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 MPIfG - Aus der Forschung - Themen

 

 

Die Akademikerrepublik
Kein Platz für Arbeiter und Geringgebildete im Bundestag?


Armin Schäfer
 

 
Die Abgeordneten des Bundestages sollen Vertreter des ganzen Volkes sein, doch ein Abbild des Volkes sind sie nicht. Migranten und Frauen, aber noch stärker Arbeiter und Geringgebildete sind im Parlament unterrepräsentiert; dort dominieren Akademikerinnen und Akademiker. Das wirft die Frage auf, ob die Interessen von sozial Benachteiligten tatsächlich noch angemessen vertreten werden.
 

 
Gastkommentar von Rolf Mützenich „Soziale Mobilität ermöglichen“
 

 
In seiner Eröffnungsrede zur ersten Sitzung des 2013 neu gewählten Deutschen Bundestages hob Bundestagspräsident Norbert Lammert hervor, dass die Abgeordneten „keine Versammlung von Helden und Heiligen“, sondern ein getreues Abbild der Bevölkerung seien. Weder sozioökonomisch noch in ihren Einstellungen unterschieden sich die Mitglieder des 18. Bundestages nennenswert von der Gesellschaft, die sie repräsentieren. Vielmehr bildeten sie eine „ziemlich repräsentative Mischung von Herkunft, Alter, Berufen, Begabungen, Temperamenten, Erfahrungen, Stärken und Schwächen“, so Lammert. Diese Auffassung überrascht, denn empirisch lässt sie sich nicht belegen: Frauen, Migranten oder Arbeiter sind im Bundestag deutlich unterrepräsentiert. Für die beiden erstgenannten Gruppen hat sich die Repräsentationslücke zwar nicht vollständig geschlossen, aber doch etwas verkleinert.
 

« Der Bundestag ist fast vollständig ein Akademikerparlament. »


 
In sozioökonomischer Hinsicht gilt dies jedoch nicht. Der Bundestag ist fast vollständig ein Akademikerparlament, in das es kaum Arbeiter oder einfache Angestellte schaffen. Obwohl laut Erhebungen des Statistischen Bundesamtes nur 14 Prozent der Bevölkerung über ein abgeschlossenes Hochschulstudium verfügen, sind mehr als 80 Prozent der Abgeordneten Akademiker. Von den Parteimitgliedern über die Kandidaten bis zu den Abgeordneten nimmt die soziale Selektivität immer weiter zu, von einer „ziemlich repräsentativen“ Mischung lässt sich in dieser Hinsicht nicht sprechen.
 

 

Ist spiegelbildliche Repräsentation wünschenswert?


 
Wenn die Rede davon ist, dass eine Gruppe eine andere repräsentiert, kann gemeint sein, dass beide Gruppen bestimmte Merkmale teilen. Repräsentieren in diesem Sinn bedeutet, etwas wirklichkeitsnah abzubilden. Doch spätestens seit dem bahnbrechenden Buch der Politikwissenschaftlerin Hanna Pitkin zum „Konzept der Repräsentation“ wird das Prinzip der „spiegelbildlichen“ oder „deskriptiven Repräsentation“ als nachrangig zur Responsivität der Abgeordneten gegenüber den Wählerinnen und Wählern angesehen: Die Repräsentanten müssen Anliegen und Interessen der Bevölkerung kennen und in ihren Entscheidungen berücksichtigen. Repräsentieren besteht nach dieser Auffassung in einem Dialog zwischen Parlamentariern und Bevölkerung. Dabei wird den Abgeordneten ein hohes Maß an Autonomie zugestanden, das jedoch mit der Pflicht einhergeht, eigene Entscheidungen gegenüber den Repräsentierten zu begründen. Weicht das Verhalten der Gewählten ohne ausreichende Begründung dauerhaft und gravierend von den Einstellungen und Interessen ihrer Wählerinnen und Wähler ab, ist das Repräsentationsverhältnis gestört. Nicht das Wer, sondern das Wie ist für die Qualität der Repräsentation entscheidend.
 
Doch ist dieses Verständnis auch kritisiert worden. Insbesondere feministische Autorinnen verweisen darauf, dass die teilweise krasse Unterrepräsentation von Frauen in den Parlamenten sich auf die dort getroffenen Entscheidungen auswirke und die Benachteiligung von Frauen weiter fortführe. Deshalb sprechen sich Politikwissenschaftlerinnen wie Anne Philipps, Jane Mansbridge oder Melissa Williams für „Gruppenrepräsentation“ aus, die sicherstellen soll, dass benachteiligte Gruppen im Parlament vertreten sind.
 

