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 MPIfG - Aus der Forschung - Forscherportrait

 

 

Cornelia Woll:
Ein Faible für politische Prozesse


Barbara Dreifert
 

 
Cornelia Woll unterstreicht ihre Sätze am Ende gerne mit dem Wörtchen „genau“. Ihre Antworten kommen ohne Zögern. Die Politikwissenschaftlerin redet schnell, als wolle sie keine Zeit vergeuden. Ihr Büro befindet sich in einem historisch bedeutenden Gebäude in der Rue Jacob mitten im Pariser Viertel St. Germain. Am 3. September 1783 wurde hier der Friedensvertrag zwischen den USA und Großbritannien unterzeichnet und damit formal der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg beendet.
 
Im fünften Stock unterm Dach ist jedoch nicht ein Hauch von großer Geschichte zu spüren. Das Büro von Cornelia Woll ist zweckmäßig und nüchtern. Zwei Bücherregale links neben einem mit hellem Holz furnierten Schreibtisch, eine Fotografie an der Wand, die einen indischen Gelehrten zeigt, der in ein Buch vertieft ist. „Das Bild stammt von meinem Vorgänger. Ich habe es behalten, weil es für mich Seelenfrieden ausdrückt“, sagt Woll. Auf dem aufgeräumten Tisch der obligatorische Computerbildschirm, drei Häufchen Papier und ein niedriger Bücherstapel – das war’s. Tageslicht fällt durch ein großes Dachfenster.
 
2006 hat die 30-Jährige ihre Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Forschungszentrum „Centre d’études et de recherches internationales (CERI)“ in Paris angetreten. Das CERI ist eines von neun Forschungseinrichtungen des „Institut d’Études politiques (IEP)“, kurz Sciences Po genannt. Das Pariser Institut für politische Studien gehört zu den weltweit angesehensten Hochschulen im Bereich Sozialwissenschaften. Wer in Frankreich etwas werden will, geht hier durch: Politiker, Beamte, Manager, Diplomaten. Ein Sciences-Po-Diplom ist die Eintrittskarte für weiterführende Eliteschulen. Die ruhmreiche Institution, die 1872 von Emile Boutmy gegründet wurde, ist international ausgerichtet. 33 Prozent der 6.700 Studierenden kommen aus dem Ausland. Weltweit kooperiert Sciences Po mit mehr als 300 Partneruniversitäten, besonders eng mit der London School of Economics and Political Science.
 
„Das Angebot einer unbefristeten Forscherstelle war für mich entscheidend, nach Paris zu gehen“, begründet Cornelia Woll ihren Wechsel von Köln nach Paris. „Ich wollte mich nicht alle zwei Jahre um eine neue Stelle bewerben müssen.“ Jetzt kann sie in aller Ruhe ihre nächste Forschungsarbeit, die in eine Habilitation münden wird, vorbereiten. Doch viel Ruhe hat sie derzeit nicht. „Paris liegt so zentral“, erzählt sie, „dass sich hier immer Journalisten, Konferenzveranstalter und Kollegen aufhalten. Das ist schön, wenn man eine Konferenz organisieren möchte, aber anstrengend, wenn ständig Anfragen kommen, denen man sich nur schwer entziehen kann.“ Lachend fügt sie hinzu: „Für intensive Forschung ist Sibirien sicherlich besser geeignet als Paris.“ Aber im nächsten Jahr wird sie sich für einige Monate in ein Büro des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung zurückziehen. „Dann bin ich entbunden von der Lehre und Verwaltungsaufgaben, die ich hier habe.“
 
Die Verbindung zum Kölner Institut, wo sie als Doktorandin war und ein Postdoc-Stipendium hatte, besteht auch weiterhin. Cornelia Woll arbeitet am Sciences Po und leitet gleichzeitig eine Otto-Hahn-Gruppe. Mit der Nachwuchsforschergruppe des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung an der Sciences Po kann sie fünf Jahre lang an ihrem Thema „Wirtschaftspatriotismus im Zeitalter globaler Finanzmärkte“ arbeiten. Die Gruppe soll auch zu einer Vertiefung der Zusammenarbeit der beiden Forschungseinrichtungen beitragen. „Alles was wir publizieren, gehört dann beiden Instituten“, sagt sie. Außerdem will sie den Doktorandenaustausch zwischen beiden Institutionen weiter ausbauen.
 
