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MPIfG Working Paper 99/6, Mai 1999
Cyberscience: Die Zukunft der
Wissenschaft im Zeitalter der Informations- und Kommunikationstechnologien
Michael Nentwich
Österreichische
Akademie der Wissenschaften, Institut für Technikfolgen-Abschätzung, Wien und
Max-Planck-Institut für Gesellschaftsforschung, Köln
Working Paper 99/6 in multimedialer Fassung
Kurzfassung
Dieses Papier beschäftigt sich mit den Auswirkungen
der Informations- und Kommunikationstechnologien auf den Wissenschaftsbetrieb.
Zwei Thesen stehen im Zentrum: (1) Erstens, daß die I&K-Technologien einige
Rahmenbedingungen und praktisch alle Formen wissenschaftlicher Tätigkeit
betreffen. Ein systematisches Screening macht deutlich, daß sowohl der
organisatorischen Rahme des Wissenschaftsbetriebs wie auch die Wissensproduktion
sowie die Formen der wissenschaftlichen Kommunikation und schließlich die
Wissensvermittlung (Lehre) direkt betroffen sind. (2) Eine zweite, darauf
aufbauende These lautet, daß die vielen Entwicklungen, mit denen sich die
WissenschafterInnen konfrontiert sehen - angefangen von der ständigen Nutzung
des Computers am Arbeitsplatz, über die Verlagerung der Kommunikation mit
KollegInnen in Richtung E-mail, bis zu neuen elektronischen Publikationsformen -
nicht nur, wie zumeist angenommen, die Kommunikation beschleunigen, sondern das
Potential zu qualitativen Veränderungen des Wissenschaftssystems haben. Diese
These wird mit Hinweisen auf bereits eingeleitete bzw. möglicherweise
bevorstehende Veränderungen hinsichtlich eines Kernstücks der
wissenschaftlichen Kommunikation, nämlich des Publikationswesens, weiters der
Ortsgebundenheit von Forschung und schließlich hinsichtlich der Verteilung der
Rollen im Wissenschaftsbetrieb belegt.
Abstract
This paper deals with the impact of information and
communication technologies on the research system. Two hypotheses are central:
(1) First, the I&C technologies affect several framework conditions and
virtually all forms of scholarly activity. Systematic screening reveals that
both the organisational setting and the production of knowledge as well as
scholarly communication and finally the transfer of academic knowledge (teaching)
are directly affected. (2) On this basis, the second hypothesis argues that the
many developments faced by scholars - constant use of the computer at the work
place, shift of the communication with colleagues to E-mail, new electronic
publication formats - do not only accelerate communication, as frequently
assumed, but also have the potential to lead to qualitative changes in the
scholarly system. This is substantiated by hints to actual or expected changes
in the publication system (i.e. the heart of the scholarly communication
system), the removal of spatial limitations of research and finally with respect
to the distribution of roles in academia.
"I am convinced that once scholars have
experienced it, they
will become addicted for life, as I did. And once word gets out
that there are some remarkable things happening in this
medium, things that cannot be duplicated by any other means,
these conditions will represent to the scholarly community an 'offer they cannot refuse'." (Harnad 1991, 50)
"As a scientist with decades of
experience reading, contributing
to, and editing professional journals, I think electronic
publication is unlikely to pass those tests for scientific journals.
In response to apparent pressure to adopt electronic publication
per se, I feel more angst than enthusiasm." (Raney 1998, 1)
Inhalt
1 Die Wissenschaft auf dem Weg in den Cyberspace*
Ausgangspunkt dieses Papiers ist eine
Erfahrung, die praktisch alle wissenschaftlich Tätigen während
des letzten Jahrzehnts gemacht haben: Der Computer ist
mittlerweile aus dem Arbeitsalltag kaum mehr wegzudenken. Auch
wenn zwischen den verschiedenen Disziplinen bemerkenswerte
Unterschiede bestehen, so scheint es doch kaum mehr
WissenschafterInnen zu geben, die nicht in irgendeinem
Zusammenhang mit Computern arbeiten.[1]
Selbst in den Sekretariaten jener immer kleiner werdenden Schar,
die Computer selbst nicht benutzen, stehen heute durchwegs Geräte,
die zumindest für Textverarbeitung eingesetzt werden und die
Schreibmaschine mittlerweile fast vollständig abgelöst haben.
Auf dem anderen Ende eines "Nutzungs"-Kontinuums stünden
jene, für die der PC auf dem Schreibtisch die tägliche Arbeit
entscheidend bestimmt, die ihn also nicht nur als bequeme
Schreibmaschine verwenden, sondern sein großes Potential in
vielfacher Hinsicht ausnutzen. Eine entscheidende Rolle spielten
vor allem die zunehmende Vernetzung der Computer, die
Entwicklung des Internet[2]
und das in den letzten Jahren sich explosionsartig entwickelnde
World Wide Web (WWW), welches einen beinahe intuitiven Zugang
zur "virtuellen" Welt ermöglicht.
Textverarbeitung auf dem PC, elektronische
Post (E-mail), elektronisches Publizieren und Online-Datenbanken
sind dabei nur einige Begriffe, die bereits eingeleitete Veränderungen
des Kommunikationsverhaltens in der Wissenschaft bezeichnen.
Doch das ist aller Voraussicht nach erst der bescheidene Anfang,
denn schon jetzt kündigen sich einige weitere Entwicklungen an:
virtuelle Workshops, Online-Begutachtung von Texten,
"intelligente Suchagenten", global vernetzte
Datenbanken, digitale Bibliotheken, "hypertextuelle Zettelkästen"
usw. Noch befinden wir uns in einem teilweise experimentellen
Stadium, aber es ist bereits abzusehen, daß sich einiges
durchsetzen und nicht nur das Verlags- und Bibliothekswesen,
sondern den Wissenschaftsbetrieb im allgemeinen und die
wissenschaftliche Kommunikation im besonderen nachhaltig
beeinflussen wird. Nicht nur in den USA wurde für diese
Entwicklung die einprägsame Bezeichnung "Post-Gutenberg
Galaxis" geprägt und gemutmaßt, daß wir uns vor einer
vierten kognitiven Revolution (nach der Erfindung der Sprache,
der Schrift und des Buchdrucks) befinden.[3]
Dieses Papier setzt es sich zum Ziel, über
die schon heute festzustellenden, inkrementellen Änderungen im
Wissenschaftsbetrieb hinaus mögliche bzw. wahrscheinliche zukünftige
Entwicklungen zu antizipieren und einzuschätzen. Koexistieren
doch geradezu messianische, technik-euphorische Plädoyers auf
der einen Seite und große Skepsis sowie sogar eine Tendenz zur
Computer-Verweigerung bei manchen WissenschafterInnen auf der
anderen Seite. Angesichts dessen ist eine kritische Evaluierung
und vorsichtige Extrapolation bestehender Trends angebracht.
Zwei aufeinander bezogene Thesen stehen im Zentrum der Arbeit:
-
Der Übergang zur Cyberscience hat das
Potential, in allen Dimensionen wissenschaftlicher
Aktivität einschließlich des organisatorischen Rahmens Veränderungen
hervorzubringen, und
-
es wird sich dabei nicht ausschließlich
um quantitative sondern auch um qualitative Veränderungen
in der Wissenschaft handeln.
Abschnitt 2 widmet sich der ersten These:
Ein systematisches Screening des Wissenschaftsbetriebs wird
deutlich machen, daß sowohl sein organisatorischer Rahmen wie
auch die Wissensproduktion (Informationsbeschaffung,
Datengewinnung, Datenverwaltung, Informationsverarbeitung,
Ergebnisdarstellung) sowie die Formen der wissenschaftlichen
Kommunikation (Kooperation, Diskursformen, Veröffentlichungswesen)
und schließlich auch die Wissensvermittlung (Lehre) von den
hier unter dem Stichwort Cyberscience zusammengefaßten
Entwicklungen direkt betroffen sind. Abschnitt 3 greift daran
anschließend einige übergreifende Aspekte heraus und belegt
die zweite These mit zahlreichen Hinweisen auf bereits
eingeleitete bzw. bevorstehende Veränderungen. Sie betreffen
ein Kernstück der wissenschaftlichen Kommunikation, nämlich
das Publikationswesen, weiters die Ortsgebundenheit von
Forschung und schließlich die Verteilung der Rollen im
Wissenschaftsbetrieb. Abschnitt 4 schließlich skizziert darauf
aufbauend die Grundzüge eines Forschungsprogramms, welches die
für die Realisierung der im Rahmen dieses Papiers diskutierten
Entwicklungschancen wesentlichen Faktoren analysieren wird.
Vorausgeschickt seien noch drei
Vorbemerkungen zur Literatur, zum Zeithorizont und zum Begriff
"qualitative Veränderungen". Die für das Thema 'Cyberscience'
relevante Literatur setzt sich aus mehreren großen
Gruppen zusammen: Bibliothekswissenschaften,
Kommunikationswissenschaft, Wissenschafts- und
Techniksoziologie, ökonomische Literatur zum Verlagswesen,
juristische Literatur zum Internetrecht usw. Allein die auf den
US-amerikanischen Raum spezialisierte Bibliographie von Bailey[4]
zum Thema elektronisches Publizieren enthält in der aktuellen
Version (Januar 1999) über 900 (!) Einträge. In dem
vorliegenden, breit angelegten und das Themenfeld primär
inhaltlich aufschließenden Papier steht die detaillierte
Auseinandersetzung mit der Literatur nicht im Vordergrund. Die
ausschließlich in Fußnoten gegebenen Referenzen haben vor
allem illustrativen Charakter. Die tiefgehende Aufarbeitung der
Literatur bleibt weitgehend den geplanten Arbeiten auf Basis des
in Abschnitt 4 skizzierten Forschungsprogramms vorbehalten.
Beim Zeithorizont der diskutierten
Veränderungen ist zu berücksichtigen, daß manche
Entwicklungen bereits seit einigen Jahren in Gang sind und schon
ein gewisses Reifestadium erreichen, wie etwa Textverarbeitung.
Andere befinden sich im experimentellen Stadium, wie etwa
elektronische Konferenzen. Eine dritte Kategorie, wie etwa die
Veränderungen der "Architektur" wissenschaftlicher
Texte, ist - obwohl bereits deutliche Anzeichen zu bemerken sind
- noch eher spekulativer Natur. In bezug auf die hier
diskutierten Wandlungsprozesse müssen also verschiedene
Zeithorizonte mitgedacht werden. Die Erarbeitung von genaueren
zeitlichen Prognosen ist aber hier nicht beabsichtigt.
Dieses Papier verfolgt auch nicht primär
den Zweck, alle zu beobachtenden Veränderungen detailliert
aufzulisten oder gar zu messen. Insbesondere quantitative Veränderungen,
wie etwa die Geschwindigkeit der Kommunikation per E-mail im
Gegensatz zum herkömmlichen Brief, interessieren nur insoweit,
als sie zu qualitativen Veränderungen des
Wissenschaftsbetriebs führen könn(t)en. Wie an späterer
Stelle deutlich werden wird, können dies strukturelle
Wandlungen im organisatorischen Umfeld, in dem
Wissenschaft betrieben wird, ebenso sein wie grundlegende Veränderungen
in Hinblick auf die Rollen, die von den verschiedenen
Akteuren des Wissenschaftssystems eingenommen werden, oder jene,
die die Spezifika der wissenschaftlichen Kommunikation
bzw. des Prozessierens wissenschaftlicher Erkenntnisse
(Arbeitsweisen) betreffen. Eine fundamentale qualitative Veränderung
wären schließlich Verschiebungen in den Inhalten
dessen, was überhaupt erforscht wird.
2 Cyberscience: Begriff und Systematisierung
Der Begriff "Cyberscience"
bezeichnet die wissenschaftlichen Aktivitäten in dem mit Hilfe
von Computer und I&K-Technologien entstehenden Informations-
und Kommunikationsraum, in dem sich die WissenschafterInnen
zunehmend von ihrem Schreibtisch aus bewegen. Dabei liegt unser
Forschungsinteresse weniger auf den im "Cyberspace" möglichen
Verhaltens- und Persönlichkeitsänderungen, wie sie in anderen
Zusammenhängen, vor allem im Bereich privater Nutzung,
beobachtet und diskutiert werden. Wir richten unseren
Analysefokus vielmehr auf die Verlagerung einiger, Wissenschaft
entscheidend bestimmenden Tätigkeiten in diesen I&K-Raum,
auf deren qualitative Veränderungen und schließlich auf die
Wechselwirkungen des sich dort Ereignenden mit der
"realen", "herkömmlichen"
wissenschaftlichen Welt. Diese bewußt weite Begriffsbestimmung
der Cyberscience umfaßt prinzipiell sowohl jene Fälle, in
denen es essentiell ist, daß der Computer vernetzt, d.h. mit
anderen Geräten verbunden ist, als auch jene, wo es lediglich
um sogenannte "stand-alone"-Anwendungen (d.h. solche
ohne Kontakt zu anderen Computern) geht. Die nachfolgenden
Beispiele werden zwar deutlich machen, daß vor allem die
(insbesondere weltweite) Vernetzung besonders beachtenswerte
Entwicklungen mit sich bringt, die daher in der Folge auch im
Zentrum der Untersuchungen stehen werden. Überraschenderweise
stellt sich bei näherer Betrachtung aber heraus, daß die auf
den ersten Blick eindeutige Grenze, Vernetzung Ja oder Nein, in
der Praxis verschwimmt, weil es für vieles sowohl Online- als
auch (bisweilen temporäre) Offline-Versionen gibt, die zum Teil
überschneidende Charakterisika aufweisen. Darüber hinaus läßt
sich ein deutlicher Trend in Richtung Netzwerkfähigkeit
beobachten: Was heute noch offline ist, eine persönliche
Datenbank etwa, könnte morgen schon in ein Institutsnetzwerk
eingespeist werden und übermorgen weltweit verfügbar sein.[5]
Ich gehe in der Folge von einer einfachen
Systematik der wissenschaftlichen Rahmenbedingungen und
Aktivitätsformen aus, um die kontinuierliche
Fortentwicklung der konkreten Realisierungen dieser Bedingungen
und Tätigkeiten von der traditionellen Wissenschaft zur
Cyberscience nachzuzeichnen: Auf einer ersten analytischen Ebene
könnte - um im Jargon der I&K-Technologien zu bleiben -
zwischen der "Hardware" und der "Software"
des Wissenschaftsbetriebs unterschieden werden. Erstere gibt den
organisatorischen Rahmen ab, zweitere besteht aus den drei
Haupttätigkeitsfeldern in der Wissenschaft, nämlich der
Wissensproduktion, der Kommunikation und der Distribution bzw.
Vermittlung (vgl. Schaubild 1). Zu den organisatorischen
Rahmenbedingungen der Wissenschaft zählen die Formen der
Institutionalisierung und die personelle und materielle
Ausstattung der Forschungseinheiten. Bereits in den eigentlichen
Forschungsprozeß hinüber reicht die Art der Setzung von
konkreten Forschungszielen, insb. die Projektakquisition. Die Wissensproduktion
besteht aus Tätigkeiten, die sich zum Teil überschneiden sowie
im konkreten Forschungsprozeß auch iterativ durchgeführt
werden und durch zahlreiche Feedbackschleifen gekennzeichnet
sind. Sie können daher nicht direkt als "Phasen"
begriffen werden, auch wenn eine gewisse zeitliche Abfolge zu
beobachten ist: Beschaffung von Sekundärdaten, um an frühere
Forschungen anzuschließen (Informationsbeschaffung); eventuell
Generierung von Primärdaten (Datengewinnung); Ordnung der Primär-
und Sekundärdaten (Datenverwaltung); Informationsverarbeitung
und Analyse; und (abschließend) die Ergebnisdarstellung,
zumeist in Textform (Wissensrepräsentation). Diese
letztgenannte Tätigkeit kann auch als Teil einer weiteren
Hauptfunktion, nämlich der Kommunikation begriffen
werden, wo es um das Prozessieren - diskursives Überprüfen,
Verfeinern, Verknüpfen usw. - des repräsentierten Wissens
geht. Dieser Bereich umfaßt daher neben der erwähnten medialen
Darstellung des Wissens weiters den (formellen)
wissenschaftlichen Diskurs, die Zusammenarbeit mit anderen
WissenschafterInnen sowie das Veröffentlichungswesen. Letzteres
ist wiederum das Bindeglied zur letzten Hauptfunktion, nämlich
der Distribution, die abgesehen vom Publizieren auch die
Lehre und Ausbildung zum Inhalt hat.
Der Vollständigkeit halber soll betont
werden, daß das in Schaubild 1 dargestellte Wissenschaftssystem
freilich nicht unabhängig von der sie umgebenden Umwelt, also
den anderen gesellschaftlichen Bereichen existiert. Externe
Entwicklungen können auf die wissenschaftlichen Aktivitätsformen
und Rahmenbedingungen rückwirken (dies wird für das im letzten
Abschnitt skizzierte Forschungsprogramm von Bedeutung sein).

Quelle: MN
Die einleitend vertretene (erste) These, daß der Einsatz von
I&K-Technologien in all diesen Bereichen bereits Veränderungen
eingeleitet bzw. das Potential zu weiteren hat, wird deutlich,
wenn wir in einem nächsten Schritt den soeben eingeführten
Dimensionen die entsprechenden Realisationen im traditionellen
Wissenschaftsbetrieb und die bereits jetzt feststellbaren und in
der Zukunft erwartbaren Realisationen im Rahmen der Cyberscience
gegenüberstellen (Tabelle 1).