« Was prägt die Qualität der Repräsentation: das Wer oder das Wie? »


 
Dabei wird nicht angenommen, Frauen seien in ihren politischen Überzeugungen eine homogene Gruppe. Doch mit größerer numerischer Stärke im Parlament nehme die Wahrscheinlichkeit zu, dass ihre Belange in politischen Entscheidungen berücksichtigt werden. In vielen westlichen Demokratien gibt es inzwischen freiwillige oder bindende Regeln, die die Nominierung von Kandidatinnen erleichtern. Bündnis 90/Die Grünen und Die Linke gehen in Deutschland besonders weit in ihren Bemühungen, Geschlechterparität zu verwirklichen. Im neu gewählten Bundestag stellen in beiden Fraktionen Frauen die Mehrheit. Verfechterinnen der Gruppenrepräsentation sehen das Pitkin’sche Repräsentationsideal zwar skeptisch, wehren sich aber gleichzeitig gegen das deskriptive Modell, da nur benachteiligte Gruppen einen besonderen Anspruch auf eine bevorzugte Behandlung hätten. Und obwohl manche von ihnen beispielsweise Arbeiter dazuzählen, weisen andere dies zurück, da in fast allen Parlamenten Arbeiterparteien vertreten seien, weshalb kein zusätzlicher Repräsentationsbedarf bestehe. Allerdings finden sich in den Parlamentsfraktionen auch dieser Parteien kaum noch Arbeiter. Wenn jedoch die deskriptive Unterrepräsentation von Frauen oder ethnischen Minderheiten einen Mangel darstellt, sollte dies auch für andere Gruppen gelten.
 

 

Das Gesetz zunehmender Disproportionalität


 
In den Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts formulierte der amerikanische Politikwissenschaftler Robert Putnam das „Gesetz zunehmender Disproportionalität“. Es besagt, dass die soziale Selektivität von gesellschaftlichen Positionen mit deren Wichtigkeit zunimmt. Das Führungspersonal in der Wirtschaft, aber auch in Wissenschaft und Politik, rekrutiert sich dann überproportional aus der oberen Mittelschicht und der Oberschicht. Wenn bereits ein Elternteil zur Elite gehörte, ist die Wahrscheinlichkeit besonders groß, auch selbst eine herausgehobene Position einzunehmen. Obwohl in Deutschland, darauf weist der Elitenforscher Michael Hartmann hin, die Durchlässigkeit in der Politik deutlich höher als etwa in Unternehmen ist, trifft Putnams Gesetz in der Tendenz auch dort zu. Das zeigt Abbildung 1 anhand von Bildungsabschlüssen. Während 27 Prozent der Bevölkerung (mindestens) über die Fachhochschulreife verfügen, sind es bei den Parteimitgliedern mehr als die Hälfte. Noch homogener wird die Gruppe, wenn nur jene Parteimitglieder betrachtet werden, die 2009 für den Bundestag kandidierten. 87 Prozent von ihnen haben die Schule mindestens mit dem Fachabitur abgeschlossen. Mit dem Schritt ins Parlament steigt dieser Anteil auf 93 Prozent an – er liegt damit 66 Prozentpunkte über dem Anteil an der Bevölkerung. Unter den Abgeordneten des Deutschen Bundestages befindet sich kaum noch jemand, der nach Mittlerer Reife eine Lehre gemacht und in einem Handwerksberuf gearbeitet hat – geschweige denn jemand, der die Schule mit Hauptschulabschluss verlassen hat.
 

 


 
Abb. 1: Anteil der Personen mit (Fach-)Hochschulreife
 

Quelle: Statistisches Bundesamt, Deutsche Parteimitgliederstudie 2009, GLES Kandidatenstudie 2009. Vergleichbare Daten zu den Bildungsabschlüssen der Abgeordneten der 18. Wahlperiode liegen noch nicht vor.
 


