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 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Olivier Godechot:
Der Soziologe auf dem roten Sofa


Martin Roos
 

 
Olivier Godechot ist seit Oktober 2013 neuer Kodirektor des MaxPo in Paris. Der vierzigjährige Wirtschaftssoziologe hatte sich schon lange vor der Finanz- und Wirtschaftskrise auf das jetzige Schwerpunktthema konzentriert: Finanzialisierung in modernen Gesellschaften. Auch privat ist er zumindest für deutsche Verhältnisse recht avantgardistisch – er ist alleinerziehender Vater von drei Kindern und träumt von der Besteigung des Mont Blanc. Ein Besuch in Paris.
 
Steil geht es zu Olivier Godechot hinauf. Die Treppe links im großen und lichtdurchfluteten Innenhof der ehrwürdigen Sciences Po ist schmal und wirkt viel zu klein für den Universitätsprachtbau an der Rue des Saints-Pères mitten in Paris. Hier, gleich um die Ecke des berühmten Café Les Deux Magots, in dem sich Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre fast täglich in den Sechziger- und Siebzigerjahren ihr intellektuelles Stelldichein gaben, liegen in der dritten Etage des Universitätsgebäudeflügels die Denkerzellen des deutsch-französischen Forschungszentrums MaxPo. Der Franzose Olivier Godechot ist seit Oktober 2013 der neue Kodirektor des Instituts und hat damit Marion Fourcade abgelöst, die nach Berkeley zurückgegangen ist.
 
Godechots Arbeitszimmer ist klein. Ein großes Regal gefüllt mit Büchern, ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein rotes Zweisitzer-Sofa, ein kleiner Sessel und ein Beistelltisch füllen es komplett aus. „Im Vergleich zu meinen bisherigen Büros ist dieses rote Sofa, das ich von meiner Vorgängerin geerbt habe, für mich schon ein kleiner Luxus“, sagt Godechot.
 

 

Fasziniert vom Finanzsektor


 
Er lächelt – fast schelmisch, so wie einer, der eben genau weiß, dass es bei seiner Arbeit nur sehr wenig auf Möbel oder Design, sondern vielmehr auf Inhalte ankommt. Fünf Bücher hat er bereits zu den Themen Netzwerksoziologie und Arbeitsmärkte in der Finanzindustrie veröffentlicht. Der „Finanzsektor als Feld des Kampfes um die Aneignung von Gewinnen“ hat ihn lange vor der Finanz- und Wirtschaftskrise interessiert – zum Ende der Neunzigerjahre. Auch deswegen scheint er als neuer Kodirektor für das MaxPo, das 2012 vom Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung und von der Sciences Po in Paris gegründet wurde, prädestiniert.
 
Das Max Planck Sciences Po Center on Coping with Instability in Market Societies erforscht, wie Einzelpersonen, Organisationen und Politik mit der zunehmenden Instabilität und Unsicherheit umgehen, die durch Liberalisierung, technischen Fortschritt und Individualisierung in den westlichen Industriegesellschaften in den vergangenen Jahrzehnten entstanden sind. Godechot möchte die Forschungsgruppe „Finanzialisierung in modernen Gesellschaften“ aufbauen. „Mich interessierte immer schon, wie die Zwänge und Strukturen eines Finanzmarktes auf die Organisation einer Gesellschaft einwirken“, sagt Godechot. Seine Schwerpunkte werden Mobilität auf den Finanz-Arbeitsmärkten, der Arbeitsmarkt für CEOs (Chief Executive Officers) und die daraus entstehenden wirtschaftlichen Ungleichheiten sein.
 

 

Wissenschaft im Blut


 
Wissenschaftliches Arbeiten liegt schon in Godechots Familie. Bereits sein Großvater war Geschichtsprofessor an der Universität von Toulouse. Dessen zentrales Thema war das 18. Jahrhundert. Auch den Humor hat der Großvater dem Enkel genauso vererbt wie das kleine Bild, das in Godechots Arbeitszimmer über dem Schreibtisch hängt: eine Karikatur der französischen Revolution.
 
