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 MPIfG - Aus der Forschung - Themen

 

 

Die Zukunft im Forschungsprogramm
des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung


Jens Beckert und Timur Ergen
 

 
Erwartungen spielen eine zentrale Rolle im wirtschaftlichen Handeln. Auf der Grundlage von Erwartungen treffen Akteure wirtschaftliche Entscheidungen, mit denen sie Geld investieren, Chancen nachgehen und sich Risiken aussetzen. Dies gilt für Investitionen ebenso wie für Innovationen, Entscheidungen für eine Berufsausbildung oder die Konsumnachfrage. Wirtschaftliche Erwartungen sind darüber hinaus politisch bedeutsam für die Entstehung und den Wandel wirtschaftspolitischer Koalitionen oder für staatliche Eingriffe in die Wirtschaft.
 

« Wirtschaftliche Erwartungen sind politisch bedeutsam für die Entstehung und den Wandel wirtschaftspolitischer Koalitionen oder für staatliche Eingriffe in die Wirtschaft. »


 
Sie basieren ja auf Vorstellungen, wie "die Zukunft" aussehen wird und wie sie sich beeinflussen lässt. Man denke an die Konflikte um die wahrscheinliche Zukunft der britischen Wirtschaft, seitdem es in Großbritannien um den Brexit geht oder an die lauffeuerartige Ruhigstellung "der Märkte" durch Mario Draghis viel zitiertes Whatever it takes.
 
Trotz dieser offensichtlichen Bedeutung von Erwartungen für das Verständnis wirtschaftlicher Prozesse haben weder die Wirtschaftssoziologie noch die Politische Ökonomie diesem Thema bisher besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Ganz anders die Wirtschaftswissenschaften: Mit dem Konzept rationaler Erwartungen und zahlreicher verhaltensökonomischer Theoreme haben Ökonominnen und Ökonomen relativ klare Vorstellungen davon entwickelt, wie sich Erwartungen bilden und wie sie sich untersuchen lassen. Die Theorie rationaler Erwartungen ist ein grundlegender Baustein der modernen Makroökonomie. Doch nicht zuletzt die jüngste Finanzkrise hat starke Zweifel an dieser Theorie aufkommen lassen.
 
Die Bedeutung von Erwartungen im wirtschaftlichen Handeln und deren gleichzeitig verengte Behandlung in der ökonomischen Theorie sind Hintergrund für die Beschäftigung mit der Bildung, der Stabilisierung und dem Wandel von Erwartungen am Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung (MPIfG). Ein erstes Resultat dieser Forschung ist Jens Beckerts Buch Imagined Futures: Fictional Expectations and Capitalist Dynamics (HUP 2016), das im Frühjahr 2018 auch auf Deutsch unter dem Titel Imaginierte Zukunft (Suhrkamp) erscheinen wird.
 
In den nächsten Jahren werden sich eine ganze Reihe von Forschungsprojekten am MPIfG empirisch und konzeptionell mit Erwartungen und der Ausbildung von Zukunftsvorstellungen und ihrer Bedeutung für wirtschaftliche Prozesse befassen. Welche Zielsetzung haben diese Projekte? Welche grundlegenden konzeptionellen Fragestellungen stehen hinter dieser Forschung und vor welchen methodologischen Herausforderungen steht sie?
 

 

Zielsetzung und konzeptionelle Fragestellungen


 
Das Interesse der Forscherinnen und Forscher richtet sich vornehmlich auf die Erklärung der Dynamik des Kapitalismus. Keine Wirtschafts- und Gesellschaftsformation in der Geschichte hat je eine dem Kapitalismus vergleichbare Dynamik entfaltet. Gleichzeitig ist die Wahrnehmung der wirtschaftlichen Zukunft als offen und durch Chancen und Risiken geprägt spezifisch für die Moderne, innerhalb derer sich auch der heutige Kapitalismus entwickelt hat.
 
Im modernen Kapitalismus wird die Gegenwart durch die Brille einer vorgestellten, von der Gegenwart unterschiedenen Zukunft beurteilt und Entscheidungen an diesen Imaginationen ausgerichtet. Im Mittelpunkt des Forschungsbereichs "Die Zukunft im wirtschaftlichen Handeln" stehen die Zukunftsvorstellungen der Akteure und deren Bedeutung sowohl für das innovative Wachstum moderner kapitalistischer Ökonomien als auch für die immer wieder auftretenden Krisen. Ausgangspunkt ist dabei, dass die Zukunft offen und unvorhersehbar ist, Akteure aber dennoch Entscheidungen treffen müssen. Wie formen Akteure unter diesen Bedingungen Erwartungen?
 

