Fenster schließen
 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Marta Kahancová:
Eine Frage des Standorts


Ralf Grötker
 

 
Marta Kahancová hat untersucht, wie sich verschiedene Niederlassungen von internationalen Großkonzernen voneinander unterscheiden. Auch für ihr neuestes Projekt spielen lokale Besonderheiten eine Rolle: Das von ihr gegründete Institut „CELSI“ soll unabhängige Wirtschaftsforschung in Mittel- und Osteuropa voranbringen.
 
Ungarn, 1989. Wie andere große Elektronik-Hersteller entlässt auch Videoton, größte Unternehmensgruppe im Land, massenhaft Mitarbeiter. Der bekannte ungarische Filmemacher Pál Schiffer (1939–2001) hält das Geschehen am Fabrikationsstandort Székesfehérvár in einem mehrteiligen Dokumentarfilm fest. Der Titel: Törésvonalak (Brüche). Über mehrere Jahre hinweg verfolgt der Film, wie sich die entlassenen Arbeiter durchs Leben schlagen und versuchen, neue Arbeit zu finden – viele von ihnen in internationalen Großunternehmen wie Philips, das sich 1991 auf dem Videoton-Gelände ansiedelte.
 
Für die junge slowakische Wirtschaftsforscherin Marta Kahancová war der 1998 erschienene Dokumentarfilm der Anstoß zu einer ausgedehnten Recherche. „Die niederländische Mutter des Unternehmens, welches in dem Film sehr stark kritisiert wurde, hat in ihrer Heimat ein ausgesprochen gutes Image. Mich hat interessiert: Warum findet man innerhalb ein- und derselben Firma ein anscheinend so unterschiedliches Verhalten?“
 
Die Frage lag gewissermaßen in der Luft. Wie in anderen mittel- und osteuropäischen Ländern wurden in den 1990er-Jahren auch in der Slowakei immer mehr ausländische Investoren aktiv. „Damals war das häufig Thema – in den Medien, an der Uni, aber auch in der Firma, in der ich als Studentin gejobbt habe: Ob diese Investoren, die ja Arbeitsplätze bringen, uns am Ende wirklich nutzen – oder ob sie eher das Land ausbeuten“, erinnert sich Kahancová.
 
Nach dem Studium, erst an einer Business School in Bratislava, dann im Fach Politikwissenschaften an der Central European University in Budapest, nahm sie als Doktorandin in Amsterdam an einem Forschungsprojekt zu Multinationalen Unternehmen teil. Ein großer niederländischer Elektronikhersteller, den die Forscherin in ihren Untersuchungen nur unter dem Pseudonym „Electra“ zitieren darf, war Gegenstand einer Fallstudie. So kam der erste Kontakt zustande. Daraus wurde schließlich eine groß angelegte Studie über die Firmenkultur von „Electra“ an den verschiedensten Standorten, die Kahancová während ihrer Zeit als Fellow am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung von 2006 bis 2008 fertigstellte.
 
„Ich schrieb die verschiedenen Niederlassungen von Electra an. Die erste Antwort kam aus Polen. Also fuhr ich dorthin, um Interviews zu führen. Auf diesem Weg kam schließlich der Kontakt zur Zentrale und zu dem Personalmanager für Europa zustande, der mir half, innerhalb des Unternehmens Ansprechpartner zu finden.“
 
Obwohl multinationale Unternehmen unumstritten eine wichtige Rolle beim Aufbau von Industrien vor allem in Schwellenländern spielen (ein bekanntes Beispiele dafür ist das Engagement der US-Software-Industrie in Irland und in Israel), gibt es wenig systematische Kenntnisse darüber, wie die globalen Konzerne auf der Mikroebene funktionieren und wie sie sich an die unterschiedlichen nationalen Gegebenheiten anpassen. Es gibt, sicherlich, Annahmen darüber, wie sich Akteure innerhalb von Unternehmen unter bestimmten institutionellen Umständen rational verhalten. Ein anderer Forschungsstrang betrifft die Frage, ob Werte, die sich ein Unternehmen auf die Fahnen schreibt, im Konflikt mit ökonomischem Sachzwang überhaupt eine Chance haben, sich durchzusetzen. Während ihres Aufenthalts in Köln hatte Kahancová reichlich Gelegenheit, diese Fragen insbesondere mit den dortigen Kollegen zu diskutieren.
 
Als Feldforscherin verbrachte sie aber auch mehrere Monate damit, Manager und Gewerkschaftsführer an Electra-Standorten in Polen, Ungarn, Belgien und Frankreich zu interviewen.
 

« Als Feldforscherin interviewte Marta Kahancová Manager und Gewerkschaftsführer in Polen, Ungarn, Belgien und Frankreich. »


 
Das Resultat: Die Unterschiede zwischen den Standorten erwiesen sich als gewaltig. Und das, meint die Wirtschaftssoziologin, hänge damit zusammen, dass selbst ein dem Shareholder-Value verpflichtetes multinationales Unternehmen sich nicht immer an kurzfristigen Profitinteressen ausrichtet. „Wenn jemand einer Grundschule am Ort Computer schenkt, hat er davon vielleicht fünfzehn oder zwanzig Jahre später einen Nutzen, weil die Arbeitskräfte besser ausgebildet sind. Aber quantifizieren oder auch nur verlässlich abschätzen lässt sich so etwas nicht.“
 
Tatsächlich wollte Kahancová in ihrer Studie nicht herausfinden, ob ein Konzern wie Electra nun ein – im Vergleich zu anderen Großunternehmen – guter oder schlechter Arbeitgeber ist. Vielmehr ging es darum, wie unternehmensweit geltende Standards und Wertvorstellungen auf lokaler Ebene zu sehr unterschiedlichem Verhalten führen können – weil erst in den konkreten Interaktionen und unter unterschiedlichen Umständen Prinzipien reale Gestalt annehmen.
 