 

 

« Der Akademikeranteil ist heute höher als jemals zuvor in einem frei gewählten deutschen Parlament. »


 
Der Akademikeranteil im Bundestag hat im Lauf der Zeit stetig zugenommen. Abbildung 2 zeigt die Entwicklung von 1949 bis 2009: Hatten anfangs 45 Prozent der Abgeordneten studiert – was angesichts der damals geringen Zahl von Hochschulabsolventen ein hoher Prozentsatz ist –, stieg der Anteil in den Siebzigerjahren auf 70 Prozent und in den Neunzigerjahren auf mehr als 80 Prozent. Im 2009 gewählten Bundestag lag er bei 91 Prozent. Damit ist der Akademikeranteil heute höher als jemals zuvor in einem frei gewählten deutschen Parlament. Da gleichzeitig auch der Akademikeranteil in der Bevölkerung gestiegen ist, lässt sich zwar nicht behaupten, die Verzerrung sei heute größer als etwa im Gelehrtenparlament der Paulskirche von 1848, aber dennoch ist der Akademikeranteil im Bundestag mehr als sechsmal so hoch wie in der Bevölkerung.
 


 

 
Abb. 2: Anteil der Akademiker im Bundestag
 

Quelle: Datenhandbuch des Deutschen Bundestages.
 


 

 
Für den 18. Deutschen Bundestag liegen noch keine detaillierten Informationen über die Schulabschlüsse der Parlamentarier vor, aber zurzeit spricht nichts dafür, dass sich das Bild grundlegend geändert hat. So stellen etwa Arbeiter und Handwerker gemeinsam nur 2,8 Prozent der Abgeordneten, während etwa dreimal so viele Unternehmer oder Selbstständige und sogar achtmal so viele Juristen vertreten sind (FAZ, 22. Oktober 2013).
 

 

Erfolgsfaktor Geld


 
Nun ließe sich vermuten, dass die Überrepräsentation von Akademikerinnen und Akademikern im Bundestag Ergebnis der an die Abgeordneten gestellten Anforderungen und damit die Folge eines Kompetenzvorsprungs ist. Viele im Parlament verhandelte Themen sind schwierig und verlangen großes Fachwissen. Doch der vermeintliche Kompetenzvorsprung ist nicht der einzige Grund. Wenn man statistisch überprüft, wer von den aufgestellten Kandidaten den Sprung ins Parlament schafft, fällt eine Reihe von Punkten ins Auge. Wichtig ist etwa, ob man auf einem sicheren Listenplatz platziert ist oder in einem Wahlkreis antritt, der in der Vergangenheit mit klarer Mehrheit an die eigene Partei ging. Zudem steigt die Wahrscheinlichkeit, gewählt zu werden, mit dem Bekanntheitsgrad. Amtsinhaber haben somit einen Vorteil gegenüber Herausforderern, die bisher kein politisches Amt innehatten.
 
Doch selbst wenn all diese Faktoren berücksichtigt werden, bleiben die im Wahlkampf aufgewendeten Ressourcen ein wichtiger Erklärungsfaktor: Wer für den Bundestag kandidieren möchte, muss Zeit, aber auch eigenes Geld investieren, wodurch die Hürden für viele Berufsgruppen und für Geringverdiener hoch werden. Kandidatinnen und Kandidaten, die – unter sonst gleichen Bedingungen – mehr Geld und mehr Zeit in ihren Wahlkampf investieren, haben größere Erfolgsaussichten. Dabei kommt es weniger auf das von den Parteien veranschlagte Geld, sondern vielmehr auf die zusätzlich getätigten privaten Wahlkampfausgaben an. Im Durchschnitt geben Wahlkämpfer mehrere Tausend Euro aus der eigenen Tasche für den Wahlkampf aus – und im Extremfall sogar fünfstellige Beträge.
 

« Kandidatinnen und Kandidaten, die mehr Geld und Zeit in ihren Wahlkampf investieren, haben größere Erfolgsaussichten. »


 
Abbildung 3 zeigt, wie sich die Wahrscheinlichkeit verändert, in den Bundestag gewählt zu werden, wenn die privaten Ausgaben zunehmen. Dabei werden die oben genannten Erklärungsfaktoren sowie eine Reihe weiterer Gründe berücksichtigt, sodass statistisch der „Nettoeffekt“ der privaten Ausgaben ermittelt werden kann. Unter sonst gleichen Bedingungen gilt: Je höher diese liegen, desto höher ist auch die Erfolgsaussicht, in den Bundestag einzuziehen.
 


 

 
Abb. 3: Private Ausgaben und erfolgreiche Kandidaturen
 

Quelle: GLES Kandidatenstudie 2009.
 


