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 MPIfG - Aus der Forschung - Themen

 

 

Varianten der Finanzialisierung
Was treibt und was bremst die private Verschuldung in Deutschland?


Daniel Mertens
 

 
Niedrige Zinsen der Europäischen Zentralbank, massenweise Kreditangebote im Internet, Null-Prozent-Finanzierungen im Handel: Für Privatpersonen war es selten so leicht, einen Kredit aufzunehmen. Warnungen vor einem Konsumrausch und möglichen Kreditblasen ignorieren jedoch die Komplexität des Phänomens. Aus dem Blickwinkel der Politischen Ökonomie werden die Zusammenhänge klarer.
 
Die Finanzkrise war in vielerlei Hinsicht ein Ereignis mit Enthüllungskraft. Licht fiel dabei auch auf den lange Zeit unbeachteten oder doch zumindest unterschätzten Anstieg privater Verschuldung. Insbesondere in den USA, aber auch in einigen europäischen Ländern hatte dieser Anstieg zunächst die Wohnungsmärkte, dann ganze Finanzsysteme und Volkswirtschaften an den Rand des Abgrunds oder darüber hinaus gebracht. Die nun folgende Welle an Privatinsolvenzen und Hausräumungen in Ländern, in denen die Immobilienblasen platzten, verstärkte dabei das verbreitete Bild, private Verschuldung und Überschuldung gehörten zusammen wie Tag und Nacht. Allerdings verstellte dies mancherorts den Blick darauf, dass der Kredit an private Haushalte längst zu einem zentralen Moment kapitalistischer Vergesellschaftung geworden war.
 

« Das enorme Wachstum von Immobilien- und Konsumentenkrediten ist ein Kernelement der Finanzialisierung. »


 
So ist das enorme Wachstum von Immobilien- und Konsumentenkrediten während der vergangenen dreißig bis vierzig Jahre ein Kernelement der sogenannten Finanzialisierung. Damit ist – grob gesprochen – ein Prozess gemeint, durch den Finanzaktivitäten, -interessen und -motive eine Bedeutungszunahme in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft erfahren. Unklar ist allerdings, inwiefern sich dieser Prozess zwischen den Ländern des OECD-Wirtschaftsraumes unterscheidet und durch welche institutionellen Bedingungen spezifische Varianten der Finanzialisierung entstehen. Mit Blick auf die Entwicklung privater Verschuldung sticht der deutsche Fall besonders hervor. Abbildung 1 zeigt für eine Reihe von Ländern den Anstieg der Verbindlichkeiten privater Haushalte, wobei die Schulden deutscher Haushalte seit Beginn der 2000er-Jahre entgegen dem internationalen Trend zurückgegangen sind. Auch nach der Finanzkrise stagnierte das Kreditvolumen gemessen an der Wirtschaftsleistung und wirft Fragen nach dem Umfang der Finanzialisierung hiesiger Privathaushalte auf. Das langfristige und durchaus dynamische Schuldenwachstum bis Ende der 1990er-Jahre macht Erklärungen nach dem Muster „Das war in Deutschland schon immer so“ allerdings höchst unplausibel. Wie also lässt sich stattdessen die Kreditentwicklung erklären?
 

 


 
Abb. 1: Privatverschuldung in der OECD, 1995–2010
 

Quelle: OECD Financial Balance Sheets; OECD Economic Outlook No. 95; eigene Berechnung.
 


 

 

Was eine Politische Ökonomie der Privatverschuldung leistet


 
Private Verschuldung ist auf das Engste mit gesellschaftlichen Regelsystemen, politischen Weichenstellungen und wirtschaftlicher Entwicklung verknüpft und kann nicht allein als Ergebnis vereinzelter Konsum- und Investitionsentscheidungen verstanden werden. Eine ganze Reihe von Forschungsbeiträgen hat für die lange Phase der US-amerikanischen Kreditexpansion diese Prämissen unterstrichen, indem sie die Rolle der privaten Verschuldung in der Entwicklung des dortigen Sozial- und Wirtschaftsmodells herausgestellt und dessen Rückwirkungen auf das Kreditvolumen offengelegt hat. Politökonomische Konzepte wie das des privatisierten Keynesianismus oder des finanzdominierten Akkumulationsregimes betonen dabei das systematische Zusammenspiel verschiedener institutioneller Teilbereiche, die gemeinsam zu einem außerordentlichen Anstieg der Privatverschuldung in den USA beigetragen haben – mit entsprechenden Parallelen in anderen entwickelten Ländern. Im Kern lassen sich fünf dieser Teilbereiche benennen, die die Verschuldungsbereitschaft und Verschuldungsmöglichkeiten privater Haushalte bedingen: das Finanzsystem, das währungs- und wirtschaftspolitische Regime, der Arbeitsmarkt, der Wohlfahrtsstaat und der Wohnungsmarkt (Abb. 2). Eine Politische Ökonomie der Privatverschuldung muss dabei die Dynamik verschuldungsrelevanter Institutionen in den Blick nehmen, unabhängig davon, ob sie aus ihnen selbst entspringt oder Folge sich wandelnder Kräfteverhältnisse und historischer Ereignisse ist.
 