Quelle: MN
Die Einträge im grau unterlegten Bereich
von Tabelle 1 sind von links nach rechts in Hinblick auf ihren
Einsatz von I&K-Technologien angeordnet. Noch nicht
unterschieden wird in der Tabelle zwischen jenen Formen, die
sich als Weiterentwicklung bereits bestehender Formen (z.B.
elektronische Konferenzen; hypertextuelle Zettelkästen)
darstellen, und jenen, die etwas qualitativ Neues
darstellen (z.B. Hypertexte; Diskussionslisten). Ebenfalls erst
Gegenstand nachfolgender Untersuchungen wird auch sein, ob die
weiter rechts, also auf der Seite der Cyberscience stehenden
Anwendungen zu den weiter links stehenden, also herkömmlichen,
in einem substitutiven oder einem additiven bzw.
komplementären Verhältnis stehen.[6]
Eine in empirischen Arbeiten zu überprüfende Hypothese in
diesem Zusammenhang könnte lauten, daß Cyberscience-Formen
ihre traditionellen Vorfahren langfristig entsprechend ihrem
Grad an zusätzlicher Funktionalität und Komfort verdrängen
werden. Rivalisierende Hypothesen sollten darauf hinauslaufen,
neben wissenschaftsendogenen auch -exogene Faktoren in die
Untersuchung des Diffusionsprozesses einzubeziehen. Dies soll
jedoch, wie gesagt, noch nicht in diesem Papier geleistet
werden, sondern eben erst auf Basis des abschließend
skizzierten Forschungsprogramms. Die nachfolgenden Darstellungen
und Erörterungen blenden den Diffusionsprozeß selbst noch bewußt
aus, um den Blick - im Sinne der einleitend aufgestellten
Hypothesen - auf die potentielle Reichweite der aktuellen
Entwicklungen zu fokussieren, und sollten daher in diesem Lichte
gelesen werden.
Die in Tabelle 1 enthaltenen Stichworte
werden im restlichen Kapitel 2 erläutert und beschrieben. Die
nachfolgende Fülle an Details ist als Grundlage für die
Zusammenschau in Kapitel 3 notwendig: Die wesentlichen
Charakteristika der Cyberscience werden erst sichtbar, wenn die
vielen, teilweise voneinander unabhängigen Entwicklungen
systematisch aufgearbeitet und anschließend aus einiger Distanz
betrachtet werden.
2.1 Wissenschaftsorganisation: Institutionalisierung, Ausstattung und
Projektakquisition
Telearbeit - Wissenschaft von daheim aus und unterwegs
War die
Infrastruktur vor Ort, insbesondere die am wissenschaftlichen Institut
vorhandene Ausstattung mit Informationsträgern (Büchern, Zeitschriften), sowie
die Anwesenheit von KollegInnen im eigenen Fachgebiet bis vor einigen Jahren für
den wissenschaftlichen Erfolg zweifellos essentiell, so ermöglicht die
Telekommunikation nach und nach eine standortunabhängigere Arbeitsweise: In
einigen Disziplinen steigt der Anteil der auch "im Netz", d.h.
elektronisch verfügbaren Informationen rapide an, seien es Primär- (z.B.
Rechtsquellen) oder Sekundärquellen (etwa Volltextzeitschriften). Auch die
Kommunikation mit der Kollegenschaft via E-mail kann mittlerweile ortsungebunden
aufgenommen werden. Für die Gemeinschaft der Teilchenphysiker wird etwa
berichtet, daß es bereits als "unzumutbar" gilt, wenn an einem
Konferenzort kein E-mail-Anschluß für die Teilnehmenden bereitgestellt wird.[7]
Selbst in "technikferneren" Disziplinen kann beobachtet werden, daß
immer öfter tageweise fern vom Institut und doch erreichbar, weil in das
Instituts-EDV-Netzwerk eingebunden, daheim gearbeitet wird.
Virtuelle Institute
Schon heute ist zu beobachten, daß
bisweilen Forschungseinrichtungen (wie auch Universitätslehrinstitute)
mit einem Minimum an zentraler personeller und materieller Ausstattung ins Leben
gerufen werden, jedoch auf eine Vielzahl von externen Ressourcen, vor allem
Personal, das formell anderen Einheiten zugeordnet ist, zurückgreifen können.
Solche Einrichtungen gleichen eher einem (mehr oder weniger engen) Netzwerk,
sind jedoch bis auf wenige Ausnahmen lokaler Natur. Angesichts der soeben
beschriebenen neuen Möglichkeiten ständiger telekommunikativer Verbindungen
zwischen MitarbeiterInnen von Forschungseinrichtungen besteht in Zukunft
prinzipiell die Möglichkeit, Institute zu gründen, die überhaupt keine
physisch lokalisierbare Zentrale mehr haben, also nur mehr virtuell als
Organisationseinheit existieren.
Technisierung der Ausstattung
Auch
nicht-virtuelle Forschungseinrichtungen sind einem Wandel in
Richtung zunehmender Technisierung der Ausstattung unterworfen.
Waren bis vor einigen Jahren eine Bibliothek, Schreibtische,
Telefon und Schreibmaschine in vielen Disziplinen praktisch
ausreichend, wird der (möglichst umfassende) Zugang zu den
weltweiten Informationsnetzen und die Ausstattung mit leistungsfähigen
Computern zunehmend essentiell - und das nicht nur in den
Naturwissenschaften. Bereits heute ist etwa zu beobachten, daß
viele Verlage nur mehr elektronische Manuskripte akzeptieren
oder daß WissenschafterInnen ohne E-mail-Adresse in mancher
Hinsicht vom Informationsfluß ausgeschlossen bleiben bzw.
Informationen erst zeitversetzt und mitunter zu spät erhalten.
Electronic Procurement
Vor allem große
Forschungsfinanzierungseinrichtungen, wie etwa die Europäische
Kommission unter dem aktuellen 5. Rahmenprogramm[8],
gehen in letzter Zeit schrittweise dazu über, Projektanträge
nur noch über elektronische Formulare zuzulassen, um die
Weiterbearbeitung der Anträge möglichst effizient zu
gestalten. Zum Teil werden die Formulare noch zum Download
angeboten und können auf traditionellem Wege eingereicht
werden. Zum Teil gibt es aber schon rein elektronische
Formulare, die online ausgefüllt werden. Was etwa in der
Wirtschaft in einigen Branchen schon seit Jahren Standard ist, nämlich
die elektronische Abwicklung von Ausschreibungen, hält somit
auch in der Forschung Einzug.
2.2 Wissensproduktion: Von der Informationsbeschaffung zur Analyse
Datenbanken
Sei
es offline (etwa auf CD-ROM) oder online, Datenbanken haben
bereits das wissenschaftliche Recherchieren revolutioniert.
Neben Primärquellen wie Gesetzen und statistischen Daten hat
man mittlerweile auch Zugang zu Sekundär- (Fachliteratur im
Volltext) und Tertiärquellen (wie Publikationsindizes).[9]
Die weltweite Vernetzung macht es darüber hinaus möglich, etwa
den zentralen Zugang zu wissenschaftlichen elektronischen
Zeitschriften ("E-journals"), auch verschiedener
Verlage, zu schaffen (vgl. die Projekte JSTOR, Muse u.a.).[10]
Es ist vorstellbar, daß es langfristig zu einer zunehmenden
Verschränkung der diversen Datenbanken kommen wird:
Verschiedene Initiativen laufen darauf hinaus, die Struktur von
Datenbanken zu vereinheitlichen, sodaß übergeordnete
Informationssysteme letztlich auf den so weltweit zur Verfügung
stehenden Datenbestand zugreifen könnten.
Virtuelle
Bibliotheken
Die
meisten wissenschaftlichen Bibliotheken sind mittlerweile auch
im Internet zu besuchen, wo vor allem deren Bestandsdaten
(Metadaten) zur Verfügung gestellt werden und damit ortsunabhängige
Recherchen ermöglicht sowie das Bestellverfahren vereinfacht
werden.[11] Unter dem
Stichwort "elektronische" (oder: "digitale"
oder sogar "virtuelle") Bibliothek werden verschiedene
(weitere und engere) Konzepte der Bibliothek der Zukunft
diskutiert,[12] die
darauf hinauslaufen, daß nicht nur die Metadaten, sondern die
Texte selbst elektronisch abrufbar sind.[13]
Einige einschlägige Projekte sind bereits mit dem Einlesen
("Scannen") der Altbestände beschäftigt.[14]
Es wurde bereits die Frage aufgeworfen, ob es in Zukunft überhaupt
noch traditionelle Bibliotheken geben wird: Denn wenn letztlich
alles elektronisch publiziert würde, könnten die heutigen
Bibliotheken langsam aber sicher zu Museen werden, in denen
vornehmlich von Historikern und Philologen genutzte Dokumente
aufbewahrt würden. Auf dem Weg dahin sind allerdings noch
einige Hürden zu nehmen, so etwa das Problem der
nicht-gleichbleibenden Internetadressen (URLs). Welcher
Internet-User hat nicht schon frustriert die Zeile "HTTP/1.0
404 Object Not Found" lesen müssen? Ein Weg aus diesem
Dilemma könnte durch die weltweite Einführung der sogenannten
"DOIs", der digital object identifiers, gewiesen
werden, die das Auffinden von einmal registrierten Objekten
(Texten, Bildern etc.) unabhängig vom aktuellen Speicherort im
Internet möglich machen sollen.[15]
Intelligente elektronische Suchagenten
("knowbots")
Know(ledge-Ro)bot(er)s sind kleine
Programme, die einmal gestartet unabhängig tätig sind und
bereits heute einfache automatische und periodische Recherchen
im Internet für ihre/n BesitzerIn entsprechend individueller
Anforderungsprofile durchführen können.[16]
Wenn die Systeme einmal entsprechend ausgereift sind, könnte
dadurch Zeit für die eigentliche wissenschaftliche Arbeit, nämlich
den kreativen Prozeß,[17]
gewonnen werden. In nicht allzu ferner Zukunft dürfte es möglich
sein, sich individuell Zeitschriften und Newsletter nach persönlichen
Anforderungsprofilen automatisch aus dem gesamten Angebot
zusammenstellen und elektronisch auf den Arbeitsplatz liefern zu
lassen.
Gegenseitige Hilfestellung in
Diskussionslisten und Newsgroups
Das Auffinden von spezifischen
Informationen im engsten Fachbereich bereitet zumeist kaum große
Schwierigkeiten. Wenn es jedoch um etwas geht, das nicht mehr in
die eigene Kernkompetenz fällt, aber dennoch für die eigene
Arbeit relevant wird, werden traditionellerweise primär
befreundete KollegInnen befragt. Fachspezifische elektronische
Diskussionslisten bzw. Newsgroups oder Bulletin Boards[18]
ermöglichen mittlerweile derartige fachliche Hilfestellungen über
das Internet. Diese neuen Formen des (auch) wissenschaftlichen
Informationsaustausches basieren auf Gegenseitigkeit: Für alle
TeilnehmerInnen ist es gewinnbringend, von Zeit zu Zeit auf
Fragen zu reagieren, die in die eigene Kernkompetenz fallen und
deren Beantwortung daher verhältnismäßig wenig Aufwand
bedeutet, in der Erwartung, bei eigenem zukünftigen Bedarf
selbst bedient zu werden. Diese Listen und Newsgroups haben sich
in manchen Bereichen bereits zu sehr erfolgreichen Einrichtungen
entwickelt.
Fachspezifische Nutzungen der
Datengewinnung
Die Datengewinnung ist zweifellos jener
Bereich, in dem die größten disziplinären Unterschiede
bestehen. Hier kann daher nur beispielhaft auf diese
fachspezifischen Nutzungen, insbesondere der Computervernetzung,
eingegangen werden. Als Beispiel aus den Naturwissenschaften sei
erwähnt, daß Computerleistung, die vor Ort nicht ausreichend
zur Verfügung steht, schon seit langem auch auf Distanz ("remote")
in Anspruch genommen wird. Manche Projekte sind überhaupt nur
durch den Zusammenschluß mehrerer Computerkapazitäten verteilt
über die ganze Erde möglich geworden ("parallel super
computing network"). Weiters erwies sich der Computer in
vielen Bereichen als unentbehrliches Hilfsmittel zur Berechnung,
Modellierung und Simulation (bis hin zur Erzeugung virtueller
Realitäten als experimentelle Umgebung), sowohl in den
Naturwissenschaften,[19]
aber auch z.B. in der Ökonomie. Beispiele aus den
Sozialwissenschaften sind etwa die neue Methodik der empirischen
Sozialforschung via Internet, etwa in Form von
E-Mail-Befragungen oder Erhebungen über WWW-Formulare,[20]
oder elektronische Textanalyseprogramme.
Datenverwaltung
Jede Wissenschaftsdisziplin verarbeitet
sowohl Primär- (z.B. Experimentaldaten, Interviews) als auch
Sekundärdaten (z.B. vorliegende Literatur). Der Gebrauch von
Computern hat die Literaturverwaltung einschließlich der
Verwaltung sonstiger Quellen stark vereinfacht. Spezialisierte
Programme ermöglichen den Aufbau persönlicher Datenbanken,
in denen nach Stichworten, Autorennamen usw. gesucht werden kann
und die mittlerweile die problemlose Übernahme der
gespeicherten Einträge in die schriftlichen wissenschaftlichen
Arbeiten ermöglichen, wobei bereits die vom Verlag des Buches
oder der Zeitschrift geforderte Zitierweise und Formatierung
automatisch sichergestellt wird. Bereits in Angriff genommen ist
die Weiterentwicklung dieser persönlichen Datenbanken in zwei
Richtungen: Zum einen wird daran gearbeitet, die in einer
solchen Datenbank abgelegten Einträge (Zitate, Kurzfassungen,
"Zettel") intern zu vernetzen, d.h. mit Sprungmarken,
sogenannte "Hyperlinks", zu versehen, die über die
bloße Suche nach Stichworten hinaus ein dem assoziativen Denken
ähnliches Blättern im Datenbestand ermöglichen. Besonders
bemerkenswert ist hier etwa das Projekt "Synapsen" vom
Markus Krajewski, der den Luhmannschen Zettelkasten[21]
zu einem "hypertextuellen" weiterentwickelt.[22]
Damit wird - potentiell - der Computer zu einer Erweiterung des
assoziativen Speicherraums des wissenschaftlichen Gehirns. Die
zweite Weiterentwicklung besteht in der Vernetzung dieser persönlichen
mit anderen Datenbanken (dazu weiter unten).
Informationsverarbeitung und Analyse
Nun kommen wir zum Kern des kreativen
Prozesses der Wissensproduktion in der Wissenschaft. Kaum
vorstellbar scheint aus heutiger Sicht, daß die analytische
Arbeit von elektronischen Gehilfen direkt übernommen werden könnte.
In Teilbereichen sind jedoch auch hier Ansätze erkennbar, weil
der Computer auch bei der kreativen Arbeit Hilfestellung
leistet. Allgemein unterstützt die elektronische
Datenverarbeitung die Forschenden nicht nur beim Zugang und bei
der Aufbereitung von Informationen, sondern auch bei der
Herstellung neuer Querverbindungen oder Korrelationen - etwa bei
Statistik- oder Textanalyseprogrammen - und nimmt damit am
kreativen Prozeß teil. Expertensysteme sind besondere
Computerprogramme, mit denen das Spezialwissen und die Schlußfolgerungsfähigkeiten
qualifizierter Fachleute auf eng begrenzten Aufgabengebieten
nachgebildet werden soll. [23]
Expertensysteme stellen nicht nur reine Informationen, sondern
auch modular aufbereitetes Fachwissen zur Verfügung und lassen
daher mitunter neuartige Schlüsse zu. [24]
Weiters ist es das Ziel der Künstliche-Intelligenz-Forschung,
die Kreativität des menschlichen Gehirns nachzuahmen und
letztlich über dieses hinauszuwachsen. Es ist hier nicht der
Ort, über die Möglichkeiten und Grenzen, bzw. über die
Sinnhaftigkeit der KI-Forschung zu spekulieren. Es scheint
allerdings nicht ausgeschlossen, daß KI in der Zukunft auch im
wissenschaftlichen Bereich einzelne Aufgaben übernehmen könnte,
die bislang dem menschlichen Gehirn vorbehalten waren.[25]
2.3 Wissenschaftskommunikation: Wissensrepräsentation, Zusammenarbeit und Diskurs
Die zahlreichen, erst langsam erkennbar
werdenden Veränderungen des Kommunikationsverhaltens in der
Wissenschaft insgesamt wurden bislang nur ansatzweise untersucht.[26]
Am weitesten geht die in systematischer Hinsicht bemerkenswerte
kommunikationswissenschaftliche Arbeit von Rutenfranz 1997 zur
Computernutzung. Gerade die Zersplitterung der allgemeinen
Diskussion in viele Teilaspekte und die aktuellen
Schwerpunktsetzungen (elektronische Zeitschriften und digitale
Bibliothek) werden dem Thema jedoch nicht gerecht. Empirische
Arbeiten waren bislang weitgehend auf schnell veraltende Statistiken
hinsichtlich Zuwachsraten bei elektronischen Publikationen und deren
primärer Nutzung beschränkt.[27]
Selbst die Zitierung von E-journals wurde nur ansatzweise
systematisch untersucht.[28]
Aufgrund der zentralen Stellung der wissenschaftlichen Kommunikation
im wissenschaftlichen Prozeß insgesamt erscheint es daher wichtig,
gerade hier einen integrativen Ansatz zu verfolgen, der die
qualitativen Veränderungen des Kommunikationssystems insgesamt in
den Blick nimmt, spannt sich der Bogen doch von der auf
Kommunikation ausgerichteten Repräsentation des Wissens über die
Zusammenarbeit mit anderen und die neuen Diskursformen bis zu Veränderungen
im Publikationswesen.
Wissensrepräsentation I: Elektronische
Textverarbeitung
Die Textverarbeitung auf dem PC darf nicht bloß
als "bessere Schreibmaschine" mißverstanden werden: Auch
wenn heute noch wenige BenützerInnen alle Funktionen ihres
Textprogramms auszunützen verstehen, so geht das Potential doch
weit über die einfachere Erstellung (Löschfunktion; Textbausteine)
sowie druckreife Formatierung und Layoutierung von Texten hinaus. So
eröffnet etwa die sogenannte Gliederungsfunktion in neueren
Programmen bemerkenswerte Möglichkeiten der (iterativen, d.h. immer
wieder veränderbaren) Strukturierung von Texten. Weiters sollte der
Einfluß auf die Quantität und Qualität der produzierten Texte
nicht unterschätzt werden, der durch die Ermöglichung des
einfachen Einfügens früherer eigener und sogar fremder, in
digitaler Form vorliegender Texte ausgeübt wird.