 

 
Allerdings könnte die Kausalität zwischen Ressourcen und Amt auch umgekehrt verlaufen: Die Parteien erwarten von Kandidaten auf aussichtsreichen Listenplätzen oder in sicheren Wahlkreisen, dass sie einen privaten Beitrag zum Wahlkampfbudget leisten. Von aussichtslosen Kandidaten kann dagegen kaum verlangt werden, dass sie eigenes Geld investieren. Doch selbst wenn höhere private Wahlkampfaufwendungen die Folge einer aussichtsreichen Kandidatur in einem sicheren Wahlkreis oder auf einem vorderen Listenplatz wären, änderte dies nichts an dem demokratietheoretisch problematischen Zusammenhang zwischen Ressourcen und der Möglichkeit, gewählt zu werden. Denn wenn eine Erwartungshaltung in den Parteien besteht, dass eine aussichtsreiche Kandidatur durch nicht unerhebliche Privatausgaben vergolten wird, wirkt dies als Ausschlusskriterium für Aspiranten mit geringem Einkommen.
 

 

Unterrepräsentation als demokratisches Problem?


 
Das von Putnam formulierte Gesetz zunehmender Disproportionalität besagt, dass die soziale Basis immer exklusiver wird, je wichtiger die zu besetzende Position ist. Wie die Forschung auch für Deutschland zeigt, rekrutieren sich die Eliten in der Wirtschaft überproportional aus einem relativ kleinen Bevölkerungssegment. Für die Politik galt dies bislang in geringerem Ausmaß, doch sitzen auch in den Parlamenten heute fast nur noch Akademiker. Eine Laufbahn wie die von Norbert Blüm, der als Werkzeugmacher bei Opel arbeitete, erst auf dem zweiten Bildungsweg studierte und schließlich Bundesminister wurde, gibt es kaum noch. Und mit Bodo Ramelow gibt es in den fünfzehn deutschen Bundesländern nur einen Ministerpräsidenten ohne Hochschulabschluss.
 
Diese Verschiebung in der Zusammensetzung der politischen Elite berührt die Frage, ob Repräsentation vollständig darauf verzichten kann, dass die Repräsentanten den Repräsentierten ähneln. Wer in den Parlamenten sitzt, darauf haben Befürworterinnen der Gruppenrepräsentation hingewiesen, ist für die dort getroffenen Entscheidungen nicht unerheblich. Das belegen auch einige in den letzten Jahren veröffentlichte empirische Studien. Repräsentation als Dialog kann nur gelingen, wenn sich die Lebenswelten von Repräsentanten und Repräsentierten überlappen. Sonst treffen erstgenannte Entscheidungen über Probleme, die sie selbst nur aus zweiter Hand kennen. Ein sozial homogenes Parlament kann zudem bei sozial benachteiligten Gruppen das Gefühl verstärken, nicht repräsentiert zu werden. „Die da oben“ werden in diesem Fall als fremd und von den eigenen Problemen weit entfernt wahrgenommen.
 

 
Armin Schäfer ist seit 2014 Professor für Politikwissenschaft mit dem Schwerpunkt „International Vergleichende Politische Ökonomie“ an der Universität Osnabrück. Er war von 2001 bis 2014 wissenschaftlicher Mitarbeiter am MPIfG. 2014 habilitierte er sich an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Er studierte Politikwissenschaft, Volkswirtschaftslehre sowie Friedens- und Konfliktforschung an der Universität Marburg und der University of Kent at Canterbury und wurde 2004 an der Universität Bremen promoviert.
Forschungsinteressen: Demokratie und soziale Ungleichheit; politische Ökonomie; europäische Integration; Parteien.
 

 
Zum Weiterlesen
  • Armin Schäfer: Der Verlust politischer Gleichheit: Warum der Rückgang der Wahlbeteiligung der Demokratie schadet. Schriften aus dem Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung Köln, Band 81. Campus: Frankfurt a. M. 2015.
  • Armin Schäfer, Robert Vehrkamp, Jérémie Felix Gagné: Prekäre Wahlen: Milieus und soziale Selektivität der Wahlbeteiligung bei der Bundestagswahl 2013. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung 2013.
  • Michael Hartmann: Soziale Ungleichheit – kein Thema für die Eliten? Frankfurt a.M.: Campus 2013.
  • Alexander Kühne: Repräsentation enträtselt oder immer noch „the Puzzle of Representation“? Entwicklungen und Lehren aus unterschiedlichen Forschungsstrategien. In: Zeitschrift für Parlamentsfragen 44(3), 459–485 (2013).
  • Anne Philipps: The Politics of Presence: The Political Representation of Gender, Ethnicity, and Race. Oxford: Oxford University Press 1995.
  • Hanna Fenichel Pitkin: The Concept of Representation. Berkeley/Los Angeles/London: University of California Press 1967.

