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 MPIfG - Aus der Forschung - Standpunkt

 

 

„Erbschaften werden fast als etwas Sakrales behandelt.“


Interview mit Jens Beckert über die Bevorzugung von Familienunternehmen bei Erbschaften
 

 
Erben: Die Bevorzugung von Familienunternehmen bei Erbschaften hält Jens Beckert, Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, für gerechtfertigt, wenn überprüfbare Gründe vorgelegt werden. Er kritisiert, dass die gesellschaftspolitische Seite von Erbschaften kaum zur Sprache komme.
 
Die Fragen stellt Hartmut Steiger, VDI nachrichten
 

VDI nachrichten: Schon bei Firmenerbschaften von mehr als 20 Mio. Euro soll künftig geprüft werden, ob die Erbschaftsteuer erlassen wird. Halten Sie das für richtig?


 
Jens Beckert: Es entspricht der Intention des Verfassungsgerichtsurteils, wenn eine individuelle Bedürfnisprüfung schon bei einem geringen Betriebsvermögen vorgenommen wird. Für eine Besserstellung von Firmenerben gegenüber Erben von Finanzvermögen oder Immobilien muss es eine Notwendigkeit geben. Der Erhalt von Arbeitsplätzen ist dabei ein wichtiges Argument. Die Richter haben dem Gesetzgeber in dieser Frage einen weiten Spielraum eingeräumt, doch bedarf es eines überprüfbaren Grundes, wenn die Ungleichbehandlung von Vermögensarten nicht unverhältnismäßig sein soll.
 

VDI nachrichten: Halten Sie es grundsätzlich für sinnvoll, Familienunternehmen steuerrechtlich zu privilegieren?


 
Jens Beckert: Das lässt sich nachvollziehen. Familienunternehmen oder Teile davon können kaum am Kapitalmarkt gekauft oder verkauft werden. Sie können daher nicht ohne Weiteres zur Begleichung von Erbschaftsteuern Anteile veräußern. Familienunternehmen spielen in der mittelständischen Industrie eine wichtige Rolle. Das soll durch eine Erbschaftsbesteuerung nicht infrage gestellt werden. Allerdings bringt eine Privilegierung von Familienbetrieben auch Probleme.
 

VDI nachrichten: Welche?


 
Jens Beckert: Es kommt zu den vom Verfassungsgericht monierten Ungleichheiten. Das auszutarieren und die Unternehmen der Steuerpflicht zu unterwerfen, ohne sie zu gefährden, ist die große Aufgabe der Gesetzgebung.
 

VDI nachrichten: Wie lässt sich das austarieren?


 
Jens Beckert: Zum Beispiel könnte der Staat als Stiller Teilhaber an Unternehmen beteiligt sein, dann würde die Steuer aus späteren Gewinnen gezahlt. Oder die Erbschaftsteuer wird gestückelt und über Jahre auf das Einkommen aufgeschlagen, beides wird zusammen versteuert. Das hätte den Vorteil, dass die Erbschaftsteuer nicht beim Unternehmensübergang anfällt.
 

VDI nachrichten: Der Staat haftet aber als Stiller Teilhaber auch bei Insolvenz.


 
Jens Beckert: Das ist richtig. Der Staat würde mit seiner Einlage haften. Dies müsste genau geregelt sein, ebenso wie der Ausstieg des Staates. Denn Ziel wäre ja nicht, den Staat zum Unternehmer zu machen.
 

VDI nachrichten: Sie plädieren dafür, die Freibeträge bei Erbschaften auf 60.000 Euro zu senken. Das ist deutlich weniger als jetzt. Warum?


