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 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Patrick Le Galès:
Hell und schnell


Christoph Fleischmann
 

 
Er redet schnell und gestikuliert dabei, erst mit einer Hand, dann – als das nicht mehr ausreicht, um die vielen Worte zu fassen und zu unterstreichen – mit zwei Händen; der Wechsel von einer zu zwei Händen wirkt wie ein Crescendo. Sein Tempo scheint dem Gesagten eine gewisse Dringlichkeit zu verleihen. So präsentierte sich Patrick Le Galès vor einem Jahr beim Institutstag 2011 des Max-Planck- Instituts für Gesellschaftsforschung, als er für die vereinbarte Kooperation zwischen dem MPIfG und der Sciences Po in Paris den Rahmen zeichnete: Wie haben sich die Staaten verändert, in denen die Menschen mit wachsenden Instabilitäten klarkommen müssen?
 
„Ich bin an zu vielen Dingen gleichzeitig interessiert“, erklärt Le Galès. Darum habe er mehrere Forschungsprojekte parallel laufen. Er ist Professor für Politikwissenschaft und Soziologie an der Sciences Po und Forschungsdirektor des Centre national de la recherche scientifique – CNRS. Beim Treffen in seinem Büro an der Pariser Elite-Hochschule kommt Le Galès bequem gekleidet in kragenlosem T-Shirt und Turnschuhen – und mit dem Rollkoffer: Er muss gleich weiter zu einer Tagung nach Amsterdam. In mehreren Projekten parallel zu arbeiten, das ginge natürlich nur, wenn man im Team arbeite. Immer wieder sucht Le Galès die Kooperation mit Kollegen in Frankreich und darüber hinaus: „Ich mag das, denn ich werde schlauer, wenn ich mit anderen zusammenarbeite.“ Das klingt ehrlich und unprätentiös: Ein Forscher, der mehr lernen will, den der Bildungshunger immer weiter treibt; keiner, der sich auf den einmal verdienten Meriten ausruht. Und Meriten hat sich der noch nicht mal Fünfzigjährige schon reichlich erworben: Eine der jüngsten Auszeichnungen ist die Wahl zum Präsidenten der Society for the Advancement of Socio-Economics (SASE) und die Aufnahme in die British Academy for the Humanities and Social Sciences.
 
Mit Großbritannien verbindet den Bretonen Le Galès eine lange Beziehung: Für seine Doktorarbeit kam er an das Nuffield College der University of Oxford, er hat immer wieder zu britischen Themen geforscht; zuletzt hat er drei Jahre lang als Teilzeitprofessor am King’s College in London gelehrt. Changes in Central–Local Relations and Local Economic Strategies in Cities in Britain and France war der Titel seiner Doktorarbeit. „Vielleicht sehe ich mit dem vergleichenden Blick Dinge, die die britischen Kollegen nicht sehen“, so Le Galès. Vergleichen als Erkenntnisgewinn ist ihm wichtig, „kritisch und vergleichend“ ist ein Wortpaar, das er öfter benutzt. Großbritannien blieb nicht das einzige Land für vergleichende Forschung; längst ist sein Blick auf ganz Mitteleuropa gerichtet. Mit seinem Buch über European Cities: Conflicts and Governance wurde er in weiten Kreisen seines Fachs bekannt.
 
An der Sciences Po entwickelte er den Studiengang Urban Studies, und er ist stolz darauf, dass es dort international zugeht und seine Absolventen in unterschiedlichen Ländern tätig werden – und dass die Absolventen gute Berufschancen haben. Passt das zusammen: Leute für die Spitzenpositionen in den Städten Europas auszubilden und kritische Wissenschaft zu betreiben? „You need two minds to reconcile that“, so Le Galès in seinem perfekten, britisch gefärbten Englisch. Die beiden Seelen in der Brust von Le Galès: hohe Professionalität, die vom Arbeitsmarkt geschätzt würde, und gute, kritische (weil vergleichende) Forschung. Er sei stolz darauf, dass einige seiner Absolventen für private Bauherren arbeiten und andere als Aktivisten bei NGOs. Das zeige ihm, dass er einen vernünftigen Studiengang geschaffen habe. Wichtig sei es ihm, die Studierenden zum Denken anzuleiten, nicht ihnen ein Modell zu verkaufen.
 