In dem ungarischen Betrieb, der im Dokumentarfilm vorgestellt wurde, herrschte eine besonders feindliche Stimmung zwischen dem Management und den Gewerkschaften. Anstatt miteinander zu verhandeln, suchten insbesondere die Gewerkschaften meist von vornherein den Streit vor Gericht. Dies wiederum schlug sich im Image des Unternehmens in der lokalen Presse nieder. Nicht verwunderlich ist es deshalb, dass auf der anderen Seite den Gewerkschaften auch kein Einfluss auf die Ausgestaltung der Arbeitsbedingungen zugesprochen wurde, wie das in anderen Electra-Niederlassungen der Fall war.
 
Ganz anders die Situation in Polen. Zwar gab es auch hier wenig Arbeit in der Region. Im Gegensatz zu Ungarn aber war in Polen die Gewerkschaft schwach aufgestellt. Deshalb war die Voraussetzung für harte Konfrontationen nicht gegeben. In der modelltheoretischen Analyse, die Kahancová für den Fall „Electra Kwidzyn“ angefertigt hat, erzielten beide Akteure die größtmögliche Anzahl von Punkten, wenn sie miteinander kooperierten.
 
Dass es nun nicht nur im Modell, sondern auch in der Realität zur Kooperation kam, ist dennoch erstaunlich: Schließlich hätte der Konzern im polnischen Kwidzyn leicht einfach seine Macht spielen lassen können. Auch damit wäre er nicht ganz schlecht gefahren – ohne zugleich von dem Entgegenkommen der Gewerkschaften abhängig zu sein. Tatsächlich aber wurde Electra in Polen als ausgesprochen guter Arbeitgeber wahrgenommen. „Meine Vermutung ist, dass das in diesem Fall weniger mit der Unternehmensphilosophie zusammenhängt als mit gesellschaftlichen Werten. Vielleicht ist es die katholische Tradition, die hier eine Rolle spielt. Aber das wäre ein Thema für eine weitere Studie: ‚Religiöse Wertvorstellung von Managern und ihr Verhältnis zu Gewerkschaften‘“.
 
Wie viele Forscher aus Mittel- und Osteuropa hat es Marta Kahancová nach Forschungsaufenthalten im Ausland – in Köln, Amsterdam und Florenz – wieder zurück in ihre Heimat gezogen, wo auch ein Großteil der Familie lebt. Derzeit baut Kahancová gemeinsam mit ihrem Mann, dem Arbeitsmarktökonomen Martin Kahanec, den sie schon während der ersten Semester als Studentin getroffen hatte, in Bratislava ein eigenes Forschungsinstitut auf: Das Central European Labour Studies Institute (CELSI). „Wir wollten immer zurück. Gleichzeitig war uns aber klar, dass es in unserer Heimat keine Möglichkeit gab, Wirtschaftsforschung nach den Standards zu betreiben, wie wir sie kennengelernt hatten.“
 

« Akademische Freiheit haben Marta Kahancová und ihr Mann im Westen am meisten schätzen gelernt. »


 
Akademische Freiheit – das ist es, was Marta Kahancová und ihr Mann im Westen am meisten schätzen gelernt haben. „Existierende Institutionen in der Slowakei verfolgen einen anderen Zweck als CELSI. Sie führen fast ausschließlich Auftragsforschung durch, die von der Regierung, internationalen Organisationen oder Unternehmen bezahlt wird, erstellen Gutachten oder bieten Beratung in aktuellen politischen und ökonomischen Fragen an.“ Erst kürzlich geriet eine dieser Institutionen, die wirtschaftsliberale Friedrich-August-von-Hayek-Stiftung, wegen mutmaßlicher Unsauberkeiten bei der Auftragsvergabe in die Schlagzeilen.
 
An den Universitäten, auf der anderen Seite, hinkt die Forschung in den Sozialwissenschaften immer noch westlichen Standards hinterher. „Ich kann mich nicht erinnern, einmal einen Forscher von einer slowakischen Universität auf einer internationalen Konferenz in meinem Fachgebiet getroffen zu haben oder in einer internationalen Zeitschrift mit Peer-Review-Verfahren einen Beitrag von einem Landsmann gelesen zu haben.“
 
Deshalb, glauben die CELSI-Gründer, gebe es geradezu eine Marktlücke für unabhängige Forschungsinstitute wie das CELSI. Finanziert wird das neue Institut von einem Verlag aus Tschechien, der exklusiven Zugriff auf den Wage Indicator hat – ein internationales Projekt, dessen Koordination das CELSI für Tschechien und die Slowakei übernommen hat. Daneben gibt es eine Reihe von Forschungsprojekten, die das CELSI in Kooperation mit Partnern betreibt wie dem Amsterdam Institute for Advanced Labour Studies und der Central European University Budapest, sowie einige von der EU finanzierte Programme.
 
Im Moment allerdings ist für die Wirtschaftssoziologin Babypause angesagt. Ende Juli kam Adam Julián zur Welt – und setzt einen neuen Akzent im Leben seiner Mutter. Der Verfasser hatte bereits ausgiebig Gelegenheit, ihn kennenzulernen.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Marta Kahancová: One Company, Diverse Workplaces. The Social Construction of Employment Practices in Western and Eastern Europe. Basingstoke: Palgrave Macmillan, 2010.

 
Quelle
Ralf Grötker: Marta Kahancová: Eine Frage des Standorts. In: Gesellschaftsforschung 2/2010. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2010, 19-22.

 
Fenster schließen