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 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Renate Mayntz:
Verstehen und erklären


Jürgen Kaube
 

 
Der Zweite Weltkrieg und Amerika, das waren die beiden großen Generationserfahrungen von Renate Mayntz.
 
Als sie 1947 Abitur machte, gab es das Fach Soziologie in Deutschland im strengen Sinne noch gar nicht. Es gab den Namen und zwei bis drei Klassiker, die aber auch Philosophen und Historiker waren, es gab den einen oder anderen soziologischen Text, den einen oder anderen Lehrstuhl, aber die Disziplin selber war institutionell noch nicht ausgebildet und fast niemand, der sich ihr zugehörig fühlte, hatte sie studiert. Richtig kennenlernen konnte man Soziologie nur in Frankreich und Amerika. In Amerika, wo ein Collegekurs die Chemiestudentin 1948 mit dem Fach bekannt machte, stand es in den Vierziger- und Fünfzigerjahren gerade in seinem Höhepunkt; man konnte die Jahrgänge seiner führenden Journale wie Lehrbücher und klassische Aufsatzsammlungen zugleich lesen. In Berlin hingegen, wo Renate Mayntz herkam, gab es zunächst nur Universitäten, an denen Soziologie gar nicht im Angebot war: die Technische, damals noch ohne humanwissenschaftliche Fakultät, und die Humboldt Universität, an der Marxismus-Leninismus praktiziert wurde.
 

 

Soziologin im Deutschland der Fünfzigerjahre


 
Dafür war in Berlin wie in Deutschland überhaupt das soziale Leben von derart vielen Umbrüchen gekennzeichnet, dass gewissermaßen die Gesellschaft selber dem Interesse an Soziologie entgegenkam. Drängten sich in Amerika damals Fragen der sozialen Schichtung und der Rollentheorie auf, waren es in Berlin, wohin Renate Mayntz 1950 zurückkehrte, solche der politischen Soziologie. Hier gab es sowohl was das Jüngstvergangene wie auch die Ost-West-Spannung anging, Erklärungsbedarf, und „Erklären“ wurde auch hinfort eine der zentralen Vokabeln dieser Soziologin. „Deutend verstehen und dadurch erklären“ – für Renate Mayntz lag der Akzent dieser ebenso berühmten wie vielsagenden Formel auf ihrem letzten Wort. Kausalbeziehungen, Mechanismen, Warum-Fragen – das waren Orientierungen, die vermutlich nicht nur vom Familienhintergrund technischer Intelligenz ausgingen – „wenn ich ein Junge gewesen wäre, wäre ich vielleicht Ingenieur geworden“ –, sondern die auch gegenüber der kulturpessimistischen Klage über das Zeitalter die Anziehungskraft von Aufklärung und Analyse besaßen.
 
Die Soziologie, für die sich Ende 1950 entschied, hieß also Amerika, Forschung down to earth, Kontaktaufnahme mit den Tatsachen sowie legitime Simplifikation: das Recht, nach Ursachen und Zwecken zu fragen. Es galt, die amerikanischen Modelle und amerikanische Themenstellungen – beispielsweise die des sozialen Wandels in Gemeinden – auf hiesige Verhältnisse zu übertragen. Nur Max Weber wurde für die Generation der 1947 aus der Schule Kommenden noch nicht über Amerika reimportiert, und die amerikanische Soziologie war Anfang der Fünfzigerjahre mehr „American Soldier“ und „Middletown in Transition“ als „The Social System“ oder „Working Papers in the Theory of Action“.
 
In Deutschland entsteht in dieser Zeit neben dem Wirtschaftswunder auch ein Wissenschaftswunder. Aus den Jahrgängen von 1920 bis 1930 kamen die bis heute maßgeblichen Figuren der Geistes- und Sozialwissenschaft: Blumenberg (1920), Jauß (1921), Hennis (1923), Iser (1926), Henrich und Luhmann (1927), Lepsius (1928) und Habermas (1929). Der Krieg hatte einerseits dafür gesorgt, dass schon geringe Altersunterschiede – von solchen der Herkunft und des Geschlechts ganz zu schweigen – zu hochunterschiedlichen Lebenserfahrungen führten. Andererseits hatte er die biografische Zeit auch gestaut, sodass die Ältesten dieses Jahrzehnts kaum vor den Jüngsten auf ihre Lehrstühle kamen. Neben Amerika, dessen starken Einfluss man für jeden dieser Forscher nachweisen könnte, und neben der politischen Zäsur war für sie alle der Zwang wie die Möglichkeit, wissenschaftlich neu anzufangen, bestimmend. Gerade in der Soziologie, unterstreicht Renate Mayntz, wurde man, anders als heute, nicht schon in ein ausgefeiltes Schulprofil, einen „Ansatz“ oder ein begrenztes Publikationsgebiet hineinsozialisiert. Das Studium der Soziologin in Berlin hat diesen Aspekt noch verstärkt, denn dort gab es, anders als in Frankfurt, Köln oder Hamburg, gar keinen Schul- und Theoriezusammenhang.
 