 


 
Abb. 2: Die institutionellen Grundlagen privater Verschuldung
 

 


 

 

Privatverschuldung im deutschen Modell


 
Im Gegensatz zu den USA und vielen anderen Ländern war das deutsche Wirtschafts- und Sozialmodell, wie es sich in der Nachkriegszeit etablierte, viel stärker von der Entwicklung des Exportsektors abhängig. Damit basierte es auf einer Politik, die Sparen und Investitionen stets mehr förderte als Leihen und Konsum. Die umfangreiche fiskalische Förderung des privaten (Bau-)Sparens, die frühe Festigung eines Mietwohnungsmarktes, die strikt an Außenwirtschaft und Preisstabilität orientierte Politik der Bundesbank oder die industriepolitisch ausgerichtete Regulierung des deutschen Finanzsystems – all dies sind wichtige Anhaltspunkte für einen in der Tendenz restriktiveren Umgang mit dem privaten Kredit.
 

« Das deutsche Wirtschafts- und Sozialmodell der Nachkriegszeit basierte auf einer Politik, die Sparen und Investitionen stets mehr förderte als Leihen und Konsum. »


 
Doch auch diese oftmals ineinandergreifenden Elemente des deutschen Modells befanden sich immer in Bewegung, sodass ihr Einfluss auf die private Verschuldung variierte und von den ökonomischen und politischen Zeichen der Zeit mitbestimmt wurde. So begann die Expansion des Kreditgeschäfts mit Privathaushalten Ende der 1960er-Jahre, als der damalige Wirtschaftsminister Karl Schiller im Zuge der ersten Nachkriegsrezession die Zinsen liberalisierte und das Wettbewerbsverbot für den Bankensektor aufhob. Die nur wenig später erfolgte Liberalisierung der Genossenschaftsbanken erweiterte die Verschuldungsmöglichkeiten der Haushalte zusätzlich und bescherte dem deutschen Finanzsektor Mitte der 1970er-Jahre Freiheitsgrade wie sie damals nur die Schweiz kannte. Auch die 1990er-Jahre waren von einer massiven Ausweitung des Kreditgeschäfts bestimmt, zunächst durch die direkten Effekte des Wiedervereinigungsbooms, im Anschluss daran vor allem aber durch dessen politische Verarbeitung: Privatisierungen und eine nie dagewesene staatliche Förderung von Eigentum im Wohnungsmarkt liefen mit einer expansiven Geldpolitik im Nachklang der Krise des Europäischen Währungssystems zusammen. Im Ergebnis wuchs die Verschuldung deutscher Haushalte in den 1990er-Jahren tatsächlich stärker als in den USA und den meisten anderen Industrienationen (Abb. 1).
 

 

Trendumkehr und gedämpfte Finanzialisierung


 
In den 2000er-Jahren allerdings kristallisierte sich die eingangs beschriebene Abweichung Deutschlands vom internationalen Trend heraus. Nicht nur, weil die Sondereffekte der Wiedervereinigung allmählich nachließen, auch die Vollendung der Europäischen Währungsunion und die Turbulenzen auf dem Neuen Markt veränderten die Parameter der Kreditentwicklung. So drückten die Wettbewerbsbedingungen im Finanzsektor verstärkt auf die Profitabilität des Privatkreditgeschäfts und veranlassten die international ausgerichteten Banken zur Expansion in die Eurozone. Die das inländische Kreditgeschäft dominierenden Sparkassen und Genossenschaftsbanken wurden insbesondere durch die Markteintrittsstrategien von ausländischen Banken und von Branchen- und Direktbanken herausgefordert, stellten ihre Kreditvergabepraxis aber nur in Ansätzen auf angloliberale Standards um. Vor allem verzichteten sie auf eine Nutzung der politisch ermöglichten Verbriefung von Immobilien- und Konsumentenkrediten.
 

