Dokumente werden in den Datenbanken mit Hilfe von Inhaltsdeskriptoren beschrieben. Dabei handelt es sich um Schlagwörter, die die wichtigsten in einer Forschungsarbeit behandelten Fragestellungen umschreiben. Diese Deskriptoren bilden das Ausgangsmaterial der hier vorgestellten Studie. Jeder Nachweis enthält im Durchschnitt elf bis zwölf Schlagwörter. Insgesamt umfaßt das Wortmaterial knapp 4.000 unterschiedliche Begriffe. Um generelle Entwicklungslinien abbilden zu können, wurden diese Schlagwörter zu 31 "Forschungsfeldern" zusammengefaßt (bspw. "Fernsehen", "Medienwirkung" oder "Mediennutzung"). Diese Forschungsfelder stehen im Mittelpunkt, wenn nach den thematischen Entwicklungslinien der deutschsprachigen Medienforschung gefragt wird.
Um Entwicklungslinien abzubilden, kommen zwei neu konzipierte Wissenschaftsindikatoren zum Einsatz. Beiden Instrumenten liegen netzwerkanalytische Konzepte zugrunde:
Der "Substanzwissenschaft"-Indikator fragt nach der vorherrschenden wissenschaftlichen Orientierung eines Forschungsfeldes. Abgebildet wird der Stellenwert, der anwendungs- und theoriebezogenen Forschungszielen zugemessen wird. Möglich ist dies unter Zugriff auf Deskriptoren, die von den Datenbankanbietern verwendet werden, um eine dokumentierte Forschungsarbeit als im Schwerpunkt theoretisch und/oder anwendungsorientiert zu klassifizieren. Forschungsfelder mit hohem Entwicklungspotential werden dort verortet, wo der Anteil entsprechender - als "substanzwissenschaftlich" bezeichneter Forschungsarbeiten - besonders hoch oder im Zeitverlauf dynamisch zunehmend ist.
Die folgenden Farbtafeln berichten die Ergebnisse des "Substanzwissenschaft"-Indikators für drei Untersuchungsphasen (1987-1988, 1989-1991 und 1992-1994) in Form thematischer Landkarten. Die Darstellungsform erlaubt Rückschlüsse auf thematische Zusammenhänge sowie Ursprung und Richtung von Schwerpunktverlagerungen.
Die Größe eines Kreissymbols repräsentiert die Zahl der einem Forschungsfeld zuzuordnenden Dokumente. Die Stärke eines Pfeils weist auf die Häufigkeit hin, mit der zwei verbundene Forschungsfelder den Inhalt eines Dokuments gemeinsam beschreiben. Felder mit starken Überschneidungen werden zu "Clustern" oder auch "Forschungskulturen" gruppiert (zu methodischen Aspekten vgl. Krempel 1995 ).
Die in den Relationen der Felder zum Ausdruck gebrachte Struktur bleibt über den gesamten Untersuchungszeitraum weitgehend stabil. Im wesentlichen lassen sich drei Forschungskulturen unterscheiden:
In der letzten Untersuchungsphase (1992-1994) kristallisiert sich eine vierte Forschungskultur heraus, die als "Medien als kultureller Faktor" (ebenfalls rechts unten) bezeichnet werden kann. Eine über den gesamten Untersuchungszeitraum relativ eigenständige Rolle nehmen die Forschungsfelder "Politik" und "Kommunikation" ein. Sie lassen sich keiner Forschungskultur eindeutig zuordnen. Vielmehr stellen sie Schlüsselbereiche dar, die für das gesamte Forschungsgebiet von grundlegender Bedeutung sind.
Die theoretischen und anwendungsorientierten Schwerpunkte erschließen sich über die farbige Fassung der Kreissymbole:
Deutlich zu erkennen ist eine je spezifische substanzwissenschaftliche Orientierung der drei Forschungskulturen. Unter der Entwicklungsperspektive ist vor allem die zunehmende Anwendungsorientierung der in die Forschungskultur "Medien als Wirtschaftsorganisationen" eingebundenen Felder beachtenswert. Die Tatsache, daß theoretischen Fragen hier insgesamt eine nur sehr unterdurchschnittliche Bedeutung beigemessen wird, weist gleichwohl auf eine Forschungslücke hin. Kontinuierlich hohe Theorie- als auch Anwendungsanteile weist die Forschungskultur "Neue Medien/Medientechnik" auf. Das Entwicklungspotential dieses Clusters ist deshalb sehr günstig. Innerhalb der Forschungskultur "Medienwirkung/Mediennutzung" kommt es zu einer Verlagerung des Theorieschwerpunktes hin zu "Medien als kultureller Faktor". Gleichbleibend sowohl stark theorie- als auch anwendungsorientiert ist hier die "Medienwirkungsforschung". Seine Schlüsselstellung für die Medienforschung behauptet schließlich das Forschungsfeld "Kommunikation". Es weist (hier nicht näher ausgewiesen) über den gesamten Untersuchungszeitraum den mit großem Abstand höchsten Anteil theoretisch klassifizierter Dokumente auf und auch der Anwendungsanteil liegt auf sehr hohem Niveau.