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 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Werner Eichhorst:
Die Praxis im Blick


Caspar Dohmen
 

 
Das Bonner Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA) ist seit 2005 Wirkungsstätte von Werner Eichhorst. Hier hat er zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter gearbeitet, seit 2014 ist er Direktor für Arbeitsmarktpolitik Europa an dem privaten und unabhängigen Wirtschaftsforschungsinstitut. Eine Bundestagswahl vor knapp zwanzig Jahren stellte die Weichen für den Weg des jungen Wissenschaftlers über die Politikberatung hin zu einer der Praxis zugewandten Wissenschaft, die er bis heute mit Überzeugungskraft vertritt – auch als Vorsitzender des Vereins der Freunde und Ehemaligen des MPIfG.
 
Bei der Bundestagswahl 1998 haben die Wähler in gewisser Weise auch über den Berufsweg von Werner Eichhorst entschieden. Eigentlich hatte sich der frisch promovierte Wissenschaftler gerade für einen Studienaufenthalt am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz entschieden. Doch dann kam die rot-grüne Bundesregierung an die Macht und Kanzler Gerhard Schröder machte MPIfG-Direktor Wolfgang Streeck zum wissenschaftlichen Kopf der "Arbeitsgruppe Benchmarking" im "Bündnis für Arbeit". Damals galt Deutschland nicht nur für den britischen Economist als "kranker Mann in Europa", angesichts von mehr als fünf Millionen Arbeitslosen und einer eklatanten Wachstumsschwäche. Die Wissenschaftler sollten Mittel und Wege finden, wie die Bundesregierung durch politische Reformen neue Jobs schaffen könnte. Für das wissenschaftliche Sekretariat wurden Mitarbeiter gesucht. Eichhorst, der gerade mehrere Jahre am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung geforscht und über "Europäische Sozialpolitik zwischen supranationaler Regulierung und nationaler Autonomie" in Konstanz promoviert hatte, bekam von Streeck ein Angebot und schlug ein. "Deswegen habe ich den rein akademischen Pfad schon ziemlich früh verlassen und mich dem Politik beratenden Feld der Wissenschaft zugewandt."
 
Der junge Wissenschaftler forschte fortan im Auftrag der Bundesregierung über die Probleme des deutschen Sozialstaates, besonders des Arbeitsmarktes – wichtig waren Vergleiche mit anderen Ländern. Eichhorst war anfangs begeistert, "denn die rot-grüne Regierung hatte offene Ohren für unsere Überlegungen". Aber das änderte sich und am Ende scheiterte das Bündnis für Arbeit krachend. "Die Politik hat letztlich doch gemacht, was sie wollte", sagt Eichhorst, "aber unsere Erkenntnisse haben indirekt nachgewirkt." Rot-Grün verabschiedete kurz nach dem Ende des Bündnisses für Arbeit die Hartz-Reformen – benannt nach einem Ratgeber aus der Wirtschaft, dem VW-Personalvorstand Peter Hartz.
 

« Die Politik hat letztlich doch gemacht, was sie wollte. »


 
Eichhorst blieb gleichwohl der angewandten Sozialwissenschaft und Politikberatung treu, zunächst bei der Bertelsmann Stiftung und später beim Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) in Nürnberg. Dann kehrte er 2005 ins Rheinland zurück, an das Institut zur Zukunft der Arbeit (IZA), wo er mittlerweile Direktor für Arbeitsmarktpolitik Europa ist. Er ist dort der einzige Nicht-Ökonom, "meine Fähigkeiten ergänzen sich gut mit den Kompetenzen der anderen", sagt er. Am IZA beschäftigt er sich derzeit unter anderem mit Jugendarbeitslosigkeit in Europa, den Auswirkungen der Digitalisierung auf die Arbeitswelt, dem Wandel der Erwerbstätigkeit und der Prekarisierung von Beschäftigung.
 