Wissensrepräsentation II: Hypertexte und
Multimedia
Ein Hypertext basiert auf der internen (und möglicherweise
auch externen, also zu anderen Dokumenten führenden) Verknüpfung
einer Reihe von Textbausteinen (Modulen) mittels elektronischer
Verbindungsbrücken (Sprungmarken - "hyperlinks"). Diese
Textmodule können in einer Art Wissensdatenbank gespeichert werden
und sind damit auf verschiedenen Wegen ("Pfaden") zugänglich.
Damit wird die Linearität herkömmlicher Texte aufgehoben: Der
Aufbau des Textes ist nicht mehr darauf ausgerichtet, vom Anfang zum
Ende, also in einer linearen Richtung gelesen zu werden, sondern es
bieten sich prinzipiell mehrere Zugänge und Möglichkeiten, den
Text zu erfahren. Zusätzlich besteht die einfache Option der
Einbindung von Bausteinen aus anderen Medien in den Text, etwa von
Film- oder Tonsequenzen ("Multimedia"). Prominentestes
Beispiel derzeit ist wohl das WWW selbst, das auf der Hypertextidee
basiert. Vereinzelt sind jedoch auch bereits rein wissenschaftliche
Anwendungen anzutreffen, etwa im Bereich von CD-ROM-Datenbanken und
insbesondere bei manchen innovativen elektronischen Zeitschriften.[29]
Hypertext könnte sich somit zu einem neuen Diskursmedium
entwickeln, welches über eine bloße Replikation des auf Papier Möglichen
im elektronischen Raum hinaus neue Formen der Wissensrepräsentation
und der Auseinandersetzung zwischen AutorInnen und LeserInnen ermöglicht.
Neue Formen der wissenschaftlichen
Zusammenarbeit
Schon die bloße Digitalisierung der
Forschungsergebnisse (Daten, Texte) erleichtert in gewisser Weise
die Zusammenarbeit, da die (Zwischen-)Ergebnisse leichter
ausgetauscht (etwa auf Diskette) und dann weiterverarbeitet werden können.
Im Bereich der Textverarbeitung sei etwa auf die sogenannte Überarbeitungsfunktion
hingewiesen, die es verschiedenen BearbeiterInnen ermöglicht, an
dem gleichen Text zu arbeiten, wobei Veränderungen automatisch
protokolliert werden und selektiv in die Endversion übernommen
werden können. Das Stichwort "Groupware"
bezeichnet nun eine auf Basis der Vernetzung der Computer möglich
gewordene Entwicklung, die das gemeinsame Arbeiten an
wissenschaftlichen Texten, oder allgemeiner: Projekten, optimiert
und auch über große Distanzen hinweg unterstützt. Dabei ist das
Ziel sowohl das gemeinsame Texterstellen ("shared editing")
als auch die gemeinsame Nutzung von projektspezifischen
Informationen aller Art ("information sharing").
Groupware-Anwendungen im kommerziellen Bereich[30]
nahmen ihren Ausgang in lokalen, unternehmensspezifischen Netzwerken
und werden mittlerweile auch in Forschungszusammenhängen
eingesetzt. Derzeit werden verschiedene WWW-basierte Systeme
entwickelt, die Groupware auch für das allgemeine Publikum und
damit auch schon jetzt im nicht-kommerziellen Forschungsbereich
unterstützen (z.B. Web4Groups, BCWS). Unter dem Stichwort "annotation"
werden in diesem Zusammenhang Groupwareerweiterungen konzipiert, die
Texte auf Basis der Hypertexttechnologie "interaktiv"
werden lassen und sogar Koautorschaften neuer Art entstehen lassen
(siehe auch unten). Solcherart konstituierte Forschergruppen können
sowohl für die Projektadministration als auch möglicherweise im
Rahmen der inhaltlichen Arbeit durch die Funktionen "voting"
(Entscheidungsfindung) und "rating" (zur Selektion von
Alternativen) für ihre Arbeit profitieren.[31]
Die Vernetzung der Arbeitsgeräte in der
Wissenschaft ermöglicht, wie schon oben erwähnt, auch den kooperativen
dezentralen Aufbau von Datenbanken, Expertensystemen etc. Das
Human Genome Project ist in diesem Zusammenhang wohl das bekannteste
Beispiel internationaler Zusammenarbeit beim Datenbankaufbau. Ein
junges Beispiel aus dem sozialwissenschaftlichen Bereich ist GOLA,
das Gemeinsame Online Literatur Archiv zum Thema Methodik der
Online-Forschung.[32] Hier
tragen Forschende, potentiell aus aller Welt, zu einer zentralen
Literaturdatenbank bei, die auch Bewertungen der Einträge durch
andere ("rating") sowie detaillierte Zugriffszahlen als
Indikator für die Relevanz und Güte eines Eintrags in der
Datenbank protokolliert. Weiters ist in einigen Bereichen "software
sharing", also die unentgeltliche Weitergabe und Verteilung
von Programmen (über das Internet) zu einer tragenden Säule
geworden.[33]
E-mail, Diskussionslisten und Newsserver
Zwar setzen manche Modelle von
Online-Konferenzen ebenfalls nicht die gleichzeitige Anwesenheit der
Teilnehmenden (Synchronität) voraus, die elektronische Post (E-mail)
und verschiedene abgeleitete Dienste (etwa die bereits erwähnten
Diskussionsforen wie auch Newsgroups) ermöglichen hingegen gezielt
asynchrone Kommunikation, die aber im Unterschied zur Versendung
herkömmlicher Briefe deutlich rascher ist und gegenüber dem
Telefon den - vor allem im Wissenschaftsbetrieb, der Zeiten der
ungestörten Ruhe und Konzentration voraussetzt - unschätzbaren
Vorteil hat, daß man sich den Zeitpunkt des Reagierens selbst
aussuchen kann. Gegenüber dem Fax liegt der Vorteil darin, daß das
übertragene Dokument sogleich maschinenlesbar und damit
weiterverarbeitbar ist und daß auch die Versendung von Dokumenten
aller Art möglich ist.
Die bereits vom briefähnlichen E-mail-Verkehr
zwischen Einzelpersonen bekannte Möglichkeit des Einbeziehens des
Textes einer E-mail in die Antwort (wobei die Zeilen der ursprünglichen
E-mail als solche gekennzeichnet werden) stellt die Basis der sich
in sogenannten Diskussionslisten (oder Newsgroups) entwickelnden
Diskussionen dar: Oft können etliche "Generationen" von
E-mails, gleichsam ineinander verschachtelt das Ergebnis einer längeren
Diskussion darstellen, in der verschiedenen TeilnehmerInnen an
unterschiedlichen Punkten eines ursprünglichen Gedankengangs
eingehakt und weiterargumentiert haben. Für diese zweifellos
neuartige Form der Kommunikation wurde bereits der Begriff des
"Skywriting" geprägt.[34]
Freilich sind dem vorläufig noch aufgrund der rasch steigenden Unübersichtlichkeit
eines solchen Diskussionsverlaufs praktische Grenzen gesetzt, doch
es steht zu erwarten, daß hier etwa Hypertext-basierte Lösungen
gefunden werden, die ein einfacheres Zurechtfinden in den
"Protokollen" einer solchen Diskussion ermöglichen.
Online-Konferenzen und wissenschaftliches
Chatting
Die immer schneller werdenden Netzwerke und
Computer machen verschiedene Formen "virtueller", d.h.
nicht unter Anwesenden stattfindende Besprechungen möglich. Vorträge
werden nicht nur als (noch verhältnismäßig teure)
Videokonferenzen abgehalten, sondern experimentell bereits mit Hilfe
von Multimedia-PCs. Diese übertragen gleichzeitig die Stimme (und
evtl. auch das Bild) des Vortragenden und seine
"Overhead-Folien" und ermöglichen durch ausgeklügelte
Organisation effizientes Bezugnehmen auf Vorträge und Diskussionen.[35]
Es ist denkbar, daß manche Online-Konferenzen auch durch echte
"Diskussionen" ergänzt werden, wobei die eher aus dem
privaten Bereich bekannten Formen des Internet-Chatting, also des
"Über-die-Tastatur-Plauderns", zur Anwendung kommen könnten.
Dabei werden den verschiedenen TeilnehmerInnen einer "Gesprächsrunde"
verschiedene "Fenster" am Bildschirm zugewiesen: was immer
ein Teilnehmer über seine Tastatur eingibt, wird dann mehr oder
weniger simultan auf den Bildschirm der anderen übertragen. Ähnlich
wie bei mündlichen Diskussionen unter Anwesenden kann damit ein
gewisses Maß an Spontaneität gewahrt werden und bei ein wenig Übung
kann die Kommunikation durchaus zielgerichtet und flüssig
stattfinden. Ein Vorteil besteht in der Nachvollziehbarkeit des
"Gesagten" (=Geschriebenen), da auf dem Bildschirm
mitprotokolliert wird.
2.4 Wissensvermittlung: Veröffentlichungswesen und Lehre
Elektronische Publikationen[36]
Die sogenannten E-journals sind einer der
dynamischsten Bereiche, sowohl im Verlagswesen, als auch in der
wissenschaftlichen Auseinandersetzung (vgl. etwa den Untertitel "The
calm before the storm" eines Surveys von E-journals 1990-95).[37]
Eine Studie kommt für 1996 zu der bemerkenswerten Zahl von weltweit
durchschnittlich sechs neuen elektronischen Zeitschriften-Titeln täglich![38]
E-journals können entweder nur online abrufbar sein (zumeist über
das WWW, es gibt aber auch einige Zeitschriften, deren Ausgaben per
E-mail angefordert werden) oder lediglich eine parallele (oft: frühere)
Publikation der Papierversion im Internet darstellen. Oftmals gibt es
auch eine jährliche Gesamtausgabe auf einem offline-Medium, wie etwa
einer CD-ROM, die bisweilen erweiterte Suchmöglichkeiten anbietet.
E-journals sind heute noch zum überwiegenden Teil relativ getreue
Kopien ihrer traditionellen Vorgänger auf Papier, die nur wenig von
den erweiterten Möglichkeiten der Digitalisierung profitieren.
Allerdings gibt es bereits einige elektronische Zeitschriften, die das
neue Medium verstärkt ausloten und innovative Konzepte verfolgen: So
werden etwa offene Begutachtungssysteme verwirklicht[39]
oder Multimediaerweiterungen implementiert.[40]
Die Literatur zu den E-journals unterscheidet zwischen On- und
Offline-Medien, zwischen den verschiedenen wissenschaftlichen
Disziplinen sowie zwischen der sogenannten "trade literature"
(~Profit Sektor) und der "esotheric literature" (~non-Profit-Sektor).
Interessant sind auch die unterschiedlichen Abrechnungsmodelle und
Marketingstrategien, etwa hinsichtlich der Preisgestaltung: "pay-per-document",
also Bezahlung des einzelnen Herunterladevorgangs vs. Ermöglichung
eines allgemeinen Zugangs zu allen Artikeln nach Bezahlung eines
allgemeinen Abonnementpreises; zumeist wird bei der Preisgestaltung
auch stark zwischen Bibliotheken und Privaten differenziert.
Eine andere Form elektronischer Publikationen
stellen die sogenannten E-print- oder Preprint-Archive[41]
dar, die bereits heute in die 100.000e gehende Forschungspapiere, Aufsätze
und Vorträge sammeln.[42]
Damit werden neueste wissenschaftliche Ergebnisse weltweit noch vor
der Veröffentlichung in einem Journal zugänglich gemacht - freilich
zumeist ohne Qualitätskontrolle.[43]
Gleichsam zwischen den E-print-Servern und den E-journals angesiedelt,
sind die mittlerweile in fast allen Disziplinen immer zahlreicher
werdenden Online-Working-Paper-Reihen, die zumeist von
Forschungsinstituten oder -gesellschaften herausgegeben werden und
zumeist weniger strenge In-house-Qualitätskontrollen betreiben.
E-Books, also elektronische Bücher auf
offline-Datenträgern wie CD-ROMs oder Disketten oder zum Downloaden
aus dem Internet, haben im Wissenschaftsbetrieb bislang noch kaum Fuß
gefaßt.[44] Mit der
Weiterentwicklung der Bildschirmtechnologie, die vermutlich in Zukunft
ein bequemes, Schreibtisch-unabhängiges Lesen ermöglichen wird, könnte
jedoch auch diese Entwicklung für die Wissenschaft interessant
werden, da sie zweifellos gewisse Vorteile gegenüber dem herkömmlichen
Buch bietet. So ist etwa das Anbringen von persönlichen Textmarken
("Eselsohren") und Randnotizen auch im elektronischen Buch möglich.
Diese Anmerkungen können jedoch nicht nur direkt in der eigenen
Arbeit weiterverarbeitet werden. Es können auch elektronische
Querverbindungen zu anderen Texten hergestellt und archiviert werden,
sodaß letztlich das wissenschaftliche Lesen zu einer effizienteren
und gleichzeitig noch produktiveren Tätigkeit werden könnte.
Die Zukunft der
Lehre
Im Bereich der Ausbildung und Lehre[45]
spielt Informationstechnologie bereits jetzt im Rahmen von
Fernstudiengängen eine zunehmend wichtige Rolle. Unter dem Stichwort
"Tele-Learning" werden jene Anwendungen zusammengefaßt, die
das Studium auf Distanz, d.h. ohne unmittelbare Anwesenheit an der
Universität, ermöglichen. Es ist absehbar, daß es in Zukunft
verbreitet virtuelle Universitäten geben wird, deren Personal
und deren Studierende nicht an einem Ort versammelt sind, sondern
lediglich über das "Netz" miteinander kommunizieren. Möglicherweise
wird sich die Lehre der Zukunft als eine Mischung aus
Spezialveranstaltungen mit persönlicher Teilnahme (Seminare) und
virtuellen, d.h. nur online stattfindenden Lehrveranstaltungen
(Vorlesungen, Repetitorien) darstellen. Weiters werden immer größere
Ansprüche an das Unterrichtsmaterial gestellt, da die neuen Medien
aufwendige Lehrunterlagen ermöglichen, die Multimediaelemente
enthalten und den spezifischen Lerngewohnheiten und -geschwindigkeiten
der einzelnen Studierenden angepaßt werden können.
Erwähnt werden sollte an dieser Stelle abschließend,
daß viele Universitäten bereits das Internet als spezifische
Marketingchance entdeckt haben.[46]
3 Ausgewählte Fragestellungen der Entwicklung zur Cyberscience
Nach der Diskussion des umfassenden, alle
Bereiche durchdringenden Charakters des Einflusses der
I&K-Technologien auf dem Weg in die Cyberscience kommen wir nun
zur zweiten, einleitend aufgestellten These, daß sich nämlich
Cyberscience strukturell von der bislang betriebenen Wissenschaft
unterscheiden wird. Wenn wir die Blickrichtung von den einzelnen
technischen Realisationen - gleichsam von einer höheren Warte aus -
auf einige Grundkategorien des Wissenschaftsbetriebs (Rollen, Örtlichkeit,
Publikationswesen) wechseln, wird das qualitative Veränderungspotential
der Cyberscience deutlich.
Wie die Überschrift andeutet, möge der
folgende Abschnitt nicht als eine abschließende Diskussion der
behandelten Fragestellungen verstanden werden, vielmehr handelt es
sich um erste Gedanken zu diesen. Auch werden mehr Fragen aufgeworfen,
als derzeit beantwortet werden können, sodaß es sich in gewisser
Weise um Anstöße zu einem Forschungsprogramm handelt, das dann im
Abschlußkapitel konkretisiert werden wird. Es folgt somit eine
Sammlung von Gedankenexperimenten, bei denen es primär keine Rolle
spielen soll, wann es zu den untersuchten Veränderungen tatsächlich
kommen könnte. Vielmehr soll die Frage im Zentrum stehen, ob
und unter welchen Bedingungen die Ansätze zu Veränderungen
tatsächlich Chancen auf Verwirklichung haben.
3.1 Wissenschaftliches Publikationswesen im Umbruch
Eng verknüpft mit den Veränderungen im Bereich der
Informationsbeschaffung ist wohl das wissenschaftliche
Publikationssystem am massivsten vom Aufbruch ins Zeitalter der
Cyberscence betroffen.
Das Ende der auf
Papier gedruckten wissenschaftlichen Publikation?
Wie
bereits in der Einleitung erwähnt, halten viele das Aufkommen des
Internets, insbesondere der elektronischen Publikationen im WWW, für
das Ende des Gutenberg-Zeitalters, also der mit der Erfindung des
Buchdrucks einsetzenden Ära des auf Papier in großer Auflage
gedruckten Wortes. Mit anderen Worten: Elektronische Publikationen könnten
traditionelle verdrängen. Es gibt zwei Spielarten dieser These: Die
eine, weichere, postuliert nicht, daß das Verdrängen der
Printpublikationen direkt mit dem Ende des Drucks im Sinne von
"Ausdrucken" verknüpft ist: Im Zeitalter der Cyberscience würden
somit zwar manche Formen der traditionellen Papierpublikationen
verschwinden, während sich das Internet als effizienter
Verteilungsmechanismus etablieren würde - ausgedruckt und auf Papier
gelesen würde dennoch. Die andere, weitergehende, behauptet sogar
dieses: Es werde eines Tages die Vision tragbarer Bildschirme
verwirklicht sein, die so leicht und einfach zu bedienen sind, daß sie,
gefüttert mit aus dem Netz geladenen elektronischen Publikationen, tatsächlich
in direkte Konkurrenz zu Gedrucktem in Form von Zeitschriften und Büchern
treten und letztlich auch das Ausdrucken von Texten ersetzen werden. Für
die weitergehende Variante spricht dreierlei: erstens die große
Wahrscheinlichkeit, daß die notwendige Technologie, die das Lesen von
elektronischen Publikationen "im Lehnstuhl" problemlos ermöglicht,
tatsächlich und schon relativ bald auf dem Markt sein wird; zweitens
die empirische Beobachtung, daß bereits heute viele WissenschafterInnen
etwa bereit (und vielen Fällen praktisch gezwungen) sind, Ihre
Korrespondenz per elektronischer Post abzuwickeln und nur mehr in
wichtigen Fällen zur Ablage ausdrucken, während der Großteil direkt
am Bildschirm abgewickelt wird - und das obwohl die aktuelle
Technologie noch keineswegs als besonders datensicher, augenschonend und
bequem zu bezeichnen ist; schließlich spricht auch ein inhaltliches
Argument dafür anzunehmen, daß die elektronischen Publikationen in
Zukunft nur mehr auf dem Bildschirm gelesen werden: Wenn die weiter
unten entwickelte These stimmt, daß sich der wissenschaftliche Text
entlinearisiert und daß er letztlich zur Datenbank wird, dann läßt
sich eine solche elektronische Publikation der Zukunft gar nicht mehr
ohne großen Informationsverlust in ausgedruckter Form lesen, sodaß ein
faktisch-inhaltlicher Druck zum Bildschirmlesen entsteht. Hier wären
empirische Erhebungen notwendig, die die Perspektive der NutzerInnen
untersuchen, um absehen zu können, in welche Richtung sich das
Publikationssystem entwickeln wird.
