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 MPIfG - Aus der Forschung - Standpunkt

 

 

Digitale Kindheit: Plädoyer für einen gelasseneren Umgang mit unseren Computerkids


Verena Gonsch
 

 
Stundenlange Computerspiele, teure Tablets in der Schule, hochprofessionelle Smartphones in Kinderhand. Für viele Eltern in Deutschland ist die Beschäftigung ihres Kindes mit der digitalen Welt ein rotes Tuch und Ursache handfester Streits am Familientisch. Da werden Wlan-Router ohne Vorankündigung vom Stromnetz genommen, Zeitschaltuhren eingebaut und Suchtberater kontaktiert. Elternabende ähneln in ihrer Vehemenz radikalen Stammtischrunden. Wer mit seinen Kindern Minecraft oder Pokémon Go spielt und keine stundenlangen Streifzüge in der Natur vorweisen kann, muss sich sogar verteidigen. In Mamablogs zerfleischen sich Mütter gegenseitig. Familienurlaube können an der Frage, ob der Urlaubsort vernetzt ist, scheitern. Kurz: Die digitale Welt ist eines der großen Streitthemen in heutigen Familien.
 
In den USA, in asiatischen Ländern, aber auch in vielen westeuropäischen Ländern, ist die Stimmung genau umgekehrt. Dort werden Computerspiele und digitale Lernsoftware als Chance gesehen, um Kinder und Jugendliche auf die Berufswelt von morgen vorzubereiten. Aber auch, um ihnen spielerisch die Welt zu erklären. Der Koordinator für die PISA-Studie in Deutschland, der OECD-Experte Andreas Schleicher, wirft den Deutschen deshalb auch eine "gewisse Technikfeindlichkeit" vor. Hinzu kommt, dass die großen digitalen Erfolge derzeit woanders stattfinden: Die Sozialen Netzwerke dominieren Google, Facebook, Apple und Twitter, im E-Commerce ist es Amazon, die Pflegeroboter kommen aus Japan.
 

« Die großen digitalen Erfolge finden derzeit woanders statt. »


 
Sind unsere Kinder vor diesem Hintergrund überhaupt zukunftsfähig? Bekommen sie die interessanten Jobs, oder sind ihnen im Studium nicht Kids anderer Länder weit voraus? Und warum entlassen viele Eltern aus der Mittelschicht, scheinbar liberal und weltoffen, ihre Kinder mit angezogener Handbremse in die Welt? Warum benehmen sie sich wie ihre vermeintlich spießigen Eltern in den 1970er- und 1980er-Jahren, rückwärtsgewandt und intolerant?
 
In meiner Zeit als Journalist in Residence am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung in Köln wollte ich dieser Frage auf den Grund gehen. Meine These: Unsere kulturellen Besonderheiten lassen uns die digitale Kindheit unserer Sprösslinge mit äußerst kritischen Augen sehen. Das liegt zum einen an unserem Konzept der Elternschaft. Den Begriff "Rabenmutter" gibt es nur in Deutschland – gemeint ist eine Mutter, die sich nicht genug um ihr Kind kümmert. In französischsprachigen Ländern ist wiederum den Begriff der "Gluckenmutter" verbreitet – das ist eine, die zu sehr klammert. Eltern sein, und vor allem Mutter sein, ist in Deutschland ein Fulltime-Job. Schon früh hat sich durch die Industrialisierung die Arbeitsteilung etabliert, dass der Mann außer Haus arbeitet und die Frau die Kinder hütet.
 
Die Naturbewegung der 1920er-Jahre und die Zeit des Nationalsozialismus haben den Begriff der Mutter in Deutschland weiter überhöht. In der Adenauer-Zeit hat sich dann die Trennung von Privatem und Beruflichem verstärkt. In Abgrenzung zum Nationalsozialismus sollte jetzt nur noch die Familie das Sagen haben, wenn es um die Erziehung geht. Und auch die Frauenbewegung hat daran nichts geändert. Im Gegensatz zu anderen westeuropäischen Ländern war diese in Westdeutschland eher eine Mütter- denn eine Frauenbewegung. Themen wie die biologische Baby-Kost und das lange Stillen waren wichtiger als der Ausbau der Kita-Plätze. All dies führt dazu, dass viele Eltern kein Problem darin sehen, selbst jeden Tag acht bis zehn Stunden am Computer zu sitzen und – sobald sie zuhause sind – ihrem zwölfjährigen Kind das Computerspiel zu verbieten.
 
Auch kulturelle Besonderheiten wie diese führen zu einer kulturkritischen Bewertung der Digitalisierung und ihrer Folgen. Hinzu kommt, dass Deutsche zumindest in bestimmten Technologiebereichen kritischer sind als ihre europäischen Nachbarn oder die US-Amerikaner, was sich in der Anti-Atom-Bewegung oder im Kampf gegen Gen- und Biotechnologie zeigt. Oder eben auch gegenüber Big Data, was wiederum erklärt, warum vielen Vätern und Müttern die digitale Welt ihrer Kinder suspekt ist.
 

 
Verena Gonsch ist Redakteurin bei NDR Info und betreut dort gesellschafts- und umweltpolitische Themen. Sie ist für die Feature-Reihe "Forum am Sonntag" verantwortlich. Außerdem moderiert sie regelmäßig Talk-Formate, Podiumsdiskussionen und Hörersendungen wie die "Redezeit". Sie hat Politikwissenschaften und Volkswirtschaftslehre in Hamburg studiert und danach ein Volontariat beim NDR absolviert. Anschließend war Gonsch für den NDR Wirtschaftskorrespondentin in Hannover, für NDR und WDR Europakorrespondentin in Brüssel und in Hamburg in der Wirtschaftsredaktion. Im Herbst 2016 war sie Journalist in Residence am MPIfG.
 
Quelle
Verena Gonsch: Digitale Kindheit: Plädoyer für einen gelasseneren Umgang mit unseren Computerkids In: Gesellschaftsforschung 2/2016. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2016, 3-4.
 

 

 
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