Gegründet wurde das IZA – ebenfalls 1998 – auf Initiative der Deutschen Post. Als alleiniger Gesellschafter des Instituts sorgt die Deutsche Post-Stiftung für die Grundfinanzierung des IZA. Eichhorst sieht darin einen großen Vorteil und hebt die wissenschaftliche Unabhängigkeit des IZA hervor: Gerade weil das Institut nicht darauf angewiesen sei, unter massivem Druck Drittmittel einzuwerben, könnten sich die Mitarbeiter auf die angewandte Forschung und eigenständige Politikberatung konzentrieren, ohne von Auftraggebern existenziell abhängig zu sein. Regelmäßig geht es um Anwendung: "Die Politikberatung, gerade auch im internationalen Umfeld, ist für mich bis heute zentral“, sagt der 47-Jährige.
 
Für ihn bedeutet dies, wissenschaftliche Erkenntnisse in "politisch interessante Nachrichten und Handlungsoptionen zu übersetzen". Zu den Auftraggebern seiner Studien gehörten in den vergangenen Jahren vor allem öffentliche Institutionen wie Bundesregierung, OECD, EU-Kommission oder die Internationale Arbeitsorganisation (ILO), aber auch private Institutionen wie die Bertelsmann Stiftung oder die Zeitarbeitsfirma Randstad.
 

« Politikberatung bedeutet für mich, wissenschaftliche Erkenntnisse in politisch interessante Nachrichten und Handlungsoptionen zu übersetzen. »


 
"Gewöhnlich zitiert kein Politiker einen wissenschaftlichen Berater", sagt Eichhorst. Gleichwohl glaubt der Wissenschaftler an die Kraft des wissenschaftlichen Arguments, um Dinge zu bewegen. "Das geschieht weniger mit einer Studie als durch regelmäßige Gespräche, beispielsweise mit Ministerialbeamten auf der Arbeitsebene und gewöhnlich auch nur punktuell", sagt Eichhorst, der es deswegen ein wenig bedauert, dass das IZA in Bonn und nicht in Berlin oder Brüssel beheimatet ist. "Will man intensivere Kontakte zu den Entscheidungsträgern haben, so bedeutet das einen gewissen Reiseaufwand. Im Zug nach Brüssel oder im Flugzeug nach Berlin sieht man ständig Wissenschaftler aus dem Rheinland auf dem Weg zu politischen Terminen." So können sich weniger persönliche Kontakte zu den Mitarbeitern der Ministerien und anderer politischer Institutionen ergeben. Vielleicht ist das auch ein Grund dafür, dass er gemeinsam mit anderen Ehemaligen des MPIfG ein Projekt vorantreibt, mit dem eine Verbindung in das politische Berlin geknüpft werden soll.
 
Seit 2013 ist Eichhorst Vorsitzender des Vereins der Freunde und Ehemaligen des MPIfG. "Ich verstehe den Verein als Brücke zwischen Wissenschaft und Praxis und versuche da etwas zu bewirken", sagt er. Im September 2016 wird deswegen erstmals ein Workshop stattfinden, bei dem es einen Austausch geben soll zwischen aktuellen und ehemaligen Wissenschaftlern des MPIfG – vor allem auch solchen Alumni, die in die Praxis gewechselt sind –, Mitarbeitern aus Ministerien sowie Vertretern der Öffentlichkeit und Medien. "Idealerweise tauchen dort relevante Fragen gesellschaftlicher Natur auf, die es wert wären, vertieft erforscht zu werden", sagt er. Thema des diesjährigen Workshops in Berlin wird die Zukunft der europäischen Integration sein. In den Blick nehmen wolle man vor allem die Währungsunion und die Auswirkungen der Flüchtlingskrise.
 