Doch nun zurück zur Ausgangsthese. Es scheinen
vor allem ökonomische Gründe zu sein, die für eine langsam
fortschreitende, aber letztlich praktisch vollständige Ersetzung der
Printmedien durch elektronische Publikationsformen sprechen,
insbesondere im Bereich der Journale. Da elektronische
Publikationen schon länger auf dem Markt sind und auch ein
kommerzielles Potential haben, kann bereits auf einige Untersuchungen zu
deren betriebswirtschaftlichen Aspekten zurückgegriffen werden.
Praktisch alle Veröffentlichungen zu diesem Thema kommen zu dem Schluß,
daß es billiger ist, elektronische als Print-Journals zu produzieren.[47]
Die vorliegenden Kostenabschätzungen basierend auf US-amerikanischen
Erfahrungen laufen darauf hinaus, daß deutlich weniger materielle
Produktionskosten (Papier, Druck, Versendung) angesetzt werden müssen,
während gleichzeitig darauf hingewiesen wird, daß der Mehrwert, der in
den digitalen Produkten steckt (Markup,[48]
Linking etc.), ebenfalls Geld kostet. Der Großteil der Kosten stecke
sowohl bei den Printpublikationen als auch bei den elektronischen in der
"ersten Kopie". Aufgrund der zunehmenden Automatisierung und
den zumeist von den AutorInnen (siehe unten) geleisteten Vorarbeiten
steigt die elektronische Publikation jedoch letztlich besser aus. Die
Abschätzung der Marktgröße und des zu erwartenden Zeithorizonts wird
nicht einheitlich vorgenommen, es ist jedoch eindeutig festzustellen, daß
mittlerweile die meisten Zeitschriftenverlage die "Mühe" der
elektronischen Parallelpublikation auf sich nehmen, sei es aus reinen
Marketinggründen ("Wir müssen auch im Internet präsent
sein."), sei es in Vorbereitung eines schrittweisen Umstiegs, für
den es bereits Beispiele gibt. Daneben sollte die Nachfrage nach
nicht-profitorientierten Publikationsmodellen (zu Selbstkostenpreisen
bzw. überhaupt gratis) nicht übersehen werden: Hier bietet sich vor
allem eine WWW-Publikation an, wie die zahlreichen internetbasierten
Working-Paper-Reihen eindrücklich beweisen.
Gerade das Aufkommen der zuletzt genannten Reihen
in elektronischer Form könnte Auslöser für eine weitere signifikante
Entwicklung sein. Aufgrund der zumeist sehr langen Zeitspannen zwischen
der Entstehung eines wissenschaftlichen Beitrags und dessen Veröffentlichung
in einem Sammelband - die nicht zuletzt durch die
unterschiedliche "Abgabemoral" der einzelnen Beitragenden
regelmäßig zustandekommt -, wird die Option, diese vorab in
elektronischen Preprint-Archiven oder elektronischen
Working-Paper-Reihen verfügbar zu machen, immer interessanter. Möglicherweise
werden bald alle später in Sammelbänden erscheinende Buchbeiträge
vorab auf diese Weise der wissenschaftlichen Gemeinschaft zur Verfügung
stehen. Da es für HerausgeberInnen von Sammelbänden und deren Verlage
mitunter nicht mehr attraktiv sein dürfte, bereits einer breiten Öffentlichkeit
Zugängliches nochmals abzudrucken, könnten daher letztlich Sammelbände
überhaupt nicht mehr produziert werden. Deren Mehrwert ist ja sehr
unterschiedlich und reicht vom bloßen - im Cyberscience-Zeitalter kaum
mehr notwendigen - Wiederabdruck von bereits Publiziertem, über die bloße
Zusammenstellung einzelner Beiträge zu einem bestimmten Thema - welche
durch ein Zentraldokument im WWW mit entsprechenden Links auch dynamisch
verwirklicht werden könnte - bis zu Werken mit großem editorischen
Input, bei denen die Artikel wohl aufeinander abgestimmt sind und
aufeinander Bezug nehmen und daher dem von einem AutorInnenkollektiv
produzierten Werk schon recht nahe kommen. Doch auch letztere Variante
ist selbstverständlich auch im virtuellen Raum zu verwirklichen, etwa
in Form von "Sondernummern" eines E-journals.
Eine andere Frage sind die Perspektiven der Monographie.
Ob es in Zukunft überhaupt noch wissenschaftliche Bücher geben wird,
ist zweifellos von vielen Faktoren abhängig, etwa davon, ob die unten
angeführte These stimmt, daß sich der "große"
wissenschaftliche Text zur Wissensdatenbank wandeln könnte,[49]
oder davon, wie sich die Budgetsituation der wissenschaftlichen
Bibliotheken entwickelt, ob es also weiterhin einen genügend großen
Absatzmarkt für die schon jetzt in verhältnismäßig kleinen Auflagen
teuer produzierten Monographien geben wird.[50]
Der Ersatz derselben durch E-books erscheint möglich, ist aber
zweifellos von der Entwicklung der Technologie (Bildschirme) und der
damit verbundenen Akzeptanz abhängig - rein ökonomisch dürfte es sich
rechnen, selbst wenn die erhöhten Produktionskosten des elektronischen
Textes wegen der internen und externen Verlinkung und anderer im
elektronischen Medium möglicher Erweiterungen zum reinen Text berücksichtigt
werden.[51
]
Publikationsmenge
und -geschwindigkeit
Daß heute
mehr publiziert wird als noch vor einigen Jahren, scheint gesichert.[52]
Daß dieser starke Anstieg speziell in den letzten Jahren ursächlich
mit den elektronischen Medien zusammenhängt, ist hingegen fraglich.
Andere Ursachen sollten nicht übersehen werden: Es gibt immer mehr (vor
allem spezialisierte) Journals, auch ohne daß diese E-journals wären;
immer öfters werden mittlerweile auch Konferenzsammelbände publiziert;
weiters steigt die Anzahl der in der Wissenschaft Tätigen konstant an.[53]
Andererseits ist nicht zu leugnen, daß das Vielpublizieren durch die
elektronischen Medien erleichtert wird: Zunächst ist das Erzeugen
unterschiedlicher, aber doch leicht abgewandelter Artikel durch das
elektronische Vorliegen des "Ur-"Textes zweifellos
erleichtert. Wenn man darüber hinaus auch Eigenpublikation im WWW und
vor allem auch elektronische Pre-prints zur Kategorie der "Veröffentlichungen"
zählt - was zumindest im urheberrechtlichen Sinn richtig ist -, so dürfte
ein Ansteigen der Veröffentlichungen direkt mit den neuen Möglichkeiten
des digitalen Zeitalters in Zusammenhang gebracht werden können.
Die technisch erforderlichen Publikationszeiten
aller Veröffentlichungen sind aufgrund des Einsatzes von Computern
(keine Neuerfassung des Textes anläßlich der Publikation;
Automatisierung der Formatierung) und von Telekommunikation (z.B.
Korrespondenz mit AutorInnen und GutachterInnen) deutlich verringert
worden.[54] Bei elektronischen
Publikationen trägt zu deren höherer Geschwindigkeit bei, daß der
eigentliche Produktionsprozeß aufgrund des Mediums sehr viel kürzer
ist. Der wichtigste Faktor ist bei E-journals die nicht mehr grundsätzlich
bestehende Notwendigkeit, "Hefte zu füllen", sodaß Artikel
nicht mehr solange liegen müssen, bis entweder genügend andere
beisammen und fertig layoutiert sind oder bis wieder Platz in einem Heft
ist, sondern sofort publiziert werden können. Prinzipiell dürften ja
keine prinzipiellen Bedenken gegen das Publizieren von Artikeln
bestehen, die das Begutachtungsverfahren positiv durchlaufen haben,
daher ist die bei Printmedien übliche Beschränkung auf einen
bestimmten Seiten- und damit Artikelumfang pro Heft nicht als Ausdruck
einer Qualitätspolitik sondern rein ökonomischer Überlegungen zu
deuten.
Manchmal wird ein direkter Zusammenhang zwischen
der Erhöhung der Publikationsgeschwindigkeit und insbesondere der
Publikationsmenge einerseits und der angeblich sinkenden Qualität des
Publizierten andererseits hergestellt und dies als negative Entwicklung
gebrandmarkt. Auch wenn ein gewisser "Pull-Effekt" aufgrund
der teilweise erleichterten Publikationsmöglichkeiten nicht
abgestritten werden kann, ist diese Argumentation allerdings insoferne
nicht stichhaltig, als es nicht primär an der
Publikationsgeschwindigkeit und -menge hängt, ob etwas qualitativ
hochwertig ist oder nicht, sondern an der Art des Qualitätssicherungssystems:
Ist dieses gut, kann die Erhöhung der Durchsatzgeschwindigkeit oder
-menge per se nichts ausmachen. Auch im Bereich elektronischer
Publikationen ist Qualitätssicherung prinzipiell möglich (siehe unten
zu den neuen Formen) - ob sie allerdings stattfindet, ist eine
empirische Frage. Hier läßt sich freilich beobachten, daß zumindest
ein Teil jener zusätzlichen Publikationen, die gleichsam auf das Konto
der Digitalisierung und Vernetzung gehen, tatsächlich ohne bzw. mit
relativ geringer Qualitätssicherung realisiert werden.[55]
Das Publikationswesen befindet sich allerdings im Umbruch und neue
Qualitätssicherungsstrukturen sind erst im Entstehen.[56]
Darüber hinaus sollte der "Publikationscharakter" vieler der
genannten Texte im Internet nicht überbewertet werden: Zumeist sind die
Internetadressen der Papiere in Institutsreihen oder von Konferenzen
wiederum nur jenen bekannt, die direkt mit dem Institut in Verbindung
stehen bzw. an der Konferenz teilgenommen haben - somit fast dem
gleichen Personenkreis, der auch schon vor der Elektronisierung des
Publikationswesens davon Kenntnis gehabt hätte. Und auch früher war es
den Empfängern von Arbeitspapieren bzw. von Konferenz-Proceedings klar,
daß es sich dabei zumeist um "rohe" wissenschaftliche
Arbeiten handelt, die eben noch kein Qualitätssicherungsverfahren
durchlaufen haben und daher mit entsprechender kritischer Distanz zu
verwenden sind. Bei der oben referierten Argumentation handelt es sich
somit um einen empirischen Befund für bestimmte Bereiche, der jedoch
weder verallgemeinert, noch als direkter Zusammenhang mißdeutet werden
sollte: Es dürfte weniger am Internet und seinen neuen Möglichkeiten
liegen als vielmehr am derzeitigen Umgang mit diesen noch relativ jungen
"Bezugsquellen", daß der Eindruck entstehen kann, die Qualität
sinke notwendigerweise.
Vom Text zur
Datenbank ...
Die
Zukunft des wissenschaftlichen "Textes" im Zeitalter der
Cyberscience ist eine besonders spannende Frage: Werden die linearen
Texte von Hypertexten verdrängt werden? Wird die Einbindung von
Multimedia-Elementen in Texte weite Verbreitung finden? Wird Output
wissenschaftlicher Arbeit letztlich eine universale Datenbank sein?
Gehen wir diesen Fragen schrittweise nach. Bislang
sind wir es gewohnt (und werden es wohl noch eine Weile bleiben), Texte
in linearer Form zu produzieren, d.h. mit einem Anfang und einem
Ende und einem (einzigen) roten Faden, der die Leserschaft von der
ersten zur letzten Zeile leiten soll. Dieses traditionelle Modell hat
den entscheidenden Nachteil, daß es nur sehr begrenzte Möglichkeiten
gibt (wie etwa Fußnoten, Inhaltsverzeichnisse, Schlagwortregister), den
LeserInnen mit unterschiedlichen Ansprüchen an den Text auch
unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten zu schaffen. Es entspricht wohl
allgemeiner wissenschaftlicher Erfahrung, daß die meisten Texte,
insbesondere wenn sie eine gewisse Länge überschreiten, nicht in einem
Zug durchgelesen werden, sondern - je nach Persönlichkeit und konkretem
Zweck - quergelesen, abschnittsweise vertieft studiert oder im
wesentlichen auf der Suche nach bestimmten Stichworten durchforstet
werden.
Demgegenüber ermöglicht die Hypertexttechnologie
eine gänzlich neue Form der Textgestaltung: Hypertexte bestehen,
wie erwähnt, aus einer Vielzahl von Textmodulen
(Informationseinheiten), die samt den zahlreichen Querverbindungen
zwischen ihnen, technisch gesehen, in Datenbank gespeichert werden.
Damit sind sie auf verschiedenen Wegen zugänglich: So können die
AutorInnen solcher "Hypertextbasen" verschiedene
"Pfade" legen, anhand derer die LeserInnen das darin vercodete
Wissen erlesen bzw. erfahren können.[57]
So könnte es etwa - neben dem üblichen kurzen Abstract - einen "Fünf-Minuten-Pfad"
für Eilige geben, der es ermöglicht, die Hauptlinien des Arguments in
kurzer Zeit zu erfassen. Für NutzerInnen mit mehr Zeit oder
unterschiedlichen Interessen könnten verschiedene Ebenen der immer
tieferen und detailreicheren Erschließung des Themas vorgesehen werden.
Weiters kann der direkte Zugang über eine Suchmaschine oder über
Stichwort- und Namenslisten ermöglicht werden.
Diese - schon gar nicht mehr so neuartige[58]
- Form des nicht-linearen Textes steht vermutlich erst am Anfang einer
prominenten Karriere, gerade in der Wissenschaft, sodaß es letztlich zu
einer völlig neuartigen - allerdings mediengebundenen -
Darstellungsform von Wissen kommen könnte.[59]
Schon ein einfacher Hypertext kann, wie wir
gesehen haben, als eine Art Datenbank, oder besser: "Wissens(daten)bank"
begriffen werden. Es könnte spekuliert werden, daß in weiterer Folge
die Hypertexte unterschiedlicher AutorInnen(gruppen) gleichsam
zusammenwachsen, indem sie nicht nur die Textbausteine
"intern" miteinander verknüpfen sondern auch gegenseitig
aufeinander verweisen. Dies ist bereits jetzt in Ansätzen bei in
manchen fortschrittlichen E-journals publizierten Texten zu beobachten,
die auf Primärquellen, andere Publikationen[60]
oder etwa Software verweisen, die vom User direkt online ausprobiert
werden kann und mit deren Hilfe die Daten für das Papier usprünglich
aufbereitet oder berechnet wurden. Die Summe der miteinander
"verlinkten" (d.h. über "externe" Hyperlinks verknüpften)
Hypertexte kann letztlich als eine verteilte Wissensdatenbank verstanden
werden. Bei extensiver Verknüpfung könnten die Grenzen zwischen den
verbundenen Hypertexten letztlich sogar verschwimmen.
... und die möglichen
Folgen dieser Entwicklung
Es liegt
auf der Hand, daß die Produktion solcher Hypertexte nicht mit der herkömmlichen
Texterstellung vergleichbar ist: Möglicherweise wird damit ein
vernetztes, d.h. mannigfach Bezug nehmendes Schreiben (und möglicherweise
auch ebensolches Denken) gefördert, denn das Setzen von
"Links" auf andere Bausteine ist geradezu ein Wesensmerkmal.
Weiters werden die (wissenschaftlichen) AutorInnen angehalten, ihre
Erkenntnisse in modularer Weise zu präsentieren, d.h. in (möglichst)
kleine, diskrete Einheiten zu zerlegen und den Zusammenhang zwischen den
Teilen in der Netzstruktur zu verorten.[61]
Ob und inwieweit dies von den WissenschafterInnen angenommen werden wird
bzw. was diese daraus machen, kann erst die Erfahrung zeigen, wenn
einmal ausgereifte Systeme vorhanden sind, die ähnlich einfach wie
heutige Textverarbeitungssysteme zur Herstellung linearer Texte
funktionieren. Auf den ersten Blick erscheint der Druck in Richtung Modularität[62]
zwar beschränkend, gleichzeitig werden damit jedoch Freiheitsgrade eröffnet,
die beim Schreiben eines linearen Textes ausgeschlossen sind. Sicher
scheint, daß das Schreiben von wissenschaftlichen Hypertexten erst
gelernt werden müßte: So besteht etwa die Möglichkeit, daß durch bloßes
Aneinanderreihen von Links die Analysetiefe geringer wird oder daß die
Systematisierung der präsentierten Wissensmodule nur unzureichend von
den AutorInnen wahrgenommen und damit auf die Leserschaft übertragen (externalisiert)
wird, welche sich erst beim Lesen einen eigenen "roten Faden"
legen würde.
