Fenster schließen
 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Christine Trampusch:
Die Brückenbauerin


Christian Füller
 

 
Die Ex-Max-Planck-Forscherin Christine Trampusch kehrt nach Köln zurück. Sie soll eine Brücke von der Universität in Köln zum MPIfG schlagen. Ein Vorhaben mit offenem Ausgang.
 
Christine Trampusch ist keine, die große Worte macht. Sie trifft lieber genau. Mit kurzen Sätzen. Oder mit Randbemerkungen. Als man sie euphorisch begrüßt in den Hallen der Kölner Gesellschaftsforscher von Max Planck, da fallen ganz viele der großen Worte. Es ist eine kleine Festrede auf Trampusch: Endlich sei es gelungen, sie aus ihrem Schweizer Exil wieder nach Köln zurückzuholen. Man habe lange um sie gekämpft. Solche Schwärmereien lässt da einer über die Rückkehrerin vom Stapel. „Vielen Dank auch für den Streuselkuchen“, wird die junge Professorin danach knapp die Eloge einsortieren. „Das nächste Mal gehen wir zu mir an die Uni.“
 
Wir schreiben Oktober 2011. Eine Brücke wird geschlagen. Das Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung begrüßt Christine Trampusch – obwohl diese doch ordentliche Professorin der Universität zu Köln ist. Dort berufen, bezahlt und belegt. MPIfG und Uni haben sich verknüpft durch die Professorin Christine Trampusch, zurückgeholt aus der Schweiz. Trampusch, 41, Kelheimerin von Geburt, profunde Kennerin des Sozialstaats, hat in der Ecke ihres Büros an der Universität ein Bild aus Bern stehen. Darauf geht sie mit ihrem Hund auf einem schmalen Weg durch die Schweizer Berge. „Es waren ideale Bedingungen dort“, sagt sie und dreht sich kurz zu dem Bergmotiv um. „Vom Max-Planck-Institut in die Schweiz zu gehen ist vielleicht besser, als es direkt an einer deutschen Universität zu versuchen.“
 
Die Wege der Christine Trampusch waren immer eigensinnig. Erst im letzten Augenblick entscheidet sie sich nach dem Abitur dazu, Politikwissenschaften und Volkswirtschaft an der Uni Regensburg zu studieren. „Ich wollte eigentlich Tiermedizin studieren oder Biologie, ich war damals in einem Naturschutzverband aktiv.“ Nach der Uni wechselt sie zu den bayerischen Arbeitgeberverbänden. Sie untersucht und evaluiert deren arbeitsmarktpolitische Maßnahmen. Das ist die solide empirische Basis, von der sie nach Göttingen weiterzieht, in eine Graduiertenschule der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Sie vergleicht – hoch gelobt – die Transformation öffentlicher Arbeitsverwaltungen in Deutschland, Großbritannien und den Niederlanden. Später bewirbt sich Christine Trampusch am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. „Eher zufällig“, sagt sie. Ein Freund habe sie auf die Ausschreibung aufmerksam gemacht. Sie wird wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Wolfgang Streeck. Aus Zufall an ein MPI, von dem man damals nicht sehr viel wusste?
 
Es könnte ein Understatement sein. Oder Koketterie. Aber so tickt Christine Trampusch nicht. Sie ist eine witzige, schlagfertige und sehr ehrliche Frau. Mit dem Sprung ans MPI macht sie keine Witze. Direktor Wolfgang Streeck schwärmt, wenn er Trampusch beschreibt, von einer regelrechten Faktenfresserin. „Sie kann gar nicht genug kriegen von Studien und Empirie.“ Zugleich lobt Streeck ihre „kämpferische Kreativität. Ich habe durch sie eine Menge an unkonventionellen Einsichten gewonnen.“ Der MPI-Direktor rühmt und fürchtet zugleich ihre „Unbescheidenheit im Denken. Eigensinn ist das gute Wort dafür, niederbayerischer Eigensinn.“
 
Eigensinn, trockener Humor, Fabulierkunst. Nirgendwo wird das deutlicher als in Trampuschs vielleicht unbekanntester und zugleich witzigster Publikation. Trampusch hat wichtige Schriften verfasst – nicht selten mit schönen Titeln wie „Der erschöpfte Sozialstaat“ (2009), „Status quo vadis?“ (2006), „Vom Klassenkampf zur Riesterrente“ (2004) oder „Das Coming Out der Arbeitsmarktpolitik in den Niederlanden“ (2000).
 