« Gerade in der Soziologie wurde man nicht schon in ein ausgefeiltes Schulprofil, einen ‚Ansatz‘ oder ein begrenztes Publikationsgebiet hineinsozialisiert. »


 
Aber was heißt überhaupt „Studium“? „Ich habe mir meine zwei Jahre Amerika als vier Semester Soziologie anerkennen lassen, und das hat die Freie Universität mitgemacht“, an der dann bis zur Promotion nur noch „weitere“ vier Semester studiert wurden. Und Studium hieß, so Renate Mayntz, vor allem eines: Lesen. Aus Bemerkungen wie diesen ließe sich vermutlich mehr für die Frage ziehen, was eine gute Ausbildung von Soziologen wäre, als aus sämtlichen Curriculums-Debatten. Dabei erinnert sich Renate Mayntz ohne jede Sentimentalität: Als sie von ihren Jahren als Rockefeller-Stipendiatin und Gastprofessorin zwischen 1958 und 1960 aus den Vereinigten Staaten zurückkehrt, um zum ersten Mal an einer deutschen Universität zu lehren, erlebt sie die Freie Universität im Vergleich als unfrei. Das Spezifische des Umgangs unter den lehrenden Wissenschaftlern in Amerika: „Man war eigentlich dauernd zusammen“ – mit Janowitz, Merton, Bell, Wallerstein, Etzioni –, man pflegte eine hohe Informalität des Umgangs miteinander, einen Stil der ständigen Auseinandersetzung, ohne aber aggressiv zu werden. Es sei eine Kultur gewesen, die durchaus nicht „solidarisch“, sondern „adversarial“ gewesen sei, aber eben nicht bitter und borniert. Auch das Verhältnis zu den Studenten war von diesem Stil bestimmt.
 
Der Versuch, ihn auf die deutsche Universität zu übertragen, führte die junge Berliner Professorin – die eigentlich wieder nach Amerika hatte zurückkehren wollen, aber das Leben besteht aus mehr als der Karriere – hochschulpolitisch ins Lager von Reformern, deren Reformabsichten aber in die Mühlen von 1968 gerieten. Zu den höchsten gesellschaftspolitischen Kosten der Jugendbewegung gehört die Entfremdung jener Generation von der Universität. Renate Mayntz spricht von der „großen Enttäuschung“, die das Aktions- und Demonstrationsstudententum für sie bedeutete. Aus den Erfahrungen der deutschen Katastrophe wie der ideologischen Konflikte nach dem Zweiten Weltkrieg habe man gelernt – und diese Erfahrung zu lehren versucht: „Bloß nichts glauben; nicht noch einmal gläubig werden.“ Und plötzlich waren die eigenen Studenten doch zu Gläubigen geworden, von der skeptischen Generation unterrichtet, zu Dogmatikern.
 
Warum? Auch hier spielte, meint die Soziologin, Amerika eine Rolle. Die Demonstrationen gegen den Vietnam-Krieg setzten auch die deutschen Studenten in Bewegung, auch wenn unklar blieb, was Kiesinger und Brandt eigentlich mit dem Vietnam-Krieg zu tun hatten. Das Gefühl dominierte, die westliche Welt sei eine einheitliche und sich als Ganze schuldig machende. Man könne hierin durchaus eine Enttäuschung von zu hohen Erwartungen erkennen, die ebenfalls an die Re-education anschlossen: Gleichheit, Teilhabe, Friedlichkeit. „Und dann schauten die Studenten sich die Wirklichkeit an, vor allem über die Medien, und sahen, dass es in den Peripherien Kinderarbeit gab und den Schah und andere Sachen, die von diesen Werten her nicht vorgesehen waren“ – enttäuschter Glaube einer Generation, die überdies als erste eine relativ lange Zeit im Studium verbracht hatte, was ihrem Realismus auch nicht zugute kam.
 

 

Forscherin an, in und für Organisationen


 
Renate Mayntz wollte damals raus aus der Inselstadt Berlin. Die Engagements im Bildungsrat und anderen politischen Reformprojekten hatten sie ohnehin zur Dauerreisenden in Richtung Bonn gemacht. Der Ruf nach Speyer an die Hochschule für Verwaltungswissenschaft dürfte 1970 wie bestellt gekommen sein. Einbezogen in Studien zur Regierungstätigkeit – zum Bundespresseamt, zur Langfristplanung, zum öffentlichen Dienst –, ohne Residenzpflicht in Speyer, dort nur mit Juristen als Studenten in Kontakt, zwei Tage in der Woche mit anschließender Freiheit zu Forschung und Beratung – das alles kam der Verwaltungssoziologin sehr entgegen. Schon früh war ihr Berufsideal weniger das der Universitätslehrerin als das einer Forscherin an, in und wohl auch für Organisationen. Renate Mayntz erzählt, dass sie zuzeiten sogar die Vorstellung hatte, dass große Unternehmen vielleicht soziologische Forschungsabteilungen aufbauen würden, um mehr über die informelle Organisation und dergleichen Eigenwirklichkeiten der Betriebe und Verwaltungen zu erfahren. Das kam nicht so, aber den großen Betrieb, der Informationsbedarf signalisierte, gab es doch: den Staat.
 