 
Jens Beckert: Selbst bei diesem Freibetrag bleiben vermutlich 80 Prozent aller Erbschaften steuerfrei. Dies hängt mit der großen Ungleichverteilung der Vermögen in Deutschland zusammen. 1 Prozent der Bevölkerung verfügt über 30 Prozent des Vermögens. 10 Prozent der Bevölkerung teilen sich 60 Prozent des Vermögens und die ärmere Hälfte hat im Schnitt überhaupt kein Vermögen. Vor diesem Hintergrund sind 60.000 Euro schon sehr viel. Ich räume aber ein, dass die Höhe willkürlich gewählt ist. Sie schließt an eine Diskussion in den USA über die Teilhabegesellschaft an. Dort wird darüber diskutiert, allen Menschen bei Volljährigkeit 60.000 Dollar als Startkapital auszuzahlen.
 

VDI nachrichten: Warum tun sich die Deutschen beim Thema Erbschaftsteuer so schwer?


 
Jens Beckert: Der Glaube, dass alle dann hohe Beträge an den Staat abführen müssten, ist weit verbreitet. Es ist erstaunlich: Umfragen zeigen immer wieder, dass eine große Mehrheit der Deutschen die Erbschaftsteuer ablehnt, obwohl sie davon nicht betroffen wäre. Mit den heutigen Freibeträgen werden nur 15 Prozent aller Erbschaften besteuert. Wenn die nächsten Angehörigen erben, werden sogar nur zwischen 1 Prozent oder 2 Prozent der Fälle besteuert. Meistens fallen Steuern an, wenn entfernte Verwandte oder Nicht-Verwandte erben, weil hier die Freibeträge niedriger sind.
 

« Eine große Mehrheit der Deutschen lehnt die Erbschaftsteuer ab, obwohl sie davon nicht betroffen wäre. »


 

VDI nachrichten: Emotionen spielen aber auch bei anderen Steuerdiskussionen eine Rolle.


 
Jens Beckert: Ja, aber hier kommt hinzu, dass Erbschaften nicht bloß als Zugewinn von Geld oder Vermögen verstanden werden. Das Erbe ist eng mit der Familie und Familienbeziehungen verstrickt. Daher rührt die starke emotionale Beziehung zu Erbschaften. In der Soziologie wird dafür der Begriff des Special Money verwendet, um zu zeigen, dass Erbschaften fast als etwas Sakrales behandelt werden. Auch das ist ein Grund, weshalb man über Erbschaften rational kaum sprechen kann. Da ist dann von Neidsteuer die Rede oder von einer Doppelbesteuerung. Dabei gerät aus dem Blick, dass Erbschaften nicht nur eine persönliche Seite haben, sondern auch eine bedeutende gesellschaftspolitische Dimension.
 

VDI nachrichten: Worin bestetht die?


 
Jens Beckert: Mit dem Erben ist die Frage verknüpft, wie in einer Gesellschaft die Vermögen verteilt sind und die Frage, ob Vermögen über Leistung oder über Herkunft verteilt werden soll. Verteilung über Herkunft ist im Grunde in unserer Gesellschaft, die sich als Leistungsgesellschaft versteht, ein Fremdkörper.
 

« Mit dem Erben ist die Frage verknüpft, wie in einer Gesellschaft die Vermögen
verteilt sind. »


 

VDI nachrichten: Liberale Ökonomen sagen, dass Leistung gerade durch Ungleichheit angespornt werde.


 
Jens Beckert: Untersuchungen zeigen, dass Vermögensungleichheit auch zu einer Wachstumsbremse werden kann. Die Vorstellung, dass man durch immer niedrigere Steuersätze für Unternehmen, Einkommen und Kapitalerträge Wachstum schaffen könne, wie sie in den vergangenen 30 Jahren die Wirtschafts- und Steuerpolitik geprägt hat, stimmt nicht mehr. Die heute erreichte ungleiche Verteilung von Einkommen und Vermögen führt umgekehrt dazu, dass Wachstum gebremst wird.
 

VDI nachrichten: Sind wir schon in dieser Phase?


 
Jens Beckert: Die OECD sieht genau diesen Zusammenhang seit der Jahrtausendwende für die Industrieländer. Bei wachsender Ungleichheit sinkt die ökonomische Potenz unterer Einkommensschichten, die dann für Bildung weniger Geld ausgeben. Geringere Bildungsinvestitionen führen dann aber dazu, dass das Humankapital fehlt.
 