Bei einer Umfrage unter Ehemaligen hätten kürzlich viele eine "positive Verbundenheit" mit dem Institut geäußert. Eichhorst überrascht dies nicht. Für viele sei das MPIfG ihre "geistige Heimat". Ihn selbst habe die inhaltliche Ausrichtung des Instituts zu seiner Zeit auf politische Ökonomie, den Wohlfahrtsstaat und Arbeitsmarkt sowie die vergleichende Perspektive am "stärksten beeinflusst", und darauf konnte er auch in seiner weiteren Arbeit aufbauen. Viele Alumni pflegten untereinander Kontakte, er selbst unter anderem zu Marius Busemeyer, Anke Hassel, Norbert Kluge oder Christine Trampusch.
 

« Für Eichhorst und viele andere Alumni ist das MPIfG die "geistige Heimat". »


 
Eichhorst tritt bescheiden auf, wählt seine Worte mit Bedacht. Tatsächlich sind ihm Wissenschaftler, die aus "wenig zu viel machen" ziemlich suspekt. Leider sei die Wissenschaft heute sehr stark vom Marketing durchdrungen. Beim Einwerben von Drittmitteln spielten längst auch Presseresonanz oder öffentliche Auftritte eine Rolle. Eichhorst sieht durchaus die Notwendigkeit, Forschungsergebnisse auch außerhalb der Wissenschaftsszene publik zu machen. "Das darf allerdings nicht von guter inhaltlicher Arbeit ablenken."
 
Der Wissenschaftler ist in einer Gegend groß geworden, in der man vergleichsweise wenig Wert auf Äußerlichkeiten legt. Gerne erzählt er von der Mentalität der Menschen auf der Schwäbischen Alb – einer kargen Gegend, die lange Zeit durch Armut geprägt war. Aber dank ihres sprichwörtlichen Fleißes und guter Ideen sind hier viele sogenannte Hidden Champions entstanden, Firmen, die mit speziellen Produkten in einer Nische wie der Medizin- oder Elektrotechnik global zu den führenden Anbietern zählen.
 
"Der Schwabe macht nicht viel Aufhebens, selbst wenn sein Betrieb gut läuft", sagt Eichhorst und schiebt gleich einschränkend hinterher, "aber das gilt natürlich nur idealtypisch." Fraglos hat ihn seine Herkunft auf der Schwäbischen Alb geprägt, auch was seine persönliche Einstellung zur Arbeit anbelangt. "Man ist eher nüchtern, lässt sich von Geschwätz nicht beeindrucken, ist sehr leistungsorientiert und geht davon aus, dass sich gute Qualität am Ende doch durchsetzt."
 
Die Auswirkungen globaler Veränderungen auf die Arbeitswelt erlebte Eichhorst als Jugendlicher in seiner Heimatstadt Albstadt-Ebingen, das etwa auf halbem Weg zwischen Stuttgart und dem Bodensee liegt. Für die ortsansässige Textilindustrie ging es in den 1970er-Jahren bergab, weil die Aufträge an günstigere Produktionsstandorte im Ausland vergeben wurden. Ganz anders erging es dagegen der feinmechanischen Industrie vor Ort, sie florierte. Das Familienunternehmen Groz-Beckert zum Beispiel ist heute Weltmarktführer für industrielle Maschinennadeln und hat mehr als siebentausend Beschäftigte.
 
Er habe erlebt, warum sich bestimmte Arten von Produktion in einer bestimmten Region halten konnten oder eben auch nicht. Die Geschehnisse während seiner Jugend seien im Grunde prototypisch für das gewesen, womit er sich dann später am MPIfG beschäftigt habe, der Theorie der Varieties of Capitalism. Sie basiert auf der Annahme, dass es mehr als eine Variante des Kapitalismus gibt und dass jede von ihnen durch die unterschiedlichen Institutionen in den jeweiligen Ländern beeinflusst wird. Als die Globalisierung an Fahrt aufnahm, konnten sich viele der spezialisierten Unternehmen halten und sogar expandieren, dank ihres Know-hows und auch wegen des eingespielten Miteinanders von mittelständischen Firmen mit Weltkonzernen wie Daimler oder Bosch. Zu den speziellen Institutionen auf der Schwäbischen Alb "gehören sicherlich die inkrementellen Innovationen von Tüftlern über einen langen Zeitraum", sagt Eichhorst. Mancher Firmengründer legte hier im privaten Werkzeugkeller die Grundlage für eine heute weltweit tätige Firma.
 

