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 MPIfG - Aus der Forschung - Themen

 

 

Milieu und Raum
Wie kulturelle Prägungen die Unterschiede regionaler Geburtenzahlen in Deutschland erklären


Barbara Fulda
 

 
Die Bevölkerungspyramide der Bundesrepublik Deutschland steht auf dem Kopf, und trotz erheblicher familienpolitischer Investitionen stagniert die Geburtenrate bei knapp 1,4 Kindern pro Frau. Diese Zahl erweckt den Anschein, dass sich Paare überall in Deutschland aufgrund ähnlicher Handlungs- und Orientierungsmuster für beziehungsweise gegen Kinder entschieden. Doch die Geburtenraten unterscheiden sich von Region zu Region zum Teil drastisch.
 
Deutschland besteht aus einem Mosaik unterschiedlichster Fertilitätsmuster (Abb. 1). So lag die Anzahl der Lebendgeborenen je 10.000 Einwohner im Jahr 2013 in Dresden und Leipzig bei jeweils 115,0 beziehungsweise 111,4 – ähnlich hoch wie in Schweden oder Frankreich im selben Zeitraum. Die großen Differenzen in den Fertilitätsraten erklärt man mit ganz verschiedenen Faktoren, etwa mit dem nachhaltigen Einfluss der unterschiedlichen politischen Systeme in Ost- und Westdeutschland vor der Wiedervereinigung. Doch können diese Erklärungen nicht vollständig überzeugen. Denn die regionalen Geburtenraten im östlichen und westlichen Teil Deutschlands divergieren zum Teil viel deutlicher als zwischen Ost und West. Überdies sind die Fertilitätsmuster innerhalb Deutschlands seit mehr als einhundert Jahren erstaunlich stabil geblieben – trotz politischer Systemwechsel und erheblicher wirtschaftlicher Umwälzungen.
 

 


 
Abb. 1: Regionale Fertilitätsraten in Deutschland im Jahr 2013
 

Quelle: Statistisches Bundesamt, 2015.
 


 

 
Ist also eher die Schwierigkeit, Beruf und Elternschaft miteinander zu vereinbaren, ein plausibles Argument für den Geburtenrückgang in Deutschland (Abb. 2)? Die Realität widerlegt die Annahme vieler Familienpolitiker, man könne allein durch den Ausbau von Kitaplätzen und offenen Ganztagsschulen die „zeitlichen Kosten“ – also den zeitlichen Aufwand, den Kinderbetreuung neben dem Beruf in Eigenleistung erfordert – reduzieren. So ist in manchen Gegenden Deutschlands die Geburtenrate pro Frau höher, als es die Zahl öffentlicher Kinderbetreuungsmöglichkeiten vermuten ließe. Auch der Zusammenhang „mehr Geld, mehr Kinder“ scheint angesichts der stabilen regionalen Geburtenunterschiede in Deutschland nicht zu gelten. Der Landkreis Osterode am Harz etwa nimmt mit 58,8 Lebendgeborenen je 10.000 Eintwohnern im Jahr 2013 einen der hinteren Plätze ein, obwohl es sich um einen Kreis mit einem recht hohen nominalen Bruttoinlandsprodukt je Erwerbstätigem von über 65.000 Euro handelt. Wodurch aber lassen sich die unterschiedlichen Fertilitätsmuster der Bundesrepublik erklären, wenn weder strukturelle Einflüsse noch politische Systemstrukturen als Gründe ausreichen?
 

 


 
Abb. 2: Geburtenrückgang in Deutschland von 1951 bis 2012
 

Quelle: Statistisches Bundesamt, 2013.
 


 

 

Ein neuer Ansatz in der demografischen Forschung


 
Eine neue Betrachtungsweise in der demografischen Forschung richtet den Blick auf regional unterschiedliche Geschlechterrollenvorstellungen, die auch die Akzeptanz familienpolitischer Maßnahmen beeinflussen. Diesem Ansatz zufolge erklären strukturelle und ökonomische Gegebenheiten nicht vollständig, warum sich Menschen für Kinder entscheiden. Zusätzlich spielen hier kulturelle Normen eine wichtige Rolle. Sie wirken mancherorts dem von familienpolitischen Maßnahmen intendierten Effekt entgegen, die Geburtenzahlen durch die Verbesserung von Kinderbetreuungsangeboten zu erhöhen.
 