« Die Zukunft ist offen und unvorhersehbar, Akteure müssen aber dennoch Entscheidungen
treffen. »


 
Das Themenspektrum der empirischen Forschungsprojekte ist dabei bewusst weit gespannt. Es reicht von der Entwicklung eines Marktes für Bioplastik seit den 1970er-Jahren über die Generierung von Berufserwartungen von BWL-Studierenden bis zur Erklärung der griechischen Staatsschuldenkrise und der Gründe für die Deindustrialisierungspolitik seit den 1970er-Jahren, die verschiedene Länder ganz unterschiedlich vorangetrieben haben. Aus diesen verschiedenen Blickrichtungen sollen nicht nur interessante Einzelbefunde zu den behandelten Themen erzielt, sondern auch ein besseres Verständnis für konzeptionelle Problemstellungen erlangt werden, die sich in allen Gegenstandsbereichen finden. Fünf solcher Problemstellungen ragen hervor:
 

 

Wie bilden sich Erwartungen heraus?


 
Exemplarische Ansatzpunkte einer Soziologie der Entstehung von Erwartungen sind zwei Aspekte. Einerseits das Problem, wie sich Erfahrungen und die Wahrnehmung der Vergangenheit in Erwartungen zukünftiger Entwicklungen spiegeln und andererseits die Frage nach dem historischen Wandel gesellschaftlicher Einstellungen zur Zukunft.
 
Aus soziologischer Perspektive sind Erwartungen, wenngleich ihre Träger Individuen sind, nie individualistisch zu erklären, sondern bilden sich in sozialen Kontexten. Institutionen, kulturelle Leitbilder, soziale Macht, Netzwerkstrukturen, kognitive Instrumente und die sozialstrukturelle Position von Akteuren beeinflussen sämtlich auch die Erwartungen im wirtschaftlichen Handeln. Empirische Studien hierzu aus der Forschung am MPIfG untersuchen etwa die Entstehung ökologischer Katastrophenszenarien und grüner industrieller Zukunftshoffnungen in den 1970er-Jahren, die Entstehung des Literaturgenres populärer Diagnosen gesellschaftlichen Wandels in den USA der 1960er- und 1970er-Jahre oder die Veränderungen makroökonomischer Planvorstellungen während der Eurokrise.
 

 

Wie beeinflussen Erwartungen wirtschaftliche Prozesse und Strukturen?


 
Hier geht es insbesondere um den Vergleich und das Wechselspiel von Institutionen, kulturellen Strukturen oder makroökonomischen Faktoren, die üblicherweise in den Sozialwissenschaften als Erklärungsaspekte herangezogen werden. Inwieweit haben Erwartungen einen eigenständigen Einfluss auf wirtschaftliche Entwicklungen, anstatt sie bloß marginal mitzuprägen oder oberflächlicher Ausdruck anderer Strukturen zu sein?
 
Die Studien fragen etwa nach den Folgen unterschiedlicher Vorstellungen des sektoralen Wandels für die Industriepolitik in der Bundesrepublik Deutschland und den USA seit den 1970er-Jahren oder nach der Rolle von Erwartungen für die Verbreitung und Akzeptanz des social freezing in der Reproduktionsmedizin, also der Entnahme und Aufbewahrung von Eizellen zwecks Verschiebung von Schwangerschaft und Kinderwunsch.
 

 

Wie setzen sich Erwartungen durch und wie verbreiten und festigen sie sich?


 
Warum entwickeln manche Geschichten über zukünftige Entwicklungen an Überzeugungskraft, während andere als Hirngespinste abgetan oder gar nicht erst in Betracht gezogen werden? An dieser Stelle überschneiden sich die empirischen Fragestellungen der Projekte zur Zukunft im wirtschaftlichen Handeln mit denen anderer Forschungsfelder. Welche Rolle etwa spielen die Medien in der Verbreitung von Zukunftsvisionen? Was lässt sich von literaturwissenschaftlichen Studien zur Glaubwürdigkeit fiktionaler Geschichten für die Untersuchung von Narrativen im wirtschaftlichen Handeln lernen? Welche Rolle spielen die in der Techniksoziologie untersuchten kalkulativen Instrumente, mit denen Wirtschaftsakteure die Zukunft zu berechnen versuchen?
 