« Die Vollendung der Europäischen Währungsunion und die Turbulenzen auf dem Neuen Markt veränderten die Parameter der Kreditentwicklung. »


 
Zugleich dämpfte die europäisierte Geldpolitik die Kreditnachfrage durch ein an der wirtschaftlichen Situation Deutschlands gemessen hohes Zinsniveau. Damit wurde eine gegenteilige Dynamik zu den boomenden und nachfragestarken Ländern in der europäischen Peripherie erzeugt. Die durch das Abgleiten in die Rezession provozierten Reformen in der sozialen Sicherung und auf dem Arbeitsmarkt entfalteten ebenfalls eine bremsende Wirkung auf die private Verschuldung. Zwar wurden quasistaatliche Kreditprogramme für die Wohneigentumsbildung und die Studienfinanzierung ausgeweitet, doch öffentliche Ausgabenkürzungen, vor allem in der Rente, und die zunehmend prekären Beschäftigungsverhältnisse verursachten ökonomische und soziale Unsicherheiten. Insbesondere die obere Mittelschicht reagierte auf diese Situation mit einer steigenden Sparquote und nicht mit höherer Verschuldung. Damit stand auch die aus fiskalischen Gründen erfolgte Abschaffung der Eigenheimzulage im Einklang, die in den 1990er-Jahren noch sehr expansiv wirkte. Zudem bestimmten stagnierende Hauspreise wieder das Bild des Wohnungsmarktes, nachdem der Wiedervereinigungsboom verebbt war.
 
Unter diesen institutionellen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen blieb das Schuldenwachstum in Deutschland hinter dem anderer Länder zurück. Die vielerorts verstärkte Verknüpfung der Immobilien- und Konsumentenkredite mit den globalen Finanzmärkten verharrte hier auf einem niedrigen Niveau und dämpfte so den Finanzialisierungstrend. Privathaushalte waren als Sparer und Mieter vergleichsweise stärker in die sich ausweitenden Finanzmarktbeziehungen eingebunden, beispielsweise über die Riester-Rente oder den Aufstieg institutioneller Investoren im Wohnungsmarkt, wenngleich der Kredit in der Sozial- und Wirtschaftspolitik an Bedeutung gewonnen hatte.
 

 

Nach der Finanzkrise


 
Seit 2008 hat die politische Bearbeitung der Finanz- und Eurokrise zu einer partiellen Neukonfiguration dieser Dynamiken geführt. Insbesondere die niedrigen Zinsen der Europäischen Zentralbank sorgen in Deutschland für Bedenken, weil sie die Sparorientierung der Haushalte weiter unterlaufen und Anreize für die Kreditaufnahme geben würden. In der Tat zeigt sich, dass viele Haushalte ihre Spareinlagen verringern. Allerdings lagen die Wachstumsraten im Kreditgeschäft in den vergangenen Jahren fortwährend unter dem gesamtwirtschaftlichen Wachstum. Des Weiteren hat die Finanzkrise eine gewisse Vorsicht bei einigen Finanzakteuren in Deutschland hervorgerufen, wie in den etwas vorsichtigeren Beleihungsstandards in der Immobilienfinanzierung ersichtlich wird.
 
Schließlich wird in diesem Zusammenhang immer wieder auf die stark steigenden Preise auf einigen regionalen Wohnungsmärkten hingewiesen, die Vorreiter oder bereits Ausdruck einer weiteren (Kredit-)Blase seien. Die bisherigen Ausführungen sollten aber plausibel gemacht haben, dass die Dynamik privater Verschuldung nicht allein den Kreditkosten entspringt, sondern einem komplexen Geflecht politökonomischer Zusammenhänge. Diesem Geflecht Rechnung zu tragen, kann Richtschnur sein, nicht nur um die Privatverschuldung in weiteren Ländern zu analysieren, sondern auch um die Konflikte zwischen Gläubigern und Schuldnern in der globalen Ökonomie sorgfältiger zu interpretieren.
 

 
Daniel Mertens ist seit Oktober 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Internationale Beziehungen und Internationale Politische Ökonomie der Goethe-Universität Frankfurt. Von 2009 bis 2014 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIfG und wurde 2014 an der Universität zu Köln promoviert. Er studierte Politikwissenschaft, Rechtswissenschaft und Betriebswirtschaftslehre an den Universitäten Bonn und Leeds.
Forschungsinteressen: Vergleichende Kapitalismusforschung; Finanzialisierung; Institutionentheorie; Fiskal- und Sozialpolitik; Arbeitsbeziehungen.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Daniel Mertens: Erst sparen, dann kaufen? Privatverschuldung in Deutschland. Schriften aus dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Bd. 82. Frankfurt a.M.: Campus 2015.
  • Marcel Heires und Andreas Nölke (Hg.): Politische Ökonomie der Finanzialisierung. Wiesbaden: Springer VS 2014.
  • Wolfgang Streeck: Re-Forming Capitalism: Institutional Change in the German Political Economy. Oxford: Oxford University Press 2009.

 
Quelle
Daniel Mertens: Varianten der Finanzialisierung: Was treibt und was bremst die private Verschuldung in Deutschland? In: MPIfG Jahrbuch 2015-2016. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung 2015, 55-60.

 
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