Aber der listigste ihrer Beiträge ist „A Dog’s Life in Post-Hartz Germany 2006“. Ein Text – mit zwei ehemaligen Kolleginnen verfasst –, der vordergründig wie ein humoristisches Essay über ihren Hund daherkommt. Labrador Sputnik erzählt aus der Ich-Perspektive, wie er die Arbeitsmarktreformen unter dem Titel des ehemaligen VW-Arbeitsdirektors und Schröder-Spezis Peter Hartz empfunden hat. Tatsächlich wird hier zweierlei vorgelegt: Ein Exempel der jüngeren deutschen wohlfahrtsstaatlichen Entwicklung – und zugleich eine Art Offenlegung Trampusch’scher politischer Konzepte. Sie beziehungsweise ihr Hund reflektiert Gender-Verhältnisse, parliert in einem inneren Monolog über ihr Verhältnis zur Sozialdemokratie und zu Karl Marx. Es wird deutlich: Nach Hartz IV „is the life of a dog, well, it’s a real Hundeleben“.
 
Der Aufsatz, der leider nicht im langen Publikationsverzeichnis der Autorin zu finden ist, stellt eine Preziose dar, und zwar eine literarische wie polit-ökonomische. Verfasst auf „knochenfreiem Papier“, offenbart sich darin, witzig verpackt, ein Stück der Machtlosigkeit literarisch-politischer Tätigkeit. Darin steckt womöglich auch ein innerer Kampf einer politisch denkenden Frau – die gleichwohl eine Wissenschaftlerin auf höchstem Niveau ist, also neutral forscht. „Sie ist eine Wissenschaftlerin der alten Schule“, sagt ihr Kollege Martin Höpner. „Sie ist keine, die eine Methode um ihrer selbst willen anwenden würde, um irgendwelche Daten zu produzieren.“
 

« Sie ist eine Wissenschaftlerin der alten Schule. Sie ist keine, die eine Methode um ihrer selbst willen anwenden würde, um irgendwelche Daten zu produzieren. «


 
Die Wissenschaftlerin und das Zoon Politikon in Trampusch ringen stets miteinander. Genau wie der ansteckendfröhliche Mensch und die distanzierte Analytikerin. „Es gibt Leute, die glauben, dass der Staat und die Politiker die Situation verbessern wollen“, sagt sie. Es klingt ein bisschen, als mache sich Trampusch über eine so naive Haltung lustig. Denn die Wissenschaftlerin weiß, „dass es rationalistische Theorien gibt, um das Handeln von Politikern zu verstehen“. Und die verweisen auf ganz andere Motive. Aber das bleibt unausgesprochen. Es versteckt sich im analytischen Narrativ Trampuschs, das für Otto Normalleser wie große Kunst hinter einem Gaze-Vorhang bleibt.
 
Nun ist Christine Trampusch aber nicht allein wegen der Forschung nach Köln zurückgekehrt. Sie hat ihr Büro ein paar Fahrradminuten vom MPI entfernt in der Kölner Universitätsstraße. Max Planck meets Massenstudent – das wirkt wie ein Feldversuch mit offenem Ausgang. „Sie ist eine tolle Professorin“, sagt einer der Studenten, der gerade in ihrer Vorlesung war. „Viel engagierter und kritischer als die anderen Profs.“ So äußern sich alle befragten Studierenden. Allerdings: Die direkte Reaktion der Studenten auf Trampuschs Vorlesung ist eher ehrfürchtig als temperamentvoll.
 
Beide Seiten finden sich sympathisch und interessant, haben aber ziemlich offensichtlich unterschiedliche Erwartungen aneinander. Die Studenten schneien im ersten oder zweiten Semester in ein Pflichtmodul, „mehr so zum Kennenlernen“, wie sie sagen. Und sie treffen dort auf den anspruchsvollen und sehr differenzierten politikwissenschaftlichen Vortrag einer Christine Trampusch. Nicht alle können damit, nicht alle wollen es. Eine Studentin ist intensivst mit ihrem Tee und Handybotschaften befasst. Sie kritzelt nur hin und wieder etwas in den Ausdruck von Trampuschs PowerPoint-Präsentation. Zwischen den Studenten und der jungen Professorin vor ihnen steht etwas. Und es ist mehr als die verschränkten Arme der Forscherin. Hier der Student, der seine eigene überfüllte, im Umbruch stehende Uni nicht verstehen kann; dort die Forscherin, die ein ziemlich präzises Bild des modernen Kapitalismus hat – und zugleich die Begrenztheit der Reichweite ihrer komplexen Forschungen kennt.
 
„Sind Sie mit dem Punkt Konzepte durch?“, will Trampusch am Ende eines Abschnitts ihrer Vorlesung wissen. Niemand macht auch nur Pieps, keiner. „Ja? Gut“, sagt die Professorin. Sie wirkt enttäuscht. Und merkt, dass sie vielleicht die Reaktionsmöglichkeiten der Studenten zu knapp bemessen hat. „Haben Sie Fragen?“, setzt sie nach. Und blickt nun aber gar nicht zu ihren Studenten, um sie vielleicht zu ermuntern. Sondern sie schaut in ihre Papiere. Es scheint, als könne sie es nicht sehen, dass sich keiner meldet.
 