Forschung, die den Mechanismen der Durchsetzung von Erwartungen nachgeht, findet sich am MPIfG beispielsweise in Untersuchungen der Beurteilung zukünftiger Marktstrukturen in der europäischen Fusionskontrolle. Darüber hinaus in innovationssoziologischen Studien der schwergängigen Einführung neuer Umwelttechnologien und in Analysen des "Erwartungsmanagements" durch Zentralbanken in wirtschaftlichen Krisen.
 

« Die "Politik der Erwartungen" ist ein zentrales Moment des "Marktkampfes" in der Wirtschaft
und daher auch in der Wirtschaftspolitik bedeutsam. »


 
Verbunden mit der Frage der Durchsetzung bestimmter Zukunftsnarrative ist die Untersuchung der Bedeutung sozialer oder politischer Macht für diese. Wirtschaftliche Akteure versuchen, die offene Zukunft in der Vorstellungswelt anderer Akteure so zu schließen, dass ihre Zukunftsvision eine möglichst breite Unterstützung erfährt. Diese "Politik der Erwartungen" ist ein zentrales Moment des "Marktkampfes" in der Wirtschaft und daher auch in der Wirtschaftspolitik bedeutsam. Politische Entscheidungen als "alternativlos" erscheinen zu lassen, ist der Versuch der Usurpation der Zukunft durch eigene politische Vorstellungen. Die Zukunft ist so auch ein politisches Kampffeld.
 

 

Was geschieht, wenn stabile Narrative sich plötzlich verändern?


 
In einem Projekt zur Staatsschuldenkrise in Griechenland steht eine weitere Problemstellung im Vordergrund: Hier geht es um die Untersuchung der Rolle von Zukunftserzählungen für das Verständnis ökonomischer Krisen. Beobachtet man die Entwicklung des für griechische Schuldtitel an den Märkten verlangten Risikoaufschlags seit Mitte der 1990er-Jahre (Abb. 1) fällt auf, dass weder die Konvergenzbewegung dieses Jahrzehnts noch die dramatische Zuspitzung nach 2008 eine klare Entsprechung in der Verbesserung beziehungsweise Verschlechterung der makroökonomischen Grundlagen der griechischen Wirtschaft findet. Die Märkte reagieren offenbar nicht nur auf ökonomische Daten, sondern insbesondere auch auf das vorherrschende Narrativ, mit dem das vermeintliche Risiko interpretiert wird. Die Frage, wie sich stabile Narrative plötzlich verändern und damit Krisen auslösen, ist eine weitere konzeptionelle Frage, der in Projekten des Forschungsbereichs nachgegangen wird.
 

 


 
Abb. 1: Entwicklung des Spreads griechischer Staatsanleihen im Vergleich zu deutschen

 

Entwicklung des Spreads zwischen Zinsen auf zehnjährige griechische Staatsanleihen im Vergleich zu deutschen. Zeitraum 1993 bis 2017. Beobachtet man die Entwicklung des für griechische Schuldtitel an den Märkten verlangten Risikoaufschlags seit Mitte der 1990er-Jahre fällt auf, dass weder die Konvergenzbewegung dieses Jahrzehnts noch die dramatische Zuspitzung nach 2008 eine klare Entsprechung in der Verbesserung beziehungsweise Verschlechterung der makroökonomischen Grundlagen der griechischen Wirtschaft findet.
Quelle: Eurostat. 2017. EMU convergence criterion series – daily data. Luxemburg. http://ec.europa.eu/eurostat/en/web/products-datasets/-/IRT_LT_MCBY_D.
 


 

 

Wie hängen Erwartungen mit normativen Vorstellungen zusammen?


 
Schließlich sind Erwartungen nicht nur kognitive Phänomene, sondern immer auch mit Wertvorstellungen verbunden. Von Unternehmen oder der Politik vorgetragene technologische Visionen enthalten immer auch normative Vorstellungen des guten und richtigen Lebens. Die technologischen Projektionen des Silicon Valley etwa zeichnen das Bild einer hochgradig individualisierten zukünftigen Gesellschaft, verbunden mit dem Ende jeder Form von Privatsphäre.
 