Es sind aber noch weitere qualitative Unterschiede
zu bisherigen Texten erkennbar: So besteht auch die Möglichkeit,
derartige Texte (bzw. einzelne Textteile) später zu erweitern und
nachzubearbeiten, womit sie eine dynamische Komponente erhalten.[63]
Während es derzeit praktisch unmöglich ist, einen bereits publizierten
Text gleichsam "zurückzuziehen" und durch eine aktualisierte
Fassung zu ersetzen, muß man schon heute beim Zitieren mancher
Internetquellen auf deren Version achten, da es sich um ständig überarbeitete
Texte handelt.[64] Es könnte
sogar zu einem allgemeinen Phänomen werden, immer nur gleichsam
Zwischenergebnisse zu publizieren,[65]
was freilich gravierende Auswirkungen nicht nur auf die Zitierweise von
(Cyberscience-)Quellen, sondern auch auf die Art und Weise haben, wie
die Publikationsleistung eines/r WissenschafterIn adäquat festgehalten
werden kann und in welcher Form und bei welchem Ausmaß an Veränderung
neuerlich das Qualitätssicherungssystem (Begutachtung) in Aktion treten
müßte (dazu unten).
Schließlich wird es mit Hilfe der
Hypertechnologie und gestützt auf die erwähnten "Groupware"-Anwendungen
einfacher, gemeinsam an solchen Wissensbasen zu arbeiten: Nicht nur ist
das Auskoppeln von Textteilen zur Weiterbearbeitung durch eine/n der
AutorInnen besonders einfach, Hypertextbasen sind auch besonders gut
dazu geeignet, von mehreren AutorInnen gemeinsam (entweder
hintereinander oder sogar gleichzeitig) erstellt zu werden. Es kann
technisch vorgesehen werden, daß die Urheberschaft an Textteilen
nachvollziehbar bleibt. Dennoch stellt sich die Frage nach der
Zurechenbarkeit der wissenschaftlichen Gesamtleistung, insbesondere bei
zunehmender Verschmelzung der verschiedenen Hypertextbasen.
Ohne konkrete wissenschaftliche Anwendungen
bleiben Aussagen über die Möglichkeiten und Grenzen dieser neuen
Formen der Wissensrepräsentation spekulativ. Einschlägige
Untersuchungen zur Lesbarkeit von Hypertextstrukturen wurden
bislang vor allem mit den ersten E-books durchgeführt und waren zum
Teil eher kritisch.[66]
Schreiben im wissenschaftlichen Kontext unterscheidet sich allerdings
grundlegend vom Erstellen belletristischer Texte: Gerade der Anspruch
der Zugänglichkeit und die konsistente Struktur sind in jenem Bereich
von weniger großer Relevanz, während etwa "Spannung" nur
eine untergeordnete Kategorie für wissenschaftliche Darstellungen sein
dürfte. Rost vermutet daher, daß "es schon bald zu einem Qualitätsmerkmal
eines Textes werden [wird], in welchem Maße er leseorientiert
strukturiert vorliegt".[67
]
Qualitätskontrolle
und Cyberscience
Das herkömmliche
Qualitätssicherungssystem in der Wissenschaft basiert im wesentlichen
auf zwei Komponenten: der Begutachtung und dem Ansehen der jeweiligen
AutorInnen bzw. von deren Institutionen. Während die zweite Komponente
durchaus diskussionswürdig ist, aber nichtsdestotrotz eine große Rolle
zu spielen scheint, insbesondere auf seiten der Herausgeber und Verlage,
und nur relativ geringem Druck aufgrund der "neuen" Verhältnisse
im Zeitalter der Cyberscience ausgesetzt ist,[68]
ist die erste Komponente zweifellos in Umbruch begriffen. Die
Digitalisierung und Vernetzung der Wissenschaft hat einerseits bewirkt,
daß eine große Anzahl von wissenschaftlichen Texten ohne Begutachtung
publiziert werden, während diese früher nur informell
"verteilt", also nicht wirklich "veröffentlicht"
wurden;[69] andererseits
entstanden auch neue Formen des Refereeing und selbst die traditionelle
Form wurde verändert, wenngleich nicht in qualitativer Hinsicht sondern
durch die Beschleunigung der Abwicklung via E-mail.
Folgende Neuerungen in diesem Bereich sind
freilich noch in der Testphase:
-
Die Online-Begutachtung, d.h. die
offene Kommentierung der Vorversion eines Textes im WWW durch
webgestützte, für alle einsehbare Annotierung, wobei sich auch die
AutorInnen selbst an der mit den GutachterInnen geführten
Diskussion beteiligen;
-
Der sogenannte open peer commentary,
d.h. die Begutachtung nicht durch speziell bestellte GutachterInnen,
sondern durch die interessierte (nicht-anonyme) Leserschaft selbst;
-
Das Rating, d.h. die Bewertung eines
Textes anhand eines standardisierten Punkte-Schemas durch die
Leserschaft.
Zum Teil bereits sehr erfolgreich über das rein
experimentelle Stadium hinaus gediehen sind vor allem Mischformen: Dabei
wird etwa vor der eigentlichen Veröffentlichung ein Artikel während
einer festgelegten Periode (z.B. einem Monat) einem offenen
Begutachtungsprozeß über das Internet unterworfen und parallel dazu
werden direkt GutachterInnen bestellt, bevor es nach Einarbeitung der
dadurch entstandenen Diskussion und der Gutachten zu einer endgültigen
Publikation kommt.[70] Der
Begutachtungsprozeß kann somit auch iterativ oder gestuft, d.h. in
mehreren Runden mit unterschiedlichem TeilnehmerInnenkreis stattfinden.
Vor allem das Rating hat freilich nur mehr entfernt mit einer echten
Begutachtung zu tun. Es handelt es sich dabei vielmehr um eine Art
Abstimmung, bei der die Teilnahme praktisch unkontrollierbar ist (nicht
einmal der potentielle Teilnehmerkreis ist mit Gewißheit zu bestimmen
und darüber hinaus dynamischen Veränderungen unterworfen). Das Rating
dürfte daher wohl maximal als Ergänzung zu anderen Formen vorgesehen
werden (z.B. als Hinweis auf die allgemeine Einschätzung der Qualität
oder Bedeutung als "Service" für die LeserInnen).[71
]
Publication Record
Die neuen
Formen des elektronischen Publizierens eröffnen auch Fragen im
Zusammenhang mit der Bewertung und der Zurechenbarkeit der
wissenschaftlichen Leistungen von einzelnen WissenschafterInnen oder
Institutionen: Welchen formalen Wert haben elektronische Publikationen
in Hinblick auf wissenschaftliche Karrieren? Wann und inwieweit werden
die E-journals im akademischen System als formell gleichwertig mit den
traditionellen Medien akzeptiert werden, indem sie zitiert und indexiert
werden?[72] Dies wird
zweifellos von verschiedenen Faktoren abhängen, etwa von der Art des
Begutachtungssystems. Solange dieses gleichartig wie bei den
traditionellen Medien ausgestaltet ist, wird die Akzeptanz vermutlich
hoch sein. So wurden E-journals bereits 1996 für die Research
Assessment Exercise in Großbritannien als gleichwertig mit
nicht-elektronischen Publikationen anerkannt.[73]
Was wäre jedoch, wenn für ein Journal "nur" offene
Begutachtung praktiziert wird? Hier würden offensichtlich die
traditionellen Formen in Frage gestellt und es könnte möglicherweise
zu einem (wohl langsamen) Anpassungsprozeß kommen. Ein anderer Aspekt
ist selbstverständlich der "impact factor". Es liegen bereits
vereinzelte empirische Studien vor, die die Zitierung von elektronischen
Quellen untersucht haben und zum Schluß kommen, daß sie vorläufig
noch seltener als Printpublikationen zitiert werden.[74]
Diese Beobachtungen sind allerdings nach Disziplinen differenziert zu
betrachten: In jenen Bereichen, in denen bereits mehrere E-Publikationen
seit längerem bestehen, werden diese auch vermehrt zitiert.
Daneben bestehen freilich die Probleme in Hinblick
auf die Besonderheiten der elektronischen Publikationen: Ab wann würde
das Aktualisieren eines Hypertextes als neue Publikation gelten (und
damit wohl einem neuerlichen Begutachtungsverfahren unterworfen werden)?
Welche Kriterien könnten gefunden werden, um die wissenschaftlichen
Leistungen bei der Erstellung von Hypertexten oder Hyperdatenbanken
Einzelnen adäquat zurechnen zu können? Offensichtlich sind hier
neuartige Modelle gefragt, die über ein bloßes Auflisten aller
beteiligten AutorInnen hinausgehen müßten.
Ein weiterer Fragenkomplex in diesem Zusammenhang
betrifft die Bewertung unkonventioneller Publikationsformen: Wird die
Teilnahme an öffentlichen Begutachtungen als akademische Leistung
verbuchbar sein? Könnte etwa das sogenannte "skywriting" in
Diskussionsforen, also die Teilnahme an elektronischen Diskussionen ohne
unmittelbaren "Publikationsoutput" (außer vielleicht dem
"Mitschnitt" der Diskussion im elektronischen Listenarchiv,
der jedoch kaum mehr direkte Zurechenbarkeit zu bestimmten AutorInnen
ermöglicht), Teil der künftigen Arbeitsplatzbeschreibung für
WissenschafterInnen und damit zu einem regelmäßigen Bestandteil der
Wissensproduktion werden?
Rechtliche Aspekte
Im
Zeitalter der Cyberscience werden eine Reihe juristischer Fragen
aufgeworfen, etwa im Bereich des Urheberrechts: Bereits mit der breiten
Einführung des Fotokopierers, aber noch viel mehr mit der
Digitalisierung von Texten und deren weltweiter Online-Verfügbarmachung
tauchen alte juristische Probleme in neuem Gewand, aber teilweise
durchaus auch neue Aspekte auf. Vor allem der Schutz des geistigen
Eigentums, der aufgrund der neuen Technologien schwieriger geworden ist,
steht hier im Zentrum der Diskussionen, wobei insbesondere die grenzüberschreitende,
internationale Dimension eine Herausforderung darstellt. Verschiedene
Initiativen, wie z.B. DIN (document identification number) und DOI (Document
Object Identifier) auf der technischen Ebene oder die Empfehlungen der
Conference on Fair Use (CONFU) auf organisatorischer Ebene und daran
anknüpfende Gesetzesinitiativen, etwa in den USA, versuchen hier Lösungen
zu finden.
Auch das Vertragsrecht steht vor neuen
Herausforderungen, etwa hinsichtlich der den neuen Medien angepaßten
Vertragsgestaltungen (Verlag/Autor; Verlag/Bibliotheken;
Verlag/Private): Wie werden die zukünftigen Standard-Verträge aussehen
und welchen Einfluß werden Sie auf die Praxis des Publizierens im
Internet haben? Interessant ist hier etwa das sich abzeichnende Kräftemessen
zwischen AutorInnen und Verlagen angesichts der immer weiter
verbreiteten Praxis der Vorauspublikation in Preprint-Archiven oder
Online-Arbeitspapier-Reihen.
3.2 Cyberscience und "Örtlichkeit"
Die hier zu diskutierende These lautet: Die
Computernutzung und weltweite -vernetzung ist dabei, den Begriff der Örtlichkeit
im Zusammenhang mit der Wissenschaft zu verändern. Folgende
Beobachtungen führen zu diesem Schluß: Die Telekommunikation hat es
WissenschafterInnen ermöglicht, die Ressourcen ihres Büros zu nutzen,
auch ohne an ihrem Arbeitsplatz physisch anwesend zu sein. Selbst die
geographische Lage der Forschungsstätte ist zunehmend von sekundärer
Bedeutung, solange nur ein PC mit Internetanschluß vorhanden ist (und
die Institution in der Lage ist, den Online-Zugang zu den
Internetressourcen sicherzustellen). Bibliotheken und
Dokumentationszentren, die früher unabdingbare Voraussetzung für
erfolgreiche Forschung waren, werden zunehmend ersetzbar durch den
virtuellen Informationsraum. Immer öfter können virtuelle
Projektteams, sog. "extended research groups", gebildet
werden, die etwa im naturwissenschaftlichen Bereich weltweit auf Distanz
in "virtual laboratories", sog. "collaboratories",
kooperieren und koproduzieren, ohne daß es notwendig wäre, sich (oft)
persönlich zu treffen.[75]
Elektronische oder virtuelle Konferenzen könnten künftig ohne großen
Aufwand und vor allem ohne tatsächliche Ortsveränderung
WissenschafterInnen zusammenbringen.
Für einige ForscherInnen gehören alle soeben
aufgezählten Entwicklungen bereits zum Alltag, die meisten haben
zumindest einzelne Erfahrungen damit gemacht. Kann tatsächlich
ausgesagt werden, daß Wissenschaft in einiger Zeit (wann immer das sein
wird) völlig ortsunabhängig sein wird? Zweifellos wird zwischen den
einzelnen Disziplinen unterschieden werden müssen: Labor-gebunde
Forschung bleibt freilich abhängig vom Vorhandensein des Labors,
Feldforschung wird selbstverständlich vor Ort stattzufinden haben und
auch für Interviews wird man in vielen Fällen weiterhin direkt zum
Ansprechpartner kommen müssen. Doch für jenen großen Bereich, der
sich mit der (Weiter-)Verarbeitung von Primär- und Sekundärquellen
beschäftigt, könnte die Antwort anders lauten.
Stimmt die These vom Bedeutungsrückgang des
konkreten Ortes, an dem Wissenschaft betrieben wird, dann sind folgende
Entwicklungen wahrscheinlich:
Die Proliferation von
weltweiten Multi-Autorenschaften
Während Projekte und
Publikationen mit mehreren AutorInnen früher in vielen Disziplinen kaum
außerhalb desselben Forschungsteams vor Ort realisiert wurden (werden
konnten), stieg die Anzahl der Veröffentlichungen mit internationalen
Koautoren in den letzten zwei Jahrzehnten stark an.[76]
Dies könnte auch auf die im Zeitalter der Cyberscience ganz neuen Möglichkeiten
(vgl. insbesondere die neuen Online-Tools zur Unterstützung von
Kooperationen) zurückzuführen sein. Da diese Entwicklungen jedoch erst
am Anfang stehen, könnten sich in weiterer Folge auch qualitative Änderungen
ergeben: So wird etwa das Konzept der Autorenschaft von
wissenschaftlichen Texten im elektronischen Zeitalter zunehmend schwächer,
vor allem wenn der Trend tatsächlich - wie oben erwogen - weg von der
Textproduktion und hin zu Hypertexten und -datenbanken geht: Damit
besteht die Möglichkeit, daß eine große Anzahl von Personen Anteil an
der Produktion ein- und desselben wissenschaftlichen Produkts haben
kann. Freilich wird automatisch protokolliert werden, wer welchen
Beitrag geleistet hat, doch wenn die Einzelbeiträge immer kleiner
werden und erst die Gesamtheit aller Beiträge signifikanten
wissenschaftlichen Wert erhält, haben wir jedenfalls das klassische
Schema der Zurechenbarkeit wissenschaftlicher Leistungen zu Personen über
die explizite Autorenschaft verlassen.
Schriftlichkeit und
Effizienzsteigerung des wissenschaftlichen Diskurses?
E-mail ist
dabei, andere Kommunikationsformen unter WissenschafterInnen zu verdrängen.
Aufgrund der Asynchronität von E-mail (der Zeitpunkt der Rezeption kann
selbst gewählt werden) ist es oft eine gute Alternative zum Telefon -
dies nicht einmal nur mit externen KollegInnen sondern sogar zwischen
den Mitgliedern ein und derselben Forschungsgruppe, die im selben Haus
untergebracht ist. Die Teilnahme an Diskussionslisten ermöglicht es,
unabhängig von persönlichen Treffen mit anderen Forschenden nicht nur
in Kontakt zu treten, sondern sogar konkrete wissenschaftliche
Fragestellungen zu bearbeiten. Groupware basiert ebenfalls weitgehend
auf schriftlichen Beiträgen. Einige Modelle für virtuelle Konferenzen
sehen trotz der Austattung der PCs der Teilnehmenden mit Videokamera und
Soundequipment ausgedehnte schriftliche "Konferenz"-Phasen
vor. Zusammenfassend läßt sich postulieren, daß Cyberscience auch
bedeutet, daß Schriftlichkeit im Gegensatz zur persönlichen,
sprachlichen Kommunikation unter WissenschafterInnen an Stellenwert
gewinnen dürfte.
In diesem Zusammenhang wurden bereits einige
Nachteile diskutiert: etwa die Tatsache, daß andere Interaktionskanäle
(Gestik, Mimik) vernachlässigt und damit ein Teil des
Informationsflusses, wie er unter Anwesenden stattfinden würde,
ausgeblendet werden; oder etwa die Gefahr der sozialen Vereinsamung bzw.
die Tendenz der Instrumentalisierung der Beziehungen zur Kollegenschaft;[77]
oder schließlich die mögliche Verkümmerung der Ausdrucksfähigkeit
und Diskussionsstärke in gesprochener Sprache. Aus dem Blickwinkel der
wissenschaftlichen Erkenntnis her liegen die Vorteile der
Schriftlichkeit andererseits auf der Hand: So ist es im schriftlichen
Diskurs weitaus einfacher und effizienter möglich, auf konkrete
Argumente Bezug zu nehmen, da ein (schriftlicher) Diskursspeicher
vorhanden ist, der es ermöglicht, trotz Weiterlaufens des "Gesprächs"
in einem Ast ohne Verlust später wieder den Faden auf einem anderen
Gesprächszweig aufzunehmen - in den Worten von Stichweh: diese Form des
Diskurses ist "unendlichkeitsfähig".[78]
Damit besteht zumindest theoretisch die Möglichkeit des
"Ausdiskutierens" eines Themas, da die schriftliche Zeit im
Unterschied zur Gesprächszeit jedenfalls wesentlich weniger begrenzt
ist und auf die bereits vorgebrachten Argumente "bis zur Ausschöpfung
ihres Sinngehalts"[79]
jederzeit rekurriert werden kann. Während die zur Effizienzsteigerung
von Gesprächen entwickelten Moderationstechniken[80]
rasch an ihre Grenzen stoßen, steht die Entwicklung von Software zur
effizienten Moderierung von schriftlichen Diskursen erst am Anfang, ist
aber durchaus vielversprechend.[81]
Selbst auf den ersten Blick sehr an das gesprochene Wort gebunden
scheinende Techniken wie Brainstorming lassen sich schriftlich
simulieren - mit dem Vorteil, daß die Beteiligung aller, die es wünschen,
weder an Zeit und Ort noch an das persönliche Selbstvertrauen, in der
Gruppe aufzutreten, geknüpft ist. Da die meisten dieser internationalen
Kooperationen und Diskussionen auf Englisch durchgeführt werden, kann
als weiterer Vorteil angesehen werden, daß jene, die Englisch nicht als
Muttersprache haben, aufgrund der Möglichkeit, Wörterbücher zu
konsultieren bzw. sich anderweitig sprachliche Hilfe zu beschaffen, in
der Asynchronität des Schriftlichen einen Vorteil erblicken.[82]
Selbstverständlich setzt diese Entwicklung den
Erwerb von schriftlicher Ausdrucksfähigkeit voraus. Möglicherweise
wird jedoch das hier unter dem Stichwort "Schriftlichkeit"
diskutierte bald zu differenzieren sein, wenn nämlich die Technik in
der Lage ist, gut funktionierende Sprachinterfaces für die
Mensch-Maschine-Kommunikation bereit zu stellen. Doch auch in diesem
Fall wickelt sich der Diskurs nicht in derselben Form wie ein Gespräch
unter Anwesenden ab, sondern behält die Eigenschaften der schriftlichen
Kommunikation (Asynchronität, Strukturierungsmöglichkeiten), da die Übertragung
des Gesprochenen in Textformate zwecks weiterer Prozessierung im Zentrum
steht.
