Dynamik der Medienforschung

- eine szientometrische Analyse auf der Grundlage sozialwissenschaftlicher Fachdatenbanken

Das wissenschaftssoziologische Projekt, das im Auftrag des Bundesministeriums für Bildung, Wissenschaft, Forschung und Technologie (BMBF) durchgeführt wurde, untersucht die Frage nach den Entwicklungspotentialen der deutschsprachigen Medienforschung. Dabei kommen neue, netzwerkbasierte Wissenschaftsindikatoren und Visualisierungstechniken zum Einsatz.

Empirische Grundlagen

Empirische Grundlage stellen mehr als 9.000 Nachweise medienwissenschaftlicher Forschungsarbeiten der Jahre 1987 bis 1994 dar, die in sozialwissenschaftlichen Fachdatenbanken (Literaturdatenbanken SOLIS und PSYNDEX sowie Projektdatenbank FORIS) selektiert wurden. Hinter diesen Nachweisen verbergen sich mehr als 6.000 Autoren und Projektmitarbeiter. Die Quellen, zur Verfügung gestellt vom Informationszentrum Sozialwissenschaften (IZ), Bonn und von der Zentralstelle für psychologische Information und Dokumentation (ZPID), Trier, dokumentieren vor allem deutschsprachige Forschung.

Dokumente werden in den Datenbanken mit Hilfe von Inhaltsdeskriptoren beschrieben. Dabei handelt es sich um Schlagwörter, die die wichtigsten in einer Forschungsarbeit behandelten Fragestellungen umschreiben. Diese Deskriptoren bilden das Ausgangsmaterial der hier vorgestellten Studie. Jeder Nachweis enthält im Durchschnitt elf bis zwölf Schlagwörter. Insgesamt umfaßt das Wortmaterial knapp 4.000 unterschiedliche Begriffe. Um generelle Entwicklungslinien abbilden zu können, wurden diese Schlagwörter zu 31 "Forschungsfeldern" zusammengefaßt (bspw. "Fernsehen", "Medienwirkung" oder "Mediennutzung"). Diese Forschungsfelder stehen im Mittelpunkt, wenn nach den thematischen Entwicklungslinien der deutschsprachigen Medienforschung gefragt wird.

Um Entwicklungslinien abzubilden, kommen zwei neu konzipierte Wissenschaftsindikatoren zum Einsatz. Beiden Instrumenten liegen netzwerkanalytische Konzepte zugrunde:

Indikatoren

Der "Innovative-Strukturen"-Indikator weist nach, wieviele Wissenschaftler eines Forschungsfeldes in Kooperationsnetzwerke involviert sind. Die Einbindung in Netzwerke wird über Co-Autorenschaften (Quellen: SOLIS/PSYNDEX) und die gemeinsame Bearbeitung von Forschungsprojekten (FORIS) operationalisiert. Je mehr Wissenschaftler in Netzwerken aktiv sind, desto besser sind die Bedingungen für "Wissens-Spillover", das heißt für den schnellen Austausch von Wissen und Informationen. Zum zweiten informiert der "Innovative-Strukturen"-Indikator über das Alter der in Netzwerke eingebundenen Wissenschaftler. Hypothese ist hier, daß der Anteil "junger" Wissenschaftler in Netzwerken mit dem Innovationspotential dieser Strukturen korrespondiert. Das Alter eines Wissenschaftlers wird über das (im Untersuchungszeitraum) erste Veröffentlichungsjahr operationalisiert. Gemeint ist also das wissenschaftliche Alter.

Der "Substanzwissenschaft"-Indikator fragt nach der vorherrschenden wissenschaftlichen Orientierung eines Forschungsfeldes. Abgebildet wird der Stellenwert, der anwendungs- und theoriebezogenen Forschungszielen zugemessen wird. Möglich ist dies unter Zugriff auf Deskriptoren, die von den Datenbankanbietern verwendet werden, um eine dokumentierte Forschungsarbeit als im Schwerpunkt theoretisch und/oder anwendungsorientiert zu klassifizieren. Forschungsfelder mit hohem Entwicklungspotential werden dort verortet, wo der Anteil entsprechender - als "substanzwissenschaftlich" bezeichneter Forschungsarbeiten - besonders hoch oder im Zeitverlauf dynamisch zunehmend ist.