« Kulturelle Normen können dem von familienpolitischen Maßnahmen intendierten Effekt entgegenwirken, die Geburtenzahlen durch die Verbesserung lokaler Infrastruktur zu erhöhen. »


 
Denn prinzipiell wandeln sich kulturelle Prägungen wie Ideen von Familie und Elternschaft – soziologisch ausgedrückt: Familienleitbilder – sehr viel langsamer, als sich strukturelle Veränderungen durchsetzen. Das kann die Stabilität der regionalen Geburtenunterschiede erklären und zur Folge haben, dass familienpolitische Förderungen kurzfristig nicht überall im gewünschten Maß angenommen werden. Ein mögliches Indiz für unterschiedliche regionale Vorstellungen von Familie und dem familiären Zusammenleben kann die Zahl der Väter sein, die das im Jahr 2007 eingeführte Elterngeld in Anspruch nehmen: Laut Statistischem Bundesamt besteht hier eine „klare regionale Konzentration“ im Süden und Südosten Deutschlands, in Bayern, Sachsen und Thüringen. Aber auch in fast allen Kreisen Brandenburgs nahm mehr als jeder vierte Vater 2012 Elterngeld in Anspruch.
 

 

Kulturelle Unterschiede und regional unterschiedliche Geburtenraten


 
Der Vergleich zweier soziostrukturell ähnlicher Gegenden in Süddeutschland belegt den vermuteten Zusammenhang zwischen kulturellen Normen und strukturellen Faktoren. Obwohl Waldshut in Baden-Württemberg und Fürth in Bayern in soziostruktureller Hinsicht vergleichbar sind, weist Waldshut eine deutlich niedrigere, Fürth aber eine höhere Anzahl an Kindern pro Frau auf, als aufgrund der lokalen soziokulturellen Gegebenheiten anzunehmen wäre. Die unerwarteten Fertilitätsraten beider Landkreise korrespondieren mit in diesen Regionen bestehenden abweichenden kulturellen Wertvorstellungen und einem hierdurch geprägten Vereins- und Gemeinschaftsleben. In beiden sozialen Milieus offenbaren sich somit in vielfältiger Hinsicht verschiedene Familienleitbilder. Familienleitbilder enthalten Auffassungen über die Rolle einer Mutter oder eines Vaters sowie über Normalbiografien von Frauen und Männern. Als Normalbiografien gelten dabei Lebensläufe, die als „typisch“ angesehen werden, wenn zum Beispiel nach dem Schulabschluss erst eine Ausbildung, dann der Berufseinstieg und zuletzt die Familiengründung erfolgen. Solche Auffassungen variieren regional. Geschlechtsrollenvorstellungen stehen wiederum in Wechselwirkung mit den verbreiteten Ansichten über staatliche Aufgaben und Grenzen staatlichen Engagements, beispielsweise in der Kinderbetreuung.
 
Waldshut. Das alltägliche Familienleben innerhalb dieser beiden sozialen Kontexte variiert spürbar: Das hervorstechende Merkmal des sozialen Milieus in Waldshut sind die eher traditionellen bis konservativen Wertvorstellungen von Familie, die sich in dem Wunsch nach einer klassischen Arbeitsteilung zwischen beiden Partnern äußern. Wollen beide Eltern arbeiten gehen, konkurrieren in Waldshut die Anforderungen der heutigen modernen Arbeitswelt nach flexiblen Arbeitnehmern mit dem traditionellen Familienleitbild. Doch beeinflusst dies nicht nur direkt die Entscheidung von Eltern für Kinder. Auch das lokale Vereinsleben und das Kinderbetreuungsangebot passen sich dem milieueigenen Familienleitbild an – beispielsweise durch kürzere Kita-Öffnungszeiten. Diese Widersprüche erklären die mit Blick auf die soziokulturellen Strukturen unerwartet niedrige Fertilitätsrate in Waldshut.
 
Fürth. In Fürth begründet insbesondere die Kompatibilität von Familienmodell und Erwerbsleben die überraschend hohe Fertilitätsrate. Das im modernen sozialen Milieu Fürths verbreitete Familienleitbild ist mit dem nationalen, positiv konnotierten Leitbild der erwerbstätigen Frau gut vereinbar. Will eine Mutter dem milieueigenen Familienleitbild nachkommen, bedeutet dies für sie nicht, sich zwischen Familie und Erwerbstätigkeit entscheiden zu müssen. Familienbezogene Normen, Familienleitbilder und lokale Angebote entsprechen den Forderungen der Arbeitswelt an Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Damit sind die regionalen Lebensbedingungen für Familien besonders günstig; Eltern fällt die Entscheidung für (weitere) Kinder leichter – auch weil Nicht-Familienmitglieder und Vereine im deutschlandweiten Vergleich recht viel Erziehungs- und Betreuungsverantwortung übernehmen.
 
