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 MPIfG - Aus der Forschung - Standpunkt

 

 

„In der Solarbranche kämpfte jeder für sich.“


Interview mit Timur Ergen über die deutschen Photovoltaik-Hersteller
 

 
Die Fragen stellt Hartmut Steiger, VDI nachrichten
 

VDI nachrichten: Warum sind die Hersteller von Photovoltaik-Modulen in Deutschland in die Krise geraten?


 
Timur Ergen: Bis 2009 waren deutsche Hersteller recht gut aufgestellt, sowohl technologisch als auch auch beim Absatz. 2009 setzte, aufgrund von Überkapazitäten, ein weltweiter Verdrängungswettbewerb ein. Dass sich diese Krise in Deutschland so stark bemerkbar gemacht hat, lag auch an fehlender Koordination in der Reaktion auf diese Überkapazitäten.
 

VDI nachrichten: Wie hätte diese koordinierende Vorgehensweise aussehen können?


 
Timur Ergen: Die Branche hätte ihre Fertigkeiten und Anstrengungen bündeln müssen – zumindest technologisch. Stattdessen kämpfte jeder für sich allein, am Ende ist beinahe die ganze Industrie zusammengebrochen. Spät ist die Forderung nach Schutzzöllen aufgekommen. Die war aber insbesondere in der deutschen Industrie sehr umstritten und auch insgesamt industriepolitisch fragwürdig.
 

VDI nachrichten: Hätte eine Koordination gereicht, um gegen chinesische Unternehmen zu bestehen?


 
Timur Ergen: Folgt man den Ingenieuren, die sich mit dieser Frage beschäftigen, existieren in Deutschland auf vielen Stufen der Wertschöpfungskette industrielle Fertigkeiten, mit denen man zumindest in der ersten Liga der Zell- und Modulfertigung mitspielen könnte. Ob man damit nachhaltig in den Größenrennen der ostasiatischen Fertiger bestehen kann, ist eine offene Frage. Viel wichtiger aber ist: Man hätte mit einer koordinierten Reaktion dem vierjährigen Trauerspiel zwischen Preisverfall, dem ungebremsten Zufluss an Modulen in das deutsche Fördersystem, Förderkürzungen, Firmenscheitern und öffentlicher Kritik entgegenwirken können.
 

VDI nachrichten: Es gibt die Innovationsallianz Photovoltaik, gefördert von der Bundesregierung. Hat sie ihr Ziel verfehlt?


 
Timur Ergen: Sie wurde 2010 gegründet und kam daher viel zu spät. Zu diesem Zeitpunkt war das Problem dieser Industrie forschungspolitisch nicht mehr zu lösen. Unternehmen schrieben massiv rote Zahlen. Die ersten Ergebnisse der Innovationsallianz kommen jetzt erst langsam in die Anwendung und werden damit für die Fertigung relevant. Aber das, was in den vergangenen dreißig Jahren in Deutschland und in Europa in der Solarwirtschaft an Technik und Forschungsleistung erreicht wurde, ist nie richtig gebündelt worden.
 

« Was in den vergangenen dreißig Jahren in Deutschland und in Europa in der Solarwirtschaft an Technik und Forschungsleistung erreicht wurde, ist nie richtig gebündelt worden. »


 

VDI nachrichten: In der Politik wird bisweilen gefordert, nationale Champions aufzubauen. Wäre die Solarindustrie ein Kandidat dafür?


 
Timur Ergen: Es gab auf technologischem Gebiet Ansätze dazu in der Halbleiter- und in der Luftfahrtindustrie. Es ist aber nicht klar, ob das auch der Solarindustrie geholfen hätte. Seit 2009 schrieb die Branche rote Zahlen, und Verluste über fünf oder sechs Jahre durchzuhalten, ist auch mit politischer Unterstützung schwer. Hinzu kommen ordnungspolitische Vorbehalte gegen solche Champions, wenn nicht gar wettbewerbspolitische. Eine solche Initiative müsste zu allererst von der Industrie unterstützt werden. Derartige Initiativen sind ja durchsetzt mit Verteilungsfragen. Wenn man sich anschaut, wie in der Solarindustrie seit 2009 über die kleinsten Anpassungsschritte heftig gestritten wurde, bin ich skeptisch, dass man einen nationalen oder europäischen Champion zeitnah hätte aufbauen können.
 