Die Studierenden kämen mit unterschiedlichen Vorstellungen an die Sciences Po; einige wollten die Welt retten und andere gutes Geld verdienen. „Aber die meisten machen nach vier bis fünf Jahren etwas anderes“, so Le Galès. Weil sie dazugelernt und andere Blickwinkel kennengelernt hätten. Das ständige Dazu-Lernen habe auch seinen Weg in die Wissenschaft bestimmt. Eigentlich wollte er nach dem Studium in Paris wieder zurück in die Bretagne, um für die Regionalentwicklung zu arbeiten. Aber sein Professor habe ihn zu einer Promotion ermutigt, und sein Interesse sei mit der wissenschaftlichen Arbeit immer weiter gewachsen.
 
Großbritannien entzündet dabei immer wieder seine forschende Neugier: Die neoliberale Transformation unter Margaret Thatcher sei „spektakulär“ gewesen: „Ein Labor für Europa“, wo Dinge ausprobiert worden seien, die man bis dato in Mitteleuropa für undenkbar gehalten habe: Durch Rückzug der öffentlichen Hand aus vielen Bereichen der Gesellschaft und entsprechende Privatisierungswellen habe der Staat neue Märkte geschaffen: im Gesundheitssystem, im Bildungswesen, in der Verwaltung. New Labour habe diese Politik weitgehend fortgeführt.
 

« Die neoliberale Transformation unter Margaret Thatcher war ein Labor für Europa. »


 
Le Galès, Fachmann für Governance, sieht hier die „rechte Hand“ des Staates wirken: eine Regierung auf Distanz, die aber dennoch starke, sanktionsbewehrte Anforderungen an die Menschen stelle.
 
Le Galès interessiert sich dafür, wie die Menschen mit der neuen Situation umgegangen sind. Er hat eine „Wiederherstellung des Marktsubjektes“ beobachtet: Viele hätten die neuen Regeln gelernt, um auf dem Markt zu bestehen: Gewerkschafter überböten sich gegenseitig darin, ihren Mitgliedern Finanzdienstleistungen und Versicherungen anzupreisen, linke Professoren setzten ihre finanziellen Ressourcen an der Börse ein und verhandelten über Fusionen mit oder Übernahmen durch andere Universitäten, Manager öffentlicher Bibliotheken sähen in Immobilienverwertung und Ausgabeneffizienz ihre vornehmsten Ziele.
 
„There are the quick and the dead.“ Die, die sich nicht anpassen können, würden marginalisiert. Le Galès verweist auf die Vorstädte von Glasgow: Dort betrage die durchschnittliche Lebenserwartung inzwischen 56 Jahre. „Das ist niedriger als im Irak!“ In England säßen fünfzig Prozent mehr Menschen im Gefängnis als im Rest von Europa. Die „rechte Hand des Staates“, das sei auch „der strafende Staat“. Man spürt das Engagement des Forschers. Ob er seine Arbeit auch als öffentliche Intervention verstehe? Le Galès ist zurückhaltend. Er will wohl in erster Linie Forscher sein, aber vielleicht hängt sein Blick auf die Gettos von Glasgow auch mit seiner Herkunft zusammen: „Ich bin in einer Sozialwohnung in Saint Brieuc groß geworden.“
 
Und die „linke Hand des Staates“? Das sei Regieren durch Verhandlungen, durch den Versuch, Koalitionen zu bilden, bestimmte Minderheiten zu aktivieren, um gemeinsames Handeln zu stimulieren, statt von oben nach unten durchzuregieren. Diese Form des Staatshandelns sei auch eine Reaktion auf die abnehmende Fähigkeit des Staates, die Gesellschaft als Ganzes effektiv zu steuern: Bestimmte Gruppen, nicht zuletzt Firmen und Kapital, hätten Wege gefunden, sich dem Staatshandeln zu entziehen. An dieser Stelle nennt Le Galès immer den Namen von Renate Mayntz, die dazu „fantastische Arbeit“ geleistet habe, die lange die Forschungsagenda bestimmt habe.
 