Godechots Vater war Naturwissenschaftler – allerdings in der Industrie: Nur zehn Tage nach der Geburt des Sohnes Olivier zog die Familie 1973 in die USA nach Houston, wo der Vater als Ingenieur beim Mineralölunternehmen Elf Aquitaine arbeitete. Nach einigen Jahren und einem zwischenzeitlichen Wechsel nach Denver kehrte sie nach Frankreich zurück. In Pau und in Toulouse wuchs Olivier mit seinen vier Geschwistern auf. „Schreiben gefiel mir immer. Nach meinem Schulabschluss hatte ich deswegen eher literarische Neigungen“, sagt Godechot. So studierte er Anfang der Neunzigerjahre in Paris zunächst Geschichte an der École normale supérieure (ENS). „Meine Kollegen und Freunde begannen sich damals stärker für die Zusammenhänge auf den Finanzmärkten zu interessieren. Und auch für die Forschungen von Pierre Bourdieu“, erzählt er. Dazu gehörten Fragen wie: Was sind die unterschiedlichen Kapitalformen im Feld des Unternehmens? Konkurrieren diese Kapitalformen untereinander? In welcher Form können sie akkumuliert werden? Wie erwirbt das Kapital Macht und wie übt es Herrschaft aus? „Das Laboratorium, um diese Fragen zu beantworten, ist der Finanzsektor“, meint Godechot. „Das Ziel des Finanzsektors heißt: finanzieller Gewinn. Aufseiten der Geschäftsbanken ist er allgegenwärtig sowohl als Maßstab als auch als Rohmaterial, als Zweck und als zu verteilende Beute.“
 

 

Recherche auf dem Börsenparkett


 
Godechot faszinierte vor allem das individuelle Verhalten der Menschen, die auf dem Finanzmarkt arbeiten. „Ich wollte deswegen unbedingt die Praxis kennenlernen und bewarb mich bei einem Finanzinstitut als Praktikant.“ Er wurde eingestellt und arbeitete schließlich vier Monate bei einer großen Universalbank in Paris. Später überredete er den Chef der Bank, die Angestellten zu ihrer Arbeit befragen zu dürfen: zur Gewichtung von rationalen Entscheidungen und Bauchgefühl, zur Qualität mathematischer Modelle, zum Einfluss von Prognosen und zu Bonuszahlungen. Diese Erfahrungen flossen in Godechots Buch „Les Traders“ (Die Börsenmakler) ein – ein Essay zur Soziologie des Finanzmarktes, das er mit Mitte zwanzig herausbrachte und das den Grundstein zu seiner wissenschaftlichen Karriere legte.
 
Der Bonus-Aspekt interessierte ihn immer mehr. Und wieder erhielt er die Gelegenheit, Mitarbeiter einer Bank über die Art und Einwirkung von Bonuszahlungen auf das Berufsleben zu befragen. Sein Buch „Working Rich“ beschäftigt sich mit dieser Thematik. Godechot beschreibt auffällige Unterschiede: „In den operativen Abteilungen der Banken werden die hohen Festgehälter um sehr gewichtige Jahresprämien aufgestockt. So verdienten 1999 bei einer Universalbank die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Finanzmarktabteilungen ein Gehalt von jährlich 55.000 Euro, erhielten aber Bonuszahlungen von 103.000 Euro – im Vergleich zu 51.000 Euro Gehalt und 3.700 Euro Jahresprämie bei der Filialbank.“ Für eine kleine Elite seien die Einkommensniveaus noch erstaunlicher: „Eine Handvoll Chefs der Derivatenabteilungen in Paris bezog im Jahr 2000 eine Prämie von zehn Millionen Euro“, erzählt Godechot.
 
Auffällig seien die Bezüge nicht nur wegen ihrer Höhe, sondern auch wegen der Art ihrer Zuteilung. „Die individuelle Zuteilung des Bonus bleibt diskret und geheim. In den großen Banken kommt es selten zu einer Kopplung von Bonuszahlungen an individuelle Leistungen.“ Der Angestellte der Finanzabteilung müsse nicht nur jedes Jahr seinen eigenen Bonus mit dem Vorgesetzten aushandeln, sondern auch die Summe der Boni, die er für seine Untergebenen bekommt. „In der Verteilung der Bezüge, die weit davon entfernt ist, einem externen und langfristigen Regelsystem zu folgen, kristallisieren sich die alltäglichen Arbeitsverhältnisse und offenbaren sich die Tiefenstrukturen des internen Feldes von Finanzunternehmen“, resümiert Godechot.
 

 

Die Macht der immateriellen Vermögenswerte


 
Eine andere Frage, die ihn treibt, ist: Wieso ist der Finanzmarkt ein weitestgehend von Angestellten dominierter Wirtschaftszweig, „der dauerhaft vor dem utopischen, paradoxen Horizont seiner vollständigen Transformation in Angestelltenunternehmen operiert“? Godechot nennt Beispiele: Ende der Neunzigerjahre machten es die Rekordprämien zahlreichen Finanzoperateuren und -jongleuren möglich, sich vom Kapital zu befreien, indem sie ausschieden, „um mit ihren Assets unter dem Arm kleine Kooperativen von Angestellten zu gründen“. Darunter Hedgefonds, die aus nicht mehr als sechs Angestellten, Partnern oder Mitarbeitern bestanden. Oder Hedgefonds, die sicherlich meistens an Banken angeschlossen waren, „für die aber die Banken nicht mehr waren als Kapitalgeber“.
 