Ergebnisse

Als wesentliches Ergebnis läßt sich eine hohe Übereinstimmung der mit den Indikatoren erzielten Befunde festhalten. Grundsätzlich gilt dabei folgender Zusammenhang: Forschungsfelder mit hohem Theorieanteil sind in der Regel stark vernetzt. Mit der Anwendungsorientierung eines Forschungsfeldes korrespondiert dagegen der Anteil "junger" Wissenschaftler in Netzwerken.

Die folgenden Farbtafeln berichten die Ergebnisse des "Substanzwissenschaft"-Indikators für drei Untersuchungsphasen (1987-1988, 1989-1991 und 1992-1994) in Form thematischer Landkarten. Die Darstellungsform erlaubt Rückschlüsse auf thematische Zusammenhänge sowie Ursprung und Richtung von Schwerpunktverlagerungen.

Die Größe eines Kreissymbols repräsentiert die Zahl der einem Forschungsfeld zuzuordnenden Dokumente. Die Stärke eines Pfeils weist auf die Häufigkeit hin, mit der zwei verbundene Forschungsfelder den Inhalt eines Dokuments gemeinsam beschreiben. Felder mit starken Überschneidungen werden zu "Clustern" oder auch "Forschungskulturen" gruppiert (zu methodischen Aspekten vgl. Krempel 1995 ).

Die in den Relationen der Felder zum Ausdruck gebrachte Struktur bleibt über den gesamten Untersuchungszeitraum weitgehend stabil. Im wesentlichen lassen sich drei Forschungskulturen unterscheiden:

  • Neue Medien/Medientechnik (links im Bild)

  • Medien als Wirtschaftsorganisationen (rechts oben)

  • Medienwirkung/Mediennutzung (rechts unten)

  • In der letzten Untersuchungsphase (1992-1994) kristallisiert sich eine vierte Forschungskultur heraus, die als "Medien als kultureller Faktor" (ebenfalls rechts unten) bezeichnet werden kann. Eine über den gesamten Untersuchungszeitraum relativ eigenständige Rolle nehmen die Forschungsfelder "Politik" und "Kommunikation" ein. Sie lassen sich keiner Forschungskultur eindeutig zuordnen. Vielmehr stellen sie Schlüsselbereiche dar, die für das gesamte Forschungsgebiet von grundlegender Bedeutung sind.

    Die theoretischen und anwendungsorientierten Schwerpunkte erschließen sich über die farbige Fassung der Kreissymbole:


    Deutlich zu erkennen ist eine je spezifische substanzwissenschaftliche Orientierung der drei Forschungskulturen. Unter der Entwicklungsperspektive ist vor allem die zunehmende Anwendungsorientierung der in die Forschungskultur "Medien als Wirtschaftsorganisationen" eingebundenen Felder beachtenswert. Die Tatsache, daß theoretischen Fragen hier insgesamt eine nur sehr unterdurchschnittliche Bedeutung beigemessen wird, weist gleichwohl auf eine Forschungslücke hin. Kontinuierlich hohe Theorie- als auch Anwendungsanteile weist die Forschungskultur "Neue Medien/Medientechnik" auf. Das Entwicklungspotential dieses Clusters ist deshalb sehr günstig. Innerhalb der Forschungskultur "Medienwirkung/Mediennutzung" kommt es zu einer Verlagerung des Theorieschwerpunktes hin zu "Medien als kultureller Faktor". Gleichbleibend sowohl stark theorie- als auch anwendungsorientiert ist hier die "Medienwirkungsforschung". Seine Schlüsselstellung für die Medienforschung behauptet schließlich das Forschungsfeld "Kommunikation". Es weist (hier nicht näher ausgewiesen) über den gesamten Untersuchungszeitraum den mit großem Abstand höchsten Anteil theoretisch klassifizierter Dokumente auf und auch der Anwendungsanteil liegt auf sehr hohem Niveau.


    Ein ausführlicher Forschungsbericht zu der skizzierten Studie kann formlos angefordert werden unter folgender Adresse:

    IZ Sozialwissenschaften,
    Abteilung Informationsdienste und Marketing,
    Frau Legendre,
    Lennéstr. 30,
    D-53133 Bonn,
    Tel.:0228/2281-137,
    Fax.: 0228/2281-120
    e-mail: le@Bonn.IZ-soz.de.
    Der Preis beträgt ca. 20 DM.


    Jürgen Güdler ist unter guedler@i8.dfg.d400.de zu erreichen.


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    Lothar Krempel, MPI für Gesellschaftsforschung, Lothringerstr.78, 50677 Köln, Germany
    email: krempel@mpi-fg-koeln.mpg.de