Nur mehr weltweite,
aber fragmentierte "scientific communities"?
Eine
weitere interessante Frage schließt sich an: Welchen Einfluß hat die
Cyberscience auf die Bildung von Scientific communities? Noch bis vor
wenigen Jahren bestanden aufgrund großer Distanzen, damit verbundenem (Reise-)Geldmangel
und langsamer Kommunikationsmittel Behinderungen für die Bildung der
Communities. Sicher ist, daß die Kontaktaufnahme und der
wissenschaftliche Austausch mit der zumeist recht kleinen Schar an
ExpertInnen im eigenen, ganz speziellen Fachbereich deutlich leichter
geworden ist. Während man bislang persönlich maximal auf vereinzelten
internationalen Konferenzen Kontakt gepflogen hat und während der
restlichen Zeit lediglich über Publikationen voneinander Notiz nahm,
besteht nunmehr das Potential zu fortdauernder Kommunikation, zu
einfacher Zusammenarbeit, auch an gemeinsamen Projekten, während Zeit
und Raum eine weniger wichtige Rolle spielen.[83]
Dazu kommt noch, daß der Austausch und die Aussprache mit den
KollegInnen vor Ort zwar wichtig sind (und wohl auch bleiben werden),
aber fachlich aufgrund zumeist unterschiedlicher Spezialisierungen oft
nicht ganz befriedigend sind. Im Zeitalter der Cyberscience ist es möglich,
auf unkompliziertem Weg mit anderen SpezialistInnen im eigenen Feld
direkt zu kommunizieren. Ob dies verbreitet der Fall sein wird, hängt
von verschiedenen Faktoren ab, etwa von der wissenschaftlichen
Disziplin, aber vor allem auch von der sozialen und technologischen
Qualität der Cyberscience-Infrastruktur selbst. Unter diesen
Voraussetzungen besteht somit das Potential, daß es zu einer endgültigen
"Verschmelzung" der bislang lokalen und nationalen
wissenschaftlichen Gemeinschaften bei weiterer gleichzeitiger
Spezialisierung und Fragmentierung kommt.[84
]
Neudefinition der
wissenschaftlichen Infrastruktur
Schon
heute stellt die Anschaffung und Wartung von Computern und
Telekommunikationsverbindungen einen nicht unbedeutenden Budgetposten
jeder Forschungseinrichtung dar. Schaut man die oben aufgelisteten
Entwicklungen zusammen und erkennt man, daß praktisch alle Bereiche der
wissenschaftlichen Tätigkeit erfaßt sind (vom täglichen Arbeitsablauf
über die Kommunikation mit anderen Forschenden bis zur
Ergebnisproduktion), so liegt die Annahme nahe, daß die
wissenschaftliche Infrastruktur immer weniger durch das Vorhandensein
von gut augestatteten Bibliotheken, Seminarräumen und Nähe zu einem
internationalen Flughafen, als vielmehr durch den Zugang zum virtuellen
Informationsraum geprägt sein wird.
In diesem Zusammenhang könnte überlegt werden,
ob die Cyberscience-Zukunft ein Vorteil für jene Weltregionen sein könnte,
die bislang aufgrund ihrer Entfernung zu den Zentren deutlich
benachteiligt waren, bzw. für die "Nicht-Top-Institutionen".
Bei oberflächlicher Betrachtung spricht einiges für diese These, ist
es doch zweifellos einfacher und billiger, irgendwo ein Büro mit PC und
Internetanschluß als ein wissenschaftliches Zentrum mit all der dazugehörigen
traditionellen Infrastruktur einzurichten, selbst wenn man die
Optimierung der Anbindung an das internationale Telekommunikationsnetz
als wichtig und mitunter aufwendig und teuer einstuft. Allerdings steht
zu bedenken, daß die virtuellen Informationsangebote, etwa der
elektronischen Bibliotheken und der Zeitschriftenverlage, möglicherweise
nicht auf Dauer gratis sein werden. Schon jetzt bieten die großen
Zeitschriftenverlage weltweit ihre elektronischen Produkte zu Preisen
an, die durchaus vergleichbar sind mit jenen für die Printjournals.
Schon jetzt schließen sich Bibliotheken und Institute zu Verbünden
zusammen, um der Marktmacht der großen Anbieter ein Gegengewicht gegenüberstellen
zu können.[85] Freilich stehen
wir da erst am Anfang einer Entwicklung, aber es scheint wahrscheinlich,
daß die Kosten der neuen Cyberscience-Infrastruktur i.w.S. (d.h.
einschließlich der Zugangskosten) nicht unerheblich sein werden. Damit
dürften wiederum die Wissenschaftszentren gegenüber der
"Peripherie" im Vorteil sein, da sie letztlich über größere
Mittel, stärkere Marktmacht und organisatorische Alternativen verfügen
dürften.[86]
3.3 Cyberscience und "Örtlichkeit"
Die zunehmende Verbreitung der Informations- und
Kommunikationstechnologien - und die damit einhergehende Konzentration von
Ressourcen am Arbeitsplatz[87] - führt
einerseits zu neuen Anforderungen an die in der Wissenschaft Tätigen: Neue
Kenntnisse, wie etwa der Umgang mit Datenbanken, könnten bald zum
Standardrepertoire gehören, so wie bislang der effiziente Umgang mit
Karteikartenkästen und Indizes in Bibliotheken. Da die neuen Anforderungen
zum Teil wohl zu groß sind, als daß sie auf individueller Ebene überhaupt
oder jedenfalls effizient befriedigt werden könnten, dürften sich auch die
Rollenbilder im Wissenschaftsbetrieb verschieben.
Neue Berufsbilder: "Cybrarian" und
"Information Broker"
Wenn die gegenwärtige Entwicklung anhält und die
Zukunft der Bibliotheken tatsächlich in ihrer Digitalisierung liegt,[88]
dann verschwindet das traditionelle Berufsbild "Bibliothekar"
("librarian") zugunsten des neuen "cybrarian".[89]
Diese Cybrarians werden voraussichtlich folgende Rollen ausüben:
| a) |
Erhaltung des Altbestandes |
| b) |
EDV-Expertise |
| c) |
Verwaltung der elektronischen Medien |
| d) |
Information Brokering |
| e) |
Archivierung der elektronischen Medien |
ad a) Sie verwalten und ergänzen kaum mehr
physische Bibliotheksbestände. Wo vorhanden, werden freilich noch die
Altbestände an Büchern und Zeitschriften in Papier weiter archiviert. Dazu
kommen, möglicherweise aber nur vorübergehend, bis diese Technologie abgelöst
ist, noch die Offline-Medien, also etwa CD-ROMs oder Bücher auf Disketten.
ad b) Die Bibliothek der Zukunft wird durch ihre Computeraustattung
geprägt sein. Daher kooperieren die Cybrarians verstärkt mit den
jeweiligen EDV-Abteilungen, um den Hard- und Software-Zugang zum virtuellen
Informationsraum sicherzustellen. Aufgrund ihrer Tätigkeit könnten sie
allerdings auch selbst zu EDV-ExpertInnen werden, sodaß sich entweder die
Bibliotheks-EDV als Unterabteilung der gesamten EDV darstellt oder überhaupt
verselbständigt.
ad c) An die Stelle der Verwaltung physischer
Bibliotheksbestände tritt im Zeitalter der Cyberscience die von der
Gemeinschaft aller Cybrarians konzertiert geleistete "Verwaltung"
des elektronischen Dokumentenbestandes. Drei Aspekte dieser neuen Rolle
sind hier herauszustreichen: Erstens ist es für den einzelnen
Informationssuchenden kaum zu erkennen, welche Informationen im Internet
verläßlich sind, d.h. ob das schöne Logo am Kopf der WWW-Seite tatsächlich
von einem seriösen Informationsanbieter stammt oder nicht. Weiters - und
das ist das noch viel größere Problem - ist kaum nachvollziehbar, wo die
elektronischen Dokumente einige Zeit später noch zu finden sein werden. Das
ist ein Problem, das gerade in der Wissenschaft, die auf interpersonale und
zeitunabhängige Nachvollziehbarkeit ihrer Tätigkeit angewiesen ist,
besonders virulent ist. Cybrarians kommt hier in Zukunft die Aufgabe zu,
Ordnung in dieses Chaos zu bringen und Verläßlichkeit zu schaffen.[90]
Vor allem die Bemühungen um digitale Registrierung von Dokumenten im
Internet nach dem Modell der ISBN und ISSN erfordern große
Koordinationsleistungen zwischen Verlagen und sonstigen Publizierenden
einerseits und den Bibliotheken andererseits.
Der dritte Aspekt betrifft die inhaltliche Erschließung
der elektronischen Archive: Um von der Digitalisierung - abgesehen von der
vereinfachten Lieferung von Dokumenten über Distanz - auch konkret
inhaltlich zu profitieren, ist es notwendig, die Dokumente (Primär- und
Sekundärquellen) so zu erschließen, daß geeignete Suchmaschinen in der
Lage sind, diese effizient zu durchforsten. Wenn sich die Erschließung der
Informationsquellen auf der "Metaebene" jedoch von
Datenbank zu Datenbank, von Website zu Website, von Dokumententyp zu
Dokumententyp unterscheiden, entstehen große Übersetzungsprobleme. Hier könnte
eine Vereinheitlichung der Metadatenstruktur Abhilfe schaffen, die bereits
in Angriff genommen wurde.[91]
ad d) Information brokering: Über das bloße
Ermöglichen des Zugangs (oben b) und des geordneten Zurverfügungstellens
(oben c) der virtuellen Informationen hinaus, steht zu erwarten, daß die
Cyberscience spezielle ExpertInnen in der Suche und im Aufbereiten der
spezifischen elektronischen Informationsquellen, die im virtuellen
Informationsraum zur Verfügung stehen, brauchen wird.[92]
Diese Aufgabe ist insbesondere für die Wissenschaft wichtig, da das
weltweite Netz keinem übergeordneten, inhaltlichen Ordnungsprinzip
gehorcht, sondern chaotisch und dezentral aufgebaut ist und sich ständig
dynamisch verändert. Diese Aufgabe könnte von verschiedenen
Personengruppen wahrgenommen werden: Entweder übernehmen die Cybrarians
selbst diese Aufgabe. Dafür spricht vor allem, daß das Klassifizieren und
inhaltliche Zuordnen von Quellen schon bisher zu den ureigensten Tätigkeiten
der Bibliothekare/-innen zählte. Darüber hinaus werden die Cybrarians
aufgrund der bereits erwähnten neuen Aufgabe im Rahmen der Verwaltung des
weltweiten elektronischen Bestandes über viel Erfahrung im Umgang mit dem
virtuellen Informationsangebot verfügen. Alternativ könnte es zur
Entwicklung einer eigenen Berufsgruppe gleichsam zwischen den Cybrarians und
den WissenschafterInnen kommen. Dafür spricht vor allem, daß derartige
Recherchen aufwendig und zeitintensiv sind und es mehr als nur das generelle
Wissen der Cybrarians bedarf, die einen umfassenden Bestand, quer durch
viele Disziplinen und Subdisziplinen, zu betreuen haben. Information
brokering in diesem Sinne könnte somit zu einer sehr spezifischen Expertise
in einem engeren Fachgebiet werden. Als Umkehrschluß wäre es allerdings
wohl zulässig zu vermuten, daß bei kleineren Spezialbibliotheken das
deswegen bereits spezialisierte Bibliothekspersonal diese Rolle dennoch ausfüllen
würde. Die dritte Personengruppe, die die Aufgabe der spezifischen
Informationssuche und -aufbereitung wahrnehmen könnte, sind selbstverständlich
die WissenschafterInnen selbst. Umso mehr sich das Sammeln und Verarbeiten
von Informationen in den virtuellen Raum verlagert, umso eher akkumuliert
genau jene Expertise auch bei den Forschenden selbst. Wenn die oben unter c)
angesprochenen Probleme (Stichwort: sich verändernde Internetadressen) gelöst
sind und ein gutes Kooperationsklima mit den Cybrarians besteht, die
technische und organisatorische Hilfestellungen leisten könnten, scheint
diese Option naheliegend.[93]
ad e) Eine wichtige Rolle der Bibliotheken, vor allem
der größeren Zentralbibliotheken, und damit der dort Tätigen, war immer
jene der Archivierung, [94]
d.h. nicht nur der Sammlung von Dokumenten, sondern auch deren Bewahrung für
die Zukunft. Während Dokumente auf Papier - von den Problemen des
Papierzerfalls einmal abgesehen - auch nach langer Zeit weiterhin zugänglich
sind, birgt die Bestanderhaltung im elektronischen Zeitalter ungeahnte
Probleme: Online-Medien sind aufgrund der rasanten technologischen
Entwicklungen[95] und
organisatorischen Umgestaltungen, aber auch wegen der neuen
Publikationsweisen (etwa des Ersatzes alter durch immer neuere Versionen
eines Dokuments) durchaus als "vergänglich" einzustufen.[96]
Es stellt sich die Frage, was überhaupt archiviert werden kann angesichts
der sich oftmals verändernden Inhalte/Versionen. [97
]
Die veränderte Rollenverteilung zwischen
Autor-Verlag-Universität/Bibliothek
Die mittlerweile an so gut wie allen Schreibtischen in
der Wissenschaft zur Verfügung stehenden, immer professionelleren Kapazitäten
für Textverarbeitung haben zu einer schleichenden Veränderung der
Rollenverteilung zwischen den wissenschaftlichen AutorInnen und den Verlagen
geführt. So gehört die Ablieferung von druckfertigen Manuskripten durch
die Autoren an die Verlage in vielen Bereichen bereits zum Alltag. Das geht
sogar so weit, daß das elektronische Manuskript nicht einmal mehr in die
professionelle Layoutsoftware des Verlages bzw. der Druckerei übernommen
wird, sondern eine reprofähige Vorlage (samt Schmutztitel und Index) in
Papier abzuliefern ist, die direkt vervielfältigt wird. Mit der Verbreitung
elektronischer Publikationen wird diese Tendenz weiter unterstützt, da hier
praktisch ausnahmslos nur elektronische Einreichungen akzeptiert werden, in
manchen Fällen sogar nur, wenn sie bereits in HTML, also der Sprache des
WWW, formatiert sind. Mit anderen Worten: Eine traditionelle Aufgabe der
Verlage, nämlich die technische Weiterbearbeitung des Textes, wurde
zunehmend auf die AutorInnen selbst, bzw. insbesondere ihre Sekretariate,
ausgelagert. Damit geht freilich zunehmend auch die Auslagerung einer
anderen typischen Verlagsfunktion einher, nämlich des "copy editing",
also der formalen, aber auch inhaltlichen Konsistenzprüfung eines Textes,
der sprachlichen Überarbeitung und des Kontrollierens der Zitate.
Da somit nur wenige Aufgaben beim Verlag verbleiben,
ist der Schritt zur eigenständigen Veröffentlichung im Selbst- oder
Universitätsverlag nicht mehr weit und z.T. bereits vollzogen. Insbesondere
die Online-Publikationen könnten die Chance eröffnen, wieder zurück zum
Ursystem der wissenschaftlichen Publikation bei gleichzeitig größerer
Reichweite zu gelangen: Die neuen Eigenverlage könnten als eine
Renaissance der Kontrolle der AkademikerInnen über ihre eigenen Produkte
verstanden werden. Diese Kontrolle war ja nach und nach aufgrund der
vertraglichen Abtretung der Rechte am akademischen Produkt verloren
gegangen. Fraglich ist, welche Rolle dann die Verlage überhaupt noch im
Wissenschaftsbetrieb spielen werden. Denn auch die "letzte"
genuine Funktion der Verlage, nämlich die Sicherstellung der Vermarktung,
wird ja im akademischen Bereich zunehmend, wohl aus Kostengründen, nur mehr
halbherzig wahrgenommen und ebenfalls an die Wissenschaft rückverlagert.
Sieht man eine Zukunft voraus, in der es kaum noch Hochglanzpapier-Prospekte
zur Ankündigung von Neuerscheinungen mehr geben wird, weil die
publizierenden Einheiten (seien es nun Universitäts- oder Eigenverlage)
diese über das Internet an spezialisierten Orten ankündigen, an denen dann
"Knowbots" im Auftrag des einzelnen Wissenschafters mit
individuellem Suchprofil recherchieren, so scheinen die Tage der
Wissenschaftsverlage in der Tat gezählt.
Unter dem provokativen Titel "To Publish and
Perish" hat jüngst etwa der Pew Higher Education Roundtable, eine
hochrangige ExpertInnengruppe aus dem Bereich der Administration und der
Bibliotheken einiger großer US-Forschungsuniversitäten, das Verhältnis
zwischen den Universitäten und den kommerziellen Verlagen von einem
finanziellen Gesichtspunkt aus unter die Lupe genommen. Er plädiert dafür,
die elektronischen Möglichkeiten als Chance zu begreifen und das
akademische Publikationssystem neu zu ordnen. Im Zentrum dieses neuen
Systems würden die wissenschaftlichen Vereinigungen stehen, die gleichsam
als Qualitätssicherungsorgane und "Verlage" auftreten würden.[98
]
Eine neue Arbeitsteilung in der Wissenschaft?