 
Dieser Beitrag erschien erstmals in Gesellschaftsforschung 2/2013. (Dezember 2013).

 
Portrait von Armin Schäfer in der taz
 
Quelle
Armin Schäfer: Die Akademikerrepublik: Kein Platz für Arbeiter und Geringgebildete im Bundestag? In: MPIfG Jahrbuch 2015-2016. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung 2015, 89-96.
 
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Soziale Mobilität ermöglichen

Gastkommentar von Rolf Mützenich
 

 
Armin Schäfer bemängelt in seinem Artikel, dass der Bundestag nicht in angemessener Weise die Bevölkerungsstruktur widerspiegele, da Arbeiter und Geringgebildete nicht angemessen vertreten seien. Auch wenn ich den Begriff der „Geringgebildeten“ etwas unglücklich finde, der Befund von Armin Schäfer stimmt: Der Bundestag repräsentiert ohne Zweifel nicht die Bevölkerungsstruktur Deutschlands.
 
Die Abgeordneten liegen, was den Bildungsgrad angeht, jedenfalls weit über dem Bundesdurchschnitt. Arbeiter sind im Deutschen Bundestag hingegen deutlich unterrepräsentiert. Das war schon in der Frankfurter Paulskirche 1848 so und wird vermutlich auch nach der nächsten Wahl so bleiben. Die Akademisierung des Deutschen Bundestages ist also kein neues Phänomen. „Der Bundestag ist mal voller und mal leerer, aber immer voller Lehrer“, kalauerte schon Otto Graf Lambsdorff. Die Akademikerschwemme betrifft im Übrigen nicht nur den Bundestag, sondern ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Die Akademikervorherrschaft in den Parlamenten ist auch kein deutsches „Problem“. In England und Frankreich sind die wirtschaftlichen und politischen Eliten noch mehr unter sich als bei uns.
 
Ein Blick auf die Zusammensetzung des neu gewählten Bundestages bestätigt den Befund der Akademikerrepublik. Im 18. Bundestag, der jetzt seine Arbeit aufnimmt, sitzen fast doppelt so viele Männer wie Frauen. Viele von ihnen sind um die Fünfzig und waren in ihrem Vorleben „administrativ entscheidende Berufstätige“, wie es in der offiziellen Statistik des Bundeswahlleiters heißt. Mehr als die Hälfte der insgesamt 631 Abgeordneten gehören dieser Berufsgruppe an: Verwaltungsangestellte, Lehrer, Juristen. 150 Abgeordnete kommen aus dem öffentlichen Dienst (im letzten Bundestag waren es sogar über 200) – das sind fast ein Viertel der Mandatsträger. Gemessen am Durchschnitt der Erwerbstätigen dürften es gerade 11 Prozent sein. Die zweitgrößte Gruppe stellen die Juristen: 117 Abgeordnete sind Anwälte, Notare etc. – fast dreimal so viel wie 1961. An dritter Stelle folgen die Pädagogen: 52 Abgeordnete sind Lehrer, Erzieher – dies ist gut ein Drittel weniger als Mitte der Neunzigerjahre. Im neuen Bundestag sitzen nur noch zwei klassische Arbeiter: ein Bergmann und eine Schlosserin.
 

« Im neuen Bundestag sitzen nur noch zwei klassische Arbeiter: ein Bergmann und eine Schlosserin. »


 
Damit ist auch der neue Bundestag kein Spiegelbild der Gesellschaft. Nicht nur Arbeiter sind unterrepräsentiert, sondern nach wie vor auch Frauen und Migranten. Durch das Ausscheiden der FDP ist auch der Anteil von Unternehmern und Selbstständigen weiter zurückgegangen. Zwar sind alles in allem rund einhundert Berufe vertreten, aber der öffentliche Dienst dominiert. Dies ist auch nicht besonders verwunderlich: Ein Selbstständiger kann nicht einfach für vier Jahre sein Unternehmen ruhen lassen. Dann hat er längst seinen Kundenstamm verloren. Beamte hingegen, das garantiert das Abgeordnetengesetz, müssen keinen Jobverlust nach der Amtsperiode befürchten. Sie genießen ein uneingeschränktes Rückkehrrecht zu ihrem alten Arbeitsplatz.
 