Neben ihrer eigenen Forschungsarbeit leitet sie ein Buchprojekt mit fünfzehn Wissenschaftlern der University of Warwick in England, der Sciences Po und dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung. „Wir wollen unsere Forschungsergebnisse zum Wirtschaftspatriotismus diskutieren und veröffentlichen“, erläutert sie das Vorhaben, das 2011 abgeschlossen sein soll.
 
Vor dem Hintergrund der Debatte um Wirtschaftspatriotismus und nationale Industriepolitik als staatliche Einflussnahme auf heimische Unternehmen will die Politikwissenschaftlerin jetzt herausfinden, wie viel Spielraum Politikern in einer globalisierten Wirtschaft bleibt. Stimmt die Annahme, dass die Globalisierung staatliche Kontrolle nicht mehr zulässt? Mit ihrer Studie will sie analysieren, welche wirtschaftspolitischen Entscheidungen nationale Regierungen treffen und welche Interessen dahinterstehen.
 

« Mit ihrer Gesellschaftsforschung will die junge Wissenschaftlerin dem Nachwuchs vermitteln, dass politische Teilhabe wichtig und möglich ist. »


 
Die verschiedenen industriepolitischen Maßnahmen der Regierungen in Frankreich, Deutschland und England sollen miteinander verglichen werden. Beispiele für staatliche Interventionen geben die Unternehmensübernahmen durch ausländische Investoren, oft polemisch als Heuschrecken bezeichnet. Während Großbritannien solchen Übernahmen liberal gegenübersteht, greift Frankreich in unternehmerische Entscheidungen ein, um ausländische Investoren fernzuhalten. Die vergleichende Untersuchung staatlichen Eingreifens in die Wirtschaft ist im Zusammenhang mit der internationalen Finanzkrise von unerwarteter Aktualität.
 
Europapolitik und internationale Beziehungen sind die zentralen Themen aller ihrer Forschungsarbeiten. „Das hat wohl mit meinem Amerika-Aufenthalt zu tun. Ich bin dort auf viel Unwissenheit gestoßen, was Europa betrifft“, begründet sie die Wahl ihres Schwerpunkts. „Hinzu kam mein Interesse, politische Einflüsse zu analysieren und herauszufinden, wie politische Entscheidungsprozesse verlaufen.“ Mit ihrer Gesellschaftsforschung will die junge Wissenschaftlerin auch dem studentischen Nachwuchs vermitteln, dass politische Teilhabe nach wie vor wichtig und auch möglich ist.
 
Cornelia Woll ist in Frankfurt am Main geboren und im beschaulichen Siegerlandstädtchen Hilchenbach aufgewachsen. Ihr Vater ist Professor für Volkswirtschaft, ihre Mutter Professorin für Soziologie. Da lag es nahe, die Mitte zwischen beiden Wissenschaften zu wählen, nämlich Politikwissenschaft. Sie hat eine eineiige Zwillingsschwester, und da passiert es schon mal, dass sie auf der Straße angesprochen wird mit: „Hallo Bettina, was machst Du denn hier?“
 
Mit sechzehn Jahren ging sie nach Amerika. Sechs Jahre Schule und Studium lagen hinter ihr, als es sie nach Europa zurückzog. An der University of Chicago hatte sie ihren Master mit dem Titel „The Importance of Cognitive Framing for European Integration“ abgelegt. In ihrer Arbeit geht es um politische Rahmungsprozesse.
 