Wird die immer rasantere technologische Entwicklung zu
einer neuen Arbeitsteilung in der Wissenschaft führen? Es scheint
prinzipiell zwei Möglichkeiten zu geben: Entweder erwarten die
WissenschafterInnen der Zukunft neue Qualifikationsanforderungen, wie
"PC literacy" und "internet literacy". Oder es kommt zu
einer expliziten Teilung des wissenschaftlichen Personals in die "information
broker" und die "DenkerInnen" oder "Kreativen".
Erstere wären die ZuarbeiterInnen, die dafür sorgen, daß der
Informationsfluß nicht abreißt und auf Abruf, geordnet zur Verfügung
steht, zweitere würden die so aufbereiteten Informationen
weiterverarbeiten, analysieren, Hypothesen bilden, diese testen und
theoretisch untermauern.
Für die erste These spricht, daß, wie oben
etwa im Zusammenhang mit dem Publikationssystem erörtert, bereits heute das
wissenschaftliches Personal zum Textverarbeiter in eigener Sache wurde. Aber
auch die Fähigkeit zum Umgang mit diversen anderen Programmen (insbesondere
Datenbanken) wird immer wichtiger. Im Abschnitt über die neue Rolle der
Cybrarians haben wir weiters gesehen, daß die Rolle der Informationssuche
und -aufbereitung möglicherweise nur in Ausnahmefällen vollständig von
den Bibliotheksbediensteten selbst geleistet werden kann. Weiters ist eine
gewisse Tendenz zu bemerken (vor allem unter dem "Nachwuchs", der
bereits mit PCs gleichsam aufgewachsen ist), daß der Computer und das
Internet als Arbeitsinstrumente begriffen werden, welche zu beherrschen als
Teil der Identität als WissenschafterIn erlebt wird.
Für die zweite These spricht hingegen, daß es
sich beim Informationssuchen und -aufbereiten einerseits und der
Weiterbearbeitung und Analyse anderseits tatsächlich um zwei verschiedene Tätigkeiten
handelt, die ein gewisses Maß an (vor allem zeitlicher) Spezialisierung
erfordern. Es ist ja angesichts der Dynamik des virtuellen Informationsraums
sehr aufwendig, an die passenden und verläßlichen Informationen
heranzukommen. Diese Tätigkeit auszulagern, könnte bald einem Gebot der
Zeitökonomie entsprechen. In diesem Sinne ist auch die Entwicklung der
Rolle des Information Broker zu verstehen, also derjenigen, die den
WissenschafterInnen diese Arbeit professionell abnehmen. Noch steht nicht
fest, wer diese neu definierte Rolle des Informationslieferanten spielen
wird: Kandidaten sind die bereits angesprochenen Cybrarians oder die
wissenschaftlichen Sekretariate, die hier eine inhaltliche Aufwertung
erfahren könnten; möglicherweise kommt es auch zu einer Ausdifferenzierung
zwischen den WissenschafterInnen selbst.
"Informationsmanagement" könnte das zukünftige
Zauberwort (auch) in der Wissenschaft sein. Jene Forschungseinrichtung, die
es besser beherrscht, die "richtigen", d.h. wichtigen, relevanten,
verläßlichen Daten aus dem Informationsstrom des Internets
herauszufiltern, wird letztlich die besseren Ergebnisse erzielen können.
Dazu ist eine wohlorganisierte Arbeitsteilung notwendig, die sich von der
heutigen unterscheiden wird. Am wahrscheinlichsten erscheint daher eine dritte
These, eine Art Mittelweg, der auf verstärkte Zusammenarbeit zwischen
den WissenschafterInnen und den Informationsbeschaffenden, also den
Bibliotheken, hinausläuft. Dafür spricht, daß sich die Tätigkeiten der
Bibliothekare und der Forschenden, die noch vor kurzem grundverschieden
waren, im Zeitalter der Cyberscience zunehmend angleichen: Da das reine
Bestandsmanagement auf der Seite der Bibliotheken langsam wegfällt, sammeln
und ordnen beide Informationen und versuchen, Relevantes von weniger
Relevantem zu trennen, und beide tun es mittlerweile im gleichen Medium.
Struktur der Forschergemeinde im Wandel
Die zunehmende Verlagerung des wissenschaftlichen
Diskurses oder zumindest der Etablierung von Parallelstrukturen im
virtuellen Raum könnte weitreichende Folgen für die Hierarchien in der
Wissenschaft haben und letztlich zu einer Art "Demokratisierung"[99]
führen. Folgende Beobachtungen unterstützen diese These:
-
Die bereits oben diskutierte sogenannte offene
Begutachtung ("open peer review") und noch viel mehr die vor
allem im Zusammenhang mit den E-preprint-Archiven praktizierte Qualitätskontrolle
bloß durch den "Markt" ("no peer review"), könnte
dazu führen, daß die Bedeutung jener abnimmt, die in der
wissenschaftlichen Hierarchie weiter oben sind. Sie würden, zumindest
teilweise, durch die kumulierte Einschätzung vieler LeserInnen
unterschiedlicher Ebenen ersetzt werden.
-
Weiters wird die Umgehung der "Standardkanäle"
leichter, da die informellere Internetkultur eine direkte
Kontaktaufnahme quer zu den Hierarchieebenen fördert (soweit, was nicht
überall gleichermaßen der Fall ist, auch VertreterInnen höherer Ebenen
aktiv teilnehmen). Dies ist insbesondere bei dem in der Wissenschaft so
wichtigen "Networking" zu beobachten. Auch bei Diskussionen in
den elektronischen Listen und Newsgroups ist ja zu bemerken, daß es
mitunter weniger als früher eine Rolle spielt, von wem eine Mail
stammt, solange er/sie überzeugt und einen wichtigen Beitrag zum
Gesamtdiskurs leistet. Freilich ist dieser Effekt überlagert vom
allgemeinen Zeitmangel: Das konsequente Verfolgen einer Diskussion in
einer Liste ist nur mit großem Aufwand möglich und wenn nicht genügend
Zeit zur Verfügung steht, werden Herkunft und Status des/r AutorIn
eines Beitrags in vielen Fällen doch eine große Rolle spielen. Auch
besteht die Möglichkeit der Herausbildung von spezialisierten und möglicherweise
nur mehr für bestimmte Hierarchieebenen zugänglichen Foren.
-
Schließlich führt die potentielle Verfügbarkeit
von Informationen für jede/n einzelne/n vom eigenen Arbeitsplatz aus
tendenziell dazu, daß Informationen schwieriger vorenthalten werden können:
Die wissenschaftliche Hierarchie[100]
wird (unter anderem) ja auch dadurch reproduziert, daß nicht alle
wissenschaftlichen Informationen allen (zum gleichen Zeitpunkt) zugänglich
sind, etwa falls die aktuellen Zeitschriftenausgaben oder Rundbriefe zunächst
und für längere Zeit auf den Schreibtischen der höheren
Hierarchieebenen landen. In der Cyberscience gibt es hingegen zumeist
Parallelkanäle im Internet und damit ist in mancher Hinsicht
informationeller Gleichstand möglich. In Extremfällen können zum Teil
sogar neue Abhängigkeiten in der Gegenrichtung entstehen, da die
Computer- und Internet-Kenntnisse zumindest vorläufig - möglicherweise
aber auch auf Dauer wegen der Dynamik der technologischen Entwicklung -
noch recht ungleich verteilt sind (insbesondere aber nicht nur abhängig
vom Alter). Auch die Bereitschaft zum Informationsteilen und damit der
Aktivitätspegel im Internet scheint bei jüngeren und damit in den
wissenschaftlichen Hierarchien weiter unten rangierenden Leuten höher
zu sein, sodaß hier mitunter Informationen sogar früher zirkulieren
und verbreitet werden.
Daß somit die Hierarchien in Bewegung geraten
sind bzw. noch könnten, ist nicht unwahrscheinlich. Möglicherweise könnte
diese Entwicklung sogar zur Herausbildung neuer Eliten beitragen, die
weniger durch formellen Status als durch die Beherrschung der neuen Medien
geprägt wären. So könnte sich durchaus ein aus anderem Zusammenhang
bereits bekanntes Phänomen replizieren: Haben doch manche Mitglieder der
wissenschaftlichen Community entgegen ihrem formellen wissenschaftlichen
Status ungleich größeren Einfluß aufgrund ihrer sozialen Fähigkeiten.
Allerdings betreffen diese technologieinduzierten Aufweichungen in den
Hierarchien freilich nicht die finanziellen, organisatorischen und
personellen Ressourcen und somit könnten sich die Hierarchien schon aus
diesem Grund als durchaus standfest erweisen.
4 Forschungsprogramm: Cyberscience und "qualitative" Veränderungen
Zusammenfassend läßt sich somit festhalten: Die unter
dem Stichwort Cyberscience beschriebenen Entwicklungen betreffen erstens
praktisch alle Bereiche und einige wichtige Rahmenbedingungen der
wissenschaftlichen Tätigkeit (Kapitel 2). Sowohl die Organisation, die
Wissensproduktion, die Prozessierung von Wissen (Kommunikation) als auch die
Distribution werden voraussichtlich großteils mit Hilfe von Computern und
Anwendungen der Informations- und Kommunikationstechnologie durchgeführt
werden. Zweitens führt die Kombination mancher dieser Entwicklungen auch zu
strukturellen Veränderungen des Wissenschaftsbetriebs. Dies wurde exemplarisch
anhand der in der folgenden Übersicht zusammengefaßten Themen in Kapitel 3
demonstriert:
|
|
|
| Wissenschaftliches
Publikationswesen |
- Mögliches Ende der auf Papier gedruckten wissenschaftlichen
Publikation
- Einflüsse auf Publikationsmenge und -geschwindigkeit
- Von linearen Text zum Hypertext und zur Hyperdatenbank
- Veränderungen der Qualitätskontrolle in der Cyberscience
- Einflüsse auf den Publication Record
- Rechtsbeziehungen zwischen AutorInnen, Verlagen und Bibliotheken
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| Cyberscience und "Örtlichkeit" |
- Die Proliferation von weltweiten Multi-Autorenschaften
- Mögliche Effizienzsteigerung des wissenschaftlichen Diskurses durch
Schriftlichkeit
- Herausbildung von weltweiten, aber fragmentierten wissenschaftlichen
Communities
- Neudefinition der wissenschaftlichen Infrastruktur
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| Neue Anforderungs- profile und
Rollen(-verteilungen) |
- Neue Berufsbilder "Cybrarian" und "Information
Broker"
- Veränderungen in der Rollenverteilung zwischen
Autor-Verlag-Universität/Bibliothek
- Einflüsse auf die Arbeitsteilung in der Wissenschaft
- Einflüsse auf die Struktur der Forschergemeinde bzw. neue
Elitenbildung
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Wenn die - noch zu belegende - Annahme stimmt, daß viele
dieser Entwicklungen solche Vorteile bringen, daß letztlich alle
WissenschafterInnen "auf den Zug aufspringen" werden, dann werden der
Computer und das WorldWideWeb (oder wie immer dessen Nachfolger eventuell heißen
mag) aus dem Arbeitsalltag aller WissenschafterInnen nicht mehr wegzudenken
sein. Aber nicht nur die konkreten Arbeitsumstände der Forschenden, nicht nur
das organisatorische Umfeld und die Formen der Zusammenarbeit und des
wissenschaftlichen Austauschs, sondern letztlich auch das, was überhaupt und
wie es erforscht wird, könnten sich letztlich verändern. Somit bedeutet
Cyberscience offensichtlich großes Umbruchpotential und stellt zugleich eine
Herausforderung und eine Chance für die Forschung dar.
In diesem Papier wurde der Versuch gemacht, einen ersten
allgemeinen Überblick über die verschiedenen Elemente von Cyberscience und
ihre Auswirkungen auf die "W-Fragen" der Wissenschaft zu geben: Wer
erforscht Wo Was Wie und kommuniziert Welche Ergebnisse in Welcher
Form und Warum? Hier besteht noch großer Forschungsbedarf: Die Fragen
wurden erst gestellt, zum Teil durch einige Hypothesen in ihrer Bedeutung
untermauert, aber noch nicht beantwortet. Folgende forschungsleitenden
Fragestellungen zeichnen sich für eine vertiefende Beschäftigung ab:
-
die Suche nach und Präzisierung von Potentialen für
qualitative Veränderungen im Wissenschaftsbetrieb und das Herausarbeiten
der Faktoren, die zu deren Verwirklichung führen könnten (sowie von deren
Gegenspielern);
-
die Aufdeckung von Unterschieden in den verschiedenen
Disziplinen in Hinblick auf die Entwicklungen zur Cyberscience und die
Diskussion der Ursachen dafür;
-
die Diskussion der Implikationen der Cyberscience für
die Forschungspolitik[101] bzw.
die Steuerungsmechanismen innerhalb der Wissenschaftsorganisation.
Die Bearbeitung der Thematik sollte idealerweise die
Sichtweisen mehrerer Disziplinen einbeziehen: Mit einem Schwerpunkt im Bereich
der Wissenschafts- und Techniksoziologie sowie der Politikwissenschaft könnten
auch die Kommunikationswissenschaften und teilweise die Rechts- (Stichwort:
copyright) und Wirtschaftswissenschaften (Stichwort: "neue Internet-Ökonomie")
Beiträge leisten. Erst die Zusammenschau der verschiedenen Entwicklungen
einerseits und der disziplinären Blickpunkte andererseits anstatt von
Einzelbetrachtungen wird zu brauchbaren Einschätzungen hinsichtlich der
strukturtransformierenden Wirkungen der Cyberscience-Techniken[102]
führen können.
Ausgangspunkt für eine kritische Evaluierung der einschlägigen
Literatur müßten empirische Erhebungen sein, die Vergleiche zwischen mehreren
Disziplinen und - zur Überprüfung des Postulats der Universalität dieser
Entwicklungen - Länder(gruppe)n zulassen. Methodisch bieten sich hier neben der
Aufarbeitung der bereits bestehenden empirischen Untersuchungen[103]
in erster Linie Tiefeninterviews auf Basis halbstrukturierter Fragebögen an.
GesprächspartnerInnen sollten einerseits VertreterInnen (auf unterschiedlichen
Hierarchieebenen) etwa von (Spitzen-)Forschungseinrichtungen und in
wissenschaftlichen Gesellschaften, andererseits Cyberscience-ExpertInnen
(Entwickler und "early adopters") sein. Hierbei müßten frühere (mit
anderen Technologieentwicklungen gemachte) und aktuelle Erfahrungen sowie Einschätzungen
über die Perspektiven und Handlungspotentiale abgefragt und diskutiert werden.
Entscheidend für eine realistische Einschätzung der
Verwirklichungschancen der unterschiedlichen Cyberscience-Aspekte wird es sein,
neben einer Analyse technikimmanenter Vor- und Nachteile auch der gesamten
Palette möglicher wissenschaftsendogener und -exogener Einflußfaktoren
nachzuspüren. So dürfte beispielsweise nicht nur der von den einzelnen
WissenschafterInnen wahrgenommene Nutzen des Einsatzes von I&K-Technologien
in der eigenen Arbeit wesentlich sein, sondern darüber hinaus auch
institutionelle Faktoren. Weiters könnten Entwicklungen in anderen
gesellschaftlichen Bereichen Rückwirkungen auf das Wissenschaftssystem haben,
etwa die Verbreitung des Internets als Freizeitbeschäftigung bzw. im
kommerziellen Sektor.
Neben der differenzierten Beschäftigung mit den Qualitätsveränderungen
in der Art, wie Wissenschaft betrieben wird, wäre die Analyse von
Steuerungsversuchen und -möglichkeiten das zentrale Anliegen einer profunden
Studie zur Cyberscience. Die tatsächlichen Veränderungen werden ja nicht nur
technikinduziert sein, sondern maßgeblich durch soziale Prozesse innerhalb der
wissenschaftlichen Communities, auf Ebene von einzelnen Instituten, von
institutsübergreifenden Projektgruppen, von wissenschaftlichen Gesellschaften,
Universitäten etc., und letztlich auch über die staatliche Forschungspolitik
beeinflußt werden.
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Endnoten
* Georg Aichholzer, Gerda Falkner, Lothar Krempel, Volker
Leib, Rupert Schmutzer und Raimund Werle sei für Diskussionen und wertvolle
Anregungen gedankt.
1 Bereits 1993 kam eine an einer deutschen
Universität durchgeführte Befragung zu dem Schluß, daß die
WissenschafterInnen je nach Disziplin zwischen 88 und 100 % mit Computern -
allerdings nicht unbedingt direkt auf dem eigenen Schreitisch - versorgt sind (Rutenfranz
1997).
2 Zahlen zum Wachstum bspw. in Network Wizards
1999; zu den Entwicklungsperspektiven vgl. die Beiträge in Werle/Lang 1997.
[3] Harnad 1991; Harnad 1995; vgl. auch Bolz 1993;
Birkerts 1997.
4 Bailey 1998.
5 Vgl. etwa die Entwicklung mancher
Datenbankprogramme, die in der urspünglichen Version nur auf einem Computer
liefen. Später konnten die damit generierten Datenbanken in einem lokalen
Netzwerk gemeinsam verwendet werden und in den aktuellen Versionen können die
Daten direkt und ohne Aufsetzen eines eigenen Webservers im WWW mit einer
eigenen Maske abgerufen werden (z.B. FileMaker; MS Access).
6 Vgl. Stichweh 1989, 17 ff., der zwischen
"Substitution" und "Evolution" unterscheidet.
7 Merz 1997, 250, spricht in diesem Zusammenhang
vom "disembedded laboratory", dem "entgrenzten Labor";
Finholt/Olson 1997 prägte den Begriff "collaboratory".
8 Vgl. den 'Guide for Proposers' an folgendem
<http://www.cordis.lu/fp5/src/guideline6.htm#1>.