Ist das deutsche Parlament also auf dem Weg, ein bundesrepublikanisches Oberhaus zu werden? Es ist so offensichtlich wie noch nie: Formelle Schulbildung entscheidet auch über den politischen Erfolg. Und das in einem Land, in dem die sozialen Aufstiegschancen immer geringer werden. Der Trend geht zur Selbstreproduktion der Eliten. Wenn man aus einer Juristenfamilie stammt, Jura studiert und danach noch in einem Parteivorstand voller Juristen Karriere macht, ist es eher unwahrscheinlich, dass man dieses Land von einem anderen Blickwinkel als dem eines Juristen aus sehen lernt. Andererseits schlagen sich Erwerbsbiografien nicht automatisch in entsprechendem Wahlverhalten nieder. Nicht jeder Unternehmer und Zahnarzt wählt automatisch die FDP und nicht jeder Arbeiter wählt selbstverständlich die SPD. Eine Erfahrung, die beide Parteien zuletzt schmerzlich bei der Bundestagswahl machen mussten.
 
Das Auseinanderdriften der sozialen Schichten in Deutschland zeigt sich längst in den Mitgliederstatistiken der Volksparteien. Auch die SPD hat sich in den letzten Jahrzehnten zunehmend akademisiert. Selbst wenn wir uns immer noch als Arbeiterpartei und Partei der „kleinen Leute“ verstehen, ist auch die SPD zunehmend zur Studenten- und Beamtenpartei mutiert. Das Hauptproblem ist meines Erachtens, dass unsere Gesellschaft immer undurchlässiger wird. Auch mir wurde als Kind einer Arbeiterfamilie nicht an der Wiege gesungen, dass ich einmal Bundestagsabgeordneter werden würde. Eine Karriere wie meine vom Hauptschulabschluss mit Schüler-Bafög zum Abitur und dann zum Studium wird immer seltener. Hier muss unsere Bildungspolitik ansetzen und junge Menschen aus bildungsfernen Schichten gezielt fördern.
 

« Die gewählten Eliten müssen den Kontakt halten: verstehen wollen statt zu meinen, alles schon verstanden zu haben. »


 
An der Diagnose lässt sich also nicht rütteln. Die Frage, die Armin Schäfer ja auch zu Recht stellt, ist jedoch die, ob eine spiegelbildliche Repräsentation überhaupt wünschenswert ist. Oder mit anderen Worten: Die Tatsache, dass Abgeordnete im Vergleich zu ihren Wählern in der Regel einen höheren Bildungsabschluss besitzen, bedeutet nicht zwangsläufig, dass sie die Nöte und Anliegen der Bevölkerung nicht verstehen oder vertreten können. Die in das Parlament gewählten Eliten stehen zweifelsohne in einer besonderen Verantwortung. Sie müssen den Menschen zuhören, den Kontakt halten. Dies bedeutet auch, verstehen wollen statt zu meinen, alles schon verstanden zu haben. Nur so kann man der Politikverdrossenheit und den notorisch niedrigen Wahlbeteiligungen entgegenwirken. Im Gegensatz zu unseren Wirtschafts- und Verwaltungseliten müssen sich Abgeordnete alle vier Jahre zur Wiederwahl stellen. Die Wählerinnen und Wähler haben es also in der Hand, zumindest die Arbeit ihres direkt gewählten Wahlkreisabgeordneten bei der nächsten Wahl durch ihre Stimmabgabe zu belohnen oder zu bestrafen. Am Ende sind ohnehin alle Abgeordneten, unabhängig von ihrem erlernten Beruf, Dienstleister – sie sind Politikerinnen und Politiker im Dienste der Bürgerinnen und Bürger ihres Landes.
 

 
Dr. Rolf Mützenich ist Vorsitzender des Kuratoriums des Max-Planck-Instituts für Gesellschaftsforschung und außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion.

 
Quelle
Rolf Mützenich: Soziale Mobilität ermöglichen. In: Gesellschaftsforschung 2/2013. Köln: Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung 2013, 14-15.
 
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