« Wie verkauft man politische Ziele? »


 
Wie verkauft man politische Ziele? Welche Strategien sind notwendig, und mit welchen Gruppierungen muss man sich zusammenschließen, um politische Projekte durchzusetzen? Fazit: Interessengruppen – zum Beispiel Vertreter von Gewerkschaften oder sozialen Bewegungen – haben sehr an Einfluss gewonnen, weil Teile von Regierungen ein großes Interesse daran haben, ihre eigene Politik durchzusetzen. Sie nutzen Kooperationen mit verschiedenen Gruppierungen, um ihre Politik voranzutreiben – aber nur solange sie für die eigenen Vorhaben von Vorteil sind. Regierungen behalten stets das Heft in der Hand.
 
2001 kehrte sie nach Europa zurück und machte in Paris ihren Forschungsmaster an der Sciences Po, um anschließend am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung mit ihrer Doktorarbeit zu beginnen. Cornelia Woll nutzte die Möglichkeit eines binationalen Promotionsverfahrens. Unter Leitung von Professor Wolfgang Wessels vom Forschungsinstitut für Politische Wissenschaft und Europäische Fragen der Universität zu Köln sowie Professor Richard Balme vom Sciences Po analysierte die Doktorandin das Lobbyverhalten amerikanischer und europäischer Unternehmen in Welthandelsfragen. Der Direktor des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung, Professor Wolfgang Streeck, betreute ihre Arbeit.
 
Woll widerlegt in ihrer Dissertation die Annahme, dass sobald ein großes Unternehmen Lobbyarbeit macht, es auch automatisch Einfluss zu seinen Gunsten erreicht. Ein weiteres Ergebnis ihrer Forschungsarbeit ist, dass Lobbying in Europa weniger aggressiv ist als in Amerika. „Eine Antwort auf die Frage, welche Strategien im Lobbying besonders erfolgreich sind, gibt die Wissenschaft allerdings nicht“, schränkt Woll ein.
 
Für ihre Doktorarbeit erhielt sie viel Anerkennung. 2005 wurde ihre Dissertation als erste europäische Arbeit mit dem Seymour-Martin-Lipset-Preis ausgezeichnet, der von der Society for Comparative Research jährlich für die beste vergleichende Dissertation in englischer Sprache verliehen wird. Von der Max-Planck-Gesellschaft erhielt sie die Otto-Hahn-Medaille für herausragende wissenschaftliche Leistungen – und als eine der besten unter den Otto-Hahn-Preisträgern zudem die Möglichkeit, eine eigene Forschungsgruppe aufzubauen. Von der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften erhielt sie das Akademiestipendium zur Förderung des hochbegabten wissenschaftlichen Nachwuchses.
 
Sie nutzte die Stipendienzeit, um ihre Doktorarbeit völlig umzuschreiben. „Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, sie bei meinem amerikanischen Lieblingsverlag Cornell University Press zu veröffentlichen“, erzählt Woll. Im April 2008 ist ihr Buch mit dem Titel „Firm Interests: How Governments Shape Business Lobbying on International Service Trade“ erschienen. Jetzt wartet die Wissenschaftlerin ungeduldig auf Besprechungen. „Es kann zwei bis fünf Jahre dauern, bis das Universum zurückfunkt“, weiß sie von Kollegen.
 
Das Tempo ihrer wissenschaftlichen Karriere begründet sie mit dem Wunsch, auch Zeit für eine Familie zu haben. Zeit für ihren Mal- und Skulpturkurs hat sie nicht mehr. Immerhin schafft sie es, die Abende und Wochenenden mit ihrem Mann zu verbringen – übrigens ein ehemaliger französischer Kommilitone, mit dem sie anfangs an der Sciences Po in den Vorlesungen saß.
 

 
Quelle
Barbara Dreifert: Cornelia Woll: Ein Faible für politische Prozesse. In: Gesellschaftsforschung 1/2009. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2009, 21-23.

 
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