9 Vgl. OECD 1998, 199 ff. für einen Überblick.
10 Carr/Davis/De Roure/Hall 1996; online
Informationen an folgender URL: <http://muse.jhu.edu/>.
11 Die Diskussion um die Metadaten, vor allem
hinsichtlich elektronischer Publikationen, konzentriert sich derzeit auf die
Implementierung des sogenannte "Dublin Core", eines einheitlichen
Metadatensatzes, vgl. von Essen 1998.
12 Z.B. Harter 1996b; Carr/Davis/Hall/Hey 1996.
13 Allg. dazu: Lesk 1997; Lejeune 1998; Peek 1998;
Meadows 1998; Grötschel/Lügger 1996.
14 Z.B. das Projekt Gutenberg unter diesem <http://sailor.gutenberg.org/>, oder z.B. Duke University's digital
papyrus unter diesem <http://scriptorium.lib.duke.edu/papyrus/>.
15 Davidson/Douglas 1998; Rosenblatt 1998.
16 Hylton/van Rossum 1997; siehe etwa an folgendem
<http://www.cnri.reston.va.us/home/koe/>.
17 Die Grenzen zwischen kreativer und
nicht-kreativer wissenschaftlicher Arbeit sind zweifellos schwer festzumachen
und dürften fließend sein: Im "intelligenten", d.h. auf bestimmte
Zwecke hin ausgerichteten und nicht bloß "listenhaftem"
Zusammenstellen von Informationen kann durchaus ein kreativer Akt gesehen
werden. Wie weit Maschinen (hier: Software-Agenten) dazu in der Lage sein
werden, soll hier offen gelassen werden.
18 Der praktische Unterschied liegt im
wesentlichen in der Art, in der die Teilnehmenden von neueingehenden Nachrichten
Kenntnis erlangen: Während man bei Diskussionslisten automatisch per E-mail
benachrichtigt wird, muß man bei Newsgroups gleichsam nachfragen.
19 Einige anschauliche Beispiele finden sich in
OECD 1998, 206 ff.
20 Selwyn/Robson 1998; Schmutzer 1998.
21 Luhmann 1992.
22 Krajewski 1997..
23 Rammert/Schlese/Wagner/Wehner/Weingarten 1998,
15.
24 Die Einleitung von Rammert/Schlese/Wagner/Wehner/Weingarten
1998 ist bezeichnenderweise mit "Von der Werkzeugmaschine zur
Wissensmaschine?" übertitelt.
25 Dazu Mainzer 1994 mit dem prägnanten Titel
"Computer - Neue Flügel des Geistes?".
26 Z.B. Stichweh 1989; Riehm 1995; Riehm 1996;
Gabel-Becker/Loeben 1986; Harnad 1993; Kling 1995b; Kling 1995a; Frisch 1996; Fröhlich
1996; Lyman 1997; Varian 1997; Rost 1998b; Rost 1998a; vgl. insbesondere den nie
ausgeführten, auf E-journals ausgerichteten Projektvorschlag von McEldowney
1995.
27 Z.B. Okerson 1991b; Finholt/Brooks 1997;
Hamilton/Shory 1997; Neal 1997; Rohe 1998.
28 Siehe weiter unten bei Fußnote 74.
29 Vgl. bspw. die "Living Review in
Relativity" <http://www.livingreviews.org/>
oder das "Journal of Interactive Media in Education" <http://www-jime.open.ac.uk/>.
30 Mayer 1994; Wagner 1993.
31 Alton-Scheidl/Schmutzer/Sint/Tscherteu 1997.
32 Zu finden unter folgendem <http://infosoc.uni-koeln.de/gola/>.
33 OECD 1998, 204.
34 Harnad 1990.
35 Z.B. Sumner/Shum 1997.
36 Zu den diversen Klassifizierungsversuchen
elektronischer Publikationen vgl. bspw. Guedon 1994; Franks 1993.
37 Hitchcock/Carr/Hall 1996.
38 Okerson 1997.
39 Z.B. das Journal of Interactive Media in
Education (JIME) an folgendem <http://www-jime.open.ac.uk>; dazu weiter unten in Abschnitt 3.1.
40 Z.B. die Living Reviews in Relativity an
folgendem <http://www.livingreviews.org>.
41 Beide Begriffe werden synonym verwendet;
richtig müßte es eigentlich "E-preprint-Archive" heißen.
42 Das erste und weltweit erfolgreichste Archiv
dieser Art ist Paul Ginspargs Physics Archive in Los Alamos; eine aktuelle Beschreibung des Archivs und seiner
Perspektiven stammt von Ginsparg selbst (1998).
43 Während das Physics Archive völlig
unmoderiert - vgl. jedoch die Vorschläge von Cohen 1998 - ist, plant etwa der
mittlerweile im Bereich der Biologie im Rahmen des vom Projekt HUM-MOLGEN
initiierten E-print-Servers ein offenes Begutachtungssystem einzuführen; siehe
unter folgendem <http://www.informatik.uni-rostock.de/HUM-MOLGEN/preprint.html>.
44 Vgl. Birkerts 1997; Bleuel 1995; Bolz 1993; Böhle/Riehm/Wingert
1997; Flusser 1996; Frühwald 1998; Hauffe 1996; Miller 1998; Rey 1996; Riehm/Böhle/Gabel-Becker/Wingert
1992; Saur 1997; Wingert 1996.
45 Vgl. z.B. Fröhlich 1992; Proulx/Campbell 1997
und die Sondernummer von Futures, Vol. 30 (1998), No. 7; siehe auch OECD 1998,
215 ff.; Twigg/Oblinger 1996.
46 Nolte 1998.
47 Es gibt wahrscheinlich mehr Beiträge zum Thema
Produktionskosten von elektronischen Zeitschriften als zu jedem anderen hier
genannten Thema; vgl. nur Odlyzko 1998; Shirrell 1997; Regier 1997; Fisher 1997;
Odlyzko 1997; Getz 1997; Day 1994; Bot/Burgemeester/Roes 1998.
48 Das ist die Auszeichnung des Textes mit
Zeichenketten, die einerseits für die Formatierung und damit Darstellung des
Textes, andererseits für die maschinelle Verarbeitung etwa durch
Datenbanksysteme gedacht sind.
49 In diese Richtung gehen etwa auch die Überlegungen
von Arnold 1993.
50 Daß Printverlage unter enormem Druck stehen,
belegt folgende Aussage einer Verlegerin am Ende einer genauen Auflistung der
mit der Herausgabe einer durchschnittlichen wissenschaftlichen Monographie
verbundenen Kosten: "The revenue we take in through sales is simply too low
to cover our costs." Wasserman 1998, letzter Absatz.
51 Day 1998 spricht von 20-25 % Kostenreduktion im
Vergleich zum herkömmlichen Buch; diese Autorin weist auch darauf hin, daß
vorderhand weder von seiten der AutorInnen noch der LeserInnen Druck in Richtung
E-book gemacht wird.
52 Vgl. schon Price 1986 (1963), Figure 1.1., p.
8, der das immense Anwachsen der Zahl wissenschaftlicher Journals bis in die
60er Jahre dokumentiert. 1961 gabe es laut Price ca. 30.000 wissenschafltiche
Zeitschriften weltweit. Als ein aktueller Indikator dafür könnte bspw. die
Zugangsstatistik des ISSN-Registers in Paris genommen werden. xxxx
53 Johnston 1998, 7, zitiert eine Studie, die zu
dem Schluß kam, daß sich die Anzahl der WissenschafterInnen in den USA während
der letzten Jahrzehnte etwa alle 12 Jahre verdoppelte; vgl. auch die
Anhangstabellen 4.3. und 4.4. mit Zahlen für die OECD-Länder (OECD 1998, 273).
54 Vgl. Tabelle 7.4 in OECD 1998, 214.
55 Zu erwähnen sind hier insbesondere die
E-preprint-Archive, aber auch viele der institutseigenen
online-Working-Paper-Reihen sowie die in letzter Zeit häufiger anzutreffenden
Konferenz-Homepages mit den Volltexten der eingereichten Papiere, die zum
Zeitpunkt der Einreichung noch nicht einmal diskutiert wurden und auch nach der
Konferenz nur selten wieder in einer neuen, überarbeiteten Fassung ins Netz
gestellt werden, und erst recht die verschiedenen privaten Homepages, auf der
mitunter persönliche Entwürfe "veröffentlicht" werden.
56 So wäre etwa vorstellbar, daß die Art des
Begutachtungsverfahrens bzw. dessen Fehlen auf den Dokumenten als "Qualitätssigel"
ausgewiesen wird. Diese "Positivkennzeichnung" müßte voraussichtlich
gar nicht verpflichtend sein, da ein sozialer Druck zum Führen des Sigels
entstehen könnte.
57 Neben den von den AutorInnen vorgegebenen
Pfaden, legen die LeserInnen beim Lesen selbst Pfade, die bei entsprechend
ausgereifter Browsertechnologie auch individuell abgepeichert und zu einem späteren
Zeitpunkt wieder "beschritten" werden können.
58 Vannevar Bush hat bereits vor über 50 Jahren -
also noch im vor-elektronischen Zeitalter - diese Entwicklung vorhergesehen und
konzeptionalisiert, siehe Bush 1945.
59 Davenport/Cronin 1990; Flusser 1996.
60 Vgl. den anschaulichen Beitragstitel von
Hitchcock/Queck/Carr/Hall/Witbrock/Tarr 1997: "Linking Everything to
Everything".
61 Zu dieser Entwicklung wurden bereits erste
Arbeiten veröffentlicht: Kircz/Roosendaal 1996; Kircz 1998a; Kircz 1998b;
Harmsze/Kircz 1998.
62 Dieser Begriff wurde auch schon von Kirz 1998a in
ähnlichem Zusammenhang verwendet; vgl. das Projekt am Van der Waals-Zeeman
Laboratory der Univ. Amsterdam.
63 Vgl. in diesem Zusammenhang etwa Cameron 1998,
der das verwandte Problem bei klassischen Datenbanken beschreibt.
64 Ein Musterbeispiel einer Entwicklung in diese
Richtung ist etwa die Zeitschrift Living Reviews in Relativity: "One of the
most important features of Living Reviews is that its articles are kept up to
date by their authors. This is the significance of the word 'Living' in the
journal's title." Vgl. unter folgenden <http://www.livingreviews.org>.
65 Für Stichweh 1989, 49 f. ist es "kaum
vorstellbar, daß eine auf der Ebene der Weltgesellschaft integrierte
Wissenschaft mit instabilen Texten kompatibel ist." Dem könnte
entgegengehalten werden, daß das von der Wissenschaft produzierte Wissen in
vieler Hinsicht immer nur vorläufig und in diesem Sinne dynamisch und instabil
ist. Gerade die neuen technischen Möglichkeiten erlauben es einerseits zwar,
unterschiedliche Versionen eines Textes verfügbar zu halten, könnten aber
andererseits auch eine automatische Versionsverwaltung vorsehen, damit es
jederzeit möglich ist, die jeweils aktuellste Version aufzufinden. Damit könnte
der heute gleichsam "versteckten" Textinstabilität - Texte veralten
und werden durch jüngere, mit aktuelleren Forschungsergebnissen angereicherte
ersetzt - zur Tugend gemacht werden. Vor allem bei Realisierung der oben im Text
erwähnten Wissensdatenbanken als neuer Form der Wissensrepräsentation wäre
Textinstabilität somit sehr wohl kompatibel mit einer integrierten
Wissenschaft.
66 Vgl. z.B. zum E-book: Birkerts 1997; Flusser
1996; Riehm/Böhle/Gabel-Becker/Wingert 1992; Saur 1997; Wingert 1996;
allgemeiner etwa McHoul/Roe 1996.
67 Rost 1996a, 175.
68 Vgl. jedoch unten zum Thema
"Enthierarchisierung/Demokratisierung" im Unterabschnitt "Die
Struktur der Forschergemeinde im Wandel".
69 Vgl. schon oben unter dem Stichwort
"Publikationsmenge".
70 Vgl. z.B. die Online-Journale "PSYCHOLOQUY"
und "Journal of Interactive Media in Education".
71 Alton-Scheidl/Schmutzer/Sint/Tscherteu 1997.
72 Dazu gibt es bereits erste Überlegungen, vgl.
etwa Langston 1996.
73 UK Higher Education Funding (HEFCE Circular
RAE96 1/94 1996 Research Assessment Exercise, para.4).
74 Z.B. Zhang 1998; Harter 1996a; Harter/Kim 1996.
75 OECD 1998, 209.
76 OECD 1998, 195 ff.
77 OECD 1998, 197; vgl. auch Stichweh 1989, 24,
der die Risken für die persönliche Beziehung zum Kommunikationspartner
aufgrund der Schriftlichkeit anspricht.
78 Stichweh 1989, 36.
79 79 Stichweh 1989, 36.
80 Gedacht sei hier an die Gesprächsleitung durch
geschulte ModeratorInnen, den Einsatz von Pinwänden und Flipcharts als
"Speicher", den Wechsel zwischen Plenar- und Kleingruppensitzungen
etc.
81 Vgl. Woolley 1998 zu den Entwicklungen bei web
conferencing tools. Kritisch zur Eignung elektronischer Diskussionsforen in der
vorliegenden Form für den wissenschaftlichen Diskurs etwa Rost 1998b; derselbe
Autor macht jedoch auch zugleich sehr weitreichende Vorschläge, die die
Situation verbessern könnten (Rost 1996b; Rost 1998a), indem er eine
wissenschaftliche Diskurs-Markup-Language fordert, also quasi die Einführung
einer Metaebene in die Diskursbeiträge, die die Art des Inhalts kennzeichnen
und damit den Diskurs besser strukturieren und u.a. für Suchmaschinen erfaßbar
machen würden.
82 OECD 1998, 196.
83 Stichweh antizipiert bereits vor zehn Jahren:
"Im 'global village' einer telekommunikativen Wissenschaft begegnet man
der relevanten 'scientific community' jederzeit 'online'." 1989, 16.
84 Vgl. auch OECD 1998, 197. Stichweh bejahte die
Hypothese, "daß sich computervermittelte Kommunikationssysteme ... für
die kommunikative Stabilisierung einer 'scientific community' eignen."
(1989, 37 ff., insb. 45).
85 Vgl. Pew Higher Education Roundtable 1998.
86 Dazu kommt noch, daß der direkte persönliche
Kontakt und wissenschaftliche Austausch mit Top-WissenschafterInnen an zentralen
und prestigeträchtigen Einrichtungen und der damit verbundene Zugang zu
Insiderinformationen (etwa über geplante Konferenzen oder über methodische
oder theoretische Trends in einer Disziplin) ein durch telekommunikative
Verbindungen möglicherweise nicht kompensierbarer Vorteil sein könnte (OECD
1998, 198).
87 Vgl. Stichweh 1989, 12 f.
88 Zweifelnd der Bibliothekar Johnston 1998, 20.
89 Der Begriff ist offenbar schon einige Zeit in
Verwendung, siehe bspw. Okerson 1997.
90 Johnston 1998, 15 ff.
91 Siehe die Vereinbarung des sogenannten Dublin
Core; vgl. bspw. von Essen 1998.
92 Dies klingt auch schon bei Stichweh 1989, 52
an.
93 Vgl. auch weiter unten in diesem Abschnitt
unter dem Stichwort "Neue Arbeitsteilung".
94 Dementi 1998; de Lusenet 1998; Drösser 1996;
Hagler/Rutledge/Marcy/Batchman 1998; Owen 1998; Waters 1998.
95 Es ist nicht zu übersehen, daß auch die
Archivierungstechnologien selbst gewissermaßen "vergänglich" sind:
Der ständige Wechsel von Dateiformaten aufgrund neuerer Programmversionen sowie
die Abfolge immer anderer Speichermedien (Floppydisc, Disc, CD-ROM, ZIPdisc ...)
macht deutlich, daß bereits heute nicht mehr alle elektronischen Archive zugänglich
sind.
96 Dieses Problem stellt sich im übrigen nicht
nur im Zusammenhang mit Archivierungsfragen, sondern auch in Hinblick auf die
Zitierfähigkeit von Quellen; siehe dazu bereits weiter oben unter dem Stichwort
"Dynamik" im Text bei Fußnote 64.
97 In diesem Zusammenhang wird auch diskutiert,
wer für die Online-Archivierung verantwortlich sein sollte (Zentralbibliotheken
/ Referenzbibliotheken / Verlage) und ob Ablieferungsverpflichtungen ähnlich
wie für Printmedien zur Archivierung verankert werden sollen.
98 Pew Higher Education Roundtable 1998; ähnlich
schon Okerson 1991a; vgl.auch Morton 1997.
99 Fröhlich 1993 versteht darunter "die Förderung
von transitiver wissenschaftlicher Kritik jenseits abgeschotteter 'invisible
communities' mit ihren exklusiven Informationsverteilern, 'Zitationskartellen'
und Gefälligkeitsrezensionen, die Verringerung der Chancenungleichheit im
Zugang zu wissenschaftlichen Handlungsressourcen und die Verbreitung nach der
Qualität derArbeit statt nach dem bloßen Bekanntheitsgrad ihrer
Verfasser"; vgl. auch OECD 1998, 198.
100 Hier ist nicht die Rede von der
organisatorischen Hierarchie: Informationen aus dem Bereich der Verwaltung sind
vermutlich weiterhin nicht offen zugänglich.
101 Vgl. dazu bereits die Aktivitäten der
Organisation for Economic Co-operation and Development, die unter dem Titel
"Global Research Village" bereits zwei Konferenzen abgehalten hat (Dänemark
1996, Portugal 1998), vgl. OECD 1998, 189 ff.
102 Vgl. Stichweh 1989, 17 ff., der einerseits
zwischen intendierten, transitorischen und sekundären Effekten, andererseits
zwischen strukturerhaltenden und strukturtransformierenden Wirkungen neuer
Techniken unterscheidet.
103 Vgl. die von der OECD zusammengetragen Daten,
die einen nach naturwissenschaftlicher Disziplin und Region stark
unterschiedlichen Gebrauch von I&K-Technologien in der Wissenschaft belegen
1998, 191 ff.
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Michael Nentwich
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