Auch der Einfluss, den die Chefs von Börsenhandelsabteilungen haben, sei für ein Finanzunternehmen bedrohlich, meint Godechot. Zum Beispiel der Leiter der Handelsabteilung im Derivatenhandel: Wenn er kündige, gehe er mit dem gesamten Know-how. Wenn er wolle, könne er gleich auch sein Team zu seinem neuen Arbeitgeber mitnehmen. „Im Unterschied zur Auto- oder Ölindustrie sind die immateriellen Werte leichter abzutrennen und zu transferieren“, meint Godechot.
 

 

Bronze für den Forscher


 
Seine Begeisterung für die Wirtschaftssoziologie wuchs immer mehr. So machte Godechot zunächst seinen Master für Soziologie und Statistik an der ENS-EHESS (École nationale supérieure – École des hautes études en sciences sociales) und wurde Mitglied des Centre Maurice Halbwachs und des Quantitative Sociology Laboratory. Seine Dissertation PhD in Soziologie begann er 1999 am „Conservatoire national des arts et métiers“ (CNAM) und schloss die Arbeit 2004 ab. Es folgte die Habilitation, die er 2013 an der Sciences Po erfolgreich beendete. Und: Für seine Forschungen erhielt er von der französischen Forschungsorganisation „Centre national de la recherche scientifique“ (CNRS) die Bronzemedaille.
 
Seine Arbeit am MaxPo steht erst am Anfang. Doch er ist voller Zuversicht: „Für mich ist die Forschung hier eine riesige Chance. Ich freue mich sehr auf die nächsten Jahre“, meint er. Neben Godechot und seiner deutschen Kodirektorin Cornelia Woll hat das MaxPo zurzeit vier Doktorandenstellen, eine der Doktorandinnen arbeitet zurzeit im Rahmen des Cotutelle-Programms am Kölner MPIfG. Zwei Mitarbeiter am MaxPo arbeiten in der Verwaltung, im April kommen zwei neue PhD-Studenten dazu und für ein halbes Jahr eine Rechercheassistenz. „Wir sind hier für unsere Forschungen personell gut ausgestattet“, freut sich Godechot.
 

 

Wasser aus der Weinflasche


 
Seit der Scheidung von seiner Frau vor zwei Jahren zieht er seine drei Kinder im Alter zwischen vier und dreizehn Jahren alleine groß. Das sei zwar auch in einem Land wie Frankreich, der Vorzeigenation in Sachen Kinderbetreuung und Unterstützung von Frauen im Job, ungewöhnlich, aber so sei nun mal sein Leben. Zwei Tage die Woche hilft ihm eine Kinderfrau, mittwochnachmittags arbeitet er zuhause – in seiner Wohnung im Pariser Marais nahe dem Centre Pompidou.
 
Neben Forschung und Familie bleibt nicht viel Zeit für anderes. Er wandert gerne und träumt davon, eines Tages den Mont Blanc zu besteigen. Aber erst einmal will er sein Deutsch auffrischen. Auf der Schule hat er es sieben Jahre lang gelernt. Viel ist davon nicht übrig geblieben. Aber er will es verbessern, wenn er bald seine Kolleginnen und Kollegen in Köln besucht. Und wenn sie zu ihm kommen, werden sie nicht nur auf dem roten Sofa Platz nehmen, sondern auch von seinem ganz besonderen Wasser kosten dürfen: Weil er seine neuen roten Büromöbel schön schrill findet, macht er sich den Spaß, sein Trinkwasser, das er aus dem Wasserhahn abzapft, erst in Weinflaschen abzufüllen, bevor er es trinkt. „Das ist doch schick“, sagt er. Prost und à votre santé!
 

 
Zum Weiterlesen
  • Olivier Godechot: Les Traders. Essai de sociologie des marchés financiers. Paris: La Découverte, 2001.
  • Olivier Godechot: Working Rich. Wages, Bonus and Appropriation of Profits in the Financial Industry. Chicago: Chicago University Press (forthcoming). (Französisches Original: Working Rich. Salaires, bonus et appropriation du profit dans l ’industrie financière. Paris: La Découverte, 2007).

 
Quelle
Martin Roos: Olivier Godechot: Der Soziologe auf dem roten Sofa. In: Gesellschaftsforschung 2/2013. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2013, 21-25.

 
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