« Eichhorst hat früh selbst erlebt, warum sich bestimmte Arten von Produktion in einer Region halten konnten oder eben auch nicht. »


 
Heute arbeitet Eichhorst in Bonn, lebt aber in Köln, woher seine Frau stammt und wo auch seine Tochter aufwächst. Ganz integriert sei er noch nicht, sagt er lachend. Als Schwabe im Rheinland könne man eben schon ein wenig verzweifeln. "Wissen Sie, der Karneval ist dann schon ein heftiger Kulturschock, und beim ersten Mal Weiberfastnacht am MPIfG habe ich direkt die Flucht ergriffen. Aber nach zwanzig Jahren im Rheinland war ich in diesem Jahr zum ersten Mal auf einer Karnevalssitzung – eine große Herausforderung, manche Dinge brauchen halt etwas länger", erklärt er mit einem Augenzwinkern.
 
Hat die Erforschung der Arbeitswelt seine eigene Art und Weise des Arbeitens verändert? Auf die Frage antwortet Eichhorst über einen langen Umweg: Er spricht zunächst über das große Privileg, dass er selbst eine sichere Basis für seine wissenschaftliche Arbeit habe, anders als viele Wissenschaftler, die aufgrund von befristeten Verträgen dem "Prekarisierungsrisiko" ausgesetzt seien. Dann möchte er mit einem "weit verbreiteten Missverständnis" aufräumen: "Menschen sind unter extremem Druck nicht produktiver oder kreativer. Richtig ist vielmehr das genaue Gegenteil." Und das gelte auch für Wissenschaftler. Die heutigen Arbeitsbedingungen für den wissenschaftlichen Nachwuchs förderten tendenziell nicht die Qualität, sondern die Quantität. Oft fehle Wissenschaftlern der längere Atem, Dinge wirklich zu Ende zu denken, nicht aus Nachlässigkeit, sondern aufgrund von Zwängen des heutigen Systems. "In den Sechziger- oder Siebzigerjahren hat es gereicht, wenn man als Wissenschaftler alle fünf Jahre eine bis zum Ende durchdachte Monografie, das schon sprichwörtliche Suhrkamp-Taschenbuch etwa, schrieb, heute muss man alle paar Monate einen Aufsatz in einer renommierten Zeitschrift publizieren, um eine Chance auf eine wissenschaftliche Karriere und vor allem eine feste Stelle zu haben.“
 
Dann spricht Eichhorst über die Belastbarkeit von Menschen in der Arbeitswelt: "Ich glaube, wir stoßen aktuell tatsächlich an bestimmte Grenzen, sagen wir der psychischen Disposition, die es uns ermöglicht, auf Dauer überhaupt noch produktiv sein zu können." Wichtig sei hier vor allem auch die Fähigkeit, mit anderen im Team zu arbeiten. Tatsächlich ist ein Großteil der Publikationen von Eichhorst, die in seinem achtunddreißig Seiten umfassenden Lebenslauf aufgeführt sind, im Team entstanden. Arbeit ist für ihn als Wissenschaftler eben in all ihren Facetten wichtig, aber nicht das Einzige im Leben. – "Aber am Ende kreisen die Gedanken doch oft noch außerhalb des Büros um das Verhältnis von Arbeit und Leben."
 

 
Quelle
Caspar Dohmen: Werner Eichhorst: Die Praxis im Blick. In: Gesellschaftsforschung 1/2016. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2016, 15–17.

 
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