VDI nachrichten: War die Ungleichverteilung der Auslöser der Finanzkrise?


 
Jens Beckert: Eine hohe Vermögenskonzentration führt zu Vermögen, das keine sinnvollen Anlagemöglichkeiten findet. Deshalb ist der Zwang groß, in immer riskantere Anlagen zu investieren, zum Beispiel in bonitätsschwache Immobilienkredite, deren Ausfall dann die Finanzkrise ausgelöst hat. Wäre das Vermögen in den letzten 30 Jahren weniger stark konzentriert in einer kleinen Gruppe an der Spitze der Gesellschaft gelandet, sondern stärker in Reallohnsteigerungen geflossen, dann wäre das dem Konsum zugute gekommen. Dieser Anlagenotstand, wie wir ihn heute haben, wäre dann ausgeblieben. Daher gibt es aus makroökonomischer Perspektive gute Gründe für eine höhere Erbschaftsteuer, für eine Vermögensteuer oder eine höhere Kapitalbesteuerung, um diese enorme Vermögenskonzentration wieder zu reduzieren.
 

VDI nachrichten: Denken die Bürger in anderen Ländern auch so kritisch über Erbschaftsteuern wie in Deutschland?


 
Jens Beckert: Heute ist dem sicherlich so. In Frankreich etwa ist, wie in Deutschland, die Meinung weit verbreitet, dass Erbschaften Familienangelegenheit sind, aus der sich der Staat herauszuhalten hat.
 

VDI nachrichten: Wie sieht es in den USA aus?


 
Jens Beckert: Dort spielt der Bezug zur Familie keine Rolle, zumindest nicht in der öffentlichen Debatte. Da steht vielmehr die Chancengleichheit im Vordergrund. Seit dem frühen 19. Jahrhundert wird von Liberalen in den USA kritisiert, dass durch Vermögensvererbung die Startchancen von Menschen ungleich sind. Deshalb sollen über eine hohe Erbschafssteuer gleiche Startchancen geschaffen werden. Ein weiteres Argument, das in den USA, anders als in Deutschland, wichtig ist: Die Vererbung von Vermögen wird als eine Gefährdung demokratischer Strukturen betrachtet. Durch die Weitergabe von Vermögen über Generationen hinweg konzentriert sich wirtschaftliche Macht, die den demokratischen Prozess in unzulässiger Weise beeinflusst.
 

« Die Vererbung von Vermögen wird in den USA als eine Gefährdung demokratischer Strukturen betrachtet. »


 

VDI nachrichten: Gilt das noch für die USA? Dort hat sich doch eine regelrechte Finanzoligarchie gebildet.


 
Jens Beckert: Die Debatte hat sich seit den 70er-Jahren verändert. Vermögenskonzentration galt in den USA während der letzten 30 Jahre als weitgehend unproblematisch. Steuersenkungen sollten zu Wirtschaftswachstum führen. Dabei wurde billigend in Kauf genommen, dass die Ungleichheit immer weiter stieg. Allerdings sind die kritischen Stimmen nie völlig verstummt. Als es um die Jahrtausendwende um die Abschaffung der Nachlasssteuer ging, haben reiche Unternehmer für die Beibehaltung plädiert. Mit den Argumenten, die aus dieser republikanischen Tradition stammen: Chancengleichheit, Schutz der Demokratie.
 

VDI nachrichten: Warum wird der Zusammenhang zwischen Erbschaften, Vermögen und politischer Macht in den USA, dem Mutterland des Kapitalismus, diskutiert, in Deutschland aber nicht?


 
Jens Beckert: Die USA als Mutterland der Demokratie hat nicht die feudale Tradition wie Europa. Zwar gab es auch in Europa bürgerliche Revolutionen, aber die liefen immer auf Kompromisse mit der Aristokratie hinaus. In Frankreich ist das bis heute deutlich sichtbar. Die Aristokratie war traditionell der Träger geerbter Vermögen. Auch die deutsche Sozialdemokratie hat sich nie wirklich für die Erbschaftsteuer interessiert. Sie wollte ein Steuersystem, das insgesamt genügend Einnahmen bringt, um sozialstaatlich umverteilen zu können. Das zielt mehr auf das Ergebnis der sozialen Gerechtigkeit als auf den Anfang mit gleichen Startchancen.
 