Die Zukunftsversprechen des Neoliberalismus transportieren normative Vorstellungen der Gesellschaftssteuerung durch den Markt, bei gleichzeitiger Ablehnung staatlicher Regulierung. Solche häufig gar nicht explizit gemachten normativen Implikationen von Zukunftsnarrativen herauszuarbeiten, ist eine weitere Aufgabe der Forschungsprojekte des MPIfG zu diesem Thema.In der gegenwärtigen Forschung wird diese Problemstellung beispielsweise in einem Projekt zur Stadt- und Regionalpolitik aufgegriffen. Dieses Projekt zeigt, wie Wertkonflikte gesellschaftliche Auseinandersetzungen um urbane Restrukturierungsprojekte in Frankreich prägen.
 

 

Methodologie


 
Forschungen über Erwartungen stehen vor nicht unerheblichen methodischen Herausforderungen. Anhand welchen empirischen Materials lassen sich jeweils relevante Zukunftsvorstellungen identifizieren und wie ist ihr Einfluss auf wirtschaftliche Entscheidungen schlüssig zu zeigen? Inwieweit kann man von Äußerungen auf Überzeugungen schließen? Wie können Vorstellungen auf sozialer Ebene verlässlich rekonstruiert werden? Und wie ist im Anschluss festzustellen, dass es diese Vorstellungen sind, die das jeweils interessierende Handeln geprägt haben?
 
Systematische Analysen von Erwartungen stehen deshalb zu allererst vor hermeneutischen Herausforderungen. Ein kürzlich begonnenes Projekt zur Sammlung methodischer Zugänge zur Erforschung von Erwartungen zeigt, welche methodischen Ansätze möglich erscheinen. So können etwa innovative Forschungsansätze der Soziologie und Politischen Ökonomie auf Verfahren der quantitativen Textanalyse, auf die systematische Analyse von Artefakten, Institutionen und Prognoseinstrumenten und auf ethnografische Methoden zurückgreifen. Börsenindizes und Befragungen wie der Geschäftsklimaindex lassen sich als aggregierte Erwartungen der Marktakteure verstehen.
 

« Die Forschungsprojekte zur "Zukunft im wirtschaftlichen Handeln" zielen auf die Ausarbeitung einer neuartigen Theorie kapitalistischer Entwicklung. »


 
Die Forschungsprojekte zur "Zukunft im wirtschaftlichen Handeln" zielen auf die Ausarbeitung einer neuartigen Theorie kapitalistischer Entwicklung. Diese soll den Zukunftsvorstellungen der Akteure eine zentrale Rolle für die Erklärung des phänomenalen Wachstums ebenso wie für die immer wiederkehrenden, verheerenden Krisen des Kapitalismus zuweisen. Das spezifisch Moderne des Kapitalismus ist die Ausrichtung von Akteuren auf eine unbekannte Zukunft, die immer schon erdacht werden muss und sich zugleich über die von diesen Vorstellungen ausgelösten Entscheidungen herausbildet. Welche Zukunft sich tatsächlich verwirklicht, kann jedoch niemand vorhersagen.
 

 
Jens Beckert ist seit 2005 Direktor am MPIfG und Professor für Soziologie an der Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Fakultät der Universität zu Köln.
Fachgebiete: soziale Einbettung der Wirtschaft, insbesondere anhand der Untersuchung von Märkten; Organisationssoziologie; Soziologie der Erbschaft; soziologische Theorie.
 

 
Timur Ergen ist seit 2010 wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIfG. Er hat Politikwissenschaft, Soziologie und Volkswirtschaftslehre an der RWTH Aachen studiert und ist im Oktober 2014 an der Universität zu Köln promoviert worden.
Forschungsinteressen: industrielle Organisation, Politische Ökonomie, Technologiepolitik, Wirtschaftspolitik.
 

 
Zum Weiterlesen

 
Quelle
Jens Beckert und Timur Ergen: Die Zukunft im Forschungsprogramm des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung. In: Newsletter Gesellschaftsforschung 2|17. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung 2017, 12-15.

 
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