So muss man ihre zahllosen Kommissionsmitgliedschaften auch sehen, als teilnehmende Beobachtung einer politischen Soziologin, die sich soziologisch informiertes Entscheiden, wie sie sagt, schon immer „eher als Stadtdirektorin von Düren als in der Parteipolitik“ hat vorstellen können. Es wurde aber nicht Düren und keine Stadt, die sie dirigieren sollte, sondern Köln und ein Forschungsinstitut. Die Geschichte, wie es dazu kam, ist jetzt zum ersten Mal geschrieben worden (Ariane Leendertz: Die pragmatische Wende. Die Max-Planck-Gesellschaft und die Sozialwissenschaften 1975–1985, Göttingen 2010). Zuvor jedoch, zwischen 1973 und 1985, mehrte Renate Mayntz an der Universität zu Köln ihren Ruf als Forscherin vor allem durch ihre, oft auch zusammen mit Fritz Scharpf durchgeführten, Studien zur Politikentwicklung und zur Implementation, Reformerwartungen und Steuerungsenttäuschungen im Wohlfahrtsstaat der Dauerreformen, an denen sie sich auch selbst beteiligt hatte.
 

« Der Staat konnte Steuerungsversuche weder erfolgreich in seinem Sinne durchführen noch von ihnen Abstand nehmen. »


 
Wollte man deren Befunde in einem Satz zusammenfassen, wäre es vielleicht der, dass dieser Staat Steuerungsversuche weder erfolgreich in seinem Sinne durchführen noch von ihnen Abstand nehmen kann. Das eine nicht, weil die Abfolge von Parlament, Regierung und Verwaltung weder ein Handlungskontinuum darstellt noch der Staat allein handelt, das andere nicht, weil Macht das von sich verlangt und sich darin selbst beweist. Insofern dürfte ihr Werk seit jeher stark der Perspektive jener Beteiligten am politischen Prozess entsprochen haben, die nie vor den Kameras stehen, sondern diesseits der guten Absichten und jenseits der bösen Einsichten operieren. Für eine Betriebswirtschaftslehre des politischen Betriebs aber, die seine Werte und Illusionen pflegt, war Renate Mayntz selbst dort, wo sie sich aufgrund ihrer thematischen Interessen längst mehr der Politologie zugehörig fühlt, stets zu sehr Soziologin.
 

 

Die Gesellschaftsforscherin


 
Ist sie auch eine „Gesellschaftsforscherin“? Nun, der Titel ist weder geschützt noch der einer Disziplin. Als die Max-Planck-Gesellschaft nach dem tristen Ende ihres Starnberger Instituts, wo es gleich um die Erforschung der Lebensbedingungen einer ganzen, nämlich der „wissenschaftlich-technischen Welt“ hatte gehen sollen, den Plan zu einem neuerlichen Versuch mit den Sozialwissenschaften fasste, war wohl vor allem Pathos zu vermeiden und Organisationsfähigkeit zu gewährleisten. Es kann im Nachhinein nur noch die Betroffene selbst wundern, wem beides zugetraut wurde.
 

« Auf mittleren Wegen weiter voran und höher hinaus als andere bei steilen
Anstiegen. »


 
Doch eben weil das so ist und die Gediegenheit dessen, wozu sie berufen wurde, vorbildliche Formen annahm, soll an dieser Stelle festgehalten werden, dass in diesem Bild von Renate Mayntz, dem Bild der geborenen Direktorin, der „harten“ Empirikerin, die für Nonsens nicht zu haben ist und für Theorieüberschwang auch nicht, und die auf mittleren Wegen weiter vorankommt und höher hinaus kam als andere bei steilen Anstiegen, dass in diesem Bild, so sehr es zutrifft, auch eine Ungerechtigkeit liegt. Es ist die Ungerechtigkeit gegen einen Lebenslauf, den die meisten ja nur von seiner offiziellen, beruflichen Seite her kennen. Das Individuum ist aber nicht nur seine Karriere, auch wenn es Pflichten gegen sich selbst der Person verbieten, die Differenz zwischen beidem zu erläutern. Vierzig Jahre lang war Renate Mayntz, die sich mancher als Personifikation pragmatischer Einstellungen vorstellt, mit einem großen Künstler verheiratet. Man kann es nur paradox und mit Max Frisch formulieren: In das Bild, das man sich von Personen nicht machen soll, gehört so etwas hinein.
 

 
Quelle
Jürgen Kaube: Renate Mayntz: Verstehen und erklären. In: Gesellschaftsforschung 3/2009. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2009, 21-24.

 
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