Plötzlich fragt ein Student in die Runde: „Fühlen die Menschen sich angemessen beteiligt, können sie genug mitreden?“ Dem Zuhörer stockt der Atem. Könnte es wirklich sein, dass da ein Student aus dem Format Frontalvortrag mit eingestreuten Fragen ausbrechen will? Dass er die Professorin dazu herausfordert, ihre vielen Max-Planck-PS auf den holprigen Boden der Universitätsstraße zu bringen? Nein, so direkt geht es an der Universität anno 2011 nicht zu. Der Studierende hat sich beim Thema „Konzept der Demokratie“ gemeldet. Er will zeigen, dass man Demokratie nicht nur institutionell, sondern auch lebensweltlich aus der Perspektive der Bürger definieren kann.
 
Als Politologin kann Trampusch mit dieser Bemerkung etwas anfangen. Aber in Bezug auf sich als Person bleibt sie ihr fremd. Wer ihre Eltern sind, aus welcher ökonomischen Klasse sie selbst stammt, was sie biografisch motiviert haben könnte, den Kern des Kapitalismus zu erforschen, das alles spielt keine Rolle. Sagt sie jedenfalls.
 
Christine Trampusch ist Politikwissenschaftlerin. Sie fokussiert auf vergleichende Politik, Politische Ökonomie und Policy-Analyse, insbesondere Reformpolitik, Spielarten des Kapitalismus und Wohlfahrtsstaat. Sie hat dessen Teilbereiche unter die Lupe genommen, von den Tarifen über die industriellen Beziehungen bis hin zur Berufsbildungspolitik. Sie arbeitet gerne mit qualitativen vergleichenden Methoden und Fallstudien. Ihre Aufsätze erscheinen in wichtigen internationalen Zeitschriften, sie ist eine Top-Forscherin, der selbstverständlich die Publikationen sehr wichtig sind. Und die die Lehre womöglich eher diszipliniert betreibt, effizient, still.
 
Dennoch wummern jetzt aus Hörsaal 410 Rock und Berner Underground. Man wagt gar nicht recht die Tür zu öffnen. Ist’s eine Party, die da steigt? Oder doch ein Forschungsseminar der Professorin des Lehrstuhls für vergleichende Politische Ökonomie? Es ist beides, Trampusch rockt die universitäre Lehre. Vorne bleibt sie nur, bis ihre Studenten eingetrudelt sind. Sie schreibt noch die eine oder andere Anmerkung und Fußnote in eine Präsentation. Und sucht wieder ein neues Lied aus. Dann eröffnet sie die Sitzung, und Trampusch wird ihren frontalen Platz ganz schnell verlassen. Sie hat Expertengruppen zusammengestellt, die Konzepte und Methoden für eine Forschungsarbeit testen sollen. Sie geht jetzt in diese Gruppen hinein. Sie rückt den Studenten auf die Pelle, es wird extrem interaktiv. Sie fragt in die AGs hinein: „Wie weit seid ihr, wie wollt ihr die Schweiz vergleichend erforschen, welche Sektoren schaut ihr an, wann sehen wir uns wieder?“
 

« Die Studenten sind ein bisschen erschrocken. Und begeistert. „Das ist kein Larifari-Kurs, das war schnell klar“, meint einer. »


 
Die Studis sind baff, überrumpelt. Manche Gruppe hat noch nicht recht die Texte gelesen. Das nächste Mal wird das anders sein. Weil sie nicht von vorne aus der Distanz fragt, sondern den Leuten Nase an Nase gegenüber sitzt. Und wissen will, wie dieser Afonso das gemeint hat mit den irischen industrial relations und wie man das jetzt für die Analyse der Schweiz benutzen könnte.
 
Die Studenten sind ein bisschen erschrocken. Und begeistert. „Das ist kein Larifari-Kurs, das war schnell klar“, meint einer. „Arbeitsgruppen gibt’s auch woanders, ja. Aber dass sie uns im Seminar zusammenarbeiten lässt und uns in die Sprechstunde zwingt, das ist neu“, sagt ein anderer. „Ich bin nach Köln gekommen, um besser ausgebildet zu werden – in diesem Seminar ist das definitiv der Fall.“ Die ganze Theorie, das Fremdeln zwischen Uni und MPI scheinen abzufallen jetzt, die Arme sind nicht mehr vor Trampuschs Brustkorb verschränkt. Die Forscherin steht vor den Studierenden. „Haben Sie mich denn vermisst in den letzten zwei Wochen?“, fragt sie ihre Studenten. „Ich Sie schon.“
 
Noch kommen die Studierenden nur vereinzelt wegen Christine Trampusch. Aber es wird sich schnell herumsprechen, dass diese Frau Uni anders denkt. Direkter, schneller und professioneller als die Wissensfabrik oft ist. Über diese Brücke werden viele Studenten gehen. Auch wenn sie dafür verdammt viel können müssen.
 

 
Quelle
Christian Füller: Christine Trampusch: Die Brückenbauerin. In: Gesellschaftsforschung 2/2011. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2011, 13-16.

 
Fenster schließen