VDI nachrichten: Davon abgesehen: Halten Sie einen Champion in der Solarindustrie, vergleichbar dem Airbus in der Luftfahrt, für sinnvoll?


 
Timur Ergen: Da muss man abwägen. Photovoltaik wird in den nächsten Jahrzehnten eine wichtige Industrie sein, das ist unbestreitbar. Befürworter meinen, dass man ohne eine gewisse Größe gar nicht so weit kommt, technologisch in dem Markt zu konkurrieren. Bei früheren industriepolitischen Programmen in Europa waren meist auch sicherheitspolitische Erwägungen im Spiel. Die sehe ich bei der Photovoltaik nicht zwingend. In den USA wird allerdings teilweise so argumentiert. Dort meint man, dass der Zugewinn an Energiesicherheit, der mit erneuerbaren Energien einhergehen soll, durch den Import von Solarzellen aus Fernost gefährdet würde. Es wäre bedauerlich, wenn in Europa nach fünfzig Jahren der politischen und industriellen Unterstützung die Solarindustrie in dem Moment nicht gehalten würde, in dem die Technik endlich marktgängig ist.
 

« Photovoltaik wird in den nächsten Jahrzehnten eine wichtige Industrie sein, das ist unbestreitbar. »


 

VDI nachrichten: Hätte man die Hersteller von PV-Modulen subventionieren sollen, anstatt über das Erneuerbare-Energien-Gesetz die privaten Stromerzeuger?


 
Timur Ergen: Nicht unbedingt. Irgendjemand musste weiterhin die Anlagenbetreiber subventionieren. Ohne diese Unterstützung hätten wir heute diese Industrie nicht. Auch wäre die Technik nicht so weit kommerzialisiert, wie sie es jetzt ist. Werden Hersteller unterstützt, muss das mit dem Beihilferecht der Europäischen Union vereinbar sein. Auch die Abwägung, welche Unternehmen man in welcher Form fördert, wäre schwierig geworden.
 

VDI nachrichten: Wenn die Hilfen für Anlagenbetreiber richtig waren, hätte man sie ab 2010 nicht deutlicher senken müssen?


 
Timur Ergen: Sie hätten nicht primär gesenkt, sondern umstrukturiert werden müssen. Richtig wäre es gewesen, Anreize für höherwertige Anlagen und Dienstleistungen zu schaffen, zum Beispiel bei der Fassadenintegration. Oder es hätte Anreize geben müssen, dass die Hersteller ihre Geschäftsmodelle anspruchsvoller ausrichten, etwa bei der Systemintegration oder für komplexere Anlagen. Zuletzt wurde auch über Bonusregeln für europäische Erzeugnisse diskutiert. Weil die Einspeisevergütung seit 2009 nur gekürzt, aber nicht anders ausgerichtet wurde, konnte der Zubau nicht wie geplant eingedämmt werden. Deutsche Hersteller verloren weiterhin an Boden, industriepolitische Ziele wurden damit ebenso wenig erreicht wie die umwelt- und klimapolitischen. Dadurch hat die Solarförderung auch merklich an Zustimmung in der Öffentlichkeit verloren.
 

 
Timur Ergen ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln. Im Herbst erscheint sein Buch zur Politischen Ökonomie der Photovoltaikindustrie, in dem er den Auf- und Abstieg der Photovoltaik-Hersteller analysiert. Eine Vorabversion des Buches liegt den VDI nachrichten vor. Zwischen 2011 und 2014 ist die Zahl der Betriebe in Deutschland, die Solarmodule und -zellen herstellen, von 36 auf zwölf gesunken, die Zahl der Beschäftigten von 11.800 auf 3.000, so das Statistische Bundesamt.
 

 
Quelle
„In der Solarbranche kämpfte jeder für sich.“ Interview mit Timur Ergen über die deutschen Photovoltaik-Hersteller. In: VDI nachrichten 15/2015, 10. April 2015.

 
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