn nahm.
 

« Zeit seines Lebens ist er ein Wanderer zwischen den Welten geblieben. »


 
Diese Spannungen und die systemimmanent notwendigen Konflikte waren allerdings für einen wie ihn nur begrenzte Zeit zu ertragen. Nach vier Jahren wechselt er zurück in die Wissenschaft, von der Politik kommt er gleichwohl nicht los. Ihn erreichen zahlreich Rufe um Rat, selten widersetzt er sich. „Ich bin wie ein Taxi, das durch die Gegend fährt und in dem immer mal wieder andere Leute zusteigen“, beschreibt er sein Verhältnis zur Politik und den Fragen der Zeit. Irgendwann erreicht ihn deshalb der Anruf aus Düsseldorf, ob er sich vorstellen kann, sich über die Zukunft des größten Bundeslandes Gedanken zu machen – natürlich sagt er zu, nachdem man ihm versichert hat, dass er freie Hand bei den Ergebnissen hat.
 
So macht er sich gemeinsam mit 22 Mitstreitern auf den Weg, die Besonderheiten des Bindestrichlandes zwischen Rhein und Weser zu erkunden. Eine Erkenntnis wächst rasch. „Nordrhein-Westfalen ist anders“, spürt er, wenn er das Land mit seiner württembergischen Heimat vergleicht. „Da gibt es gewaltige Mentalitätsunterschiede, etwa was die Freude an Veränderung angeht“, urteilt er. Folglich ermuntert Dahrendorf die politisch Verantwortlichen, künftig mehr als bisher dafür zu tun, die gut ausgebildeten Menschen in größerer Zahl als in der Vergangenheit im Lande zu halten und auf diesem Wege den Bildungsexport zu bremsen. Dass Bildung ein Grundrecht für alle ist, hat er schon früher formuliert, mit Blick auf NRW stellt er diesen Grundsatz in den Mittelpunkt. Weil er die Schwierigkeiten in der aktuellen politischen Debatte um die Schulformen kennt, umschifft er dieses Themenfeld und konzentriert die Arbeit der Kommission auf jene, die als Benachteiligte aus dem System fallen. „Wir reden über die, die nicht zum Abitur gehen“, heißt das in seinen Worten, und es folgen passgenaue Handlungsanweisungen, das Bildungssystem entsprechend umzustellen.
 

« Die Menschen haben auch ein Recht auf sichere Leitplanken, um nicht abzustürzen. »


 
Nicht zuletzt sein durch britische Erfahrungen geprägter Blick auf die Veränderungen am Arbeitsmarkt bringt ihn zu der Überzeugung, dass die Menschen besser auf die Flexibilitätsanforderungen der zukünftigen Wirtschaft vorbereitet werden müssen. „Stammbelegschaften werden überall abgebaut, das ist eine Realität“, weiß Dahrendorf, er fügt allerdings nahtlos an, „dass die Menschen trotzdem eine Grundsicherheit brauchen“. Er kleidet diesen Veränderungsprozess in die Worte: „Wir müssen Beschäftigungssicherheit für alle entwickeln und nicht Bestandssicherheit für wenige.“ Die Menschen, das entspricht seiner festen Überzeugung, werden sich künftig auf ein höheres Tempo an Veränderung einstellen müssen, aber sie haben auch ein Recht auf sichere Leitplanken, um nicht abzustürzen. Dahrendorf prägt deshalb die Formel: Innovation und Solidarität.
 
Dass die Politik ihm folgen wird, ist damit natürlich längst nicht ausgemacht. Aber er hat sich bewusst dafür entschieden, seinen Weg nicht als hauptberuflicher Politiker zu gehen, sondern als Public Intellectual, ein Mensch zwischen Ideen und Institutionen. Wolf Lepenies hat Dahrendorf in diesem Spannungsfeld so beschrieben: „Es zeichnet ihn aus, dass zwischen seinem wissenschaftlichen oder künstlerischen Werk und seinem Wirken in der Gesellschaft kein Gegensatz besteht: Beide bedingen und verstärken sich wechselseitig. Dieses Wechselspiel ist voller Spannung; sie wird bei Ralf Dahrendorf noch dadurch gesteigert, dass die Sphäre seines öffentlichen Wirkens mit gleich großer Intensität zwei Länder umfasst: Deutschland und Großbritannien.“ Dem ist nichts hinzuzufügen.
 

 
Zukunftskommission des Landes Nordrhein-Westfalen
Die im Mai 2008 eingesetzte Kommission soll die Landesregierung in Fragen der Zukunftsplanung beraten und Empfehlungen zur Bildungs-, Forschungs- und Wirtschaftspolitik sowie zur Solidarität in der älter werdenden Gesellschaft erarbeiten. Ihr gehören 23 Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur an. Vorsitzender der Kommission ist Lord Dahrendorf, zurzeit Gast am MPIfG, stellvertretender Vorsitzender ist Bodo Hombach. Wolfgang Streeck, Direktor am MPIfG, wurde von der nordrhein-westfälischen Landesregierung zum Mitglied berufen. Am 20. April 2009 überreichte die Zukunftskommission des Landes Nordrhein-Westfalen nach zwölfmonatiger Beratung ihren Abschlussbericht an den Ministerpräsidenten Jürgen Rüttgers. Der Bericht soll eine öffentliche Debatte anstoßen; nach einem halben Jahr wird Bilanz gezogen.
 

 
Quelle
Jürgen Zurheide: Lord Ralf Dahrendorf:
Demokratie als gebändigter Konflikt. In: Gesellschaftsforschung 2/2009. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2009, 21-24.

 
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