Eine niedrige Fertilitätsrate in eher konservativen sozialen Kontexten ist auch auf Länderebene beobachtbar. Stets ging die Forschung davon aus, dass gerade in Ländern, in denen das klassische Familienleitbild dominiert, mehr Kinder geboren würden. Doch die Zahlen der letzten Jahre sprechen gegen diese Hypothese: Insbesondere in Italien und Spanien werden vergleichsweise wenige, in Schweden und Island dagegen vergleichsweise viele Kinder geboren. Dabei gelten die beiden skandinavischen Länder als Gesellschaften, die sich durch eine Vielzahl an Formen des Zusammenlebens, wie Patchworkfamilien, sowie eine höhere Frauenerwerbstätigkeit auszeichnen.
 

 

Familienpolitik muss regional ansetzen


 
Anders als allgemein angenommen, sind es somit nicht sozialkonservative Regionen, in denen die meisten Kinder geboren werden. Stattdessen sind regionale soziale Milieus heute dann familienfreundlich, wenn ihre Leitbilder mit dem gesamtgesellschaftlichen Kontext kompatibel sind; das heißt, wenn Mutterschaft und ökonomische Unabhängigkeit von Frauen miteinander vereinbar sind, die Familienarbeit zwischen beiden Partnern gleichberechtigt aufgeteilt werden kann und unterschiedliche Formen von Partnerschaft toleriert werden. Eltern werden also in unterschiedlichem Ausmaß durch ihr soziales Milieu in der Aufgabenteilung unterstützt: Das milieuinterne Leitbild kann dem gesamtgesellschaftlichen Rollenbild stark widersprechen. Da kulturelle und strukturelle Einflüsse miteinander in Wechselwirkung stehen, sollten beide in Erklärungen des Geburtenverhaltens berücksichtigt werden. Bisherige wissenschaftliche Erklärungen sind deswegen dahingehend zu überprüfen, ob sie diese entscheidende Wechselwirkung berücksichtigt haben. Das Gewicht struktureller Variablen für regionale Unterschiede der Geburtenraten könnte beispielsweise deutlich kleiner sein als bisher angenommen. Eine weitere Lehre aus dieser Studie ist, dass eine Region nicht zwangsläufig durch eine Verbesserung der strukturellen Bedingungen familienfreundlicher wird.
 
Zugleich verliert auch das von Familienpolitikern oft angeführte Argument an Bedeutung, strukturelle Veränderungen zögen kurzfristig auch ideelle Veränderungen in der Bevölkerung nach sich. Es ist eher umgekehrt: Staatliche familienpolitische Maßnahmen und Anreize, die lediglich auf die Veränderung struktureller Gegebenheiten setzen, haben gebietsweise stark voneinander abweichende Effekte auf die Familiengründung und -erweiterung. Zuweilen bleiben sie sogar gänzlich wirkungslos. Wundern sich Familienpolitiker gelegentlich über diese Wirkungslosigkeit, lässt sich diese erklären: durch unterschiedliche Familienleitbilder, die sich nicht mit den strukturellen Maßnahmen decken.
 

 
Barbara Fulda ist seit April 2015 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt „Life Course and Family Dynamics in a Comparative Perspective“ an der Technischen Universität Chemnitz. Von 2010 bis 2015 war sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am MPIfG und wurde 2014 an der Universität zu Köln promoviert. Sie studierte Sozialwissenschaften und Volkswirtschaftslehre an den Universitäten Köln und Bonn.
Forschungsinteressen: Familiensoziologie; Bildungssoziologie; Wirtschaftssoziologie; Stadtsoziologie; Raumsoziologie und Demografie.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Hans Bertram: Regionale Vielfalt und Lebensformen. In: Bertram, Hans (Hg.): Das Individuum und seine Familie: Lebensformen, Familienbeziehungen und Lebensereignisse im Erwachsenenalter. DJI: Familiensurvey 4. Opladen: Leske + Budrich 1995, 157–195.
  • Ansley J. Coale und Susan C. Watkins: The Decline of Fertility in Europe: The Revised Proceedings of a Conference on the Princeton European Fertility Project. Princeton: Princeton University Press 1986.
  • Barbara Fulda: Culture's Influence: Regionally Differing Social Milieus and Variation in Fertility Rates. MPIfG Discussion Paper 15/4. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung 2015.
  • Bernhard Nauck: Regionale Milieus von Familien in Deutschland nach der politischen Wiedervereinigung. In: Nauck, Bernhard und Onnen-Isemann, Corinna (Hg.): Familie im Brennpunkt von Wissenschaft und Forschung: Rosemarie Nave-Herz zum 60. Geburtstag gewidmet. Neuwied/Kriftel: H. Luchterhand Verlag 1995, 91–122.

 
Quelle
Barbara Fulda: Milieu und Raum: Wie kulturelle Prägungen die Unterschiede regionaler Geburtenzahlen in Deutschland erklären. In: MPIfG Jahrbuch 2015-2016. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, 2015, 73-80.

 
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