« Bestimmte Gruppen, nicht zuletzt Firmen und Kapital, haben Wege gefunden, sich dem Staatshandeln zu entziehen. »


 
Und jetzt, in der Krise des Kapitalismus – erleben wir nun einen starken oder einen schwachen Staat? In seinem Vortrag am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung im November 2011 sortierte Le Galès die möglichen Positionen: Es gebe zwei Vermutungen zur Restrukturierung des Staates im Zuge der Finanzkrise. Zum einen, dass die Transformationen der letzten dreißig Jahre auch die Reaktion der Staaten auf die Finanzkrise erklären würden. Die gegenwärtigen Transformationen seien also nur eine Vertiefung oder Beschleunigung eines neoliberalen Umbauprozesses, der schon lange im Gang sei. Die zweite Vermutung hingegen gehe davon aus, dass die Finanzkrise zu einem neuen massiven Umbau des Staates führe. Le Galès neigt der ersten Position zu, sieht aber noch weiteren Klärungsbedarf. Dem will er in einer Kooperation mit seinem britischen Kollegen Desmond King vom Nuffield College in Oxford über die Erneuerung der Soziologie des Staates nachgehen. Sie hätten eine Forschergruppe zusammengestellt, bei der auch Wolfgang Streeck dabei sei – mit dem er auch in einer Summer School im Juli 2013 am European University Institut in Florenz über die Restrukturierung des Staates nachdenken werde. „Nach den nächsten vier Jahren werden wir mehr wissen.“
 
Ja sicher, gute Forschung braucht Zeit. Aber wie ist das denn nun: Hat Wolfgang Streeck recht, wenn er in seinem geistreichen Pessimismus davon spricht, dass die europäischen Staaten zu „Konsolidierungsstaaten“ wurden, zu Inkassounternehmen für das Kapital? „Wolfgang bringt viele starke Argumente zum Fiskalstaat, die wichtig für unsere Arbeit sind“, ist Le Galès überzeugt. Aber für ihn seien die Dinge noch nicht ganz so klar. Es gebe ja auch die linke Hand des Staates: die Zuweisung von Rechten, die Aktivierung von Menschen, das Bemühen um nachhaltige Entwicklung. Diese positiven Aspekte des Staatshandelns nähmen ja auch zu. Und selbst in den Ländern Europas, die unter starkem Konsolidierungsdruck litten, könne nicht alles nur mit Konsolidierungsbemühungen erklärt werden: Die Wachstumsraten in Italien seien zum Beispiel konstant zurückgegangen über die letzten fünfzig Jahre – und nun seien sie eben auf null. Auch ohne die Finanzkrise wären hier Grenzen erreicht worden: „Wir müssen vorsichtig sein und mit der Konsolidierungsperspektive nicht alles überall erklären.“ Das ist ja beruhigend, dass „Wolfgang“ und „Patrick“ noch etwas miteinander zu diskutieren haben und voneinander lernen können, wenn Le Galès mit seinem Tempo und Temperament im kommenden März als Scholar in Residence ans MPIfG kommt.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Pierre Lascoumes und Patrick Le Galès: Sociologie de l’action publique. Deuxième édition, Parin: Armand Colin 128, 2012.
  • Florence Faucher-King, Patrick Le Galès: The New Labour Experiment. Stanford: Stanford University Press, 2010.

 
Quelle
Christoph Fleischmann: Patrick Le Galès. Hell und schnell. In: Gesellschaftsforschung 2/2012. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2012, 19-22.

 
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