 
Jens Beckert geboren 1967, ist seit 2005 Direktor am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln und Professor an der Universität zu Köln. Nach dem Studium der Soziologie und Betriebswirtschaftslehre (Schwerpunkt Arbeitsmarktökonomie) in Deutschland und den USA lehrte und forschte Beckert u.a. an den Universitäten Princeton, Harvard und Göttingen. Ein Schwerpunkt seiner Arbeit liegt auf dem Gebiet des Erbens in ökonomischer und soziologischer Sicht.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Jens Beckert: Erben in der Leistungsgesellschaft. Frankfurt a.M.: Campus, 2013.
  • Jens Beckert: Unverdientes Vermögen: Soziologie des Erbrechts. Frankfurt a.M.: Campus, 2004.
  • Jens Beckert: Erben in der Leistungsgesellschaft. In: MPIfG Jahrbuch 2013-2014. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2012, 57-61.

 

 
Erbschaften: Die Entscheidung der Verfassungsrichter und die Pläne des Bundesfinanzministers

 
Mit seiner Entscheidung vom Dezember vergangenen Jahres hat das Bundesverfassungsgericht die pauschalen Verschonungsregelungen für Betriebserben gekippt. Besonders bei großen Unternehmensübergaben müsse, so die Richter, individuell geprüft werden, ob die Erbschaftsteuer erlassen werden kann.
Bisher reichte es aus, einen Betrieb sieben Jahre fortzuführen und die Lohnsumme stabil zu halten, um die Erbschaftsteuer nicht zahlen zu müssen. Wer einen Betrieb fünf Jahre fortführt, erhält einen Rabatt auf die Steuerschuld von 85 Prozent.
Künftig, das sehen Pläne des Bundesfinanzministeriums vor, soll bei einem geerbten Betriebsvermögen von mehr als 20 Mio. Euro geprüft werden, ob die Steuer erlassen werden kann. Zudem soll die Hälfte des Privatvermögens des Erben herangezogen werden, um die Steuerschuld zu begleichen.
Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) fordert, erst ab einem Betriebsvermögen von 300 Mio. Euro und mehr zu prüfen, ob es einen Schonungsbedarf gibt. Familienunternehmen, deren Wert darunter liegt, sollen keine oder eine ermäßigte Erbschaftsteuer nach den bisherigen Regelungen zahlen. Nach seinem Konzept, das räumt der BDI ein, würden nur relativ wenige Firmen Erbschaftsteuer zahlen.
 

 
Erben: Was ohne Steuer übertragen werden kann

 
Das Erbschaftsteuer- und Schenkungsteuergesetz sieht folgende Freibeträge im Erbfall vor:
500.000 Euro für Eheleute und eingetragene Lebenspartner,
400.000 Euro für Kinder und Stiefkinder, für Abkömmlinge von verstorbenen Kindern und Stiefkindern, Adoptivkinder,
200.000 Euro für die Enkel und die Kinder von Stiefkindern,
100.000 Euro für Eltern, Großeltern und Urgroßeltern,
20.000 Euro für Geschwister, Kinder von Geschwistern, Stiefeltern, Schwiegerkinder, Schwiegereltern, geschiedene Ehegatten,
20.000 Euro für alle anderen Erwerber.

 
Bei der vorweggenommenen Erbfolge können diese Freibeträge alle zehn Jahre in Anspruch genommen werden. Auf diese Weise lässt sich die Erbschaftsteuer reduzieren oder ganz vermeiden.
 

 
Quelle
„Erbschaften werden fast als etwas Sakrales behandelt.“ Interview mit Jens Beckert über die Bevorzugung von Familienunternehmen bei Erbschaften. In: VDI nachrichten 10/2015, 6. März 2015.

 
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